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Arm, aber sexy

Junges, kreatives Neukölln: Der Moloch der Möchtegerns

Neukölln, das ist ein schwer greifbarer Bezirk. Schon allein, weil er riesig ist: Weit mehr als 300.000 Menschen sind hier gemeldet. Doch wenn vor allem Zugezogene und junge Menschen von Neukölln sprechen, meinen sie meist die Gegend um die Weserstraße. Kreativer Siedepunkt, aber auch Moloch der Möchtegerns.

Bis zur ehemaliger Griessmühle, hoch zur Boddinstraße und quer durch den Rollbergkiez runter zum Kanal: Nirgendwo ist die Dichte an DJs, Fotokünstler*innen, Hobbydealern und jenen, die hauptberuflich einfach nur hedonistische Kackvögel sind, höher. Warum dieses Neukölln so furchtbar ist – und wir es trotzdem lieben.

Stillleben Marke Neukölln: Wo Gentrifizierung auf Hedonismus trifft, wo das Geld für Drogen, aber selten für Trinkgeld reicht, wo jeder DJ ist, aber keiner eine Anmeldung hat. Foto: tipBerlin
Stillleben Marke Neukölln: Wo Gentrifizierung auf Hedonismus trifft, wo das Geld für Drogen, aber selten für Trinkgeld reicht, wo jeder DJ ist, aber keiner eine Anmeldung hat. Foto: tipBerlin

Neuköllns coole Ecke: Erst berüchtigt, dann bevorzugt

Trendbezirk Neukölln, diese Geschichte kann man kaum erzählen ohne ein Wort, auch wenn es nervt: Rütli. Die Schule an der Weserstraße machte bundes-, ja weltweit Schlagzeilen. Weil da mitten in Berlin Lehrende Angst vor denjenigen hatten, denen sie eigentlich Wissen vermitteln sollten. Die lieber, so die Legende, Waffen zur Schule brachten als ihre Hausaufgabenhefte. 2006 sorgte ein Brandbrief des Lehrkörpers für den Aufstand gegen die Schulpolitik in Berlin.

Dass in der Hauptstadt manchmal Dinge auch schnell gehen, zeigte sich im Anschluss. Die Rütli- wurde zur Vorzeigeschule. Und die durchaus günstig bewohnbare Gegend rumherum ruckzuck zum Trendviertel. Denn schön ist es dort. Gut, manche Häuser brauch(t)en einen Anstrich, aber im Großen und Ganzen sah es schon damals um die Weserstraße herum nicht radikal anders aus als im Bergmannstraßenkiez.

2012 stand dann auch der Autor in einer tollen 56-Quadratmeter-Wohnung an der Elbestraße, allerdings eher zufällig; er musste eben beruflich von Hannover nach Berlin ziehen. Dielen, Badewanne, Balkon, zwei Räume im perfekten Schnitt, sogar ein Ofen stand in der Butze, für die warm 400 Euro aufgerufen wurden. Ordentliches Haus, massig Parkplätze auf dem Mittelstreifen der Straße, die von Bäumen gesäumt war. Rückversicherung des Ahnungslosen bei seinen Freund*innen: Wo ist der Haken, ist die Gegend schlecht? Sofort schrieben vier zurück: Wenn du da noch was Bezahlbares bekommst, NIMM, NIMM, NIMM.

DJ-Set auf dem Dach des Klunkerkranichs auf den Neukölln Arcaden im Lockdown: Für trendbewusste Neuköllner*innen ist die Rooftop-Bar eigentlich schon viel zu Mainstream. Foto: Imago Images/Contini
DJ-Set auf dem Dach des Klunkerkranichs auf den Neukölln Arcaden im Lockdown: Für trendbewusste Neuköllner*innen ist die Rooftop-Bar eigentlich schon viel zu Mainstream. Foto: Imago Images/Contini

Die Weserstraße ist Sinnbild des Gefühls, das Berlin nach außen ausstrahlt

Es sollte gelingen. Ein paar Läden gab es damals schon, das Tier, das Ä, das Silver Future sogar auch schon fünf Jahre. Es war die Zeit, als alle plötzlich über Hipster schrieben, die vor allem Berlin besiedelten, und Neukölln wurde dafür ein Synonym, fünf Jahre nach dem Rütli-Drama. Es war die Zeit, zu der man tatsächlich zusehen konnte, wie im Wochentakt neue Läden eröffneten, neue Bars, Plattengeschäfte, kleine Boutiquen, Brunch Places. Und die Weinpreise pro Glas (0,2 Liter) langsam anstiegen, ehe sie stagnierten, dafür aber die Füllmenge langsam auf 0,1 Liter reduziert wurde.

Trotzdem: Neukölln, also diese Ecke, diese Szene, war und ist Inbegriff eines Lebensgefühls, das viele Außenstehende auf Berlin projizieren, das hier aber gelebt wird: arm, aber sexy. Denn neben den neuen Szenebars sind es vor allem prekäre Lebensverhältnisse, die viele Existenzen der hippen Bohème hier bestimmen. Allerdings nicht aus echter sozialer Not, wie es sie hier auch viel gibt. Sondern aus dem Verlangen heraus, individuell, besonders, BERLIN zu sein.

Und weil bei vielen die Karriere zwischen DJ, Fotograf*in und Stylist*in eben doch auch nach zwei, drei Freelance- und Nebenjob-Jahren nicht so läuft, wie sie soll, ziehen viele von ihnen in Wohngemeinschaften, in kleine Löcher, die sie sich gerade so eben leisten können dank des Sales-Jobs, den sie hassen. Der aber zumindest gelegentlich ein Curry bei Hamy an der Hasenheide und ein bisschen Vollrausch finanziert (je nach Einkommen von Speed bis Koks, je nach Vorliebe von K.o.-Tropfen, GHB genannt, bis Ketamin).

Wobei: Es gibt auch Leute, die sich ihre Berghain-Wochenenden mit Pfandflaschensammeln verdienen. Hauptsache dabei. Arm, aber sexy, wie gesagt. Große Ideen sind ja schon oft aus Elend entstanden. Dass die Qualifikationen auch für einen geregelten Job reichen würden, spielt keine Rolle: Die meisten sind schlicht zu boring, außerdem passt ein Office-Job schlecht zur Afterparty am Montag und zum Comedown am Mittwoch.

Drogenkonsum als Charakterstärke definiert: Beim Partyvolk in Neukölln gehört die Line oft zum guten Ton. Foto: Imago/Gudath
Drogenkonsum als Charakterstärke definiert: Beim Partyvolk in Neukölln gehört die Line oft zum guten Ton. Foto: Imago/Gudath

Die Anmeldung als ewiger Traum, der Drogenkonsum als Charakterzug

Oft hangeln sich junge Kreative und die Party-People Neuköllns von Zwischenmiete zu Zwischenmiete, der ewige Traum ist die Anmeldung, hier vor allem bei jenen, die aus dem Ausland nach Berlin kommen, um hier ihre Vision oder zumindest aufregender zu leben. Es ist ein Wanderzirkus aus Hedonist*innen, Nachteulen, Junkies, Lebenskünstler*innen, aus Möchtegerns, Menschen zwischen großem Genie und emotionaler Verwahrlosung, deren Kreativität auch gern von der Koks-Taxi-Lieferung in Bewegung gesetzt wird.

Eine Gesellschaft Mitt-20er bis End-30er, deren eigene Inszenierung nach außen auch vertuschen soll, dass sie ihren minimalistischen Lebensstil mit Euro-Paletten-Bett nicht nur aus Überzeugung, sondern auch aus Ermangelung an Möbeln, an Geld dafür leben. Und ohne keinen Sinn in solchen Anschaffungen sehen, da sie nicht wissen, ob nach dieser Zwischenmiete nicht erstmal wieder drei Wochen auf einem ranzigen WG-Sofa bei der Bekannten vor ihnen liegen.

Lieber Krätze als Klunkerkranich

Es ist eine Parallelwelt, in der die eigene Coolness auch darüber definiert ist, welche Humana-Altkleider besonders ironisch sind, kombiniert mit einem Vintage-Designerteil aber eben doch zum Outfit werden. In der Drogenkonsum tatsächlich alltäglich, aber nicht schmuddelig, sondern Charakterzug ist. In der eine Party umso cooler wird, je rustikaler sie ist – das Berghain geht klar, meistens, aber ansonsten mögen es bitte Geheimtipps sein, schummerige Läden, in denen irgendwas zwischen Klangcollage, Hardcore-Techno und 90s-Dance läuft (oder was eben sonst gerade angesagt ist). Lieber Krätze als Klunkerkranich.

Wie sehr Neukölln am Scheidepunkt steht zwischen vollzogener Gentrifizierung und Freigeistern, denen Aufregung zumindest oberflächlich wichtiger ist als Sicherheit, zeigt sich an jeder Ecke. Im netten Sushi-Laden teilen sich zwei junge Leute das Menü für 9,90 Euro ohne Getränke und geben (manchmal) generös die zehn Cent als Trinkgeld, „it’s fine, thank you“. Nur um später beim Dealer-Kumpel Ketamin zu kaufen.

In die coole Bar, in der das Bayreuther eben doch schon 3,50 Euro kostet, werden die Pullen eben aus dem Späti nebenan reingeschmuggelt. Oder gleich davor getrunken. Das ist keine Kapitalismus-Kritik, sondern schlicht finanzielle Notwehr, klingt so nur beschissener. Daneben sitzen dann jene Neu-Neuköllner*innen, die nach der Weinkarte fragen und sich über die neuen Eigentumswohnungen am Kanal freuen. Auch zum Kotzen.

Ein bisschen Ranz muss sein: Der Autor in einer Bar in Neukölln. Foto: tipBerlin

Neukölln bleibt ein Ort der Reibung – erst Späti, dann Coda

Das Schöne an dieser Ecke Berlin ist aber eben auch gerade das: Dieses Gefälle, diese Reibung, diese absolute Überzeugung, mit der die unterschiedlichen Menschen den Bereich als den ihren begreifen. Diese Vielfalt ist bedroht, denn nicht ewig können die, die jetzt auf selbstgebauten Betten in kargen, seit Jahrzehnten nicht vernünftig renovierten Wohnungen hausen, so leben wollen. Nicht allen wird es gelingen, die Traumjobs zu finden (oder den Erfolg in dem, was sie tun), um sich hier etwas besseres zu leisten – weil das dank hoher Mieten immer weniger können. Auch, wenn der Mietendeckel das abfedern könnte, aber nicht komplett wird.

Es bleibt ein ausnahmslos spannender Bezirk. Und solange Lichtenberg nur langsam und der Wedding weiterhin erst in weiter Zukunft kommt, lassen wir uns kaum irgendwo lieber treiben. Darauf ein Sterni vom Späti, bevor wir schauen, ob das Coda eigentlich liefert.


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