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Project Space Festival Berlin 22: Wir sind noch da

Die Berliner Kunstlandschaft wäre nichts ohne ihre Projekträume. Nach zwei Jahren pandemiebedingter Pause präsentiert sich die Freie Szene unter dem Titel „Die Stadt der Projekträume“ wieder mit dem Projektraum-Festival. Constanze Suhr hat Infos und die sehenswertesten Projekte für euch zusammengestellt.

Ist beim Project Space Festival dabei: La Datcha. Hier eine Installationansicht zu „Theatre“ von Katie Lyle, 2019. Foto: La Datcha
Ist beim Project Space Festival dabei: La Datcha. Hier eine Installationansicht zu „Theatre“ von Katie Lyle, 2019. Foto: La Datcha

Project Space Festival Berlin : Neue Räume trotz Pandemie

An der Brüsseler Straße Ecke Lütticher im westlichen Wedding wirbt die Destille „Brüsseler Tor“ mit urtümlichem Charme, ein paar Meter weiter befindet sich das Anti-Kriegs-Museum. Vor der Nummer 36A direkt gegenüber sitzt eine Gruppe junger Leute in der Sonne an Cafétischen. Seit Juni betreibt ein Team des Projektraums „Cittipunkt“ jeden Sonntag einen Café-Nachmittag mit selbst gefertigten Leckereien.

Die Räume für ihren neu eröffneten „Cittipunkt“ hat das Team über die Projektraumförderung des Senats bekommen. Max, der zuerst zögert, seinen Namen zu nennen, betont, dass dies hier ein Gruppenprojekt ist, bei dem es weniger um Autorenschaft geht. Was auf der documenta 15 Furore macht, wird in den meisten Berliner Projekträumen schon längst praktiziert: lumbung, Teamarbeit. Im ersten Raum mit neu verlegten Holzdielen sollen die Ausstellungen und Filmvorführungen oder auch Workshops mit Kindern stattfinden.

Es gibt neben der Screening-, der Workshop-, Café- und Bargruppe auch ein Team für die Bibliothek. Die befindet sich im hinteren Teil des Projektraums. Hier können sich auch externe Arbeitsgruppen aus der Nachbarschaft treffen. „Wir wollten nicht wie ein Alien hier landen mit einem Programm, das sich selbst genügt, sondern das hier so offen wie möglich gestalten“, sagt Max.

Für das Projektraum-Festival hat „Cittipunkt“ unter anderem die dänische Künstlerin Asta Lynge mit ihrer Arbeit „Made of Sunshine“ eingeladen. In einem E-Mail-Austausch mit der Schauspielerin und Synchronsprecherin Susan Bennett geht es um Identitätsverlust und die Kommerzialisierung von Bennetts Stimme, die zunächst ohne ihr Wissen für die virtuelle Assistentin Siri von Apple genutzt wurde und heute auf Millionen Smartphones weltweit installiert ist. Als Zweites luden „Cittipunkt“ das „Museum of Jurassic Technology“ aus Los Angeles ein, das eine Mischung aus Kuriositäten-Kabinett und Kunst bildet. „Wichtig ist, dass wir vermitteln wollen zwischen einer künstlerischen Position und etwas, das außerhalb von künstlerischen Mitteln oder Erzählweisen stattfindet“, erklärt Max.

Vieles beim Project Space Festival Berlin 22 ist noch ganz frisch

Es fänden sich viele Projekträume im Programm, die sich erst in den vergangenen zwei Jahren gegründet haben, berichten die beiden Organisator:innen des diesjährigen Festivals, Lisa Schorm und Heiko Pfreundt

Sechs der dieses Jahr am Projektraum-Festival teilnehmenden 31 Räume befinden sich im Wedding, so wie das „gr_und“ in der Seestraße oder das „new fears“ in der Schererstraße. Das bereits 2007 gegründete „uqbar“ in der Schwedenstraße, das sich seitdem wie der Großteil der Projekträume der Erforschung, Förderung und Vermittlung experimenteller, interdisziplinärer künstlerischer und kultureller Praxis und deren Bedingungen im lokalen und internationalen Kontext widmet, sowie das „Sangt Hipolyt“ in der Bellermannstraße und „La Datcha“ in der Gartenkolonie „Napoleon“ an der Grenze zu Reinickendorf.

Dieses Jahr fänden sich viele Projekträume im Programm, die sich erst in den vergangenen zwei Jahren gegründet haben, berichten die beiden Organisator:innen des Festivals Lisa Schorm und Heiko Pfründt vom seit 2011 bestehenden Kreuzberg Pavillon in der Naunynstraße. Ihre Hoffnung, dass die Auswahl der von ihnen berufenen Jury für eine „gute Mischung“ sorgt, hat sich erfüllt. Das Projektraum Festival wurde 2014 durch Nora Meyer, Lauren Reid und Marie Graftieaux von „insitu“ ins Leben gerufen, um die Vielfalt an freien künstlerischen Initiativen, die es in Berlin gibt, sichtbar zu machen.

Experimentieren in Projekträumen: Die Installation „Sea Soma“ von Dora Durkesac, 22. Foto:Rachel Monosov
Experimentieren in Projekträumen: Die Installation „Sea Soma“ von Dora Durkesac, 22. Foto:Rachel Monosov

Projekträume sind „Humus der Kunst in Berlin“

Vor 13 Jahren haben sich die um die 150 Projekträume in einem Netzwerk zusammengefunden, seit 2015 als Verein „Netzwerk freier Berliner Projekträume und –initiativen“. Die Betreiber:innen der unabhängig arbeitenden Räume begannen auf ihren unzähligen Treffen und Diskussionen gemeinsam den Spagat zwischen Forderungen um Unterstützung an den Senat und dem Bestreben, künstlerisch und politisch unabhängig zu bleiben. 2012 gab es den Erfolg zu verbuchen, dass die Arbeit der Projektraummacher:innen nun alljährlich mit dem „Projektraum-Preis“ der Berliner Senatsverwaltung für Kultur und Europa gewürdigt wird, sieben Jahre später wurde eine zweijährige Projektraum-Basisförderung eingerichtet.

Doch diese Off-Spaces, wie sie früher genannt wurden, sind aufgrund der horrend steigenden Mieten, vor allem auch für Gewerberäume, bedroht. Dass dieser „Humus der Kunst in Berlin“, diese spontane, vielfältige und unangepasste Szene einen wichtigen Faktor für die Hauptstadt bildet, hat der Senat schon lange erkannt. Inzwischen werden auch Projekträume im Rahmen des „Arbeitsraum-Programms“ des Senats neu erschlossen, so wie „Cittipunkt“ oder „gr_und“ im Wedding und „Neun Kelche“ in Weißensee.

„Man sieht zum ersten Mal bei diesem Festival, wie die Arbeitsraumförderung auch einige Räume erhalten und die Schaffung unterstützt hat“, betont Heiko Pfründt. Mitorganisatorin Lisa Schorm, die auch im Vergabe-Gremium gearbeitet hat, weist trotz aller Freude über die Unterstützung auch auf die Problematik hin, „wenn Räume vergeben werden, die doch relativ weit draußen sind, also nicht so gut angebunden, dann dafür aber relativ teuer. Weil man da als Projektraum Arbeit für die Stadtentwicklung macht und dann dafür noch viel bezahlen muss. Natürlich ist die Miete teilgefördert, aber das reicht manchmal auch nicht, denn Projekträume machen ist noch was anderes, als in einem Atelier zu arbeiten, weil man natürlich auch Publikumsverkehr braucht und einen Raum schafft für Künstler:innen, die dort Ausstellungen erarbeiten.“

Viel Programm mit wenig Mitteln beim Project Space Festival

Es müsse noch gerechter und wirklich gemäß dem Bedarf der Räume gefördert werden, betonen die beiden. Doch beim Festival geht es nicht um die politische Arbeit des Netzwerks, zu dem natürlich auch der Kreuzberg Pavillon gehört, sondern darum, die Vielfalt der Projektraum-Szene Berlins zu präsentieren und „dass man auch nach zwei Jahren Pandemie, die immer noch nicht vorbei ist, noch da ist und ein Programm gemacht wird“. Und das mit verhältnismäßig wenig Mitteln.

Besonders freuen sich die beiden Organisator:innen, dieses Jahr „Das Haus der Tödlichen Doris“ dabeizuhaben, gegründet von Wolfgang Müller, dem Sänger der ehemaligen Kreuzberger Avantgarde-Band Die Tödliche Doris. „Die beleuchten auch die Vergangenheit, wie sich das alles hier aufgebaut hat, als es noch keine Förderung der freien Szene gab“, berichtet Heiko Pfründt. „Das wäre die Geschichte Westberlins der 1980er Jahre.“ Bedeutend sei auch, dass es im Programm erst kürzlich gegründete Räume gebe, die „eine neue Generation in der freien Szene“ repräsentieren.

Highlights

  • stay hungry Parkanlage Teilestraße (unter den Autobahnbrücken),Tempelhof, Geodaten: 52.458953, 13.412774 oder FC57+H4J, „Hinterland + Mobile Menu #12“, Sa 6.8., 13–22 Uhr
  • uqbar Schwedenstr.16, Wedding, „Food and Imagination“, Mo 8.8., 18 Uhr
  • Spioler Quitzowstr. 108, Wedding, „Offence“, Fr 12.8., 19–22 Uhr
  • Pansion Projects Haus der Statistik (Haus D), Karl-Marx-Allee 1, Mitte, „Unrealized projects“, Mo 15.8., 16–21 Uhr
  • La Datcha Quartier Napoleon, Eichenweg 37, Wedding, „The Future is Dark…I Think“, Sa 20.8., 15–22 Uhr
  • Cittipunkt Brüssler Straße 36A, Wedding, „Welches Wissen von wem oder was für wen oder was?“, So 27.8.,14–19 Uhr
  • Das Haus der tödlichen Doris Prinzenstrasse 96, Kreuzberg, „Die Galerie Eisenbahnstraße befindet sich in der Manteuffelstraße”, Di 30.8., 19 Uhr
  • Project Space Festival 22 Diverse Orte, 1.–31.8., ein Raum pro Tag, Infos&Programm

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