Solidarität

Berliner Rapper Dyma war in der Ukraine, um zu helfen

Der 23-jährige Berliner Rapper Dyma hat Familie in der Ukraine und in Russland. Ihm folgen allein auf der Online-Video-Plattform TikTok 2,7 Millionen Menschen. Dyma hat diese Reichweite genutzt, um Hilfsgüter für die Ukraine zu sammeln, die er sogar selbst dorthin fuhr. Was hat ihn angetrieben? Wir haben mit ihm darüber gesprochen. Das Gespräch ist Teil unserer aktuellen tipBerlin-Titelgeschichte „Kyjiw – Berlin“. Darin geht es um die Frage, wie eng die Kulturszenen der ukrainischen und der deutschen Hauptstadt, vor allem in der jüngeren Generation, miteinander verbunden sind – und wie Berlin nun, da die Ukraine im Krieg ist, hilft. Berliner Rapper Dyma nutzte dafür etwa TikTok.

Der Berliner Rapper Dyma vor der Russischen Botschaft in Berlin-Mitte. Foto: F. Anthea Schaap

Der Berliner Rapper Dyma sagt: „Nachts um 22 Uhr sind wir los“

tipBerlin Dyma, eigentlich sind die gelben Haare doch Ihr Markenzeichen. Kürzlich haben Sie sie zur Hälfte blau gefärbt.

Dyma Stimmt, eigentlich bin ich gelb unterwegs, wie Sie sagen. Aber es hat sich für mich richtig angefühlt. Um Solidarität mit der Ukraine zu zeigen. Das ist auch ein Weckruf. Bei jedem, der jetzt ein Video von mir sieht, wird es Klick machen. Ich hatte mir gerade die Haare blau gefärbt und bin aus dem Haus raus, auf einmal sagte einer: „Ukrainer!“ Es funktioniert also sowohl im Internet als auch auf der Straße.

tipBerlin Wie kamen Sie auf die Idee, Spenden zu sammeln und in die Ukraine zu fahren?

Dyma Ich hab selber Verwandte in der Ukraine. Und so geht’s auch Freunden von mir. Wir kennen Leute, die mitten im Krieg sind. Also haben wir zusammen mit meinem Management Enkime etwas organisiert. Dabei haben wir auch meine Reichweite genutzt. Ich hab online gesagt: Bis Freitag könnt ihr was vorbeibringen bei uns, spenden.

tipBerlin Und wie lief das dann konkret, wie kamen Sie in die Ukraine?

Dyma Wir waren mit sechs Transportern unterwegs, alle komplett voll. Wir haben am Freitagabend um 18 Uhr angefangen zu laden. 22 Uhr nachts sind wir los. Natürlich haben wir uns Sorgen gemacht. Man weiß nicht, wie es da so abgeht. Wir wussten nur, wir haben die Mission: Wir bringen alles rüber. Es ist verrückt, dass in Europa ein Krieg ausbricht. Es ist nah. Wir waren innerhalb von neun, zehn Stunden in Dorohusk an der Grenze. Dann bist du in einem Land, wo Krieg ist. Da haben uns Soldaten „empfangen“, wie man so sagt. Wir haben dann alles abladen können.

tipBerlin Wie haben Sie die Aktion vorbereitet?

Dyma Wir hatten vorab Kontakte in die Ukraine. Leute, von denen wir uns sicher waren, dass die vorbeikommen.  Das sind Verwandte von Freunden, die sich organisiert haben, unsere Spenden abzuholen und in verschiedene Städte zu shutteln: Hygieneartikel wie Shampoo. Essenskonserven. Babykleidung. Überhaupt richtig viel Kleidung. Windeln. Sehr viele Decken. Es war alles Mögliche dabei, auch Süßigkeiten.

„Krieg ist Bullshit“

tipBerlin Sie haben sowohl russische als auch ukrainische Familie, richtig?

Dyma Meine Eltern kommen aus Kasachstan. Väterlicherseits russisch. Mütterlicherseits deutsch. Dann kamen sie nach Deutschland, haben sich getrennt. Und dann hat meine Mutter meinen Stiefvater kennengelernt, der Ukrainer ist. Der ist für mich mein Dad, der hat mich aufgezogen. Ich war in der Ukraine, habe meine Familie dort kennen gelernt. Ich war in Kyjiw. In Russland war ich nie. Aber hier in Berlin werde ich trotzdem immer „Russe“ genannt. Ich bin ja in Deutschland geboren, aber hab einen Akzent. Jetzt, wo der Krieg ausgebrochen ist, fragen mich Leute „Wie stehst du als Russe dazu?“ Ich sage dann: „Die Regierung will den Krieg. Nicht die Menschen.“ Ich glaube, keiner möchte wirklich Krieg. Krieg ist Bullshit.

tipBerlin Oft heißt es, Instagram und TikTok seien so unpolitisch. Andererseits gibt es jetzt im Krieg auch auf TikTok russische Propaganda. Und auch Ihre Posts zum Krieg sind politisch.

Dyma Mir ist das wichtig, auf solche Themen aufmerksam zu machen. Natürlich bin ich auch ein lustiger Kerl und mach Musik. Manche Leute schauen zu mir auf, sag ich mal. Einige davon folgen vielleicht keinen Nachrichtenseiten, aber bekommen es dann bei mir mit. Letztlich will ich natürlich, dass sie sich auch selber Gedanken machen. Wir haben an der ukrainischen Grenze gesehen, dass Leute ankommen ohne Auto, einfach nur mit Koffern. Mütter mit ihren Kindern. Die haben alles stehen gelassen. Gestern war ich am Berliner Hauptbahnhof. Über tausend Leute standen dort und haben Menschen aus der Ukraine einen Schlafplatz angeboten. Das ist schön: wie supportive, ja, wie menschlich Menschen sein können.

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Das Interview stammt aus unserer 6. Ausgabe 2022, unter anderem zu finden in unserem Shop. (ab 17.3)

Das aktuelle tipBerlin-Cover mit unserer Titelgeschichte „Kyjiw–Berlin“