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Gentrifizierung

Pizzeria De’ Noantri in Kreuzberg: Neue Runde im Kampf gegen Verdrängung

Eine ganze Nachbarschaft ist auf den Beinen für ihre Stammpizzeria: Gestern fand eine Kundgebung für den Erhalt der Pizzeria De‘ Noantri in Kreuzberg statt. Nicht die einzigen Mieter*innen in Kreuzberg, die derzeit um ihre Zukunft bangen müssen. Ein Kommentar von Aida Baghernejad.

Demo für den Erhalt der Pizzeria De Noantri in Kreuzberg und des Spätkaufs Görliback
Demo für den Erhalt der Pizzeria De‘ Noantri und des Spätkaufs Görliback. Foto: Bizim Kiez

Vierhundert Menschen demonstrieren für eine Pizzeria und einen Späti: das kann man abtun als typische Kreuzberger Reaktion auf Veränderung, oder auch als Zeichen dafür sehen, wie verängstigt und wütend eine Nachbarschaft ist. Denn der Fall der Pizzeria De‘ Noantri und des Späti Görliback ist nicht nur ein Beispiel für besonders perfide Strategien auf dem Berliner Immobilienmarkt, sondern steht auch nicht alleine.

Pizzeria De‘ Noantri in Kreuzberg: Nicht alleine im Kampf

Wenige Tage zuvor kämpfte die neugegründete Mieterinitiative „23 Häuser“ darum, dass der Bezirk bei ihren an den DAX-Konzern Deutsche Wohnen verkauften Häusern das Vorkaufsrecht ziehen konnte – am Ende wurden Abwendungsvereinbarungen mit dem Konzern geschlossen. Und seit Wochen macht auch die Aktion „Willi wollt’s anders“ Schlagzeilen: Der verstorbene Besitzer mehrerer Häuser hatte verfügt, dass die Immobilien als sein „Lebenswerk“ nicht verkauft oder veräußert werden sollen, sondern in Besitz einer Stiftung übergehen.

Doch dieser Wunsch sollte ihm nicht vergönnt sein, nahezu alle Häuser wurden verkauft und sogar dem Hausverwalter eines der Häuser im Wrangelkiez wurde trotz seines lebenslangen Wohnrechts gekündigt. Und auch die beliebte Buchhandlung Kisch & Co droht zum Spekulationsopfer zu werden.

Pizzeria De‘ Noantri und „23 Häuser“: Verdrängung betrifft alle

Kein Wunder also, dass Vertreter*innen dieser Initiativen auch auf der Kundgebung für De‘ Noantri und Görliback vertreten waren. Auch wenn die Gemengelagen unterschiedlich sind, es in den Fällen „23 Häuser“ und „Willi wollt’s anders“ um Wohnraum geht, im Fall von De’Noantri und Kisch & Co um Gewerbemieten, macht sich doch überall das gleiche Gefühl breit: Verdrängung.

Markus Kammermeier von der Initiative Bizim Kiez sagt, dass es gerade der Pizzeria gar nicht unbedingt um Mitleid gehe, sondern um Fairness. Um Transparenz. Im Falle von De‘ Noantri und Görliback zum Beispiel wurden erst absurd hohe neue Mieten verlangt, die es den Betrieben nicht erlauben, weiter zu operieren. Später wurde von der Vermieterin ein schon feststehender Nachmieter präsentiert, der aber die Immobilie noch nie zuvor gesehen hatte. Die Mieteraktivist*innen mutmaßen, dass er vielleicht vielmehr einer ihrer Geschäftspartner sei. Die Buchhandlung Kisch & Co dagegen versuchen mit einem Vermieter zu verhandeln, der sich nie selbst zeigt, sondern von der Steueroase Liechtenstein aus höchstens Rechtsvertreter*innen beauftragt.

Pizzeria De Noantri in Kreuzberg
Ein Kiez kämpft für seine Pizzeria. Foto: Bizim Kiez

Es geht nicht um Veränderung, sondern um Verdrängung

Bei all diesen Fällen geht es nicht bloß um Miete und nicht bloß um Veränderung. Es geht nicht darum, dass hippe Cafés der vermeintliche Gegner seien, denn auch sie müssen mit den ebengleichen Problemen kämpfen. Nein, das Problem der Gentrifizierung geht viel weiter. Es geht um Verdrängung, die keinen Raum mehr lässt für die Menschen, die hier zuhause sind und die die Stadt am Laufen halten.

Die Pizzeria De‘ Noantri, um nur ein Beispiel zu nennen, war in der Nachbarschaft laut Bizim Kiez als „Betrieb mit Herz und sozialem Gewissen“ bekannt, das sich auch gegenüber den Ärmsten in der Gesellschaft solidarisch verhalten habe. „Hier soll eine liebgewonnene Institution im Kiez einfach rausgeworfen werden“, heißt es in einer Pressemitteilung der Initiative.

Die Profite, die mit der Verdrängung solcher lokaler Kiezgewerbe herausgeschlagen werden sollen, kommen in den wenigsten Fällen Berlin und Berliner*innen zugute. Viel öfter versickern sie eben in Steueroasen, von Liechtenstein bis hin zu den Cayman Islands. Pizza gibt es sicherlich auch dort – aber den Kiezzusammenhalt, den können Investor*innen nicht kaufen.


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