Kunst

Aktuelle Ausstellungen in Berlin: Unsere Tipps für Kunst-Fans

Berlins Kunstwelt ist immer in Bewegung, fast täglich beginnen und enden Schauen. Welche Ausstellungen starten, ihr unbedingt sehen solltet und welche bald enden, lest ihr hier. Claudia Wahjudi und Ina Hildebrandt geben Tipps für Kunst und die besten aktuellen Ausstellungen in Berlin.


Neu: Blick in die Wolken – Songs of the Sky

„Dirty Minimal #70.1 — Wolkenmeer/29,3 Tonnen CO2“, 2012 von Almut Linde. Foto: Almut Linde / Courtesy PSM, Berlin

Neben der Retro von Harald Hauswald zeigt das Fotohaus C/O Berlin eine Ausstellung über den Einfluss von Technik und Gesellschaft auf den Blick in die Wolken. Zählte dieser in vorindustriellen Zeiten zur Tagesordnung aller, die im Freien arbeiteten, haben ihn heutige Großstädter:innen verlernt. Sie schauen auf die Wetter-App.

Doch mit dem Bewusstsein für die Klimakrise lernen wir den Blick neu. Hauskuratorin Kathrin Schönegg hat diese formal abwechslungsreiche und inhaltlich anspruchsvolle Schau zusammengestellt – mit Arbeiten etwa von Louis Henderson, Trevor Paglen sowie der NASA und von Almut Linde.

  • C/O Berlin Hardenbergstr. 22–24, Charlottenburg, Mo–So 11–20 Uhr, 24.12. geschl., 25.12.+1.1. 14–20 Uhr, 31.12. 11–17 Uhr, 10/ 6 Euro, bis 18 J. frei, Zeitfenstertickets: co-berlin.org, bis 21.4.

Neu: Virus im Netz – #ensemble

SABAA.education „Afrika und die Pandemie“ l-believe-l-can-fly von Clara-Aden. Foto: Clara Aden

Als hätten sie geahnt, dass eine neue Pandemiewelle droht, haben die Teams des Weddinger Afrika-Hauses und der gemeinnützigen Bildungsgesellschaft Sabaa.education die Ausstellung samt Führungen von vornherein digital geplant. Sogar der Katalog steht bereits online. Und alle begleitenden Gespräche sind hybrid angelegt worden.

Doch kein Wunder: Der mit insgesamt 2.500 Euro dotierte Kunst- und Literaturwettbewerb „#ensemble“, den Sabaa Anfang 2021 für Kulturschaffende in Subsahara-Ländern ausschrieb, hat die dortigen Folgen der Pandemie zum Thema. Eine Jury, paritätisch aus Nord und Süd besetzt, wählte die Gewinner:innen Clara Aden, Antoinette McMaster und Eshinlokun Wasiu. Nun sind ihre Beiträge und die weiterer Teilnehmender online zu finden: bestürzende, ermutigende, informative Fotografien, Illustrationen und Gemälde von Laien wie Profis.


Neu: Abstrakt und konkret – Iris Schomaker, Franka Hörnschemeyer

„Noise Sphere 27 November 2021 to 5 February 2022“ von Franka Hörnschemeyer Foto: Stefan Haehnel / © und Courtesy Franka Hörnschemeyer, 2021/VG Bild-Kunst, Bonn 2021 / Galerie m, Bochum / Galerie Nordenhake, Berlin and Galerie Thomas Schulte, Berlin

Ein großartiges Doppel! In der Galerie Thomas Schulte vermisst die Installationskünstlerin und Bildhauerin Franka Hörnschemeyer mit patiniertem Stahl und ebensolchen Kisten Höhe und Klang der Säle. Exakt bildet das Material Winkel in dem halbrunden Eckraum.

Dazu passen die geheimnisvollen Figuren auf Iris Schomakers Gemälde bestens: In sich gekehrt sinnen sie, in reduzierten Farben geometrisch streng auf ungerahmtes Papier gemalt, über Unbekanntes nach. Auch in der Badewanne.

  • Galerie Thomas Schulte Charlottenstr. 24, Mitte, Di–Sa 12–18 Uhr, bis 5.2.

Neu: Illustre Gäste

„König Salomon und die Königin von Saba“ von Adriaen van Stalbemt, 17. Jh., Foto: Sammlung Würth

Die Kunstkammer Würth ist eine Abteilung des Privatmuseums Würth in Schwäbisch Hall, die Kunstgegenstände aus ehemaligen fürstlichen Sammlungen enthält. Rund 70 Objekte aus der Kunstkammer sowie aus den Staatlichen Museen geben einen Einblick über die politische und soziale Funktion der Adelsschätze.

Mit ein bisschen Fantasie kann man sich vorstellen, wie die illustren Gäste in einem von Kerzenschein erhellten Saal fachsimpelten über das Geschick von Kunsthandwerkern wie Leonhard Kern (1588 – 1662) oder Hans Daucher (1485 – 1538). Denn generell spiegelten die Objekte das Selbstverständnis ihrer Sammler wider. Sie zeugten von ihrem Wissen und von ihrem Können.

  • Kulturforum Matthäikirchplatz, Tiergarten, Di–So 10–17 Uhr, 24.12. geschl., 31.12. 10–14 Uhr, 8/ 4 €, bis 18 J. frei, Zeitfenstertickets: www.smb.museum, bis 10.7.

Neu: Außenansichten – Inge Mahn

„Adventskranz“ von Inge Mahn. Foto: def image /© Inge Mahn /Courtesy the artist and Galerie Max Hetzler, Berlin | Paris | London

Die Weihnachtszeit ist schon wieder gefühlt eine halbe Ewigkeit her, aber Inge Mahns fragile Plastik im Schaufenster von Max Hetzler lässt noch an den kippeligen Frieden denken, um den wir uns in dieser Zeit bemühten.

Das rührt bei Betrachtenden womöglich an verdrängte Weihnachtserlebnisse und ist ein schönes Beispiel für die Auseinandersetzung mit Alltagsgegenständen, für die die 1943 geborene Bildhauerin berühmt ist. Und die sie bis 2009 an der Kunsthochschule Weißensee vielen Studierenden vermittelte.

  • Galerie Max Hetzler Windows Goethestr. 2/3, Charlottenburg, Di–Sa 11–18 Uhr, von außen einsehbar, bis 19.1.

Neu: Art is present – Aura Rosenberg

Ausstellungsansicht in der Galerie Galerie Efremidis von Aura Rosenberg. Foto: Marjorie Brunet Plaza

Auf den ersten Blick scheint sich Aura Rosenbergs Ausstellung bei Efremidis schnell erfassen zu lassen. Auf dem Boden stehen Miniaturen der Siegessäule, wie sie die in New York und Berlin lebende Künstlerin 2003 als Souvenir entwarf. An den Wänden hängen traumartige Bilder mit Symbolen von der Wall Street wie dem Bullen.

Doch auf den zweiten Blick lässt sich erkennen, dass Rosenberg ihrer Auseinandersetzung mit Walter Benjamin treu geblieben ist: Es geht auch um Kunstwerke im Zeitalter ihrer technischen Reproduzierbarkeit. Denn die Bilder lassen sich kaum abbilden: Es sind Lentikulardrucke, die ihre Details nur preisgeben, wenn man persönlich an ihnen vorüber geht.

  • Galerie Efremidis Ernst-Reuter-Platz 2, Charlottenburg, Di–Sa 11–18 Uhr, Terminbuchung: efremidisgallery.com, bis 20.1.

Letzte Chance: Haunt – Gezeichnete Welt

Sandra Vásquez de la Horra „Durmiente 1“, 2018 Foto: Sandra Vásquez de la Horra und KEWENING Berlin

Diesen neuen Projektraum haben wir euch bereits als einen der interessantesten neuen Kulturorte in Berlin bereits vorgestellt. Wer noch nie da war, dem bietet sich jetzt eine gute Gelegenheit. In der Gruppenausstellung „CHARTA #2 – Identity and Narration“ werden Arbeiten der Künstler:innen Marc Brandenburg, Stella Geppert, Marianna Ignataki, Tim Plamper und Sandra Vásquez de la Horra gezeigt.

Sie eint das Medium der Zeichnung und das Dauerbrenner-Thema Identität – im persönlichen als auch künstlerischen Sinne. Dazu gehören die eigene Herkunft genauso wie die Bedingungen des künstlerischen Schaffens. Der jeweilige künstlerische Ausdruck ist dabei sehr eigen. So ist Marc Brandenburg bekannt für seine nach Fotografien präzise gearbeiteten Graphit-Zeichnungen, die durch Schwarzlicht-Beleuchtung hyperrealistisch und entrückt zugleich wirken. Schon an der Schwelle zum Objekt befinden sich die leporelloartigen Arbeiten von Vásquez de la Horras. Hybride Formen für hybride Identitäten und Erzählungen.

Haunt Kluckstraße 23 Ak, Schöneberg, Mi–Sa 14–18 Uhr, bis 22.01.


Letzte Chance: Indian Storytellers

Cop Shiva: „The Street As Studio – tiger man“ aus der Serie Migration“

Welch sicheren Blick auf Fotografie man in der Schöneberger Galerie Under the Mango Tree hat, war auf der Positions-Messe der jüngsten Art Week und ist jetzt in der Schöneberger Salongalerie erneut zu sehen. Eine kleine Ausstellung zeigt feine zeitgenössische Fotografien aus Indien, dem Heimatland von Galeriegründerin Mini Kapur. Farbe und Architekturen prägen die Aufnahmen – die sich Architektur und Menschen widmen wie hier Cop Shivas kraftstrotzendes Bild „The Street As Studio – tiger man“.

Under the Mango Tree Merseburger Str. 14, Schöneberg, Mi–Fr 15.30–19, Sa/So 13–16.30 Uhr, bis 22.1.


Letzte Chance: Unromantische Romantik – Carl Blechen

Carl Blechen: „Viadukt bei Atrano“, 1829, Öl auf Papier auf Holz, 15,8 x 20,5 cm
Foto: codiarts/Harry Müller & Ben Peters GbR / Carl-Blechen-Sammlung der Stadt Cottbus bei der Stiftung Fürst-Pückler-Museum

Er zählt zu den berühmtesten Söhnen von Cottbus. Sein Grab muss auf dem Friedhof im Bergmannkiez gelegen haben, doch die Hochwasser im einstigen Kreuzberger Sumpfgebiet haben es verschwinden lassen. Jetzt erinnert dort nur noch eine Gedenktafel an den Maler Carl Blechen, der wohl der romantischste der deutschen Romantiker war. Sein Werk vereint die Leichtigkeit italienischen Lichts mit der Härte deutscher Winter im 19. Jahrhundert. Der Maler Max Liebermann zählte zu seinen Bewunderern, und so beschert die Liebermann-Villa Berlin endlich wieder einmal eine Blechen-Schau. Sie zeichnet sich durch viel Wissenswertes zur Rezeption von Blechens Werk aus.

  • Liebermann-Villa Colomierstr. 3, Wannsee, Mi-Mo 11-17 Uhr, 10/ 6 €, bis 18 J. frei, Zeittickets: liebermann-villa.de, bis 24.1.2022

Letzte Chance: Alte Meister – Sammlung Solly

Paul Bril: „Bergiges Meeresufer“, um 1624 Foto: Staatliche Museen zu Berlin, Gemäldegalerie/Christoph Schmidt/Paul Bril

Eine Basis der Bestände der Gemäldegalerie bildet die Sammlung des englischen Kaufmanns Edward Solly, der während der Napoleonischen Kriege mit Holz reich geworden sein soll. Geld gab er unter anderem für Bilder von Giotto, Botticelli und Paul Brils „Bergiges Meeresufer“ (Abb.) aus. Ein Teil seiner Sammlung ging an die Berliner Museen. Die Gemäldegalerie thematisiert jetzt Sollys Sammlung in einer Sonderschau.

  • Gemäldegalerie Matthäikirchplatz, Tiergarten, Di, Mi + Fr 10–18, Do bis 20, Sa/So 11–18 Uhr, 10/5 €, bis 18 J. frei, Zeittickets: smb.museum, bis 16.1.2022          

Letzte Chance: Bröhan total!

Eugène Gaillard, Speisezimmer, 1899-1900. Foto: Martin Adam/Bröhan-Museum / Eugène Gaillard

Es gibt sie noch, die Sammler:innen, die kein Aufhebens um sich machen: Eine Privatperson aus Schöneberg hat dem Bröhan-Museum mehr als 100 farbige Gläser des Gestalters Jean Beck (1862–1938) gestiftet, der seine Laufbahn bei Villeroy & Boch begann. Die Gläser werden jetzt zu der Ausstellung „Bröhan Total!“ präsentiert, mit der das Jugendstil-Museum den 100. Geburtstag seines Namensgebers, des Berliner Kunstsammlers und Großhändlers Karl H. Bröhan feiert. Neben Becks Glaskunst sind ­Höhepunkte aus Museum und Depot zu ­sehen, etwa Gemälde der Berliner Secession, funktionalistisches Design – und schwedischer Jugendstil (wie im Foto) von Alfred Grenander, der Berliner U-Bahnhöfe wie ­die Station Wittenbergplatz gestaltete.

  • Bröhan-Museum Schloßstr. 1a, Charlottenburg, Di-So 10-18 Uhr, 8/5 €, bis 18.J. + 1. So + 1.Mi/ Monat frei, Zeittickets: broehan-museum.de, bis 16.1.2022

Letzte Chance: Alicja Kwade – „In Abwesenheit“

Berlinische Galerie, Alicja Kwade: „Selbstporträt“, 2020,
Foto: Roman März / Courtesy Alicja Kwade und KÖNIG GALERIE, Berlin/ London/ Seoul/ Decentraland

Sie zählt zu den bekanntesten Berliner Gegenwartskünstlerinnen und fragt doch, wer sie sei. Alicja Kwade musste wegen der Pandemie ihre Einzelausstellung im Museum Berlinische Galerie um ein Jahr verschieben, und nun dreht diese sich ganz um diese Frage. Antworten hat die Berliner Künstlerin auf wissenschaftliche Art gesucht: Sie hat ihre DNA auf über 300.000 DIN A4-Seiten gedruckt. Sie hat die chemischen Elemente, aus denen ihr Körper besteht, in Glas gefasst (Foto). Sie lässt ihren Herzschlag in einer Klanginstallation ertönen. Doch mit Naturwissenschaften allein lässt sich ein Mensch nicht entschlüsseln: All die Daten ergeben noch kein Individuum mit Willen, Gefühlen und Gedanken. Was man zwar schon wusste, aber trotzdem ein tröstliches Ergebnis ist.

  • Berlinische Galerie Alte Jakobstr. 124-128, Kreuzberg, Mi-Mo 10-18 Uhr, 10/7 Euro, bis 18 J. + 1. So/ Monat frei, Zeittickets: berlinischegalerie.de, bis 17.1.2022

Letzte Chance: Thea Djordjadze – „all buildings as making“

Thea Djordjadze. Foto: Maka Kukulava, at.ge

Dünne Rohre, Bleche in Ballen: Die Berliner Raumkünstlerin Thea Djordjadze (Foto) überführt die Bildhauerei in luftige Sphären. Jetzt stellt sie in dem nach dem Archäologen Heinrich Schliemann benannten Saal des Gropius Baus aus: Objekte, Plastiken und Skulpturen, die ins Unbewusste zielen. Für ihren letzten großen Auftritt vor der Pandemie 2019 im Schweizer Kunstmuseum Winterthur inszenierte in neun Sälen Stahlrahmen, Acryl, Schirme, blaue Farbe auf Glas und schiefe Stühle, die sich nicht zum Sitzen eigneten – alles materialbasierte Interpretationen des Ortes und voller Anspielungen auf die jüngere Kunstgeschichte. Das macht es spannend, was sie sich für Berlin ausgedacht hat.

  • Gropius Bau Niederkirchnerstr. 7, Kreuzberg, Mi-Mo 10-19 Uhr, 15/10 €, bis 16 J. frei, Zeittickets: berlinerfestspiele.de, bis 16.1.2022

Letzte Chance: Ferdinand Hodler

Ferdinand Hodler: „Der Tag“, 1899-1900. Foto: Ferdinand Hodler / © Kunstmuseum Bern, Schweiz

Titel wie „Heilige Stunde“ oder „Ergriffenes Weib“ lassen es bereits ahnen: Da liegt etwas Schwelgerisches in den lichtdurchfluteten, von Blumen und Blättern gesättigten Bildern Ferdinand Hodlers (1853–1918). Der Schweizer Maler zählt zu den Vertreter:innen des Symbolismus, dessen idealistische Überhöhungen lang als kitschig galten, der aber gerade neues Interesse erfährt – nicht zuletzt wegen der Naturliebe und seiner der Reformbewegung nahen Haltung, die gegen die Konventionen der kaiserlichen Klassengesellschaft verstieß. Hodler zeigte seine Werke bis zum Ersten Weltkrieg auch regelmäßig in Berlin. Nun zeichnet die Berlinische Galerie in Kooperation mit dem Kunstmuseum Bern diese deutsch-schweizerische Beziehung in 50 Hodler-Gemälden nach, erweitert um Arbeiten von Corinth, Leistikow und der erst vor rund 20 Jahren wiederentdeckten Julie Wolfthorn, die 1944 im Konzentrationslager Theresienstadt starb.

  • Berlinische Galerie Alte Jakobstr. 124-128, Kreuzberg, Mi–Mo 10–18 Uhr, 10/ 7 €, bis 18 J. + 1.So/ Monat frei, Zeittickets: berlinischegalerie.de, 10.9.–17.1.2022

Letzte Chance: Louise Stomps

Stefan Moses: Louise Stomps, Bildhauerin, Rechtmehring 1982, aus der Serie „Große Alte“ im Wald.Foto: Archiv Stefan Moses

Stefan Moses’ obiges Foto von 1982 lässt ahnen, dass Louise Stomps (1900–1988) eine unkonventionelle Frau gewesen sein muss. Sie ließ sich früh scheiden, in Abendklassen künstlerisch ausbilden, und sie arbeitete in der Männerdomäne Bildhauerei, schuf figürliche und zunehmend abstrakte Arbeiten aus Gips und Holz. Den Zweiten Weltkrieg und Stomps viele Umzüge sollen nur wenige überstanden haben. Doch immerhin 90 Skulpturen sind nun in ihrer ersten Retrospektive zu sehen: Das auf vergessene Künstlerinnen spezialisierte Verborgene Museum richtet Louise Stomps eine Gastschau in der Berlinischen Galerie aus – auch mit großen abstrahierten totempfahlähnlichen Figuren, die schon vor der Eröffnung in der zentralen Halle des Museums zu sehen waren.

  • Berlinische Galerie Alte Jakobstr. 124-128, Kreuzberg, Mi-Mo 10-18 Uhr, 10/7 €, bis 18 J. + 1.So/Monat frei, Zeittickets: berlinischegalerie.de, 15.10.-17.1.2022

Letzte Chance: Emeka Ogboh

Akwete beanbags für Emeka Ogbohs Klanginstallation „Ámà“ im Gropius Bau. Foto: Emeka Ogboh

Gerade noch hat er den verlassenen Flughafen Tegel mit edelstem Muzak bespielt: Auf dem Klangkunstfestival „Sonambiente“ umschmeichelte Emeka Ogboh einen Wartebereich mit seiner Komposition „final boarding call“, melancholische Schluss-Arpeggien nach einer Zeit, in der Fliegen als modern galt. Nun ist er schon wieder in Aktion. Der Klangkünstler, der aus Lagos mit einem DAAD-Stipendium nach Berlin kam und blieb, hat einen Treffpunkt im (eintrittsfreien) Lichthof des Gropius Baus eingerichtet. Hier ist unter einem künstlichen Baum Ogbohs Komposition „Ámà“ aus Gesängen traditioneller Igbo-Chöre aus Nigeria zu hören, Kissen von Designer:innen aus Nigeria (Abb.) laden zum Lagern und Zuhören ein. Denn zersplitterte Gesellschaften brauchen mehr zwanglose, kostenlose Treffpunkte im analogen Raum.

  • Gropius Bau Niederkirchnerstr. 7, Kreuzberg, Mi-So 10-19 Uhr, Eintritt in den Lichthof frei, sonst Hausticket für weitere Ausstellungen: 15/10 €, bis 16 J. frei, Zeittickets für weitere Ausstellungen: gropiusbau.de, bis 16.1.2022

Mario Rizzi –  Berlinische Galerie IBB Videoraum

Untitled Still from The Little Lantern, 2019, Courtesy the Artist and Italian Council

„Bayt“ heißt aus dem Arabischen wörtlich übersetzt das Haus, meint im weiteren Sinn aber auch das Zuhause als Ort des Angekommenseins, der Verwurzelung. Im Videokunst-Programm des IBB Videoraums der Berlinischen Galerie läuft die gleichnamige Film-Trilogie des in Berlin lebenden, italienischen  Filmemachers Mario Rizzi. Darin erzählt er von drei Frauen aus Syrien, Tunesien und dem Libanon und ihrem außergewöhnlichen Engagement,ein solches Zuhause trotz widrigster Umstände zu erschaffen. Statt auf dokumentarisch-journalistische Distanz setzt Rizzi auf Nähe zu seinen Protagonist:innen, deren Sichtweise so auch dem Publikum zugänglicher wird.

  • Berlinische Galerie Alte Jakobstraße 124-128, Kreuzberg, Mi–Mo 10–18 Uhr, 12/9 €, 5.1.–31.1., Tickets hier

Brücke-Expressionisten und der koloniale Blick

Emil Nolde, Meeresbucht, 1914, Öl auf Leinwand, Nolde Stiftung Seebüll ©  Nolde Stiftung Seebüll

Ihre farbstarken und expressiven Bilder gehören zu den wichtigsten Werken der modernen deutschen Kunstgeschichte. Die Künstler der Brücke, wie die Gruppe um Karl Schmidt-Rottluff genannt wird, strebten nach Befreiung der Farbe und Form, der eigenen Lebensweise und Sexualität . Ihre Zeit, das war auch die des deutschen Kolonialismus. Wie so viele europäische Künstler projizierten sie auf die Kulturen des globalen Südens exotisierende Gegenentwürfe zur Enge der bürgerlichen Gesellschaften.

Die neue Doppelausstellung „Whose Expression?“ und „Transition Exhibition“ im Brücke Museum beleuchtet die Begegnung der Brücke-Mitglieder mit Werken, aber auch mit Menschen aus kolonialen Kontexten. Ebenso setzen sich zeitgenössische Künstler:innen mit dem Nachlass von Schmidt-Rottluff auseinander, zu dem Kunstwerke aus über zwanzig Regionen der Welt gehören, größtenteils aus kolonialen Gebieten. Die Zeit ist reif für neue Gegenentwürfe. 

  • Brücke-Museum Bussardsteig 9, Dahlem, Mi– Mo 11 – 17 Uhr, 6/4 €, unter 18 J. frei, 18.12.21. bis 20.3.22

Schloss Biesdorf: Gekaufte Träume

Christian holte sich diese Platte nach der Wende bei WOM, in der Nähe vom Kurfürstendamm. Foto: Sophie Kirchner
Christian holte sich diese Platte nach der Wende bei WOM, in der Nähe vom Kurfürstendamm. Foto: Sophie Kirchner

100 Deutsche Mark. So viel bekamen DDR-Bürger:innen kurz nach der Maueröffnung bei ihrer Einreise in die Bundesrepublik. Begrüßungsgeld nannte man das damals. Was sich die Leute von dieser Starthilfe in die neue kapitalistische Wunderwelt gönnten, hielt Fotografin Sophie Kirchner in unaufgeregt inszenierten Bildern fest … ebenso wie die Käufer:innen selbst.

„Träume aus Papier“ lautet der Titel ihrer Arbeit und auch der Ausstellung im Schloss Biesdorf. Neben den Fotografien sind auch Interviews zu hören, die Kirchner mit ihren Protagonist:innen führte. Kleine Geschichten, die über das große Ganze erzählen.

  • Schloss Biesdorf Alt-Biesdorf 55, Marzahn-Hellersdorf, tägl. von 10 – 18 Uhr, Fr 12 – 21 Uhr, Eintritt frei, bis 4.3.22

Frauen im Bode-Museum

Sie soll die schönste Frau Europas zu ihrer Zeit gewesen sein: Juliette Recamier, Kopie nach Joseph Chinard um 1800
Foto:  Staatliche Museen zu Berlin, Skulpturensammlung und Museum für Byzantinische Kunst / Antje Voigt
Sie soll die schönste Frau Europas zu ihrer Zeit gewesen sein: Juliette Recamier, Kopie nach Joseph Chinard um 1800
Foto: Staatliche Museen zu Berlin, Skulpturensammlung und Museum für Byzantinische Kunst / Antje Voigt

Es ist ein bisschen wie auf einer Schnitzeljagd. Wir betreten einen Saal im Bode-Museum und halten Ausschau nach dem Hinweis: ein grün-schwarzer Aufkleber mit der Aufschrift  “Der zweite Blick”. Und dann entdecken wir ihn an der Vitrine neben dem kleinen Bronzerelief (1520) von Hans Schwarz, das die Römerin Lucretia beim Selbstmord zeigt. In einer Hand hält sie den Dolch, mit der anderen streift sie das Oberteil herunter, entblößt ihre Brust. Auf dem dazugehörigen Zettel in einem Kasten neben der Vitrine erwarten uns aber kein Rätsel, sondern Aufklärung: über Lucretias tragische Geschichte genauso wie über die Entblößungsgeste, die letztlich nur der erotischen Aufladung der brutalen Szene dient.

So entdecken wir mehr als 60 weitere Frauendarstellungen, überall in der großen Sammlung spätantiker bis klassizistischer Kunst verteilt. Die innovative Ausstellungsreihe „Der zweite Blick” widmet sich in der zweiten Ausgabe der Frau, genauer den Geschichten und Rollenbildern hinter den Werken – und unterzieht diese einer heutigen, kritischen Betrachtung. Auf sechs thematischen Routen lernen wir Frauen aus Europas (Kunst-)Geschichte und Mythologie kennen, aber auch Berlinerinnen von heute wie die Straßensexarbeiter:innen aus der Kurfürstenstraße.


Wiederaufnahme: Harald Hauswald

Harald Hauswald: „Kastanienallee, Prenzlauer Berg, Berlin“, 1986. Ein Junge spielt in einem alten Autowrack in einem Hinterhof in der Kastanienallee. Foto: Harald Hauswald / OSTKREUZ / Bundesstiftung Aufarbeitung

Es traf ihn im Herbst 2020 doppelt: Harald Hauswald zeigte seine Retrospektive „Voll das Leben!“ im Fotohaus C/O Berlin und ­beteiligte sich an der Europa-Schau der Fotoagentur Ostkreuz in der Akademie der Künste. Beide Ausstellungen mussten im zweiten Lockdown schließen. Am 11. Dezember soll nun bei C/O Berlin eine Wiederaufnahme der Retro beginnen, die nicht nur Hauswalds Fotos aus DDR und Wendezeit zeigte, sondern auch Akten und Aufnahmen der Staatssicherheit, deren Repressionen er erfuhr. Besonders anschaulich waren in der ersten Fassung auch Hauswalds Aufnahmen von der Räumung der besetzten Mainzer Straße in Berlin, die teils auf Fototapete in Wandgröße vergrößert waren. So weckten sie den Eindruck, mitten im Geschehen zu stehen. Das wird auf diese Art nicht wiederholbar sein: Die Wiederaufnahme findet im etwas niedrigeren ersten Stock statt.

C/O Berlin Hardenbergstr. 22–24, Charlottenburg, Mo–So 11–20 Uhr, 10/ 6 €, bis 18 J. frei, Zeittickets hier 11.12.bis 21.4.


Robert Irwin: Light And Space

Leuchtstoffröhren bilden ein abstraktes Muster und verändern die Wirkung des klobigen Kraftwerks. Foto: Scherer

Das Kraftwerk ist die Kulisse für Robert Irwins bisher größtes im Europa ausgestellte Werk. Die Installation zeigt Leuchtstoffröhren, die in abstrakten Mustern über eine riesige, freistehende Wand in dem imposanten Bau an der Köpenicker Straße angebracht sind – vorne hell, auf der Rückseite dunkel schimmernd. Irwin geht es bei seiner Arbeit um die Auseinandersetzung mit menschlicher Wahrnehmung des Raumes. Tatsächlich beherrscht der Fremdkörper die Halle, schmiegt sich aber gleichzeitig an sie an und vermittelt ein Gefühl von Ruhe.

  • Kraftwerk Köpenicker Straße 70, Kreuzberg, Di 10-20 Uhr, Mi 13-20 Uhr, Do 13-22 Uhr, Fr 13-20 Uhr, Sa+So 11-20 Uhr, geschlossen montags + 10./24./25./31.12 + 1./26./27.1. + 15./28./29.12. ab 18 Uhr, 10/5 €; Tickets und Infos hier; bis 30.1.

Straßenfotografie: Vivian Maier

Aus der Ausstellung „Streetqueen“ von Vivian Maier in der Bildgießerei Hermann Noack: „Chicago“, 3/15, Juni 1978 Chromogener Druck;
Foto: Estate of Vivian Maier, Courtesy Maloof Collection und Howard Greenberg Gallery, New York

Sie hatte einen tollen Sinn für Farben, fing das New Yorker Straßenleben aber auch in schwarzweißen Reportage-Aufnahmen ein, und sie deutete ihre Position als Frau und Kindermädchen in vielen ihrer Fotos an. Die Ausstellung „Streetqueen Vivian Maier“ in der Werkstattgalerie Noack greift die Stränge im Werk der US-amerikanischen Fotografin Vivian Maier (1926-2009) auf und zeigt zudem Super-8-Filme Maier. Die geben Aufschluss über ihre Arbeitsweise: Vivian Maier machte sich auf der Straße möglichst unauffällig und schaute so lange durch den Sucher, bis sie den richtigen Ausschnitt gefunden hatte.

Werkstattgalerie Noack Am Spreebord 9, Charlottenburg, Mo–Do 9–16, Fr 9–19, Sa 12–19, So 12–17 Uhr, bis 30.1.; Film „Finding Vivian Maier“: Fr, Sa, So 12.30 + 15 Uhr (Anmeldung hier)


Rostocker Gäste: „Kunst und Hallen“


Dieter Weidenbach, Märzlandschaft, 1977, Öl/Hartfaser,  Foto: Sammlung Kunsthalle Rostock / Dieter Weidenbach/VG Bild-Kunst, Bonn 2021

Die Kunsthalle Rostock, 1969 als einziger Museumneubau der DDR errichtet und in ihrer Gestalt eine Art kleine Schwester des abgerissenen Palasts der Republik, ist derzeit wegen Sanierung geschlossen. Damit die Sammlung trotzdem zu sehen ist, haben die Hanseaten eine Auswahl daraus nach Berlin geschickt, wo sie in Oberschöneweide auf Werke aus der Stiftung Reinbeckhallen treffen. Und so finden sich nun Skulpturen vom Bauhausschüler Theo Balden (1904–1995) neben Norbert Biskys Gemälden, Fotos von Ute und Werner Mahler neben Keramiken von Leiko Ikemura. Zudem dokumentiert ein Kapitel der Ausstellung die Geschichte der Rostocker Kunsthalle, in der sich die Kulturpolitik der DDR und des vereinten Deutschlands spiegeln.

Reinbeckhallen Reinbeckstr. 11, Schöneweide, Do–Fr 16–20, Sa/ So 11–20 Uhr, 9/ 4€, Tickets/Programm hier, bis 20.2. 


Bärenzwinger: Bevor die Bären kamen

Nachfolger eines Depots mit Toiletten: der Bärenzwinger 2019. Foto: Robert Eckstein
Nachfolger eines Depots mit Toiletten: der Bärenzwinger 2019. Foto: Robert Eckstein

Über 70 Jahre lebten mehrere Generationen von Bären im Zwinger, bis irgendwann die Zweifel am Wohlergehen der Tiere endlich laut genug waren, sodass mit dem Tod der letzten Stadtbärin – 2015 wurde die von Arthrose geplagte „Schnute“ eingeschläfert – im Bezirk Mitte entschieden wurde, den Zwinger zu schließen. Zwei Jahre später wurde er als ein spannender Experimentierort für junge Kunst wiedereröffnet.

Die kommende Gruppenausstellung, hat die Vorgeschichte des Bärenzwingers zum Thema, nämlich die öffentliche Toilette, die dort vorher stand. Berichte über homosexuelle Lokale in der Umgebung aus den 1920er-Jahren lassen auf ein „Cruising-Areal im Köllnischen Park“ schließen, wie Kurator Malte Pieper berichtet. Ausgehend von dieser historischen Konstellation zeigt die kommende Ausstellung „Into the Drift and Sway“ installative Arbeiten, Zeichnungen, Skulpturen und Textilwerke, die sich mit Männlichkeit, Cruising und Geschlecht sowie die Sicht auf sexuelle Aktivitäten rund um das „Café Achteck“ beschäftigen.

  • Bärenzwinger Am Köllnischen Park, Mitte, Di–So 11–19 Uhr, Eintritt frei, 2.12.–20.2.22

Superschau: Kulturgeschichte des Iran

„Wein trinkende Dame“, sig. Von Mu’in Musawir, Iran, 1672 Foto: The Sarikhani Collection/C. Bruce
„Wein trinkende Dame“, sig. von Mu’in Musawir, Iran, 1672 Foto: The Sarikhani Collection/C. Bruce

Für diese Ausstellung solltet ihr viel Zeit mitbringen. Durch 5.000 Jahre  Kunstgeschichte des Iran läuft man eben nicht mal locker in einer Dreiviertelstunde. Und die Gelegenheit dazu bekommt man auch nicht alle Tage. „Iran. Kunst und Kultur aus fünf Jahrtausenden“ heißt die Sonderausstellung in der James-Simon-Galerie, mit der erstmals in Berlin die herausragenden Kulturepochen des Iran vom 3. Jahrtausend v. Chr. bis zum frühen 18. Jahrhundert beleuchtet werden.

Die etwa 360 auf ihre Provenienz geprüfte Exponate erzählen davon, wie durch die Region Ideen aus Indien und China in den Westen und zurück strömten. Zu sehen sind Keramiken, Gewänder, Papierarbeiten und Miniaturen aus der Londoner Sarikhani Sammlung sowie der Sammlungen der Staatlichen Museen Berlin. Eine Zeit- und Weltreise für Wintertage. 

  • James-Simon-Galerie Bodestraße, Mitte, Di–So 10–18 Uhr, bis 18. J. frei, Preise und Zeittickets hier, 4.12.–20.3.22

Piazza Virtuale

Ausstellungsansicht: Mike Hentz, Archipel Van Gogh TV, 2021. Foto: Galya Feierman für Künstlerhaus Bethanien
Ausstellungsansicht: Mike Hentz, Archipel Van Gogh TV, 2021. Foto: Galya Feierman für Künstlerhaus Bethanien

Wer noch nicht da war, sollte schnell hin. Nur noch bis zum 5. Dezember läuft die Ausstellung „Van Gogh TV’s Piazza Virtuale“ im Künstlerhaus Bethanien und beleuchtet eines der großartigsten Kunstereignisse unserer Zeit. Während der documenta IX im Jahr 1992 entwickelte die Künstlergruppe Van Gogh TV mit „Piazza virtuale“ ein innovatives und extrem unterhaltsames TV-Experiment, bei dem die Nutzer:innen über Telefon und heimischer Glotze die Sendungen mitgestalten konnten. Viele dieser Ideen werden heute im Internet praktiziert. Die Ausstellung präsentiert zum ersten Mal das Material, das von dem groß angelegten Kunstprojekt übrig geblieben ist.

  • Künstlerhaus Bethanien Kottbusser Str. 10/d, Kreuzberg, Di–So 14–19 Uhr, Eintritt frei

Hamburger Bahnhof: Doppelausstellung zum Jubiläum

Siah Armajani: „Glass Front Porch for Walter Benjamin“, 2001, Glas, Plexiglas, Edelstahl, eloxiertes Aluminium, Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie, 2014 Schenkung des Künstlers an die Freunde der NationalgalerieStaatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie / Thomas Bruns / © The Estate of Siah Armajani and Rossi & Rossi

Es ist ein Geburtstag mit Hindernissen, aber es ist ein Geburtstag: Das Museum Hamburger Bahnhof wird 25 Jahre alt und feiert das mit zwei großen Ausstellungen. Die Sammlung Flick mag abziehen aus dem Museum, der Vertrag über die Sicherung der Rieck-Hallen hinter dem Hauptgebäude noch nicht unterzeichnet sein; und noch ist unklar, was die neuen Direktoren Sam Bardaouil und Till Fellrath vorhaben. Doch Museumsleiterin Gabriele Knapstein hat für zwei große Jubiläumsschauen gesorgt: „Church for Sale“, eine Kooperation mit der Berliner Haubrok Stiftung, zeigt politische Kunst zum Thema Ausverkauf des Öffentlichen an Privat, und „Nation, Narration, Narcotis“ thematisiert mit Kunst aus aller Welt Klima und Umwelt.

  • Hamburger Bahnhof Invalidenstr. 50/ 51, Tiergarten, Di-Fr 10-18, Sa/So 11-18 Uhr, ab Dez Do bis 20 Uhr, 14/ 7 €, bis 18 J frei, Zeittickets hier, „Church of Sale“: 28.11.1-19.6., „Nation, Narration, Narcosis“ 28.11.-3.7.

Fotografie: Porträts von Zanele Muholi

Zanele Muholi: „Comfort“, 2003, Foto: Zanele Muholi, Mit Genehmigung der Künstler*in sowie von Stevenson, Kapstadt/Johannesburg und Yancey Richardson, New York

Aus der Tate Modern in London kommt Zanele Muholis große Werkschau: Sechs Serien sind im Obergeschoss des Gropius Baus zu sehen, ein großer Rundgang, der deutlich macht, warum sich Muholi als „visual activist“ versteht und von sich nicht als „Sie“ oder „Er“ spricht, sondern als „them“ und “they“. Muholi hat den langen, lebensgefährlichen Emanzipationskampf von LGBTQIA+-Menschen in Südafrika fotografiert. Die früh begonnenen, fortlaufenden Serien zeigen anonymisierte Menschen mit ihrem körperlichen und seelischen Leid, die später begonnenen Menschen in stolzen Posen für die Kamera. Auch sich selbst hat Muholi immer wieder porträtiert: in Rollen aus der Schwarzen Geschichte – edel, ernst und doch humorvoll umgesetzt mit Requisiten, die für den Alltag in 400 Jahren von Sklaverei und Befreiung, Kolonialismus und Dekolonialisierung stehen. Ein Dokumentationsraum mit weiteren Fotografien und Filmen führt in die Hintergründe von Muholis Themen ein.

  • Gropius Bau Niederkirchnerstr. 7, Kreuzberg, Mi-Mo 10-19 Uhr, Hausticket: 15/ 10 €, bis 16 J. und Lichthof frei, Zeittickets hier, 26.11.-13.3.

DDR und später: Hosen haben Röcke an

Künstlerinnengruppe Erfurt: Filmstill aus „Frauenträume“, Super-8-Film (mit: Gabriele Göbel, Verena Kyselka, Monika Andres, Monique Förster, Ingrid Plöttner, Elke Carl, Sylvia Richter, lna Heyner), Kamera: Gabriele Stötzer, 1986 Foto: Archive Gabriele Stötzer

In Dresden und Erfurt wurde sie bereits geehrt: die Künstlerinnengruppe Erfurt. Zwischen 1984 und 1994 wirkten in ihr Künstlerinnen mit, die sich sozialistischem Patriarchat und staatlichen Vorgaben widersetzte – , in Film, Performances, Fotografie und Textilkunst. Teils unter hohem Risiko: Mitbegründerin Gabriele Stötzer, die gerade erst eine Einzelausstellung in der Berliner Galerie Loock hatte, wurde damals zu einem Jahr Haft verurteilt. Die Neue Gesellschaft für Bildende Kunst würdigt das Schaffen der Gruppe in einer Retrospektive, die bisher unveröffentlichtes Material aus den Archiven der Künstlerinnen enthalten soll.

  • NGBK Oranienstr. 25, Kreuzberg, Mi-Mo 12-18 Uhr, Fr bis 20 Uhr, 27.11.-30.1.

Lichtkunst: Nancy Holt

„Mirrors of Light #2“ 1974 : Nancy Holt „Mirrors of Light“, 1973–74 (detail). Foto: John R. Bayalis/Walter Kelly Gallery 620 N. Michigan Avenue Chicago, Illinois 60611 / Holt/Smithson Foundation, Licensed by VAGA at ARS, New York / Courtesy Sprüth Magers

Verschoben ist nicht aufgehoben: Nancy Holts für den Frühherbst angekündigte Ausstellung bei Sprüth Magers findet jetzt statt, so ist das in der Pandemie. Holt zählt zu den wenigen Künstlerinnen, die im Kanon der US-amerikanischen Land Art einen festen Platz haben. Skulptural platzierte Betonröhren in der Wüste zählen genauso zu ihrem Werk wie archaisch anmutende Mauern in Parks. In der Galerie Sprüth Magers zeigt die 1938 geborene Künstlerin nun eine Arbeit für drinnen: ihre ersten „Mirrors of Light“ (1973-74), eine Installation aus runden Spiegeln und einem Schweinwerfer. Hier wird Licht zu Material und scheint doch einen eigenen Willen zu haben.

  • Galerie Sprüth Magers Oranienburger Str. 18, Mitte, Di-Sa 11-18 Uhr, Zeittickets hier, 25.11.-5.2.

Rotierender Hausengel: Cyprien Gaillard


Cyprien Gaillard: „L’Ange du foyer (Vierte Fassung)“, 2019,  Installationsansicht, 58th International Art Exhibition „May You Live In Interesting Times“, Venice 2019, Copyright Cyprien Gaillard, Courtesy the artist and Sprüth Magers, Foto: Timo Ohler

Das Museum Scharf Gerstenberg zeigt immer wieder Arbeiten zeitgenössischer Künstler:innen, die zu seiner Sammlung des Surrealismus passen. Dieses Mal ist Cyprien Gaillard, Träger unter anderem des Preises der Nationalgalerie 2011 und des Prix Marcel Duchamp 2010, an der Reihe. Gaillard zeigt seine Arbeit von der Venedig-Biennale 2019: eine Holografie, die den „Hausengel“ von Max Ernst zitiert und ihn rotieren, sich selbst verschlingen und neu gebären lässt. Klingt großartiger, als es ist, war jedenfalls in Venedig so, aber man sollte die Arbeit sehen, wenn man Cyprien Gaillards Erfolg auf die Schliche kommen will.

  • Sammlung Scharf Gerstenberg Schloßstr. 70, Charlottenburg, Di-Fr 10-18 Uhr Sa/So 11-18 Uhr, 10/ 5 €, bis 18 J. frei, Zeittickets hier, 26.11.-13.3.

Im Doppel: Franka Hörnschemeyer / Iris Schomaker

Franka Hörnschemeyer: „Transponder 121“, 2021, Installation view, Philara Foundation, Düsseldorf, 2021. Foto: Kai Werner Schmidt
Courtesy the artist, © VG Bild-Kunst

Der große Eckraum der Galerie Thomas Schulte wirkt wie geschaffen für die Skulpturen Franka Hörnschemeyers, dabei verhält es sich andersherum: Die Berliner Bildhauerin schafft ihre Skulpturen aus Bau- und Fundmateralien für die jeweiligen Ausstellungsräume. Sie interpretiert deren Maße, Charakter, Akustik und Geschichte und setzt diese Analyse um – nicht weniger poetisch, aber handfester, greifbarer, streitbarer, als das beispielsweise Thea Djordjadze tut, die ja ebenfalls Räume skulptural interpretiert wie derzeit im Gropiusbau. Parallel zu Hörnschemeyers zweiter Ausstellung bei Schulte sind Arbeiten von Iris Schomaker zu sehen: flächige Gemälde in zurückhaltenden Farben von Personen in geometrisch strukturierten Räumen. Das könnte sich perfekt ergänzen.

  • Galerie Thomas Schulte Charlottenstr. 24, Mitte, Di-Sa 12-18 Uhr, Eröffnung: 26.11., 18 Uhr, 27.11.-5.2.

Thomas Schütte: Bildhauerei mit hintergründigem Witz

Thomas Schütte: „Old Friends Revisited““, 2021. Foto: Luise Heuter / Thomas Schütte / beide VG Bild-Kunst, Bonn 2021

Eine seiner bekanntesten Arbeiten ist seine Sandsteinsäule mit den zwei roten Kirschen darauf. Thomas Schütte platzierte sie 1987 für „Skulpturen Projekte Münster“ ebendort. Ein Publikumsrenner. Die Stadt kaufte das Obstdenkmal, die Nachbarstadt Marl wollte auch so etwas Schönes. Schütte baute Marl also ein Denkmal für eine Melone, auch schön rot. Der Bildhauer kennt die Menschen, ihre Maße, ihre Vorlieben, ihre heimlichen Sehnsüchte, so gut, dass seine Modellhäuschen als tatsächlich bewohnbare, große Häuser gefragt waren. Sogar ein ganzes Museum für sein Werk hat er bauen können, bei Neuss auf der Insel Hombroich (sprich: Hommbrooch). Doch am besten sieht man selbst. Das Charlottenburger Georg-Kolbe-Museum zeigt neben Arbeiten auf Papier 30 Skulpturen des Düsseldorfers, darunter eine der bekannten, fast vier Meter hohen Bronzefiguren „Vater Staat“ (2010). Die ersten Figuren von diesem alten müden Mann soll Schütte übrigens aus Knete gefertigt haben

  • Georg Kolbe Museum, Sensburger Allee 25, Charlottenburg, Mo-So 10-18 Uhr, 7/5 €, bis 18 J. + 1. So/ Monat frei, Zeittickets: hier, 19.11.-22.2.2022

Aus dem Flutgebiet: Eckart Bartnik

Dieser Campingplatz in einem Nebental der Ahr war noch mehrere Wochen nach der Flut völlig abgeschnitten. Zwei Bewohner des Campingplatz starben in der Flut, eine dritte Person wird noch vermisst. Um Platz für weitere Aufräumarbeiten zu schaffen, behalf man sich, die zertrümmerten Wohnwagen einfach zu stapeln. Aus Eckart Bartnik: „Flut. Von der Gewalt der Gewässer“, Ahrtal 2021.
Foto: Dr. Eckart Bartnik

Zu einer Mega-Skulptur haben Bauarbeiter die Wohnwagen aufgetürmt, die bei dem Sommerhochwasser im Ahrtal Schaden nahmen. Der Biologe und Fotograf Eckart Bartnik war im Überflutungsgebiet unterwegs und hat Motive aufgenommen, die von der Zerbrechlichkeit unserer Infrastruktur zeugen: vom Wasser verbogene Schienen, hinfort gespülte Bäume und Häuser und zerstörte Weinberge. In Bildkompositionen, die genauso Barock und Romantik wie Düsseldorfer und   Leipziger Fotoschule zitieren, versammeln sich die Gegenstände und Landschaften als memento mori, zu Sinnbildern der Vergänglichkeit. Umso mehr, weil Bartnick trotz manch arg dramatischer Effekte die sachliche Distanz eines Wissenschaftlers wahrt: Für das geübte Auge lässt sich erkennen, dass hier Landschaftsplanung sowie Forst- und Landwirtschaft noch nicht mit den Folgen eines Klimawandels gerechnet hatten. Eine kleine, wichtige Ausstellung.

  • Galerie Alles Mögliche  Odenwaldstr. 21, Friedenau, täglich ab 8 Uhr (sic!), aber vorsichtshalber Termin vereinbaren unter 0173/342 80 83, bis 29.1.2022

Perspektivwechsel: Mercury Rising

„Mercury Rising – Inter* Hermstory[ies] Now and Then“ im Schwulen Museum, Ausstellungsansicht.
Foto: Mika J. Wisskirchen / Schwules Museum

Erstmals widmet sich eine Kunstausstellung im Schwulen Museum der Geschichte der Intergeschlechtlichkeit: „Mercury Rising“ zeigt Installationen, Zeichnungen, Filme und Fotografien zum Thema. Im Zentrum steht eine Art begehbares Raumschiff des Künstler:innen-Duos Giegold & Weiß, das sich auch gut dazu eignet, den Berichten des Aktivisten Mauro Cabral Grinspan zuzuhören. Er berichtet von traumatischen medizinischen Eingriffen, die Transpersonen erleiden mussten. Einen weiteren Höhepunkt bilden die Porträtfotografien von Charan Singhd aus Indien. Sie erinnern daran, dass die Unterscheidung von Menschen in zwei Geschlechter vielerorts ein Import der europäischen Kolonialmächte war.  

  • Schwules Museum Lützowstr. 73, Tiergarten, Mo, Mi, Fr 12-18, Do bis 20, Sa 14-19, So 14-18 Uhr, 1. So/ Monat 12-20 Uhr, 9/3 €, 1.So/Monat frei, Zeittickets: www.schwulesmuseum.de, bis 14.2.2022

Anna Ehrenstein: feat. DNA, Fadescha, Rebecca-Pokua Korang

Anna Ehrenstein, feat. DNA, Fadescha, Rebecca-Pokua Korang, The Albanian Conference: Home Is Where The Hatred Is. Foto: Ladislav Zajac/KOW / © Anna Ehrenstein
Anna Ehrenstein, feat. DNA, Fadescha, Rebecca-Pokua Korang, The Albanian Conference: Home Is Where The Hatred Is. Foto: Ladislav Zajac/KOW / © Anna Ehrenstein

Die Fotografin Anna Ehrenstein, Gewinnerin des C/O-Talent Awards 2020, zeigt in der Galerie KOW neue Arbeiten: vier Videos, die sie in Albanien gemeinsam mit Fadescha aus Delhi, Blair und Clint Opera aus Lagos und der Performerin Becci-Pokua Korang drehte. Ehrenstein schätzt Kooperationen, weil es ihr darum geht, dass nicht eine:r allein die Macht über Kamera und Perspektive hat. Thema ihrer Arbeiten sind Korruption und Bespitzelung sowie die Forderungen nach Teilhabe und Gleichstellung, unter anderem für LGBTQ-Menschen. Forderungen, die die Videos in spitzer, sehr zeitgenössischer Ästhetik stellen.    

  • KOW Galerie Lindenstr. 39, Kreuzberg, Di-Sa 12-18 Uhr, bis 28.1.2022

Sound of Heimat…? Musik aus der Türkei: Pergamonmuseum

Sag euch die Namen auf den Plattencovern etwas? Wenn nicht, dann empfehlen wir erst Recht einen Besuch in dieser Ausstellung. Foto: Petra Müller / Museum für Islamische Kunst, Stiftung Preußischer Kulturbesitz
Sag euch die Namen auf den Plattencovern etwas? Wenn nicht, dann empfehlen wir erst Recht einen Besuch in dieser Ausstellung. Foto: Petra Müller/Museum für Islamische Kunst, Stiftung Preußischer Kulturbesitz

Von Liedern, Klängen und Zugehörigkeiten handelt die Ausstellung des Museums für Islamische Kunst im Pergamonmuseum, die anlässlich „60 Jahre Anwerbeabkommen“ zwischen der Türkei und Deutschland stattfindet.

Unter dem Titel „Gurbet Şarkıları – Lieder aus der Fremde. Musik und Zugehörigkeit zwischen der Türkei und Deutschland (1961-2021)“ haben die Ausstellungsmacher:innen Hörbeispiele, Biografien, Fotos und Filme zusammengebracht, die von der Vielfalt musikalischer Beeinflussung zwischen Diaspora und Zentrum berichten. In drei Stationen aufgeteilt und multimedial präsentiert, sind aufschlussreiche und berührende Perspektiven der sogenannten Gastarbeiter:innen und nachfolgender Generationen erlebbar.

  • Pergamonmuseum Bodestr. 1–3, Di–So 10–18 Uhr, Mitte, 12/ 6 €, bis 18 J. frei + 1. So/ Monat frei, Zeittickets: www.smb.museum, 12.11.–20.2.2022

Jubiläumsschau: Friendship. Nature. Culture

Isabell Heimerdinge: Still aus „Soon It Will Be Dark“, 2020
Foto: Isabell Heimerdinger / Courtesy Galerie Mehdi Chouakri, Berlin / Daimler AG (Filmstill)

Eine Schnapszahl: 44 Jahre alt wird die Kunstsammlung von Daimler. Ein Anlass, wieder einmal vorbeizusehen in den Berliner Ausstellungssälen des süddeutschen Automobilherstellers, die wichtig waren für Berlin, als die Neubauten am Potsdamer Platz noch neu waren, um die es aber zuletzt ruhig geworden ist. Rund 100 Sammlungsstücke von 70 Künstler:innen aus den Jahren 1920 bis 2021 sind zum Thema „Freundschaft. Natur. Kultur“ zu sehen. Teils museal, teils wohnlich gehängt und gestellt, vermitteln sie einen guten Einblick in die rund 3.000 konzeptuelle Werke umfassende Sammlung der Firma. Und der Ausblick aus den Fenstern ist wirklich enorm.

  • Daimler Contemporary Berlin Haus Huth, Alte Potsdamer Str. 5, Mitte, Mo-So 11-18 Uhr, bis 29.5.2022

Modefotografie: Helmut Newton

Helmut Newton: „Fashion, Melbourne“, 1955 Foto: © Helmut Newton Estate / Courtesy Helmut Newton Foundation

So ändern sich die Zeiten: Seltsam gestrig muten die Modefantasien in Newtons „Thierry Mugler Fashion US Vogue, Monte Carlo 1995“ an. Sei’s drum: Die Helmut Newton Stiftung feiert den 100. Geburtstag des 2005 verstorbenen Fotografen – pandemiebedingt ein Jahr verspätet – in einer großen Retro mit 300 Aufnahmen. Das Erstaunliche dabei: Je weiter zurück die Fotos gehen, desto zeitloser wirken die Aufnahmen. Nach wie vor gilt aber: Feministinnen sollten Newtons Fotos nur mit starkem Nervenkostüm ansehen – Newtons Ausstellung gewährt unfreiwillig verräterische Einblicke in die Entwicklung männlicher Perspektiven auf Frauen.  

  • Museum für Fotografie Helmut Newton Stiftung, Jebensstr. 2, Charlottenburg, Di–So 11–19, Do bis 20 Uhr, 10/ 5 €, bis 18 J. frei, Zeittickets: smb.museum, 31.10.–22.5.2022

Berliner Malerei: Johann Erdmann Hummel

Johann Erdmann Hummel: „Das Schleifen der Granitschale“, 1831, Öl auf Pappe
Foto: Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie/Jörg P. Anders / Johann Erdmann Hummel

Seine Figuren wirken manchmal unbeholfen, aber bei Perspektive und Spiegelungen konnte kaum jemand Johann Erdmann Hummel (1769–1852) etwas vormachen. Der Maler hielt unter anderem das Schleifen der großen Berliner Granitschale überrealistisch fest. Ein Grund für die Alte Nationalgalerie, Hummel Einfluss auf die Neue Sachlichkeit zu attestieren, wie eine Ausstellung nun belegen soll.

  • Alte Nationalgalerie  Bodestr. 1–3, Mitte, Di–So 10–18 Uhr, Zeittickets & Preise: www.smb.museum, 22.10.–20.2.2022

Fotos von den Brettern der Welt: Ruth Walz

„Winterreise im Olympiastadion“, Olympiastadion Berlin 1977, Textfragmente aus Friedrich Hölderlin: Hyperion,
Regie: Klaus Michael Grüber, Bühne: Antonio Recalcati, © Ruth Walz

Sie ist eine der bekanntesten Fotografin, die die Berliner Lette-Schule absolviert hat. Ruth Walz arbeitete lang an der Berliner Schaubühne, fotografierte für die Regisseure Peter Stein, Luc Bondy und Robert Wilson, hielt in Schwarz-Weiß Stücke von Botho Strauß fest und in Farbe Wagners Parsifal in Paris. Das Museum für Fotografie widmet der Theaterfotografin eine Werkschau, zudem auch Einblicke in das Labor von Walz gehören sowie ein Kapitel zu ihrem Lebensgefährten, dem 2019 verstorbenen Schauspieler Bruno Ganz. Eine zweite Ausstellung bindet Walz‘ Werk in den großen Zusammenhang ein: Ein Rückblick auf die 1920er-Jahre zeigt Fotografien mit Walter Kolli, Hertha Feist und vielen anderen, die das Theater der schnellen Zwanziger mitprägten.

  • Museum für Fotografie Jebensstr. 2, Di-So 11-19, Do bis 20 Uhr, 10/ 5 €, bis 18 J. frei, Zeittickets: www.smb.museum, bis 13.2.2022

Fotoessay: „Zerheilt” von Frédéric Brenner

Aus dem fotografischen Essay „Zerheilt“ von Frédéric Brenner; Jüdisches Museum Berlin

„Eine Archäologie der Ängste und Sehnsüchte” heißt ein Buch des Fotografen Frédéric Brenner mit Aufnahmen aus Israel. Aus diesem Band zeigte er im Jahr 2019 Bilder im Jüdischen Museum: Die Gruppenausstellung „This Place“ fing Leben in Israel aus unterschiedlichsten Perspektiven ein. Jetzt zeigt Brenner im selben Haus eine Soloschau. „Zerheilt“ heißt sein neuer Fotoessay. Berlin spielt darin die Hauptrolle. In der Stadt, in der der Holocaust befehligt wurde, sieht Brenner heute eine „Bühne“ jüdischen Lebens. In seinen Aufnahmen kommen die Porträtierten zu einem „Theater des Gedächtnisses“, einem „Theater of Memory“ zusammen.

  • Jüdisches Museum Lindenstr. 9-14, Kreuzberg, Mo-So 10-19 Uhr. Brenner: bis 13.3.22

Alliierten-Museum: Rick Buckley

Aus dem Video „The Ambassador“ von Rick Buckley. Bild: Rick Buckley

Zum 50. Jahrestag des Viermächte–Abkommens leistet sich das Alliierten-Museum eine neue Sonderausstellung – mit Kunst. Das ist neu, aber der Anlass gibt Grund genug dafür. Denn nachdem Großbritannien, die USA, die UdSSR und Frankreich 17 (!) Monate lang den Status des unter alliiertem Recht stehenden Berlins neu verhandelt hatten, stabilisierte sich die Lage für West-Berlin erheblich. Der Transit-Verkehr durch die DDR wurde sicherer, Besuche von West-Berliner:innen in der DDR wurden möglich und die Beziehungen West-Berlins zur Bundesrepublik verstetigt. Die Ausstellung bestreitet Rick Buckley. Der britische Künstler hat die Räume, in dem das Abkommen verhandelt wurde, im ehemaligen Gebäude des Alliierten Kontrollrats in Schöneberg neu inszeniert und dort sein Video „The Ambassador“ gedreht. Den Rahman dafür bilden nun historische Fotos und andere Exponate wie Schallplatten mit den Hits jener Jahre.


Überlegte Malerei: Tatjana Doll – „Was heißt Untergrund“

Tatjana Doll: „Easy Jet“, 2008, 200 cm x 300 cm Lack auf Leinwand. Foto: Bernd Borchardt © Tatjana Doll / VG Bild-Kunst, Bonn, 2021

Soeben erst hat Tatjana Doll den Fred-Thieler-Preis für Malerei der Berlinischen Galerie erhalten, nun zeigt das Neuköllner Kind-Zentrum ihre Einzelausstellung „Was heißt Untergrund?“. Der Titel bezieht sich auch auf Leinwand und Grundierung: Doll malte einmal ein verzerrtes Logo der UNHCR auf einen feuerfesten Stoff. Dieses Bild steht nun im Mittelpunkt der Schau, die auch Gemälde aus der Zeit von Dolls Stipendium in der Villa Massimo von Romezeigt. Das Überdenken von Motiven, Malermaterial und Tempo prägt diese Bilder. Tatjana Doll stellt zeitgleich mit dem Massimo-Stipendiat:innen im Schloss Neuhardenberg im Osten Brandenburgs aus.

  • Kindl-Zentrum Am Sudhaus 3, Neukölln, Do-So 12-18 Uhr, 5/3 €, bis 18 J. + 1. So/ Monat frei, Eröffnung: Sa 18.9. 14 Uhr nur mit Anmeldung www.kindl-berlin.de, bis 27.2.2022

Großes Spektrum: Preis der Nationalgalerie

Sung Tieu: „o Gods, No Masters“, 2017, HD-Video und 4-Kanal-Ton,19:13 min, Filmstill .
Foto: © Sung Tieu / Emalin, London and Sfeir-Semler, Hamburg & Beirut

Seit September läuft die Schau der Kandidat:innen für den Preis der Nationalgalerie: Lamin Fofana (Sound Art), Calla Henkel & Max Pitegoff (Fotografie), Sandra Mujinga (Skulptur) und Sung Tieu (Konzeptkunst, Abb.) stellen ihre Wettbewerbsarbeiten aus. Die Jury entscheidet im Herbst, das Publikum kann für seinen Favoriten für den Publikumspreis der Nationalgaleie auch bei uns abstimmen.

  • Hamburger Bahnhof Invalidenstr. 50/51, Tiergarten, Di-Fr 10-18 Uhr, Sa + So 11-18 Uhr, 14/7 €, bis 18 J. + 1. So/ Monat frei, 16.9.-27.2., Zeittickets: www.smb.museum

Schöner Anfang: Ende neu

Katja Aufleger „LOVE AFFAIR“ (Videostill), 2017 4K-Video (Loop), Farbe, Ton, 22 Min. Foto: Katja Aufleger (Videostill)

Zerstörung als Beginn von etwas Neuem: Das ist das Thema einer Gruppenausstellung, die Magdalena Mai und Manuel Kirsch für das Kindl-Zentrum kuratiert haben. Malerei, Fotos, Videos und Skulptur etwa von Katja Aufleger (Abb.), Angela de la Cruz und Michael Sailstorfer ergeben einen hübschen Parcours, in dem allerdings auch häufige Topoi auftauchen wie zerstörte Mauern und abschmelzendes Gletschereis.

Tiefer geht da der Film „Good Ended Happily“, den der Künstler Basir Mahmood in einer Einzelpräsentation auf demselben Stockwerk zeigt. Mahmood ließ ein Team in Pakistan einen Film drehen, der vom Tod des Al-Quaida Führers Osama bin Laden handeln sollte. Er selbst blieb den Dreharbeiten fern. In seinem Zusammneschnitt des Footages sind nun Geräusche vom Set zu hören, barsche Anweisungen und der schwere Atem eines Kameramanns, und zu sehen Statisten, die Tote spielen. Ein künstlerisches wie politisches Experiment, das nach dem Abzug der westlichen Truppen aus Afghanistan unfreiwillig hochaktuell geworden ist.

  • Kindl-Zentrum Am Sudhaus3, Neukölln, Do-So 12-18, Mi 12-20 Uhr, 5/3 €, bis 18 J. + 1.So/ Monat frei, bis 6.2.2022, mehr Infos hier

Filmexperiment: Good Ended Happily von Basir Mahmood

Basir Mahmood: „Good ended happily“, 2018, 13:05 Min. Videostill. Foto: Basir Mahmood

Die Filmstadt Lollywood war einmal Lahores Antwort in Pakistan auf das indische Bollywood. In diesem Umfeld hat der Filmkünstler Basir Mahmood sein Video „Good Ended Happily“ entwickelt, das vom Tod des Al-Quaida-Führers Osama bin Laden handelt. Der Trick bei der Sache: Mahmood ließ das Team in Pakistan den Film allein drehen, ohne ihn, die Anweisungen und Kommentare der Crew-Mitglieder am Set aber bleiben hörbar. Sein filmisches wie politisches Experiment läuft jetzt im Kindl-Zentrum, parallel zu der Gruppenausstellung „Ende Neu“, die von Gefahrenabwehr und Sicherheit handelt.

  • Kindl-Zentrum Am Sudhaus 3, Neukölln, Mi 12–20, Do–So 12–18 Uhr, Eintritt 5/3 €, bis 18 J. frei, Zeittickets: kindl-berlin.de, bis 27.2.2022

Alte Haus, neuer Inhalt: die Neue Nationalgalerie

Alexander Calder. Minimal / Maximal Neue Nationalgalerie mit „Têtes et Queue“ (1965) von Alexander Calder, 2014 Foto: Ute Zscharnt für David Chipperfield Architects / Nationalgalerie – Staatliche Museen zu Berlin / 2021 Calder Foundation, New York / Artist Rights Society (ARS), New York / Ute Zscharnt für David Chipperfield Architects

Ganz große Klasse! In der frisch sanierten Neuen Nationalgalerie präsentiert das Museumsteam Werke der Sammlung aus den Jahren 1900 bis 1945 unter dem Titel „Die Kunst der Gesellschaft“: neu geordnet, nicht nach öden Stilen, sondern nach sozialen und politischen Themen und mit geklärter Herkunftsgeschichte. Und siehe da: Nichtzuletzt die vereinten Bestände des Museums aus Ost- und West-Berlin ergeben zusammen das umfangreiche Kaleidoskop einer Gesellschaft in Umbrüchen. Leihgaben ergänzen die Schau wie Auguste Herbins glühendes Porträt des Schriftstellers und Anarchisten Erich Mühsam.

Flankiert wird die neue Sammlungspräsentation von einer posthumen Werkschau des Bildhauers Alexander Calder, von eine der prominenten Skulpturen auf der Terrasse des Museums stammt, und von einer Einzelausstellung der Berliner Künstlerin Rosa Barba zur Architektur von Mies van der Rohe.

  • Neue Nationalgalerie Potsdamer Str. 50, Tiergarten, Mo-So 10-20 Uhr, sonst Di-So 10-18, Do bis 20 Uhr, Eintritt: 14/ 7, bis 18 J. frei, Zeittickets bis zu 14 Tagen im Voraus: smb.museum

Murcia: Im Garten Europas

Göran Gnaudschun: „Zitronenernte II“, aus der Serie „Das bessere Leben“, Stadt Murcia/Region Murcia, 2020. Foto: Göran Gnaudschun

Murcia liegt am Mittelmeer, ungefähr auf halbem Weg von Barcelona nach Gibraltar, eine fruchtbare Provinz dank eines Bewässerungssystems, das noch auf die Mauren zurückgeht. Dorthin reiste der Potsdamer Fotograf Göran Gnaudschun 2020 im Auftrag des Museums Europäischer Kulturen. In Murcia porträtierte er Migrant:innen: Rentner:innen aus Nordeuropa, die sich einen Lebensabend in spanischer Wärme erhoffen, und Arbeitende aus Afrika, Osteuropa und Südamerika, die jenes Obst und Gemüse anbauen, das auch in Berliner Supermärkte gelangt. Gnaudschuns Bilder von willensstarken Arbeiter:innen, wohlgenährten Pensionär:innen, Bäumen mit prallen Orangen und einer industrialisierten Landwirtschaft sind jetzt unter dem Titel „Das bessere Leben“ Teil einer Ausstellung, die das MEK der Region widmet. Und in der sich die Kommentare der Ausstellungsmacher:innen über Smartphone auch auf Spanisch hören lassen.

  • Museum Europäischer Kulturen Arnimallee 25, Dahlem, Di-Fr 10-17, Sa/ So 11-18 Uhr, 8/ 4 €, bis 18 J. frei, Zeittickets: www.smb.museum, 6.8.-27.2.

Mehr Kunst und Ausstellungen in Berlin

Sie war mit David Bowie und Iggy Pop befreundet, der junge Martin Kippenberger wohnte in ihrer Kreativzentrale, der Kreuzberger Fabrikneu. Im Interview erzählt Claudia Skoda aus ihrem aufregenden Leben. Immer neue Texte und Tipps findet ihr in unserer Rubrik „Ausstellungen“.

Berlin am besten erleben
Dein wöchentlicher Newsletter für Kultur, Genuss und Stadtleben
Newsletter preview on iPad