Kunst

Aktuelle Ausstellungen in Berlin: Was sich lohnt, was neu ist und endet

Die wichtigsten neuen Ausstellungen: Berlins Kunstwelt ist immer in Bewegung. Was es Neues gibt, was es sich zu sehen lohnt ihr und wo ihr noch unbedingt hin müsst, bevor es zu spät ist, lest ihr hier. Claudia Wahjudi und Ina Hildebrandt geben Tipps für Kunst und die besten aktuellen Ausstellungen in Berlin.


Neu: World Press Photo Award 2022

Matthew Abott, Australien: „Stacey Lee (11, left) sets the bark of trees alight to produce a natural light source to help hunt for file snakes (Acrochordus arafurae), in Djulkar, Arnhem Land, Australia, on 22 July 2021“. Foto: Matthew Abott for National Geographic/Panos Pictures

Die Organisatoren des World Press Photo Awards scheinen nach Skandalen um manipulierte Bilder und falsche Bildunterschriften dazu gelernt zu haben: nicht krasser, härter, spektakulärer müssen die Siegerserien sein, sondern vielfältig u8nd nachhaltig und der Wettbewerb soll Fotograf:innen aus allen Erdteilen gleichermaßen zugänglich sein. Für die neue Zeit stehen unter anderem Senthil Kumarans Langzeitreportage über den Konflikt zwischen Tigern und Menschen in Indien und Matthew Abotts Serie, die  die elfjärhige Stacey Lee (links) bei der Jagd auf essbare Schlangen begleitet (Foto). Doch auch der Krieg in der Ukraine ist bereits Thema, etwa in dem Langzeitprojekt des französischen Pressefotografen Guillaume Herbaut.

  • Freundeskreis Willy-Brandt-Haus e.V. Stresemannstr. 28, Kreuzberg, Di-So 12-18 Uhr, Eintritt frei, Personalausweis erforderlich, bis 12.6.

Neu: Aliens Are Temporary

Club Ate (Justin Shoulder & Bhenji Ra): „Ex Nilalang Episode 4: From Creature~From Creation“, Videoprojektion mit Sound, 14:17 Min.
Foto: Marcelina Wellmer / © Club Ate (Justin Shoulder & Bhenji Ra)

In gleich zwei Kommunalen Galerien findet die Ausstellung. „Aliens are temporary – eine mutierende Erzählung“ statt. Während die Schau über Verwandlungen des Lebens im Kunstraum Kreuzberg bereits ihrem Ende entgegen läuft, läutet sie in Neukölln jetzt die Sommersaison ein: in der Kunstbrücke am Wildenbruch, einer ehemaligen Bedürfnisanlage, die im Winter geschlossen hatte. Klanginstallationen, Skulpturen, Videos etwa von MELT und Club Ate (Foto) thematisieren Metamorphosen bei Menschen, Tieren, Pflanzen und anderen Organismen. Ein bisschen gruselig ist das, auch wegen des Ortes – den man gesehen haben sollte, bevor der Flachbau am Neuköllner Schifffahrtskanal ein fertigfeines Ausstellungshaus geworden ist.

  • Kunstbrücke am Wildenbruch Weigandufer / Ecke Wildenbruchbrücke, Neukölln, Mi-So 12-18 Uhr, bis 24.7.
  • Kunstraum Kreuzberg Mariannenplatz 2, Kreuzberg, So-Mi 10-20, Do-Sa 10-22 Uhr, bis 6.6.

Neu: Atlas of Affinities: Vol. 1, The Far-Near

Ansicht aus der Ausstellung „Atlas of Affinities Vol 1 bei Hua International: „21-24/2, 2021″ von Kim Farkas,
Foto: Timo Ohler / Courtesy Kim Farkas and Hua International

In der Galerie Hua International dreht sich jetzt alles um as Zusammenspiel von Asien und asiatischer Diaspora in Südamerika. Zwar ist das Thema bereits poetischer und informativer im Berliner Times Art Center beleuchtet worden, doch die Gruppenschau bei Hua überzeugt mit der Vielfalt des Materials, aus dem sich Kunst schaffen lässt. Das Spektrum reicht von Ton i über Fliegenvorhänge bis zu Kim Farkas Video- und Klanginstallation, in denen Nudelsuppen unüberhörbar eine wichtige Rolle spielen (Abb.). Der Ferne Osten ist ganz nah.

  • Hua International Potsdamer Str. 81b, Seitenflügel, Tiergarten, Di–Sa 12–18 Uhr, bis 23.7.

Neu:  Thomas Florschuetz – Überlagerungen

Thomas Florschuetz: „Ohne Titel (E.B.) 27“, 2016/2021, 183 x 243 cm, C-Print
Foto: Courtesy © Thomas Florschuetz/VG Bild-Kunst, Bonn 2022 und DIEHL, Berlin

Wunderbar geordnet ist diese Schau, die einen Überblick über das Werk von Thomas Florschuetz gibt – wenn auch keinen vollständigen: Die Aufnahmen von Körperfragmenten, mit denen der 1957 in Zwickau geborenen Künstler bekannt wurde, fehlen, ebenso seine Fotos von „Jets“. Dafür finden sich hier Aufnahmen aus Serien, in denen Gegenstände zu leben beginnen scheinen: Häuser oder Fenster beispielsweise oder Museumsobjekte wie hier im ehemaligen Ethnologischen Museum Dahlem (Foto) . Die  Pflanzen dagegen, für die sich Florschuetz begeistern kann, leben sowieso. Dank geschickt angelegter Blickachsen sowie paar- oder serienweiser Hängung kommen die Aufnahmen bestens zur Geltung.

  • Haus am Waldsee Argentinische Allee 30, Zehlendorf, Di-So 11-18 Uhr, 7/5 €, bis 18 J. frei, bis 28.8.

Noi Fuhrer: A Flash at Midday

Noi Fuhrer : „The Drive Back“, 2022, 103 x 181 cm. Foto: © Noi Fuhrer / Courtesy Galerie Thomas Fischer

Es ist erstaunlich, was Noi Fuhrer mit Kohlestrichen auf rauem Papier zu schaffen vermag. Die in Berlin lebende Künstlerin schraffiert große Bögen in weichen Gesten, mal stärker, mal schwächer, ohne Umrisslinien, lässt auch Flächen frei. So ist etwa die Aussicht aus einem Auto entstanden, mit Ohr des Fahrers und hinten schlafender Person im Rückspiegel („The Drive Back“, 2022) oder ein gleichsam entsetzter Blick auf einen leeren Buggy. Im begrenzten Feld der Zeichnungen, die Fuhrer nach eigenen Fotos fertigt, scheint ein Moment erhascht wie eine Szene eines Traums. Jedes Bild eine Short Story, besonders die früheren Zeichnungen, die an den Film Noir denken lassen. Die räumliche Wirkung ihrer Arbeiten in der Galerie von Thomas Fischer dagegen muss nicht verwundern: Noi Fuhrer hat ihre Laufbahn als Bildhauerin begonnen.

  • Galerie Thomas Fischer Mulackstr. 14, Mitte, Do–Sa 12–18 Uhr, bis 4.6.

Neu: Othering

Ansicht der Ausstellung „Othering“ bei Dittrich & Schlechtriem, Berlin, 2022
Foto: Jens Ziehe / Courtesy DITTRICH & SCHLECHTRIEM, Berlin, 2022

Der Künstler Jonas Wendelin hat Kolleg:innen zu einer Ausstellung gebeten, in der es, grob gesagt, darum geht, dass Menschen sich für etwas Besseres halten als andere Lebewesen. Neben Arbeiten unter anderem von Andreas Greiner und Julian Charrière gibt es hier ein Wiedersehen mit Yalda Afsahs gnadenlosem Video „Vidourle“ (links). Es zeigt Ausschnitte aus einem südfranzösischen Ritual und konzentriert sich auf das Gehabe junger Männer am Rande, die offenbar eine gefährliche Kreatur provozieren wollen – und auf dessen Billigung durch die Zuschauerinnen.

  • Galerie Dittrich & Schlechtriem Linienstr. 23, Mitte, Mo–Sa 11–18 Uhr, bis 25.6.

All Hands On: Flechten

Olaf Holzapfel: „Der geflochtene Garten“, 2022 Foto: Jens Ziehe / © Olaf Holzapfel

Endlich schlägt das Museum für Europäische Kulturen (MEK) wieder mit einer großen Ausstellung auf. „All Hands On: Flechten“ präsentiert Meisterwerke aus Kunst, Handwerk und Design, anonyme Stücke aus Stroh und Rinde genauso wie die neue Arbeit „Der geflochtene Garten“ (Abb.) von Olaf Holzapfel, Teilnehmer der Documenta vor fünf Jahren. Ein willkommener Anlass für eine U-Bahnfahrt nach Dahlem: das auch Biergärten, Buchhandlungen an der Uni, Parks und dem Landwirtschaftsmuseum Domäne Dahlem wenig entfernt vom MEK einen Ausflug wert ist. Perfekt für ein langes Wochenende.

  • Museum Europäischer Kulturen Arnimallee 25, Dahlem, Di–Fr 10–17, Sa/ So 11–18 Uhr, 8/ 4 €, bis 18 Jahre + Berlin Pass frei, Zeitfenstertickets hier, bis auf Weiteres

Neu: Daniel Poller

Daniel Poller: „Birds of Tegel“, 2022, Foto: Daniel Polle /VG Bild-Kunst Bonn 2022 / Courtesy Galerie Poll Berlin

Im vergangenen Jahr beschwor das Klangkunstfestival Sonambiente das Ende der touristischen Ära im Flughafen Tegel, vor allem in der melancholischen Soundcollage von Emeka Ogboh. Nun zeigt der Fotograf Daniel Poller in der Galerie Poll, wie es am Tegeler Tower und auf den Landebahnen weitergegangenen ist, noch bevor die künftigen Nachnutzung des Airports begonnen hat. Tauben und Stare, Krähen und Kraniche haben das Gelände in Besitz genommen, starten und landen, ganz ohne Treibhausemissionen.  Und manche Aufnahmen des in Leipzig ausgebildeten Fotografen lassen sehen, dass nicht Menschen, sondern Vögel die besseren Piloten sind.

  • Galerie Poll Gipsstr. 3, Mitte, Di–Sa 12–18 Uhr, bis 11.6.

Letzte Chance: Retrospektive – Bernar Venet in Kunsthalle Berlin

Installationsansicht zu „Bernar Venet 1961 – 2021“ in der Kunsthalle Berlin – Flughafen Tempelhof. Photo: Daniel Biskup, Courtesy: Stiftung für Kunst und Kultur Bonn. ©Bernar Venet, ADAGP 2022
Installationsansicht zu „Bernar Venet 1961 – 2021“ in der Kunsthalle Berlin – Flughafen Tempelhof. Foto: Daniel Biskup, Courtesy: Stiftung für Kunst und Kultur Bonn. ©Bernar Venet, ADAGP 2022

Die neue Kunsthalle Berlin im Flughafen Tempelhof eröffnet dieses Jahr mit einer großen Retrospektive des französischen Bildhauers und Konzeptkünstlers Bernar Venet. Seine Stahlskulpturen sind in vielen Metropolen zu finden. In Berlin Schöneberg ragt unweit der Urania „Arc de 124,5°“ in die Höhe. Die Schau mit mehr als 150 Werken aus den Jahren 1961 bis 2021 ist eine Hommage an Dr. Paul Wember, Direktor des Kaiser-Wilhelm-Museums in Krefeld, der Venet in den 70er-Jahren seine erste Einzelausstellung ermöglichte.

Im Fokus steht Venets radikale Konzeptkunst. Es werden aber auch Arbeiten zu sehen sein, die sich dem Formalismus zuwenden. In der gesamten Werkschau lässt sich Venets ständige, fast besessene Arbeit daran, die Umgebung durch seine Kunst zu gestalten, erleben. Neben den Skulpturen wird Venets malerisches Werk gezeigt, parallel dazu finden Aufführungen ausgewählter Performances des Künstlers statt.

  • Kunsthalle Berlin Flughafen Tempelhof, Hangar 2 & 3, Columbiadamm 10, Tempelhof, Mo + Do–So 11–18, Mi 11–20 Uhr, 10/ 5€, Kinder bis 16 J. frei, bis 30.5.

Das kleine Grosz Museum

Das kleine Grosz Museum von Innen mit George Grosz‘ „American Couple“. Foto: Hanna Seibel

George Grosz, das sind dicke Fabrikanten, scheinheilige Priester und dumpfe Militaristen. Weimarer Personal, das durch seine hartgezeichneten Karikaturen keinen Zacken sympathischer wird. Das war zwar nicht das gesamte Oeuvre des gebürtigen Berliners, aber es ist bis heute dessen Marken-, wenn nicht Wesenskern. Und wenn dieses Werk retrospektiv ausgestellt wird wie zuletzt 2018 gelungen im Bröhan-Museum, dann wird es oft auf knarrenden Holzdielen abgelaufen – und bleibt damit seiner historischen Epoche mehr verhaftet, als vielleicht gut wäre. Und genau da gibt es jetzt einen aufregend klaren Schnitt – im neuen Schöneberger Kleinen Grosz Museum. Denn mehr gebaute Nachkriegs-Leichtigkeit als in Judins ehemaliger Shell-Tankstelle an der Bülowstraße lässt sich kaum finden. So gut sahen die 1950er-/ 60er-Jahre in Berlin selten aus.

  • Das Kleine Grosz Museum Bülowstr. 18, Schöneberg, Mo + Do 11–18, Fr 11–20, Sa/So 11–18 Uhr, 10/ 6 €, Online-Tickets

Anthropozän: Earth Indices

Evidenz & Experiment: „earth indices“. Foto: HKW

Das Haus der Kulturen der Welt hat mit seinen Ausstellungen und Veranstaltungen zum Thema Anthropozän, also dem menschengemachten Zeitalter, Pionierarbeit geleistet. Die Ausstellung „Earth Indices“ basiert auf den Erkenntnissen einer Gruppe internationaler Wissenschaftler:innen, die Spuren menschliches Wirken in Boden und Sphäre erforsch haben. Die Künstler:innen Armin Linke und Giulia Bruno haben diese Anthropocene Working Group begleitet und kommentieren deren Arbeit nun in der Schau. Damit endet das die Anthropozän-Reihe am HKW, zusammen mit dem der Amtszeit von Intendant Bernd Scherer.

  • Haus der Kulturen der Welt John-F.-Dulles-Allee 10, Tiergarten, Mi–Mo 12–20 Uhr, Eintritt frei, bis 17.10., online

Ser Serpas

Barbara Weiss
Ausstellungsansicht von Ser Serpas, „HEAD BANGER BOOGIE“ in der Galerie Barbara Weiss, 2022 Foto: Jens Ziehe

Was ist denn hier los? Das fragt man sich beim Betreten der Kreuzberger Galerie Barbara Weiss. Möbel, Mülltonnen und Baumaterial außer Rand und Band. Kunst, die erheitert, irritiert oder sogar verärgert. Es sind alles Dinge, die Ser Serpas innerhalb von einigen Wochen auf Berlins Straßen gefunden hat. Die junge US-amerikanische Künstlerin stapelt, montiert und arrangiert den Straßenschrott zu poetischen Skulpturen – ein Konzept, das sie bereits in anderen Städten umgesetzt hat. Kunst aus Müll ist zwar nichts Neues, aber Serpas verspielter und zugleich nachdenklicher Zugang sehr erfrischend.

  • Galerie Barbara Weiss Kohlfurter Strasse 41/43, Kreuzberg, Di–Sa 11–18 Uhr, bis 25.6.

Hackers, Makers, Thinkers

Constanza Piña Pardo, „Khipu“, 2018, sound installation. Foto: Constanza Piña Pardo/ Art Laboratory Berlin

Die vergangenen zwei Jahren haben unseren Umgang miteinander tiefgreifend verändert. Während die einen sich jetzt ins Miteinander stürzen, sind andere noch am fremdeln. Das innovative Art Laboratory Berlin widmet sich mit dem Projekt „Hackers,Makers, Thinkers“ der Frage, welche sozialen Möglichkeiten wiederbelebt werden können. Berliner Künstler:innen und Gastkünstler:innen aus Lateinamerika sowie Südostasien bespielen verschiedene Veranstaltungsorte mit einer Gruppenausstellung, eine interdisziplinären Konferenz, Workshops und Performances. Eine spannende Mischung aus Kunst, Wissen und Gemeinschaft.

  • Art Laboratory Berlin Prinzenallee 34, Wedding, Eröffnung: Fr, 20.5., 20 Uhr; bis 10.6., Do – So, 14 – 18 Uhr, Eintritt frei, Programm hier

„Temple of Love – To Hide“ im Künstlerhaus Bethanien

Gaëlle Choisne, „Lie close to our ancestors“ (Detail), 2020–2022, 7 x 2 m, Foto: Air de Paris

Mit der Ausstellung „Temple of Love – To Hide“ präsentiert das Künstlerhaus Bethanien eine neue Ausgabe von„Temple of Love“ – ein sich ständig weiterentwickelndes Langzeitprojekt von Stipendiatin Gaelle Choisne, das durch in Entstehung und Gestaltung in Abhängigkeit von seinem Standort und Mitwirkenden immer wieder neu entsteht. Die französische Künstlerin mit haitianischen Wurzeln stellt politischer Komplexität und kulturellen Krisen die Heilungsmöglichkeiten durch Erfahrungsaustausch und den Respekt vor der eigenen Herkunft gegenüber. Wie das gelingen kann, verhandelt sie in mehreren ausgestellten Videoarbeiten. Teil der Multimedia-Installation ist auch ein Teppich (ausruhen erlaubt!), der von Frauen in den marokkanischen Bergen gewebt wurde und den Choisne mit kleinen Porträts von inspirierenden Persönlichkeiten versehen hat.

  • Künstlerhaus Bethanien Kottbusser Str. 10/d, Kreuzberg, Di–So 11–19 Uhr, bis 12.6.

Weniger“ im Kunstverein am Rosa-Luxemburg-Platz

Beate Gripp, „Weniger“, Foto: Kunstverein am Rosa-Luxemburg-Platz

Die Kunst hat das Klima endlich für sich entdeckt, wie zahlreiche Ausstellungen in Berlin die vergangenen Wochen gezeigt haben. Die Klimakrise ist omnipräsent und schert sich nicht darum, ob wir nicht schon mit Pandemie und Krieg genug hätten. Aber wegschauen hilft ja tatsächlich nichts und im Kunstverein am Rosa-Luxemburg-Platz gibt es gute Gründe hinzuschauen. Die Ausstellung „2052“ geht mit ihren Exponaten aus dem Ausstellungsraum heraus, in den öffentlichen Raum. 22 nationale und internationale Künstler:innenvon Monica Bonvicini bis Jost Wischnewski haben Arbeiten geschaffen, die in Form von im Außenraum platzierbare Plakate sowie als Flugblätter konzipiert sind.

  • Kunstverein am Rosa-Luxemburg-Platz Linienstr. 40 + Torstr./ Ecke Karl-Liebknecht-Str., Mitte, Mi–Fr 14–19 Uhr, Torstraße ganztägig, bis 17.6.

Nach der Flucht

„Während die meisten Einwohner von Irpin versuchen, aus der Stadt zu fliehen, überquert diese junge Frau den Fluss, um zu ihrer kranken Großmutter nach Irpin zurückzukehren. 04.03.2022, Irpin, Ukraine, Europa“. Foto: Mila Teshaieva / OSTKREUZ

Fotos aus der Agentur Ostkreuz zeigen das Leben in Kiew und nach der Flucht: Mila Teshaieva, Mitglied bei Ostkreuz, fotografierte den Krieg in ihrem Heimatland. zusammen mit ihrer Kollegin Johanna-Maria Fritz, die Ende April aus der Ukraine zurückkehrte. Auch Aufnahmen weiterer Ostkreuz-Mitglieder sind zu sehen, etwa von Jordis A. Schlösser, Maurice Weiss und Sibylle Fendt. Sie haben Geflüchtete aus der Ukraine porträtiert und sie um Aussagen zu ihrem derzeitigen Leben gebeten. Die kurzfristig organisierte Ausstellung ist in Zusammenarbeit mit Vitsche entstanden, einer Organisation junger Ukrainer:innen in Deutschland, die Hilfsgesuche und -angebote koordiniert. Und mit dem „Records of War Archive“ des Troyanda Studio. Es sammelt Tagebücher und Briefe aus dem Krieg und übersetzt sie. Druckexemplare liegen in der Kirche aus. Zur Ausstellung gehören eine Lesung, ein Konzert und ein Gespräch (14., 25. und 28. Mai, jeweils 19 Uhr).

  • Zionskirche  Zionskirchplatz, Mitte, Mo–Sa 14–18, So 12–16 Uhr, Eintritt frei, Spenden für Records of War-Archiv erbeten, bis 6.6.

Heinrich Schliemann

Büste von Heinrich Schliemann im Neuen Museum, Foto: bpk / Hans Christian Krass

Zu seinem 200. Geburtstag nähert sich eine Sonderausstellung dem schillernden und umstrittenen Archäologen Heinrich Schliemann, geboren in dem Städtchen Neubukow, im 19. Jahrhundert ein bürgerliches Zentrum im Mecklenburgischen. Von hier zog Schliemann (1822–1890) in die Welt und mit seinen spektakulären Ausgrabungen als Entdecker der Stadt Troja schließlich in die Geschichtsbücher ein. Bekannt wurde er mit unkonventionellen Forschungsansätzen in der Archäologie, zugleich wird er wegen widersprüchlicher Aufzeichnungen, rabiater Ausgrabungsmethoden und räuberischer Aneignung archäologischer Funde kritisiert. Die Ausstellung „Schliemanns Welten“ in der James-Simon-Galerie und dem Neuen Museum auf der Museumsinsel beleuchtet Persönlichkeit und Arbeit des deutschen Archäologen mit rund 700 Exponaten. In der James-Simon-Galerie steht die erste Lebenshälfte des Geschäftsmanns, Weltreisenden und Forschers im Fokus. Das Neue Museum präsentiert die Funde der Königsgräber in Mykene und die Trojanische Sammlung Schliemanns.         

  • James-Simon-Galerie und Neues Museum Bodestraße, Mitte, Di–So 11–18 Uhr, 12/ 6 €, bis 18. J. + ALG II frei, Zeitfenstertickets hier, bis 6.11.        

Bieke Depoorter

Agata, Beirut, Libanon, 3. August, 2018, Foto: © Bieke Depoorter . Magnum Photos

Mit den Menschen, die sie porträtiert, geht Magnum-Mitglied Bieke Depoorter langfristige Beziehungen, komplizierte Freundschaften ein, etwa mit der Sexarbeiterin Agata (Abb.), und sogar, wenn einer dieser Menschen verschwindet wie Michael aus Portland, den sie 2015 kennenlernte. Dann sucht die belgische Fotografin geradezu obsessiv nach ihm und hält ihre Fahndung in Fotos fest – inklusive ihrer Fahndungsmethoden, über deren ethische Qualität sich streiten lässt.

  • C/O Berlin Hardenbergstr. 22–24, Charlottenburg, Mo–So 11–20 Uhr, 10/ 6 €, bis 18 J. frei, bis 9.9.

Joan Jonas

Joan Jonas, 57th Carnegie International, Carnegie Museum of Art, Pittsburgh, Pennsylvania, 2018 Foto: Bryan Conley
© Joan Jonas / Carnegie Museum of Art, Pittsburgh

Vor fast 40 Jahren lebte Joan Jonas in Tiergarten, als Gast des Künstlerprogramms beim DAAD. Schon damals war sie eine hoch angesehene Künstlerin, bekannt für ihre Videos und Performances, die sie auch unter freiem Himmel aufführte, und für viele Ausstellungen in Nordamerika und Westeuropa. Jetzt ist die 86-Jährige erneut in Tiergarten zu Gast: mit einer Ausstellung in der jungen Galerie Heidi, gelegen in einem ehemaligen Möbelgeschäft. Inhaberin Pauline Seguin hat die Räume nicht renoviert. Jonas Arbeiten kommen in diesem rohen Ambiente bestens zur Geltung: ein Film und ein Video führen in ihr Körperverständnis ein, und ihre bemalten Drachen scheinen danach zu rufen, die Fenster zu öffnen, damit sie zum Himmel aufsteigen können.

  • Heidi Kurfürstenstr. 145, Schöneberg, Do-Sa 11-18 Uhr, bis 30.7.

Bruce Nauman

Bruce Nauman: „Practice cropped“. Foto: Bruce Nauman / Artists Rights Society (ARS), New York / VG Bild-Kunst, Bonn /
Courtesy Konrad Fischer Galerie

Ein wenig Geduld sollten Besuchende mitbringen, wenn sie mit Bruce Naumanns neuem Video „Practice“ mitgehen wollen: Die Schwarzweiß-Aufnahmen sind eine Meditation über eine historische Geste, die den Verlauf der kanadischen Geschichte und der Blackfeet Nation entscheidend beeinflusste. Auf den weiteren Etagen der großen Galerie hängen Beispiele aus fast 50 Jahren druckgrafischen Schaffens des US-amerikanischen Konzeptkünstlers.

  • Konrad Fischer Galerie Neue Grünstr. 12, Mitte, Di-Sa 11-18 Uhr, bis 27.8.

Nina Canell

Nina Canell und Robin Watkins: “Energy Budget“, 2017 – 2018, 4K Video, 16:03 Min,  
Foto: Nina Canell und Robin Watkins (Video Still)

In der Berlinischen Galerie stellt Nina Canell aus – trotz ihres Boykotts des GASAG-Kunstpreises 2020. Eine gute Entscheidung, denn im Zentrum der Ausstellung liegt Canells wunderbare neue Arbeit „Muscle Memory (7 Tonnes)“ – sieben Tonnen Muscheln auf dem Boden des Ausstellungshauses ausgelegt.  Betreten ist explizit erwünscht. Und in der Vier-Kanal-Video-Installation „Energy Budget“ (2017–18), die sie gemeinsam mit Robin Watkins schuf, bewegt sich eine Leopardenschnecke über ein elektronisches Schaltfeld. Natur und Technik bilden bei Canell ein Ganzes und verweisen dennoch auf ihre gegenseitige Zerstörung.

  • Berlinische Galerie  Alte Jakobstraße 124–128, Kreuzberg, Mi–Mo 10–18 Uhr, 10/ 6 €, bis 18. J. + 1. So/ Monat frei, Zeitfenstertickets hier, bis 22.8

Pope.L.

Ausstellungsansicht aus der PopeL. Ausstellung „BETWEEN A FIGURE AND A LETTER“ im Schinkel Pavillon. Foto: Pope.L, Contraption, 2022, Schinkel Pavillon, Berlin. Foto: Frank Sperling / © Pope.L / Performer: Mickey Mahar

Der in Chicago lebende Künstler Pope. L. ließ in den Schinkel Pavillon eine gewaltige grüne Maschine bringen, in seine Ausstellung „Between a Figure and a Letter“. Pope.L. ist vor allem für Performances sowie für Musik und Videos bekannt ist. Hier aber lässt er an seine Maschine aus Holz gefertigte Architekturmodelle von Schinkel Pavillon, der Neuen Wache und Humboldt Forum füttern, die sie kräftig zerhächselt. In einer zweiten Arbeit, einem Video, thematisiert Pope.L. die Deindustrialisierung in dem US-Bundesstaat Maine.

  • Schinkel Pavillon Oberwallstr. 32, Mitte, Do/ Fr 14–19, Sa/So 11–19 Uhr, 6/ 4 € (bar), bis 31.7. 

James Bridle/ Jonas Staal

Ausstellunsgansicht „Dialogue: James Bridle and Jonas Staal“, NOME, Berlin.
Foto: Billie Clarken / Ausstellungsansicht „Dialogue: James Bridle and Jonas Staal“

James Bridle aus London hat eine alte Methode der Stromgewinnung wiederbelebt: die „Zitronenbatterie“. In  einer weiteren Arbeit will der  Künstler siliziumhaltige Strahlentierchen dafür nutzen, Solarpaneele zu optimieren. Sein niederländischer Kollege Jonas Staal hat einen kleinen Katalog zum Artensterben produziert. Staal führt Vertreter aussterbender als Zeugen für künftige Prozesse vor einem „Gerichtshof für intergenerationale Klimaverbrechen“ auf. Den baute er bereits im Herbst/ Winter 2021/22 in Amsterdam auf und lud  internationale Klimaaktivist:innen dazu.

  • Nome Gallery Potsdamer Str. 72, Tiergarten, Di–Sa 13–18 Uhr, bis 17.6. 

Opera Opera. Allegro man non troppo

Grazia Toderi: „Random“, 2001 Projektion, 4:3, Farbe, Loop 21:09 min Projection, 4:3, color, Loop, 21:09 min.
Foto: Grazia Toderi/VG Bild-Kunst, Bonn 2022 / Courtesy Fondazione MAXXI

Im Palais Populaire soll eine top besetzte Ausstellung Opera Opera ein Musikgenre zerlegen und wiederbeleben zugleich: die Oper. Sie ist großes Theater und Kulturerbe, das sich freundlich oder kritisch befragen, variieren, neu interpretieren lässt. So, wie es die 32 Künstler:innen und Architekten getan haben, deren Arbeiten im Palais Populaire der Deutschen Bank zusammenkommen, gleich neben der Staatsoper Unten der Linden. Auch diese Schau ist großes Theater. Sie entstand in Zusammenarbeit mit dem Maxxi-Museum in Rom und dessen Kuratorin Eleonora Farina sowie Direktor Hou Hanru (der aktuell in Berlin auch Wong Pings Ausstellung im Times Art Center verantwortet). Die Beiträge sind ebenfalls von Rang und Namen: Modelle von Aldo Rossi und Renzo Piano, Installationen und Videos von Jimmie Durham, William Kentridge und von Rosa Barba. Die Berliner Künstlerin steuert eine neue Auftragsarbeit bei, mit Bild- und Klangfragmenten aus einem Musikarchiv.

  • Palais Populaire  Unter den Linden 5, Mitte, Mi–Mo 11–18 Uhr, Do bis 21 Uhr, Zeitfenstertickets hier, bis 22.8.

Günther Förg

Günther Förg: „Untitled“, 1998 acrylic on cotton duck 250 x 420 cm.; 98 3/8 x 165 3/8 in. Foto: def image © Estate Günther Förg, Suisse / VG Bild-Kunst, Bonn 2022 / Courtesy of the Estate Günther Förg, Suisse and Galerie Max Hetzler, Berlin | Paris | London

Die Überraschung wartet im oberen Stock. Hier befinden sich Fotografien, Bronzereliefs und Steingüsse von einem Günther Förg (1952–2013), wie man ihn nicht kennt oder zu kennen meinte. Die Spuren seiner Finger aus und in den Skulpturen verblüffen. Auch der Blick von hier hinunter in die Halle mit Förgs abstrakter Malerei lohnt. Die Perspektive nimmt den Großformaten (hier „Untitled”, 1998) das Einschüchternde und zeigt, dass die Gemälde und schwer gerahmten Fotos so hängen, dass sie einander schmeicheln sollen.

  • Galerie Max Hetzler IV Potsdamer Str. 77–87, Tiergarten, Di–Sa 11–18 Uhr, bis 6.8.

Habitate

Costantino Ciervo: „Sew in the Sea“, 2019(Detail) Foto: Thomas Bruns / © Costantino Ciervo Ausstellungsdokumentation „Habitate“ Schloss Biesdorf

In Schloss Biesdorf veranschaulicht auch Thomas Wrede, welche gigantischen klimatischen Umwälzungen gerade geschehen. Zwei großformatige Fotos  Sie zeigen Hunderte Meter grauer Vliesbahnen, hängend, zerrissen, geknotet, mit deren Hilfen das Abschmelzen eines Schweizer Gletschers verlangsamt werden soll Wredes Großaufnahmen lassen sich wahlweise als Dokumentation, Weckruf oder Ästhetisierung der Krise sehen. Sie sind Teil der aktuellen Ausstellung im Schloss Biesdorf: Zehn Künstler:innen stellen Arbeiten aus, die vor dem Hintergrund von Klimakrise und Artensterben den Begriff „Habitat“ interpretieren, unter ihnen Constantino Ciervo (Abb.), elga Franz, Susanne Hegmann, Andreas Greiner, Christina Paetsch, Gert Pötzschig und Christine Schulz.

Schloss Biesdorf Alt-Biesdorf 55, Biesdorf, Mi, Do Sa-Mo 10-18, Fr 12-21 Uhr, bis 6.6


Glass

Simon Ertl, Julian Ribler: „JIPS“. Foto: Inga Masche / Hochschule: weißensee kunsthochschule berlin

Kunst, Gestaltung und Forschung wirken in der Ausstellung des Bröhan-Museums zu Glas zusammen. Das Kooperationsprojekt stellt neue Objekte und neues Design vor wie hier „Still Live“ von Milla Vainio, zudem in Filmen die Herstellungsprozesse. Eine schöne Gesprächsgrundlage, braucht die Produktion von Glas doch viel Quarzsand, Kalk und Energie.

Bröhan-Museum Schlossstr. 1a, Charlottenburg, Di–So 10–18 Uhr, 8/ 5 €, bis 18. J. + 1. Mi/ Monat frei, Zeitfenstertickets hier, bis 7.8.


Architectures of Cohabitation

Architecture of Cohabitation Schaufenster Lobeckstraße: “Parc of Eternal Love“ von comte /Meuwly. Foto: COMTE / MEUWLY

In Agrargesellschaften leben Mensch und Tier oft unter einem Dach. Das spart Platz und Energie, fördert aber die Übertragung von Krankheiten. Eine Schau der Zeitschrift „Arch+“ stellt nun neue Formen des Zusammenlebens vor, die Architekt:innen, Gestalter:innen und Künstler:innen erdacht haben. Beispielsweise wohnen in einem Gebäude von RMA Architects in Hathigaon, Rajasthan (Abb.), Elefanten und Menschen, und in dieser Konstruktion des Züricher Büros COMTE / MEUWLY koexitieren sonarpaneele und Nistmöglichkeitenübereinander. Übrigens: Wissenschaftler:innen empfehlen ohnehin unter Solarpaneelen auf offenem Feld Kräuter zu ziehen oder die Anlagen so hoch zu setzen, dass unter ihnen Schafe weiden können.

  • Schau Fenster Lobeckstr. 30, Kreuzberg, 0–24 Uhr, bis 5.6.

Conny Maier

Conny Maier „Hit“, 2022. Foto: Lukas Zerrahn/Courtesy © Conny Maier and Société

In einem Raum voller Gemälde erkennt man Conny Maiers ausdrucksstarke Arbeiten sofort. Die gebogenen Körper ihrer Figuren, die Gesichter mit aufgerissene Augen und Mündern – sind sie erstaunt oder doch verängstigt? Zwischen Horror und Humor verhandelt die junge Berlinerin auf großformatigen Ölgemälden grundsätzliche Themen wie Klassenverhältnisse und Body Politics. Dafür wurde die Autodidaktin 2020 mit dem Preis „Künstler des Jahres 2020“ der Deutschen Bank ausgezeichnet. In ihren neuen Arbeiten für die Ausstellung in der Galerie Sociéte liefert Maier die Menschen der Unkontrollierbarkeit ihrer eigenen wie der sie umgebenden Natur aus.

  • Sociéte Wielandstr. 26, Charlottenburg, Mo–Sa 10–18 Uhr, bis 3.6.

Julia Stoschek Collection

Jacolby Satterwhite „Moments of Silence“, 2019. Installationsansicht JSC Berlin. Foto: Alwin Lay

Immer wieder wird das utopische Potenzial der Kunst heraufbeschworen: als Raum, in dem durch Experimente etwas Anderes, Besseres als die Gegenwart entstehen und als Vorlage für uns dienen kann. Wie das gehen könnte, das zeigen 25 Video-Arbeiten von Joan Jonas’ frühen Performance-Videos bis zu den animierten Welten Jacolby Satterwhites. Parallel dazu ist die neuerworbene multimediale und interaktive Installation „Piña, Why is the Sky Blue?“ zu sehen. Stephanie Comilang und Simon Speiser haben durch Interviews mit Aktivist:innen und Heiler:innen auf den Philippinen sowie in Ecuador eine Künstliche Intelligenz geschaffen. Als eine Art spiritueller Speicher bewahrt sie wertvolles Wissen für zukünftige Generationen auf.

  • Julia Stoschek Foundation Leipziger Str. 60, Mitte, Sa/So 12–18 Uhr, 5 €, bis 18 J. frei, bis 4.12.

Susana Meiselas

Motorradbrigade, gefolgt von einer Menge von hunderttausend Menschen, die Los Doce (Die Zwölf), Monimbo, Nicaragua, 05.07.1978. Foto: Susan Meiselas/Magnum Photos

Susan Meiselas interessiert sich für Konfliktzonen. Berühmt wurde die Fotografin der renommierten Agentur Magnum mit der Aufnahme „Molotov Man“. Eine Barrikade aus Sandsäcken ist zu sehen, dahinter steht ein Panzer. Zwei Männer bärtiger Mann mit Waffe hockt im Schatten der Sandsäcke, ein anderer steht gebückt. Beide beobachten einen dritten Kämpfer, der in der einen Hand ein Gewehr hält und mit der anderen anhebt, einen entzündeten Molotow-Cocktail in die Luft zu schleudern. Es handelt sich um einen kleinen Moment der sandinistischen Revolution, der dank des Fotos von Meiselas zu einem ikonischen Bild wurde. Bei C/O Berlin zeigt sie Aufnahmen aus über 40 Jahren.

  • C/O Berlin Hardenbergstr. 22–24, Charlottenburg, Mo–So 11–20 Uhr, 10/ 6 €, bis 18 J. frei, Tickets, bis 9.9.

José Pérez Ocaña

Der Künstler Ocaña in Berlin, 1979. Foto: Boris Lehman

Während sich Spanien nach Francos Tod 1975 im Übergang vom Faschismus zur Demokratie befand, sorgte José Pérez Ocaña (1947–1983) in Barcelona für Aufsehen. Der Maler lebte seine Homosexualität offen und politisch aus, vor allem mit Performances auf der berühmten Flaniermeile Les Rambles. „Ocaña. Der Engel, der in der Qual singt“ ist die erste Ausstellung in Deutschland über ihn. Sie folgt den Spuren seines Aufenthalts in Berlin, wo er 1979 an den Filmfestspielen teilnahm.

  • Schwules Museum Lützowstr. 73, Schöneberg, Mo /Mi/ Fr 12–18, Do 12–20, Sa 14–19, So 14–18 Uhr, 9/ 3 €, bis 12.8.

Mehdi Chouakri in den Wilhelm Hallen

Umbau Mehdi Chouakri Wilhelm Hallen, 2022, Foto: Patxi Bergé/Courtesy Mehdi Chouakri Berlin

Galerist Mehdi Chouakri, Betreuer des Nachlasses von Charlotte Posenenske, eröffnet in den Reinickendorfer Wilhelm Hallen am 29. April auf 1.000 Quartmetern einen neuen Standort mit öffentlich zugänglichem Posenenske-Archiv. Um- und Ausbau der Eisengießerei-Halle mit ihren Sheddächern hat er gemeinsam mit dem Architekten Philipp Mainzer geplant. Neben Werken von Posenenske sind auch Arbeiten von John M. Armleder und von Sylvie Fleury zu sehen. Im Eingangsbereich hat der Schweizer Künstler John Armleder eine Wandmalerei namens „Wurst mit Flammen“ aufgebracht. Auf dem Dach leuchtet die Neonarbeit „Yes to All“ der französischen Künstlerin Sylvie Fleury. Übrigens: Sonntags lohnt sich der Besuch in den Wilhelm Hallen wegen der Autogrill-Food-Pop-ups

  • Wilhelm Hallen Kopenhagener Str. 60–72, Reinickendorf (S-Bhf. Wilhelmsruh), Sa 11–18 Uhr, bis 23.7.

Haegue Yang

Haegue Yang: „Barbell-Powered Sunrising Soul Sheet Atop Another – Mesmerizing Mesh #79“, 2021 Hanji, Halbrundstäbe aus Kiefernholz auf Alu-Dibond, gerahmt 62 x 62 cm. Foto: Studio Haegue Yang / Courtesy Galerie Barbara Wien, Berlin

Dieses Mal ganz anders. Haegue Yang verzauberte schon mit kinetischen Jalousien eine halbe Documenta-Halle in Kassel, und aktuell werfen die mobilen Venetian Blinds der in Berlin und Seoul lebenden Künstlerin fantastische Schatten in der dänischen Nationalgalerie. Aus industriell gefertigten Dingen des Hausgebrauchs baut Yang virtuos Plastiken und Räume. In ihrer Berliner Stammgalerie aber rücken nun Arbeiten auf Korea-Papier in den Vordergrund. Neben fünf Skulpturen, darunter zwei aus Glöckchen und Metallringen kunstvoll gewebte Figuren, zeigt Yang Collagen, die schamanische Rituale Ostasiens zitieren. Dazu erscheint ein Buch, das traditionelle Papiertechniken in Japan und Korea vorstellt.

  • Galerie Barbara Wien Schöneberger Ufer 65, 3. Stock, Tiergarten, Di–Fr 11–18, Sa 11–14 Uhr, bis 30.7.

Levy senior und Levy junior

Meret Oppenheim: „Wort, in giftige Buchstaben eingepackt (wird durchsichtig)“, 1970, Objekt: Schnur, graviertes Messingschild, 31 x 14 x 39,5 cm Foto: Henning Rogge, Hamburg / © Meret Oppenheim/VG Bild-Kunst, Bonn 2022 / Courtesy LEVY Galerie / © ProLitteris, Schweiz

Mit seiner Galerie zieht Alexander Levy von Kreuzberg nach Moabit, neben die Galerie seines Vaters Thomas Levy aus Hamburg, der nun auch wieder in Berlin Räume unterhält. Während Levy sen. vor allem Kunst der zweiten Hälfte des 20. Jahrhundert vertritt und nun Arbeiten unter anderem von Daniel Spoerri und Meret Oppenheim (Foto), setzt Levy jun. auf konzeptuelle Gegenwartskunst. In Moabit zeigt er Arbeiten von Egor Kraft: Der interdisziplinär arbeitende Künstler verknüpft Themen wie Archäologie und Wirtschaft mit Künstlicher Intelligenz.                             

  • Galerie Levy, Galerie Alexander Levy Alt-Moabit 110, Moabit, Mi–Sa 11–18 Uhr, bis 11.6.

El Hadji Sy

El Hadji Sy: „Silhouettes Critique“s, 2022, Foto: Jens Ziehe / Courtesy Galerie Barbara Thumm / Le Cheval de Ndagane, 2021 / Doigt de Pianiste (Pianist Finger), 2021 / Femme Casamancaise, 2021

Der in Dakar lebende Maler, Performer und Aktivist El Hadji Sy prägt seit den 1970er-Jahren die senegalesische Kunstszene. Dort hat er nicht nur Kunstzentren gegründet, sondern mit internationalen Ausstellungen zu einer Sichtbarkeit von Kunst aus Afrika außerhalb des Kontinents beigetragen. Charakteristisch für Sys Arbeit sind bemalte Reis-Jutesäcke. Aber auch Papier, Leinwände und Hauswände dienen ihm als Untergründe für seine Malerei, in der Menschen, Tiere und Symbole eine Einheit bilden.

  • Galerie Barbara Thumm Markgrafenstr. 68, Kreuzberg, Mi–Sa 12–18 Uhr, bis 30.7.

Hamlet Lavastida

Hamlet Lavastida. Foto: Yvonne de Andrés für Künstlerhaus Bethanien

Als Hamlet Lavastida von seinem Berliner Stipendium nach Havanna zurückkehrte, wurde der Regimekritiker verhaftet. Nun ist er wieder in Berlin, im Exil. Zum Gallery Weekend zeigt er in der Galerie Crone 45 Arbeiten aus dem vergangenen Jahr, in denen sich Kunst und politische Agitation vermischen. In einem der Räume hängen 20 seiner Cut-Outs zeigen, die Gefängnisbauten auf Kuba abstrahieren. Mehr über Hamlet Lavastidas Ausstellung in der Galerie Crone lest ihr hier.

  • Crone Berlin Fasanenstr. 29. Charlottenburg, 29. 4., 18–21 Uhr, Di–Sa 12–18 Uhr, bis 18.6.

Michel Majerus

Installationsansicht „gemälde“, Galerie Neugerriemschneider, Berlin (19.11.–23.12.1994)
Foto: © Michel Majerus Estate, 2022 / Courtesy neugerriemschneider, Berlin

Mit nur 35 Jahren starb Michel Majerus (1967–2002) bei einem Flugzeugabsturz. In seiner kurzen Schaffensphase wurde der Luxemburger Maler und Wahlberliner zu einer prägenden Figur der 90er-Jahre (Abb.). Er vermischte Popkultur und Kunstgeschichte, weitete Malerei von der Leinwand auf den Raum aus, nutzte als einer der ersten digitale Tools. Anlässlich seines 20. Todestages wird sein Werk mit der Ausstellungsreihe „Michel Majerus 2022“ in mehreren Berliner Kunstorten gewürdigt. Zum Auftakt zeigt der Michel Majerus Estate Arbeiten des Künstlers zusammen mit Werken seiner beiden Professoren Joseph Kosuth und K.R.H. Sonderborg.

  • Michel Majerus Estate Knaackstr. 12, Prenzlauer Berg, Sa 11–18 Uhr, bis 18.3.2023

Barbara Kruger

Barbara Kruger: „Belief + Doubt“, Hirshhorn Museum, Washington, 2021 Vinyl, ortsspezifische Installation.
Foto: Cathy Carver / Courtesy Barbara Kruger, Hirshhorn Museum and Sculpture Garden und Sprüth Magers

Sie bringt es gern auf den Punkt, wie hier 2021 im Washingtoner Hirshhorn Museum oder aktuell über den Fenstern des Neuen Berliner Kunstvereins. Mit Kurztexten, oft kombiniert mit Bildern aus der Konsumkultur, hinterfragt Barbara Kruger seit den 1970er-Jahren Glaubenssätze westlicher Gesellschaften aus kommerzkritischer und feministischer Sicht. Für ihre Ausstellung „Bitte lachen/ Please Cry“ bespielt die New Yorker Konzeptkünstlerin nun den Boden der Neuen Nationalgalerie mit einer Schrift-Installation.

  • Neue Nationalgalerie Potsdamer Str. 50, Tiergarten, Fr–Mi 10–18, Do 10–20 Uhr, 12/ 6 €, Zeitfenstertickets: hier, bis 28.8.

Opera Opera

Susan Philipsz: „Wild is the Wind“, 2002, eEinkanalige Tonanlage (3 min 45 sek). Foto: Eoghan McTigue / © Susan Philipsz, MAXXI Museo nazionale delle arti del XXI secolo, Roma / Courtesy Fondazione MAXXI

Die Oper ist ein Gesamtspektakel aus Musik, Schauspiel und Bühnenbild. Als gediegen gilt sie, nicht immer zu Recht, auch, weil sie früher ordentlich Spitzen gegen Klerus und Adel setzte. In „Opera Opera“, einer Kooperation mit dem MAXXI-Museum für Gegenwartskunst in Rom, blicken über 30 zeitgenössische Künstler:innen und Architekt:innen auf und in das Kunstlabor Oper. In den verschlungenen Sälen des Populaire führt der Weg von einem nicht realisierten Entwurf Francesco Venezias für ein Opernhaus auf Sizilien bis zu Monica Bonvicinis Analyse des Frauenbilds in der Oper „Turandot“. Zu sehen sind auch neue Arbeiten von Rosa Barba, Susan Philipsz (Foto) und Olaf Nicolai aus Berlin.

  • Palais Populaire Unter den Linden 5, Mitte, Mi–Mo 11–18, Do 11–21 Uhr, Zeitfenstertickets: hier, bis 22.8.

Herlinde Koelbl

Herlinde Koelbl: Angela Merkel, 1991. Foto: Herlinde Koelbl

Die Fotografin Herlinde Koelbl hat Angela Merkel über drei Jahrzehnte seit 1991 regelmäßig abgelichtet, also seit weit vor der Kanzlerschaft, wie das Deutsche Historische Museum ab 29. April zeigt. Koelbls Konzept steckte in der Frage: Frage: Was macht die Macht mit einem Menschen? Was kann Fotografie davon vermitteln? Koelbl war unvoreingenommen und neugierig. Das Foto oben ist übrigens von 1991.

  • Deutsches Historisches Museum Unter den Linden 2, Mitte, Fr–Mi 10–18, Do 10–20 Uhr, 8/ 4 €, bis 18 J. frei, Zeitfenstertickets: hier, bis 4.9.

Anja Kirschner

Anja Kirschner: „UNICA“, 2022, Videostill. Foto: Anja Kirschner / Animation: Diana Gradinaru (Videostill)

Sie hat zu technologischen und ästhetischen Potenzialen immersiver Medien geforscht, und nun setzt sich Anja Kirschners in „Unica“ mit dem Motiv der apokalyptischen Zerstörung in Computerspielen auseinander. Dafür hat die Installations- und Videokünstlerin historische Quellen zu der Geschichte des Teufelsbergs mit postcinematischen Produktionsformen kombiniert – für einen Film, der auch von der Berliner Künstlerin Unica Zürn (1916-1970) inspiriert ist.

  • Fluentum Clayallee 174, Dahlem, Fr 11–17, Sa 11–16 Uhr, bis 16.7.

„Pope.L: Between a letter and a figure“ – Schinkel Pavillon

Pope.L, Small Cup (video still), 2008 Courtesy of the artist.

In den späten 1970er Jahren begann Pope.L mit seinen berühmten „crawls“, eine Reihe von Straßenperformances bei denen er seinen Körper einsetzte, um auf den Straßen von New York City Fragen über Teilung und Ungleichheit zu stellen. Der Schinkel Pavillon widmet dem Künstler erstmals eine Einzelausstellung in Berlin. Im Zentrum steht dabei eine neue ortsspezifische Installation für das verglaste Oktogon im Obergeschoss des Schinkel Pavillons, dazu Videoarbeiten und Zeichnungen. Dabei beziehen sich seine Arbeiten ebenso auf die grundsätzliche conditio humana wie die konkrete gesellschaftspolitische Gegenwart Berlins.

  • Schinkel Pavillon Oberwallstraße 1, Mitte, Mi–So 11–19 Uhr, 6/ 4 €,  Do+Fr 14–19 Uhr, Sa+So 11–19 Uhr, bis 31.7.

Layer Cake

LAYER CAKE – The Versus Project 2 Layer Cake versus Chaz Bojorquez. Foto: Lukas Prasse/© Chaz Bojorquez

Urban Art Werke von Anderen zu übermalen -sprühen, -kleben gilt unter Street-Art-Künstler:innen bekanntlich als No-Go. Ausnahmen bestätigen die Regel, deshalb hat das Künstlerduo Layer Cake 13 internationale Kolleg:innen eingeladen, wenigstens auf Leinwand gegenseitig Arbeiten zu übermalen. Der Projektraum des Urban Nations, des Museums für Street Art in Schöneberg, zeigt jetzt die Ergebnisse.

  • Urban Nations Projektraum Bülowstr. 97, Schöneberg, Di-Mi 10-18, Do-So 12-20 Uhr, Eintritt frei,  bis 31.7.

Tacita Dean

Tacita Dean, „Antigone (offset)“ 2021. Foto: Hans-Georg Gaul/©Tacita Dean und BORCH Editions, Kopenhagen/Berlin

Wie Antigone und ihr Bruder/Vater Ödipus eigentlich miteinander klarkamen, darüber schweigt sie die antike Literatur aus. Tacita Dean wollte die Leerstelle 2013 mit einem Film über die beiden füllen. Borch Editions zeigt farbenprächtige Paare von Offset-Lithografien, die Dean 2021 nach dem Film mit Borch Editions gefertigt hat. Und die vom Stolz der Galerie zeugen: der Druckkunst ihrer Werkstatt. Die übrigens in Nils Borchs Jensens schönen Coffee-Table-Book „No Plan at All“ (Hatja Cantz 2021) vorgestellt wird.

  • Galerie Borch Goethestr. 79, Charlottenburg, Mi-Sa 11-18 Uhr, bis 4.6.

Michael Wesely – Visual Archaelogies

Michael Wesely, „Pariser Platz 01 (1945/2022)“ aus der Serie „Doubleday“ . Foto: Michael Wesely/VG Bild-Kunst, Bonn 2022 und Staatliche Museen zu Berlin – Kunstbibliothek/Martin Badekow

Langzeitbelichtungen sind die Spezialität des Berliner Fotografen Michael Wesely. Das Atelier Liebermann bei der Stiftung Brandenburger Tor zeigt nun Weselys langjährige Auseinandersetzung mit dem Pariser Platz vor Liebermanns ehemaligem Haus, Kameras am Haus und ein temporäres Atelier geben Besucher:innen Einblicke in Weselys Arbeitsweise, zu der selbstgebaute Fotoapparate zählen.

  • Stiftung Brandenburger Tor Max Liebermann Haus, Pariser Platz 7, Mitte, Do-So 11-18 Uhr, 3/2 €, bis 18 J. frei, bis 19.6.

Moses Mendelsohn

Brille Moses Mendelssohns mit Etui. 2. Hälfte 18 Jahrhundert. Foto: Mit freundlicher Genehmigung des Leo Baeck Institute, New York

Mit Argumenten für Minderheitenrechte und für die Trennung von Staat und Religion, so eine These der neuen Ausstellung im Jüdischen Museum, bereitete auch der Berliner Philosoph Moses Mendelssohn (1729–1786) den Weg in die Moderne. Zur Ausstellung erscheint unter anderem die Graphic Novel „Moische“. Sechs Anekdoten aus dem Leben des Moses Mendelssohn“ von dem niederländischen Künstler Typex, der schon Warhols Biografie zeichnete.

  • Jüdisches Museum Lindenstr. 9-14, Kreuzberg, Mo-So 10-19 Uhr, 8/ 3 €, bis 18 J. + ALG II frei, Zeitfenstertickets: jmberlin.de, bis 11.9.

Galerie im Körnerpark – Mensch und Natur

Ausstellungsansicht „Silent Spring“ Foto: Nihad Nino Pušija

Wie klingt es, wenn Schnecken grüne Wassermelone essen? Was machen Vögel den lieben langen Tag in einem chinesischen Bambuswald? Das kann man in der aktuellen Ausstellung „Silent Spring“ in der kommunalen Galerie im Körnerpark herausfinden. In der Gruppenschau widmen sich internationale Künstler:innen dem von Manipulation, Zerstörung und Abhängikeit geprägeten Verhältnis zwischen Mensch und Natur und offenbart letztlich unsere Unfähigkeit, trotz Wissen und Technologie unsere Unfähigkeit, Natur vollständig zu begreifen und zu kontrollieren. So spürt der Künstler Robert Zhao Renhui aus Sinagpur in mehreren Videoarbeiten mit dem Verschwinden und Verweilen von Vögeln in unterschiedlichen chinesischen Gegenden nach. Die sensible Komposition aus Videoaufnahmen und Sound zeigen vielfältige Verbindungen zwischen uns und den Lebewesen um uns herum auf. Nach dem Besuch der Ausstellung erklingt das Zwitscherkonzert der Vögel im Körnerpark umso intensiver.

  • Galerie im Körnerpark Schierker Str.8, Neukölln, tägl. 10–20 Uhr, bis 8.6.

Delaine Le Bas im Gorki Theater

Delaine Le Bas, „Love N Bullets Revisted 260921”, 2021. Foto:Alexander Christie/Delaine Le Bas

Seit jeher sprengt die britische Künstlerin Delaine Le Bas als weiße Romni, die an einer renommierten Londoner Kunsthoschule studiert hat, sätmliche Klischees. So verhält es sich auch mit ihrem vielfältigen Werk, das nicht nur zwischen künstlerischen Genres von Skulptur bis Video changiert, sondern auch die Liebe der einstigen Modestudentin zum Textil aufzeigt. Nach mehreren Kooperation mit dem Gorki Theater widmet ihr dieses im Rahmen des 5. Herbstsalons eine Einzelausstellung, zu der die Künstlerin auch Forscher:innen, Aktivist:innen und Kolleg:innen eingeladen hat. In „Beware of the linguistic engineering“ spürt die Le Bas der manipulativen Kraft der Sprache nach, wie sie sie vor allem in gesellschaftspolitischen Ereignissen wie dem Brexit und während der Corona-Pandemie wahrgenommen hat.

  • Maxim Gorki Theater Dorotheenstraße 3, Kiosk und Jurte, Mitte, Mo–So 12–20 Uhr, Eintritt frei, bis 26.6., Veranstaltungen und mehr Infos hier

„The Day Reader“ von Mathieu Kleyebe Abonnenc

„The Palace of the Peacock“, 2018, Detail, 3 x 5 m, Pfauenfedern, Tüll, Foto: Mathieu Kleyebe Abonnenc

Ein farbenreiches Kaleidoskop zum Globalen Süden ist in der Berliner Galerie des Instituts für Auslandsbeziehungen (ifa) entstanden, seit Pascale Marthine Tayou dort 2017 seine Installation zur deutschen Kolonialstadt Kolmanskop zeigte. Nun folgt Mathieu Kleyebe Abonnenc, im zweiten Teil der Reihe „Gods Moving in Places“ über Wissen und Weltanschauungen, die in Kolonien von den Besatzern verdrängt wurden. Der ehemalige DAAD-Stipendiat Abonnenc zeigt die prächtige Installation „The Palace of the Peacock“ (Abb.) und sparsam inszenierte Filme, für die man ein wenig Zeit braucht. Sie handeln von den Wechselbeziehungen zwischen Kolonialismus und Ökologie. Konkret geht es um Brandrodung, Bürgerkrieg und das Häuschen seiner Mutter.

  • ifa-Galerie Berlin Linienstr. 139/140, Mitte, Di-So 14-19, Do bis 20 Uhr, bis 12.6.

David Hockney – Landschaften im Dialog

David Hockney: „Three Trees near Thixendale“, Winter 2007, Öl auf acht Leinwänden, 183 x 488 cm, Sammlung Würth, Inv. 12503,
Foto: © David Hockney / Foto: Richard Schmidt

Nahe des englischen Dörfchens Thixendale malte der ehemalige Pop-Art-Künstler David Hockney in den Jahren 2008 und 2009 dieselben drei Bäume. Thixendale bei York zählt nur rund 180 Einwohnende, aber dem Baumtrio gönnte Hockney acht Leinwände pro Jahreszeit, jedes Bild knapp fünf Meter lang. Jedes Achterpaket zeigt die klassischen Variationen des Motivs: Bäume mit, ohne, mit wenig und mit fallendem Laub und entsprechende Felder drumherum. Die Gemäldegalerie vergleicht Hockneys nur scheinbar naive Bilder mit niederländischer und alter englischer Landschaftsmalerei, wie von Constable.

  • Gemäldegalerie Matthäikirchplatz, Tiergarten, Di-Fr 10-18, Sa/ So 11-18 Uhr, 8/4 €, bis 18 J. + ALG II frei, Zeitfenstertickets hier, bis 10.7.

Elliott Landy „Woodstock Vision“

Elliott Landy: „Van Morrison, Woodstock, NY“, 1969, ‘Moondance’ album cover shot.  Photo By ©Elliott Landy, LandyVision Inc.

Seine beste Zeit als Fotograf hatte Elliott Landy 1969 auf dem Woodstock-Festival, wo er zu den wenigen gehörte, die auf der Bühne Aufnahmen machen durften. Das damalige Zeitgefühl muss ganz seines gewesen sein, so intim und einfühlsam wirken seine Porträts von Janis Joplin, Bob Dylan und Van Morrison noch heute. Im Kranzler Eck sind jetzt Elliotts Fotos zu sehen, zusammen mit Archivmaterial und Originalobjekten der Zeit.

  • Kranzler Eck Joachimsthaler Str./ Kantstr., Charlottenburg, Mi–So 12–20 Uhr, 14/ 10/ 8 €, Tickets hier, bis 30.6.

Dayanita Singh

Dayanita Singh: „Offset Raum“, 2022, Foto: Luca Girardini 2022 / © Dayanita Singh

„Dancing with My Camera“ heißt Singhs Ausstellung im Gropius Bau, und tatsächlich fotografiert die Künstlerin aus Indien mit ihrer Hasselblad in Bauchhöhe, nutzt den Nabel als Stativ. Das gibt ihr mehr Bewegungsfreiheit, gerade, wenn sie auf gut besuchten Festen und Konzerten Menschen aufnimmt, die tanzen, sich begrüßen, umarmen. Aber auch die Besuchenden sind gefordert, mobil zu sein: Singh hat Möbel und Koffer entworfen, in denen sich Fotos wesentlich flexibler präsentieren lassen als nur an die Wand gehängt. Und die sich zu ganzen Ensembles rücken lassen wie hier im „Offset Raum“ von 2022.

  • Gropius Bau Niederkirchnerstr. 7, Kreuzberg, Mi-Mo 10-19 Uhr, 9/ 6 €, bis 18 J. + ALG II frei, Zeitfenstertickets hier, bis 7.8.

André Thomkins – Handarbeit, Tag und Nacht

André Thomkins: „Knopfei“, 1958/1977, Foto: Stefan Altenburger Photography, Zürich / © The Estate of André Thomkins

Einen „Geheimtipp“ nennen ihn die Ausstellungsmachenden, und tatsächlich ist die letzte Berliner Ausstellung von André Thomkins (1930-1985) rund 30 Jahre her. Schwer vorstellbar, wo doch sein Werk aus geistreichen Kleinobjekten und Wortwitz zwischen Surrealismus und Fluxus changiert. Nun holt die Sammlung Scharf Gerstenberg den Rückblick auf den Essener Künstler aus der Schweiz nach: mit rund 170 Arbeiten, in die ein schönes Booklet das Publikum hervorragend einführt.

  • Sammlung Scharf Gerstenberg Schloßstr. 70, Charlottenburg, Di-Fr 10-18, Sa/So 11-18 Uhr, 12/6 €, bis 18 J. + ALG II frei, Zeitfenstertickets hier: smb.museum, bis 24.7.

1910 – Brücke. Kunst und Leben

Ernst Ludwig Kirchner: „Heckel, ruhend“, 1909/10, Tusche, Brücke-Museum; Foto: Roman März / Ernst Ludwig Kirchner

Berlin war Thema im ersten Teils einer Ausstellungsreihe des Brücke-Museums, die Leben und Wirken der expressionistischen Brücke-Künstler untersucht. Die Kurator:innen arbeiten sich rückwärts vor: Der aktuelle zweite Teil rückt Dresden und die Moritzburger Teiche in den Mittelpunkt, an deren Ufer sich die expressiven Künstler vor ihrem Umzug nach Berlin an Natureindrücken erprobten. Interessant wird, ob auch Erkenntnisse aus derAusstellung zur Brücke und der Kolonialzeit Anfang 2022 in die neue Schau finden. Mehr zur Ausstellung über den Durchbruch der Brücke-Künstler lest ihr hier.

  • Brücke-Museum Bussardsteig 9, Dahlem, Mo, Mi-So 11-17 Uhr, 6/ 4 €, bis 28.8.

Picasso in Brandenburg

Neuhardenberg in Brandenburg: Schloss Neuhardenberg mit Park Neuhardenberg, Foto: Imago /Jürgen Ritterg

Das Schloss Neuhardenberg wird 20 Jahre alt und feiert sein Jubiläum unter anderem mit Picasso. In der Ausstellung „Auf der Suche nach Harmonie – Picassos Klassizismus und die Moderne“ am Neuhardenberger Schinkelplatz geht es um Demokratie und Pablo Picassos Fragen zur Weltordnung nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Im Zentrum stehen Radierungen und Lithografien – und wer einen Ausflug ins östliche Brandenburg Richtung Oderbruch macht, findet in Neuhardenberg auch sehr gute Küche und reichlich Landschaft zum Spazieren.

  • Schloss Neuhardenberg 15320 Neuhardenberg, Schinkelplatz, Di–So 11–16 Uhr, 5/3 €, bis 26.6.

Candida Höfer

Alles im Blick: „Wartesaal Düsseldorf III“, Candida Höfer, 1981. Foto: Candida Höfer/VG Bild-Kunst, Bonn 2021

Moskau, New Haven und Düsseldorf, wo sie in den 1970er-Jahren studierte: Überall fotografiert Candida Höfer große Räume, in Konzerthäusern etwa, Universitäten, Museen und Zoos. Menschen sind in ihren Aufnahmen nicht zu sehen, doch die Architektur und Ausstattung der Säle zeugen von ihrem Denken und ihrem Umgang miteinander. Das Museum für Fotografie zeigt 90 Aufnahmen von Höfer aus 40 Jahren und vergleicht sie mit Architekturfotos aus Seinen Beständen.

  • Museum für Fotografie Jebensstr. 2, Charlottenburg, Di + Mi, Fr–So 11–19, Do 11–20 Uhr, 10/ 5 €, bis 18 J. + ALG II frei, bis 28.8., Tickets

Beirut and the Golden Sixties

Juliana Seraphim, „Untitled“, 1979. Foto: Courtesy Saleh Barakat Gallery/Agial Art Gallery

Zwischen 1958 und 1975 galt Beirut als kulturelles und intellektuelles Zentrum an der östlichen Mittelmeerküste. Es war die Zeit nach der Libanonkrise mit den Spannungen zwischen pro-westlichen Christen und nationalistischen Muslimen und vor Beginn des libanesischen Bürgerkriegs, der von 1975 bis 1989 dauerte. Rabih Mroués aktuelle Einzelschau in den Kunst-Werken zeugt auch von diesen Zeiten. Der Gropius Bau rollt zufällig zeitgleich den passenden Hintergrund auf: in einer Ausstellung mit 230 Arbeiten, vor allem Gemälden von 34 Künstler:innen wie etwa Rafic Charaf, Etal Adna, Simone Fattal, Juliana Seraphim und vielen Archivdokumenten, die von der Blüte Beiruts in den 60er-Jahren zeugt. Zusammengestellt haben die Ausstellung Sam Bardaouil und Till Fellrath, assoziierte Kuratoren des Gropius Bau, die seit diesem Jahr Direktoren am Hamburger Bahnhof sind.

  • Gropius Bau Niederkirchnerstr. 7, Kreuzberg, Mi-Mo 10-19 Uhr, 15/ 10 €, bis 16 J. + ALG II frei, bis 12.6, weitere Infos hier

Fresh A.I.R. #6 – Reflecting Migration

Porträts und Arbeitsergebnisse der Stipentiat*Innen des Fresh A.I.R. Programms für die Stiftung Berliner Leben in den Atelierwohnungen  Künstlerin: Denise Lobont (Rumänien)  mit Growing Diaspora reflektiert sie die aktuelle Situation von Saisonarbeiter*innen aus Rumänien in Deutschland. Foto: Victoria Tomaschko
Porträts und Arbeitsergebnisse der Stipentiat*Innen des Fresh A.I.R. Programms für die Stiftung Berliner Leben in den Atelierwohnungen Künstlerin: Denise Lobont (Rumänien) mit Growing Diaspora reflektiert sie die aktuelle Situation von Saisonarbeiter*innen aus Rumänien in Deutschland. Foto: Victoria Tomaschko

Zwölf junge Künstler:innen stellen auf Einladung der von Gewobag gegründeten Stiftung Berliner Leben in der Bülowstraße 90 aus. Obwohl sie in verschiedenen Medien arbeiten, haben sie etwas gemeinsam: Sie haben ein Stipendium der Stiftung und arbeiten zu Migration. Ein Thema, das viele von ihnen aus eigener Anschauung kennen: Sie kommen aus zehn Ländern und leben seit Oktober in Atelierwohnungen in der Nachbarschaft des Urban Nation-Museums für Street Art.

  • Bülowstr. 90  Bülowstr. 90, Schöneberg, Di-So 11-18 Uhr, Eintritt frei, bis 31.7.

Encantadas – Transzendentale Kunst aus Brasilien

 HInter A TRÄNSALIEN steckt  die Künstlerin Ana Giselle. Foto: Ernani Oliveira
HInter A TRÄNSALIEN steckt die Künstlerin Ana Giselle. Foto: Ernani Oliveira

Im Zug der Dekolonialisierung suchen Künstler:innen auch spirituelle Ideen, die durch die Christianisierung verdrängt wurden. Die Ausstellung im Schwulen Museum zeugt davon. Die Kurator:innen A TRANSÄLIEN, Sanni Est und Ué Prazeres präsentieren sieben Künstler:innen aus dem Norden und Nordosten Brasiliens. In verschiedenen Medien verbildlichen sie ihre Weltanschauungen, die sich unter anderem aus den Kosmovisionen der Maya speisen.

  • Schwules Museum Lützowstr. 73, Tiergarten, Mo, Mi, Fr 12–18, Do 12–20, Sa 14–19, So 14–18 (1.So/ Monat bis 20 Uhr), 9/ 3 €, bis 18.7., Tickets

Landscapes of Belonging

Installationsansicht / Installation view, Maschinenhaus M1, KINDL – Zentrum für zeitgenössische Kunst, Berlin / Maschinenhaus M1, KINDL –Centre for Contemporary Art, Berlin v.l.n.r. / left to right:, Elsa Salonen, Pyhästä lehdosta vuodatettu väri (Farbvergießen im heiligen Hain), 2021 – 2022 Magnús Sigurðarson, Diamond over Helgafell II, 2018 Foto / Photo: Jens Ziehe, 2022

Zwar lernen Europäer:innen gerade, sich der kolonialen Vergangenheit ihrer Länder zu stellen – wie das Amsterdamer Rijksmuseum aktuell mit einer Ausstellung zum indonesischen Unabhängigkeitskrieg präsentiert. Oder wie ab Mitte März die Ausstellung zu Paul Gauguins Gemälde von seinen Südsee-Reisen zeigen wird. Doch die binneneuropäischeKolonialisierung indigener Gruppen mit Zwang zu Christianisierung, Sesshaftwerdung und Verlust der Herkunftssprache bleibt ein Tabu. Umso erfreulicher, dass das Kindl-Zentrum seine neue Gruppenausstellung diesem Thema widmet. Rund 15 Künstler:innen zeigen Videos, Malerei, Installationen und Objekte vor allem zu Geschichte und Situation von Sami und Innuit in den nordischen Ländern. Als Ausgangspunkt dient dabei das Video „Arctic Hysteria“ (1999), die Pia Ârkê (1958-2007) über ihr Verhältnis zur Region von Nuugaarsuk Point in Grönland drehte. Auch Arbeiten der Documenta14-Teilnehmerin Britta Marakatt-Labba sind dabei.

  • Kindl-Zentrum  Am Sudhaus 3, Neukölln, Mi 12-20 Uhr, Do–So 12-18 Uhr, 5/3 €, bis 18 J. + 1. So/ Monat frei, bis 24.7.

Gemälde von Ferdinand Dölberg

Ferdinand Dölberg: „Bitte Widersetzen!“, Galerie Anton Janizewski, Foto: Sascha Herrmann/Ferdinand Dölberg/Courtesy Galerie Anton Janizewski 

Er gerade einmal knapp mehr als 20 Jahre alt, aber auf 3Sat lief bereits ein ganzer Dokumentarfilm über Ferdinand Dölberg aus Eisenach, der in Berlin bei Thomas Zipp studierte und mit seinem Bruder Milan gemeinsam Aktionen veranstaltet, wie auf der Straße Popcorn aus einem bunten Wagen zu verkaufen.  Die Galerie Anton Janizewski stellt jetzt geometrisch strukturierte, halb figürliche Gemälde von Dölberg aus, darunter ein großes Kreidebild auf einer Schultafel, das an sozialistische Wandmosaiken denken lässt.  

  • Galerie Anton Janizewski Goethestr. 69, Charlottenburg, Fr 12-18, Sa 14-18 Uhr, bis 11.3., Film bis 28.11. hier

Berlinische Galerie zeigt Modebilder

Ulrike Ottinger, „Aelita“ (Tabea Blumenschein), Berlin, 1974–1976. Foto: Ulrike Ottinger/Berlinische Galerie

Ich bin eine andere: Mode kann eine solche Verwandlung in – nein, nicht in Sekundenschnelle, aber doch in einer recht kurzen Zeit – ermöglichen. So, wie auf der Fotografie von Tabea Blumenschein, das die Filmemacherin Ulrike Ottinger Mitte der 1970er-Jahre von ihr machte. „Aelita“ ist der Titel, nach der Hauptfigur aus dem sowjetischen Science-Fiction-Stummfilm „Aelita – Der Flug zum Mars“. Es ist vor allem dieser imposante, retro-futuristische Kopfschmuck, der Tabea Blumenschein hier in eine völlig andere Raum-Zeit-Personen-Kontinuität katapultiert.

Wie kommunizieren wir mit dem Zeichensystem Mode? Und wie stehen Kunst und Mode zueinander? Dieser Frage geht die Berlinische Galerie nun in einer 100 Jahre umspannenden Ausstellung mit Fotografien, Zeichnungen und Gemälden nach.

  • Berlinische Galerie Alte Jakobstr. 124–128, Kreuzberg, Mi–Mo 10–18 Uhr, 10/ 6 €, bis 18 J. frei, bis 30.5., Tickets

Cash on the Wall


Lies Maculan: „Safe V“, 2019, C-Print auf Aluminium, Ed. 3, Werkfoto: Lies Maculan,   Lies Maculan / Galerie Deschler

Banknoten regnen auf Anahita Razmi herab, deren nackten Körper Scheine notdürftig dort bedecken. Ihr Video heißt „Iranian Beauty“ versinnbildlicht den Fall der iranischen Währung: Mussten Iraner:innen 2013, im Entstehungsjahr der Arbeit, 16.300 Rial zahlen, um einen Euro zu erhalten, sind es heute rund 48.000 Rial.

Razmis Video bildet eines der Zentren von „Cash on the Wall“, der neuen Ausstellung in den Charlottenburger Hallen der Stiftung Kunstforum Berliner Volksbank. Auf zwei Etagen geht es um Geld, Gold und NFTs, aber auch um Währungen und Werte. Lange war all das nicht so unsicher und unverständlich wie heute. Die Arbeiten decken rund ein halbes Jahrhundert ab, reichen von Beuys bis Lies Maculan, von Klaus Staeck bis Via Lewandowsky, der eine ganz frische Neon-Arbeit zeigt. Rund 40 Künstler:innen und –gruppen sind dabei.

  • Stiftung Kunstforum Berliner Volksbank Kaiserdamm 105, Charlottenburg, Di-So 10-18 Uhr, 4/ 3 €, bis 18 J. + ALG II frei, bis 19.6.

Marx und der Kapitalismus

„Das Kapital“, persönliches Exemplar von Karl Marx mit handschriftlichen Anmerkungen Verlag von Otto Meissner Hamburg, 1867 Foto: International Institute of Social History, Amsterdam / Verlag von Otto Meissner Hamburg, 1867

Der Denker Karl Marx war ein Mann der Widersprüche. „Im Werk von Karl Marx hat es kein theoretisches Gesamtkonzept gegeben“, sagt Sabine Kritter, wissbegierige Kuratorin, über die Ausstellung „Karl Marx und der Kapitalismus“ im Deutschen Historischen Museum. Eine steile These über das Gedankengut eines Philosophen, der die Gesellschaft bekanntermaßen säuberlich in Proletariat, Bourgeoisie und Kapital sortierte. Zudem hat er mit seinen Baukästen sehr statische Systeme wie die Planwirtschaften im kommunistischen Block des 20. Jahrhunderts hervorgebracht.

Die Ambivalenzen in seinem Werk herauszuschälen, soll hingegen das bestimmende Motiv im Parcours der DHM-Ausstellung sein. Marx verurteilte etwa Bluträusche von Konterrevolutionären, goutierte aber potenzielle Gewalt der Kommunarden aus der Arbeiterklasse. Seine Schrift „Zur Judenfrage“ war antisemitisch, zugleich war feindliche Gesinnung gegenüber Juden nicht wesentlich für sein Schaffen. Ausstellungsbesucher:innen müssen keine nerdigen „Kapital“- Scholastiker sein. „Es geht darum, das Marx’sche Denken und Handeln auch auf einfache Weise nachzuvollziehen“, sagt Sabine Kritter. Marx im Deutschen Historischen Museum: Das sagt die Kuratorin.

  • Deutsches Historisches Museum Unter den Linden 2, Mitte, tägl. 10–18 Uhr, 8/4 €, Infos & Tickets, bis 21.8.

Illustre Gäste

„König Salomon und die Königin von Saba“ von Adriaen van Stalbemt, 17. Jh., Foto: Sammlung Würth

Die Kunstkammer Würth ist eine Abteilung des Privatmuseums Würth in Schwäbisch Hall, die Kunstgegenstände aus ehemaligen fürstlichen Sammlungen enthält. Rund 70 Objekte aus der Kunstkammer sowie aus den Staatlichen Museen geben einen Einblick über die politische und soziale Funktion der Adelsschätze.

Mit ein bisschen Fantasie kann man sich vorstellen, wie die illustren Gäste in einem von Kerzenschein erhellten Saal fachsimpelten über das Geschick von Kunsthandwerkern wie Leonhard Kern (1588 – 1662) oder Hans Daucher (1485 – 1538). Denn generell spiegelten die Objekte das Selbstverständnis ihrer Sammler wider. Sie zeugten von ihrem Wissen und von ihrem Können.

  • Kulturforum Matthäikirchplatz, Tiergarten, Di–So 10–17 Uhr, 24.12. geschl., 31.12. 10–14 Uhr, 8/ 4 €, bis 18 J. frei, Zeitfenstertickets: www.smb.museum, bis 10.7.

Frauen im Bode-Museu

Sie soll die schönste Frau Europas zu ihrer Zeit gewesen sein: Juliette Recamier, Kopie nach Joseph Chinard um 1800
Foto:  Staatliche Museen zu Berlin, Skulpturensammlung und Museum für Byzantinische Kunst / Antje Voigt
Sie soll die schönste Frau Europas zu ihrer Zeit gewesen sein: Juliette Recamier, Kopie nach Joseph Chinard um 1800
Foto: Staatliche Museen zu Berlin, Skulpturensammlung und Museum für Byzantinische Kunst / Antje Voigt

Es ist ein bisschen wie auf einer Schnitzeljagd. Wir betreten einen Saal im Bode-Museum und halten Ausschau nach dem Hinweis: ein grün-schwarzer Aufkleber mit der Aufschrift  “Der zweite Blick”. Und dann entdecken wir ihn an der Vitrine neben dem kleinen Bronzerelief (1520) von Hans Schwarz, das die Römerin Lucretia beim Selbstmord zeigt. In einer Hand hält sie den Dolch, mit der anderen streift sie das Oberteil herunter, entblößt ihre Brust. Auf dem dazugehörigen Zettel in einem Kasten neben der Vitrine erwarten uns aber kein Rätsel, sondern Aufklärung: über Lucretias tragische Geschichte genauso wie über die Entblößungsgeste, die letztlich nur der erotischen Aufladung der brutalen Szene dient.

So entdecken wir mehr als 60 weitere Frauendarstellungen, überall in der großen Sammlung spätantiker bis klassizistischer Kunst verteilt. Die innovative Ausstellungsreihe „Der zweite Blick” widmet sich in der zweiten Ausgabe der Frau, genauer den Geschichten und Rollenbildern hinter den Werken – und unterzieht diese einer heutigen, kritischen Betrachtung. Auf sechs thematischen Routen lernen wir Frauen aus Europas (Kunst-)Geschichte und Mythologie kennen, aber auch Berlinerinnen von heute wie die Straßensexarbeiter:innen aus der Kurfürstenstraße.


Hamburger Bahnhof: Doppelausstellung zum Jubiläum

Siah Armajani: „Glass Front Porch for Walter Benjamin“, 2001, Glas, Plexiglas, Edelstahl, eloxiertes Aluminium, Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie, 2014 Schenkung des Künstlers an die Freunde der NationalgalerieStaatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie / Thomas Bruns / © The Estate of Siah Armajani and Rossi & Rossi

Es ist ein Geburtstag mit Hindernissen, aber es ist ein Geburtstag: Das Museum Hamburger Bahnhof wird 25 Jahre alt und feiert das mit zwei großen Ausstellungen. Die Sammlung Flick mag abziehen aus dem Museum, der Vertrag über die Sicherung der Rieck-Hallen hinter dem Hauptgebäude noch nicht unterzeichnet sein; und noch ist unklar, was die neuen Direktoren Sam Bardaouil und Till Fellrath vorhaben. Doch Museumsleiterin Gabriele Knapstein hat für zwei große Jubiläumsschauen gesorgt: „Church for Sale“, eine Kooperation mit der Berliner Haubrok Stiftung, zeigt politische Kunst zum Thema Ausverkauf des Öffentlichen an Privat, und „Nation, Narration, Narcotis“ thematisiert mit Kunst aus aller Welt Klima und Umwelt.

  • Hamburger Bahnhof Invalidenstr. 50/ 51, Tiergarten, Di-Fr 10-18, Sa/So 11-18 Uhr, Do bis 20 Uhr, 14/ 7 €, bis 18 Jahre frei, Zeittickets hier, „Church for Sale“: bis 19.6., „Nation, Narration, Narcosis“ bis 3.7.

Jubiläumsschau: Friendship. Nature. Culture

Isabell Heimerdinge: Still aus „Soon It Will Be Dark“, 2020. Foto: Isabell Heimerdinger / Courtesy Galerie Mehdi Chouakri, Berlin / Daimler AG (Filmstill)

Eine Schnapszahl: 44 Jahre alt wird die Kunstsammlung von Daimler. Ein Anlass, wieder einmal vorbeizusehen in den Berliner Ausstellungssälen des süddeutschen Automobilherstellers, die wichtig waren für Berlin, als die Neubauten am Potsdamer Platz noch neu waren, um die es aber zuletzt ruhig geworden ist. Rund 100 Sammlungsstücke von 70 Künstler:innen aus den Jahren 1920 bis 2021 sind zum Thema „Freundschaft. Natur. Kultur“ zu sehen. Teils museal, teils wohnlich gehängt und gestellt, vermitteln sie einen guten Einblick in die rund 3.000 konzeptuelle Werke umfassende Sammlung der Firma. Und der Ausblick aus den Fenstern ist wirklich enorm.

  • Daimler Contemporary Berlin Haus Huth, Alte Potsdamer Str. 5, Mitte, Mo-So 11-18 Uhr, bis 21.8.

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