Kunst

Aktuelle Ausstellungen in Berlin: Was sich lohnt, was neu ist und endet

Die wichtigsten neuen Ausstellungen: Berlins Kunstwelt ist immer in Bewegung. Was es Neues gibt, was es sich zu sehen lohnt ihr und wo ihr noch unbedingt hin müsst, bevor es zu spät ist, lest ihr hier. Claudia Wahjudi und Ina Hildebrandt geben Tipps für Kunst und die besten aktuellen Ausstellungen in Berlin.


Neu: Seh’ die Welt in Trümmern liegen

Vitalii Shupliak, Still aus „+380“, 2022, Video, 6:07 min. Foto: Courtesy the artist.

Zugegeben, das Backsteinboot ist nicht zentral gelegen, aber ein Ausflug auf die Insel Eiswerder Spandau lohnt sich. Im 19. Jahrhundert hatte sich hier die Rüstungsindustrie angesiedelt, seit 2017 ist es ein Projektraum für junge aber auch etablierte Kunst. Anknüpfend an die waffenlastige Vergangenheit lenkt die Ausstellung des Kollektivs CCCCCOMA die Aufmerksamkeit auf den Krieg in der Ukraine, wo Diskussionen über den Einsatz schwerer Waffen derzeit neue Brisanz erhalten.

Dabei bezieht sich der Titel „Seh die Welt in Trümmern liegen“ auf den Song „99 Luftballons“ von Nena aus dem Jahr 1983, als vor dem Hintergrund des Kalten Krieges der Atomkrieg eine realistische Bedrohung darstellte. Seit dem Einmarsch Russlands in die Ukraine sind wir erneut mit dem Einsatz von Massenvernichtungswaffen konfrontiert. In der dreitägigen multimedialen Ausstellung erkunden Künstler:innen diesen fragilen Zustand der Existenz und die dahinter stehende Sprengkraft.

  • Backsteinboot Eiswerderstr. 18, Gebäude 129, Spandau, Eröffnung: Fr 1.7., 19 Uhr, Performance 20 Uhr, Sa+So 12–22 Uhr

Neu: Ewa Partum

Installationsansicht THE LEGALITY OF SPACE von Ewa Partum in der Galerie Mathias Güntner Foto: Courtesy Ewa Partum & Galerie Mathias Güntner

Ewa Partum zählt zu den Künstlerinnen, die ab den 1960er-Jahren den Weg für feministische Kunst in Polen bereiteten. Von ihren Performances, ihrer Lyrik und ihren „Übungen“ (hier ihre „Conceptual Exercises“ von 1973/ 2020) berichtet eine Ausstellung in der Galerie Mathias Güntner. Sie vereint Fotografie teils künstlerischen, teils eher dokumentarischen Charakters und Buchstabenobjekte. Und davon, dass Ewa Partums konzeptueller Geist rege bleibt, zeugt eine neuere Bodenarbeit aus Gummi.

  • Galerie Mathias Güntner Knesebeckstr. 90, Charlottenburg, Do–Sa 11–18 Uhr, bis 16.7.

Neu: Songlines

Künstlerinnen der Tjanpi Desert Weavers lassen ihre tjanpi Schwestern fliegen, Papulankutja, West-Australien, 2015 Foto: Annieka Skinner, Tjanpi Desert Weavers / NPY Women’s Council

Vom sogenannten fünften Kontinent kommt „Songlines – Sieben Schwestern erschaffen Australien“, eine Ausstellung mit rund 300 Gemälden, Filmen und Objekten, betreut von Margo Neale, Senior Indigenous Curator am National Museum, und einem Indigenen Kuratorium. Die Schau erläutert einen Schöpfungsmythos Australiens: den der „Sieben Schwestern“, die vor einem Verfolger durch Wüsten fliehen und ihm dank Magie entkommen.

  • Humboldt Forum Schlossplatz, Mitte, Mi–Mo 10–20 Uhr, 12/ 6 €, bis 18 J. + ALG II frei, Zeitfenstertickets: humboldtforum.org, bis 31.10.

Neu: Zehn Jahre

Nick Dawes, 17th, 2022, 150 x 205 cm, Öl auf Leinwand Foto: ONLINE/SOCIAL MEDIA: Nick Dawes / @kornfeldgalerie PRINT: Nick Dawes / Courtesy of Galerie Kornfeld, Berlin

In der Fasanenstraße, in unmittelbarer Nachbarschaft des Literaturhauses und des Auktionshauses Grisebach, feiert die Galerie Kornfeld zehnjähriges Jubiläum. Mit einem Schwerpunkt auf Malerei (etwa aus Berlin von Christopher Lehmpfuhl, Tammam Azzam und Franziska Klotz) überzeugt das Team vor allem mit guten Kontakten nach Georgien. Zum Jubiläum zeigt die Galerie einen Überblick über Arbeiten von ihr vertretener Künstler:innen, unter ihnen Nick Dawes aus Johannesburg/ London, hier mit „17th”, 2022, in Öl auf Leinwand.

  • Galerie Kornfeld Fasanenstr. 26, Charlottenburg, Di–Sa 11–18 Uhr, bis 3.9.

Neu: Billy Childish

Billy Childish, they wanted the devil but i sang of god,neugerriemschneider, Berlin © neugerriemschneider, Berlincourtesy the artist and neugerriemschneider, Berlin Foto:Jens Ziehe

Billy Childish ist Musiker und Poet und Maler. Das geht nicht immer gut, aber bei dem multitalentierten Briten schon. Seine introspektiven Gemälde sind mit dynamischer Farbgebung und teils flächigem, sich ins Abstrakte auflösendem Pinselstrich direkt auf rohe Leinwand gearbeitet. In den bei neugerriemschneider präsentierten Werken befasst sich sich der Künstler mit dem Motiv der unberührten Landschaft. Mal sind die übergroßen Gemälde träumerisch und leuchtend-leicht, mal grafisch-expressiv und mysteriös – in jedem Fall ziehen sie einen in sich hinein.

  • neugerriemschneider Linienstraße 155, Mitte, Di-Sa 11–18 Uhr, bis 20.8.

Neu: Kunst und Mode aus der Ukraine

Kunst und Mode aus der Ukraine in Berlin. Foto: Ina Hildebrandt

Neben den Fotografien und der Videoarbeit von Julia Kafizova hängen die handgefertigten Bustiers und KLeider von Olga Zherebetska. „YOU & UA“ heißt das Pop-Up in der Kreuzberger CLB Galerie, das Kunst, Mode und Musik vereint. Kuratiert von Olha Lobazova, die bereits vor einigen Jahren von Kharkiv nach Berlin zog. Diie Schau ist eine weitere tolle Möglichkeit, die Werke uns hier bisher kaum bekannter junger Künstler:innen und Designer:innen aus der Ukraine kennenzulernen und auch zu erwerben. Ziel der Plattform ist die Unterstützung von ukrainischen Kreativen, denen seit dem Krieg sämtliche Einnahmen weggebrochen sind. Dementsprechend geht der größte Teil der Erlöse direkt an die Betroffenen und ein weiterer Teil an verschiedene Hilfsorganisationen.

  • CLB im Aufbauhaus, Moritzplatz, Kreuzberg, Mo–Fr 12–20 Uhr, bis 10.7.

Letzte Chance: Frieder Butzmann

Frieder Butzmann in einem seiner Videos ein Gedicht pfeifend. Foto: Frieder Butzmann

Mit dem Berliner Komponisten und Tönesammler Frieder Butzmann eröffnet in der Zwitschermaschine eine neue Reihe zu Klangkunst. In fünf Runden, gestaltet von fünf Expert:innen, geht es um Instabilität und Widerstandsfähigkeit. Wenn Butzmann den Anfang macht, erklingen in Videos 13 Gedichte unter anderem von Jandl und Schwitters, gepfiffen von Butzmann, der angesichts der Fotoreihe, aus der wir dieses Bild entnahmen, meint: Man dürfe ihn „wohl den Joe Cocker des Pfeifens nennen.“

  • Zwitschermaschine Potsdamer Str. 161, Schöneberg, Mi–So 15–19 Uhr, 25.6.–3.7.         

Letzte Chance: Geburtstagssause mit Kunstverkauf

„frontviews HAUNT“ – Ausstellungs Pavillon, 2022 Foto: frontviews e.V.

Hinter Frontviews steckt eine Gruppe von internationalen Künstler:innen und Theoretiker:innen, die seit zehn Jahren Projekte und Ausstellungen in Berlin realisieren. Mit der Ausstellung „Jubilee X – an effort to support artists and keep Haunt“ feiern sie großen Geburtstag und zeigen Kunstwerke von mehr als 90 der bisher 300 ausgestellten Künstler:innen. Und wer sich in ein Werk verliebt hat, kann es für 400 Euro mit nach Hause nehmen. Diese Einnahmen werden verwendet, um das von frontviews betriebene ökologisch-urbane Kulturzentrum Haunt weiterzuführen. Guter Zweck, guter Ort.

  • frontviews at HAUNT Kluckstraße 23 A (Hof), Schöneberg, Mi–Sa 14–18 Uhr, bis 2.7.

Sibylle Bergemann

Sibylle Bergemann: „Unter den Linden“, Berlin 1968 , Foto: Estate Sibylle Bergemann / OSTKREUZ

Etliche dieser Fotos kennt man weniger: Sie sind in Farbe, an Orten aufgenommen, die nicht in der DDR lagen und nicht Berlin heißen, etwa eines aus Dakar, das den Straßenverkehr von oben zeigt. Denn auch chre Reisefotos, die sie nach 1989 aufnahm, sind Teil der Retrospektive mit über 200, teils unveröffentlichten Aufnahmen aus rund 45 Jahren, mit der die Berlinische Galerie die Berliner Fotografin Sibylle Bergemann (1941–2010) würdigt. Ebenfalls zu sehen sind Aufnahmen ihrer Weggefährt:innen wie Arno Fischer und Ute Mahler. Und auch weniger bekannte Aufnahmen aus Bergemanns Anfängen, wie dieses coole Trio 1968 in Ost-Berlin Unter den Linden.

  • Berlinische Galerie Alte Jakobstr. 124–128, Kreuzberg, Mi–Mo 10–18 Uhr, bis 18 J., ALG II und 1. So/ Monat frei, Zeitfenstertickets hier, 24.6.–10.10.            

Lukas K. Stiller: Paradox.Paradies

Lukus K. Stiller: Paradox.Paradise Foto: Lukas K. Stiller

Nichts für Menschen mit Höhenangst ist es, wenn der Street Art-Künstler Mr. Paradox.Paradise des Nachts an Hochhäusern klettert, um seine Zeichen an Fassaden anzubringen. Der Fotograf Lukas K. Stiller hat diese Haltung fast ungebrochen festgehalten und sorgt doch für Transparenz: Dank seiner Serie, die in der Galerie Urban Spree zu sehen ist, lässt sich die Methode von Mr. Paradox.Paradise besser nachvollziehen. Geplant ist zudem eine Sammlerausgabe mit signierten Fotos und eine CD mit -einem neuen Film von Mr. Paradox.Paradise.​

  • Urban Spree  Revaler Str. 99, Friedrichshain, Di–So 14–19 Uhr, bis 24.7.

Jeden Tag im Museum

Azzad Ismail Dhif neben der Büste des Königs Echnaton im Neuen Museum. © Staatliche Museen zu Berlin Ägyptisches Museum und Papyrussammlung / Valerie Schmidt

In acht Museen arbeiten die 30 Aufsichten, die dort nun ihre Lieblingsstücke hervorheben und kommentieren wie hier Azzad Ismail Dhif neben der Büste des Königs Echnaton im Neuen Museum. Die Intervention findet in der Gemäldegalerie, auf der Museumsinsel, im Museum Europäischer Kulturen und dem Schloss Köpenick statt, initiiert vom Museum für Islamische Kunst, in dem viele Aufsichten aus Syrien arbeiten. 

  • Pergamonmuseum u. a. Bodestr., Mitte, Di-So 10-18 Uhr, 12/ 6 €, bis 18 J. + ALG II frei, Zeitfenstertickets hier, bis 2.10. 

New Gay Photography

Aus der Serie „The Pink Choice“: Trinh Quang Hieu mit seinem Freund Vu Toan Thang, Hanoi, Viet Nam am 28.6.2011.
Foto: Clifford Maika Elan

Eine Ausstellung basiert auf dem tollen Fotoband New Queer Photography: Der Berliner Art Director Benjamin Wolbergs hat 2020 in dem Buch „New Queer Photography“ (Kettler) 52 Positionen zum Thema versammelt. Basierend auf diesem Buch ist nun eine Ausstellung im Kreuzberger Fotoraum F3 zu sehen, einem Ausstellungsraum am Engelbecken, der sich der Autor:innenfotografie widmet. Viele der Teilnehmenden der Ausstellung stammen aus dem Underground, können aber inzwischen große Auftraggeber gewinnen, etwa Gucci oder die Vogue. Die Beiträge kommen sind international, dieses Foto machte Clifford Maika Elan in Vietnam.

  • F3 – Freiraum für Fotografie Waldemarstr. 17, Kreuzberg, Mi–So 13–19 Uhr, 5/ 3 €, 25.6.–21.8.

Skulpturengarten Haus am Waldsee

Thomas Florschuetz: Ohne Titel (E.B.) 27, 2016/2021, 183 x 243 cm, C-Print. Foto: Courtesy © Thomas Florschuetz/VG Bild-Kunst, Bonn 2022 und Diehl, Berlin

Wenn am 26. Juni der Skulpturenpark hinter der Zehlendorfer Villa für das Publikum wiedereröffnet wird, ergänzen sich Bäume, Büsche, Rasen, Wege und See draußen und Thomas Florschuetz’ Fotos drinnen bestens. Und widersprechen sich doch höchst produktiv. Der Garten wurde im englischen Stil der frühen 1920er-Jahre rekonstruiert, Drinnen dagegen zeigt Florschuetz Ansichten der Moderne, Interieurs, Architektur, Stillleben und sogar Pflanzenporträts aus politisch aufgeladenen Gebäuden, die an Fortschritt und Verwerfungen der Neuzeit zugleich erinnern wie das alte Ethnologische Museum in Dahlem kurz vor dem Umzug seiner Ausstellungstücke ins Humboldt-Forum (Abb.). Zur Wiedereröffnung des Parks am 26. Juni wird gefeiert: unter anderem von  13 bis 17 Uhr mit Kinderprogramm und um 15 Uhr spricht der Landschafts- und Gartenarchitekt Georg von Gayl, der mit seinem Team das Grün sanierte.

  • Haus am Waldsee Argentinische Allee 30, Zehlendorf, Di–So 11–18 Uhr, 7/ 5 €, bis 18 J. + ALG frei, bis 28.8., online

No Master Territories

Helena Amiradżibi: „Kobieta to słaba istota (The Weak Woman, 1967)“, Filmstill.
Foto: Courtesy Documentary and Feature Film Studios, Warschau, Polen / Helena Amiradżibi (Filmstill)

Pionierinnen des feministischen Films von den 1970ern- bis in die 1990er-Jahre sind Thema im Haus der Kulturen der Welt. Die Namensliste ist lang: Sie reicht von der 2015 gestorbenen Schauspielerin und Regisseurin Chantal Akerman über die Fotografin Gundula Schulze Eldowy aus Erfurt bis Helena Amiradżibi mit „The Weak Woman“, Polen 1967.  Filme sind in der großen Halle und im Kinosaal in einem Programm zu sehen, das sich wöchentlich wiederholt.

  • HKW John-Foster-Dulles-Allee 10, Tiergarten, Mi–Mo 12–20 Uhr, 7/ 5 €, bis 18 J. + Mo frei, bis 28.8.

Karin Sander: What you see is not what you get

Ansicht der Ausstellung “What you see is not what you get” (22 exhibitions) von Karin Sander bei Esther Schipper, Berlin, 2022
Foto: Andrea Rossetti / Courtesy © Karin Sander/VG Bild-Kunst, Bonn 2022 and Esther Schipper, Berlin

Das ist wieder eine richtige Karin Sander. Die Berliner Konzeptkünstlerin nimmt die Redewendung „What you see is not what you get“ wörtlich und bietet 22 maßgezimmerte Transportkisten zum Verkauf an. Was in ihnen steckt, werden Menschen, die Sanders Kunst nicht erwerben, erst erfahren, wenn andere die Kisten gleichsam als Wundertüte gekauft haben und vielleicht so nett sind, den Inhalt auszustellen. So lang begnügen sich alle mit den AR-Brillen, die in der Galerie eine virtuelle Ausstellung vorgaukeln. Böse kann man Sander aber nicht sein. Auch sich nimmt sie auf die Schippe. Auf eine Wand hat sie all die Adjektive geschrieben, die in ihren Einträgen bei Wikipedia vorkommen. Und das ist so bedenkenswert wie lustig.

  • Galerie Esther Schipper Potsdamer Str. 81, Tiergarten, Di–Sa 11–18 Uhr, bis 16.7.

Ansehen! Kunst und Design von Frauen 1880–1940

Chana Orloff in ihrem Atelier, Paris 1924 Les Ateliers-Musée Chana Orloff. Foto: Les Ateliers-Musée Chana Orloff / VG Bild-Kunst, Bonn 2022

Eine Bestandsaufnahme nach Geschlechtern haben sie im Bröhan-Museum gemacht, und diese hat ergeben: Von über 20.000 Objekten in der Sammlung des auf Jugendstil und Moderne spezialisierten Museums wurden etwa 1.500 von Frauen gefertigt, rund 7,5 Prozent. Fast 1.000 Künstlern stehen 99 Künstlerinnen, unter ihnen Chana Orloff (Abb.), gegenüber, und die spannende Frage bleibt: Wie haben sich diese 99 Frauen behaupten können? Die neue Sonderschau soll Antworten geben – anhand von Biografien und 300.

  • Bröhan-Museum  Schloßstr. 1a, Charlottenburg, Di–So 10–18, 8/ 5 €, bis 18. J, 1. Mi + 1. So/ Monat frei, Zeitfenstertickets hier, 23.6.–4.9.

Grit Richter

„Tree of Life“, 2022, aus Grit Richters Ausstellung „Coping Strategies“ in der Galerie Tanja Wagner

Fast ist es Malerei für die nächste Hitzewelle: Die Hamburger Künstlerin Grit Richter zeigt ihre sechste Einzelschau in der Galerie Tanja Wagner. Und obwohl in der obigen Arbeit von 2022 ein erfrischendes Grün mitschwingt, bleibt Rot die Farbe, die auf Richters Gemälden, Objekten und Schriften in den verschiedensten Nuancen und Mischungen leuchtet. So offen die Kurven und amorphen Formen für Interpretation sind, eines vermitteln sie immer: den Eindruck von Krisenhaftigkeit, davon, dass alles verglühen kann. 

  • Galerie Tanja Wagner Pohlstr. 64, Tiergarten, Di–Sa 12–18 Uhr, bis 27.8.

Garden of Ten Seasons

Foto von der Ausstellungseröffnung „Garden of ten Seasons“ bei Contemporary 2022, Foto: Raisa Galofre

Bevor der Weddinger Projektraum Savvy eine neue Phase beginnt, ist hier ein Höhepunkt des Kunstsommers zu sehen. Die Kathmandu-Triennale, die Anfang des Jahres in Nepal stattfand, und der „Garden of Six Seasons“ aus Hongkong haben Kunst nach Berlin geschickt. Es geht um Dekolonialisierung (vor allem in Asien) und – wie auf der 12. Berlin Biennale – um nichtwestliche Vorschläge für Auswege aus Krisen.

  • Savvy Reinickendorfer Str. 17, Wedding, Do–So 14–19 Uhr (geschl. 25.6.), bis 10.7.

Das dritte Leben der Agnès Varda

Große Filmkünstlerin Agnès Varda. Foto: Julia Fabry/Cine Tamaris

Agnès Varda war in das Leben verliebt – in alles, unterschiedslos, mit einer besonderen Vorliebe für seine Missgeschicke und seine Ausgestoßenen. In der ersten großen Ausstellung seit dem Tod der französischen Künstlerin und Filmemacherin im Jahr 2019 zeigt Silent Green eine ganz besondere Schau, die von zwei ihrer besten Freunde kuratiert wurde: Dominique Bluher und Julia Fabry.

Die Protagonisten von Agnès‘ Werk sind vielfältig: missgestaltete Kartoffeln, Mona, die Vagabundin, Zgougou, die Katze, die Nachleser, Jaques Demy, bayerische Dorfbewohner, Witwen aus Noirmoutier. Sie alle sind jetzt im Silent Green zu sehen – eine Ausstellung, die in ihrem Umfang und ihrer schieren Kreativität unerwartet ambitioniert ist. Von der friedlichen Wiese des ehemaligen Krematoriums bis zur unterirdischen Betonhalle wird der Besucher auf eine immersive Reise durch 20 Foto-/Videoinstallationen mitgenommen, die die vielen Schichten von Vardas Werk anschaulich miteinander verflechten. (Nadja Vancauwen)

  • Silent Green Gerichtstraße 35, Wedding, Mo-Fr 14–20/Sa+So 12–20 Uhr, 8€, bis 20.7., Programm

POSTOST: Україна / Ukraine

Foto: Stiftung Neue Kunst Berlin-Brandenburg

Was bedeutet es, in einem postsowjetischen Land aufzuwachsen? Wie formt ein osteuropäisches Land seine nationale Identität heute? Was macht man, wenn einen die Luftschutzsirenen wecken? Die Ausstellung „POSTOST: Україна / Ukraine“ zeigt Kunstwerke ukrainischer Künstler:innen zu den Themen Gegenwart im Krieg, Alltag in Bedrohung und Geschichten um Identifikation, Zusammenhalt und Zugehörigkeit. Einige von ihnen leben schon lange in Berlin, wie der große Fotograf Boris Mikhailov, andere wie Musikerin Maria Kebu sind erst seit einigen Wochen da und einige sind in der Ukraine, so wie Sasha Kurmaz, zuletzt Stipendiat der Akademie der Künste Berlin. Zur Eröffnung am Samstag gibt es Performances und Live-Musik.

  • Karl-Marx-Straße 84 Neukölln, bis 19.9., Di–So 13-21 Uhr, 7€, jeden 1. und 3. Donnerstag des Monats kostenfreier Eintritt

Albena Baeva

Die Skulptur „xyz//:[email protected]!killall“ von Albena Baeva. Foto: Ina Hildebrandt

Es ist ein aktuelles Trendthema in der Kunst und ein großes Spielfeld für Küntler:innen: das kreative Potenzial von Künstlicher Intelligenz. Auch Albena Baeva nutzt maschinelles Lernen und virtuelle Realitäten für ihre Arbeiten, lotet das Verhältnis von der künstlichen und eigenen Vorstellungswelt aus. Für ihre aktuelle Ausstellung “ And They Whispered Softly“ hat die in Bulgarien geborene Künstlerin die Galeriewände zu Greenscreen transfomiert, an denen Gemälde von sonderbaren Kreaturen hängen. Baeva hat gemalt, was ein selbst-lernendes Netzwerk aus Hunderten von Bildern erzeugt hatte, die sie zuvor im Internet in monatelanger Recherche zusammengesucht hatte. Unheimlich und faszinierend.

  • KVOST Kunstverein Ost e.V. Leipziger Straße 47 / Eingang Jerusalemer Straße, Mitte, Mi–Sa 14-18 Uhr, bis 30.7.

Pola Sieverding

Pola Sieverding, ‚VABANQUE‘, 2022, OFFICE IMPART. Foto: Marjorie Brunet Plaza

An Austern und Stierkampf scheiden sich die Geister. Für die einen ein ästhetischer beziehungsweise kulinarischer Genuss, für die anderen nur geschmacklos. Pola Sieverding bringt diese zwei eigentlich sehr unterschiedlichen Dinge in einer raumfüllenden fotografischen Arbeit zusammen. Aufnahmen von einem Torrero-Tuch oder eine Rückansicht eines (oder einer?) Stierkämpfers(in) verströmen eine prachtvolle Sinnlichkeit, die mit der glossigen Fleischlichkeit der Austern korrespondiert. Die Fotografin eröffnet einen Assoziationsraum von Luxus, Erotik, Schönheit und Tod.

  • Office Impart Waldenserstraße 2-4, Moabit, Mi–Fri 15–18 Uhr mit Terminbuchung hier, offener Samstag: 16.7., 12–18 Uhr, bis 16.7.

Shota Nakamura

Installationsansicht Peres Projects. Foto: Timo Ohler//Courtesy Peres Projects

Shota Nakamura malt. Menschen im Bett. Menschen am See. Menschen im Bett am See. Seine Malerei kommt in ihrer Figürlichkeit und Flachheit naiv daher, was jedoch ihrer Wirkung keinen Abbruch tut. Die überwiegend aus Ölgemälden bestehenden Werke verweben einen Einklang zwischen der Schaffung von Bildern und der Vorstellung von Welten. Indem Shota über die Bildforschung nachdenkt, die für seine Praxis so wichtig ist, verdauen seine Gemälde die Aufregung unserer Gegenwart. Seine Antwort ist eine ruhige Stille, die den Betrachter von der unaufhörlichen Flut von Bildern und Medien befreit. 

  • Peres Projects Karl-Marx-Allee 82, Mitte, Mo–Fr 11–18 Uhr, bis 8.7.

12. Berlin Biennale

In der ehemaligen Stasi-Zentrale: Susan Schupplis „Weaponizing Water Against Water Protectors“, aus der Serie „Cold Cases“, 2021–22, Video, Farbe, Ton, 18′33′′. Foto: Susan Schuppli (Videostill)

Groß ist sie: An der 12. Berlin Biennale nehmen 77 Künstler:innen und Kollektive teil. Sie stellen an fünf Orten aus, in beiden Häusern der Akademie der Künste, den Kunst-Werken (KW) und erstmals zählt auch der Campus der Demokratie in der ehemaligen Stasi-Zentrale zu den Ausstellungsorten einer Berlin Biennale. Hinzu kommt ein Projektraum in der Wilhelmstraße, ungefähr dort, wo im Winter 1884/ 1885 die Teilnehmer der „Kongo-Konferenz“ die Grundlagen zur Aufteilung Afrikas unter den Kolonialmächten beschlossen. Damit ist das Programm der Biennale unter dem Motto „Still present!“ grob umrissen. Kader Attia, 51, Künstler aus Paris und Teilzeit-Berliner, setzt sich auch als Kurator der 12. Berlin Biennale mit historischen Verwerfungen wie der Kolonialgeschichte auseinander.

  • Akademie der Künste Hanseatenweg 10, Tiergarten, Mi–Mo 11–19 Uhr
  • Akademie der Künste Pariser Platz 4, Mitte, Mi–Mo 11–19 Uhr
  • Dekoloniale Erinnerungskultur in der Stadt Wilhelmstr. 92, Mitte, 0–24 Uhr (Fenster)
  • Hamburger Bahnhof Invalidenstr. 50–51, Tiergarten, Di–Fr 10–18, Do 10–20, Sa–So 11–18 Uhr
  • Kunst-Werke (KW) Auguststr. 69, Mitte, Mi–Mo 11–19 Uhr
  • Stasi-Zentrale. Campus für Demokratie Ruschestr. 103, Haus 7 + 22, Lichtenberg, Mi–Mo 11–18 Uhr
  • Alle Orte: 11.6.–18.9.2022,
  • Ticket: 18/ 9 €, Eintritt frei: Dekoloniale Erinnerungskultur und Stasi-Zentrale, bis 18 J., Berlinpass- & 1. So/ Monat online

Fotografie von Juergen Teller

Juergen Teller: „We are building our future together No.2, Napoli, 2021“, Foto: © Juergen Teller / Courtesy Contemporary Fine Arts, Berlin

Auguri sind italienische Glückwünsche. Juergen Teller ist Mode-, Musik-, Werbe-, Promi-, Mannequin-, Zeitschriften- und Trendfotograf sowie Professor an der Kunstakademie in Nürnberg und nun Angetrauter von Dovile Drizyte. Wenn die Galerie Contemporary Fine Arts nun neue Arbeiten von Teller unter dem Titel „Auguri“ ausstellt, dann deshalb, weil Thema seiner neuen Bilder ist seine eigene Hochzeit in Neapel ist – eine Art visuelles Tagebuch sollen sie sein, von der Suche nach einem Ort für das Fest bis zu den Flitterwochen. Glückwunsch!

  • Contemporary Fine Arts  Grolmanstr. 32/ 33, Charlottenburg, Mo–Fr 10–18, Sa 11–14 Uhr, 11.6.–30.7.

Catherine Lorent: Relegation ~ via

Catherine Lorent (im Foto) und Tom Fruechtl: „Hannelore“, 2020. Foto: Noa Lohrmann

Bassgitarre, Schlagzeug, Klavier: Instrumente aus E- und U-Musik gehören zum Inventar von Catherine Lorents Ausstellungen. Die Berliner Künstlerin, die Luxemburg 2013 auf der Venedig-Biennale vertrat, mag es barock opulent: Die Entgrenzung der Genres sowie der kulturellen Milieus zählt zu ihrem Programm – in Aquarellen, Installationen, Konzerten.

  • Galerie Nord/ Kunstverein Tiergarten Turmstr. 75, Di–Sa 12–19 Uhr, bis 30.7.   

Filmkunst von Pauline Curnier Jardin

Pauline Curnier Jardin: Szene aus dem Film „the only film“, 2022, 03’18”, Courtesy of ChertLüdde, Berlin and Pauline Curnier Jardin, Berlin

Auch die zweite Ausstellung am neuen Standort von Chert Lüdde setzt sich mit der Nachbarschaft der Galerie auseinander. Pauline Curnier Jardin, Gewinnerin des Preises der Nationalgalerie 2019, widmet sich einem von Frauen betriebenen Schöneberger Kino, den Luna-Lichtspielen, die sogar den Zweiten Weltkrieg überstanden. Als Curnier Jardin den Preis gewann, zeigt sie im Hamburger Bahnhof eine Filminstallation über ein religiöses Fest in Italien zu Ehren der Heiligen Agatha, in der es sehr körperlich zuging. Auch in „the only film“, 2022, fließt wieder Blut.

  • Chert Lüdde Hauptstr. 18, Schöneberg, Di–Sa 12–18 Uhr, bis 3.9.

Hansgert Lambers

Hansgert Lambers: „1975 Berlin-Kreuzberg, an der Friedrichstrasse“ © Hansgert Lambers

Von Haus aus Ingenieur, fotografiert Hansgert Lambers sein Leben lang, hat aber schließlich die Kamera zu seinem zweiten Beruf gemacht. Schon auf Arbeitsreisen in Länder des Warschauer Pakts fotografierte er Stadt, Umland und Industrie, genauso an seinem Lebensmittelpunkt Berlin, in Ost und West, wie hier „1975 Berlin-Kreuzberg, an der Friedrichstrasse“. Seine Ansichten sind im Haus am Kleistpark unter dem Titel „Verweilter Augenblick“ zu sehen, dazu erscheinen eine Monografie und ein Interviewfilm.

  • Haus am Kleistpark  Grunewaldstr. 7–8, Schöneberg, Di–So 11–18 Uhr, bis 7.8.

Skulpturen von Rebecca Horn und Fred Sandbeck

Rebecca Horn: „Peacock Machine“ („Pfauenmaschine“), Installationsansicht von der Documenta 7, 1982, Kassel © Attilio Maranzano

Passend zum Beginn der Documenta in Kassel am 18. Juni zeigt die Galerie Thomas Schulte eine Arbeit, die Rebecca Horn bereits 1982 auf der Kasseler Großausstellung präsentierte: eine kinetische Skulptur, in der sich Schönheit und Gefahr vereinen, die „Peacock Machine“, ihre „Pfauen-Maschine“ (Abb.). Bei Schulte findet sich die Plastik in Gesellschaft von Arbeiten des 2003 verstorbenen US-amerikanischen Bildhauers Fred Sandback, der in leeren Räumen mit Acrylgarn dreidimensionale Körper schuf. Könnte eine gute Kombi werden.

  • Galerie Thomas Schulte  Charlottenstr. 24, Mitte, Di–Sa 12–18 Uhr, bis 20.8.

Balance – Sammlungspräsentation

Sturtevant: „Warhol Flowers“, 1990 Siebdruck und Acryl auf Leinwand. Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie / 2019 Schenkung
© Archiv Paul Maenz/ Estate Sturtevant, Paris

Frisch saniert soll sich die Haupthalle des Hamburger Bahnhofs ab 8. Juni zeigen. In den Sälen nebenan läuft die Sonderschau „Under Construction“ mit Neuerwerbungen, in der Haupthalle dagegen soll „Balance“ bereits früher erworbene Sammlungsarbeiten wie von Fiona Tan und (Elaine) Sturtevant (Abb.) vorstellen, und zwar, dass klar wird, dass jedwede Balance von begrenzter Haltbarkeit ist.  

Hamburger Bahnhof  Invalidenstr. 50/ 51, Tiergarten, Di–Fr 10–18, Do bis 20 Uhr, Sa/So 11–18 Uhr, 14/ 7 €, bis 18 J., Do ab 18 Uhr + ALG II frei, Zeitfenstertickets hier, bis 9.10.


Jan-Peter E.R. Sonntag und Fred Thieler

„raum-Arbeit“ (Detail) von Jan-Peter E.R. Sonntag, Ansicht der Installation in der Galerie Georg Nothelfer, 2022.
Foto: Jan-Peter E.R. Sonntag / Courtesy of the artist and Galerie Georg Nothelfer

Der Berliner Künstler Jan-Peter E.R. Sonntag tritt auf Medienkunstfestivals auf, gewann den Deutschen Klangkunstpreis (2008), kann Opern komponieren, Sinusklänge wabern lassen – und hat aus dem einst von ihm bevorzugten Schwarz in freundlichere Farben hier und da gefunden. Zum Beispiel, wenn er ein Cello kopfüber hängen lässt wie in der Galerie Nothelfer, die Arbeiten von ihm mit späten, eher expressiven Bildern des Berliner Malers Fred Thieler (1916–1999) kombiniert.

  • Galerie Georg Nothelfer Corneliusstr. 3, Tiergarten, Do–Fr 12–19, Sa 12–18 Uhr, bis 30.7.

Hamburger Sezessionisten

Emil Maetzel: „Ballspieler“, 1955, Öl auf Hartfaser, 71 x 100 cm, Abb: Emil Maetzel

Nicht nur in München, Berlin und Wien gab es eine Sezession, eine Abspaltung fortschrittlicher Künstler:innen vom Akademiebetrieb mit seinem Historismus. Bis zur ihrer Auflösung 1933 (und für kurze Zeit nach dem Ende der NS-Diktatur) existierte auch eine Hamburgische Sezession. Ihr gehörten Künstler:innen wie Alma del Banco, Gretchen Wohlwill, Emil Metzel (hier seine „Ballspieler“, 1955) und Dorothea Maetzel-Johannsen an. Die Salongalerie Möwe erlaubt einen konventionell gehängten, aber eindrücklichen Einblick in das Schaffen dieser Gruppe.

  • Salongalerie Die Möwe Auguststr. 50b, Mitte­, Di–Sa 12–18 Uhr, bis 27.8.

Movement Research: ACROSS

Justin F. Kennedy Foto: Alana Lake

Mitten auf dem Rathausvorplatz in Wedding steht eine Skulptur, die zugleich Bühne ist. Geschaffen hat sie der in Berlin und Istanbul lebende Künstler Viron Erol Vert für die Ausstellung “Movement Research: Across“ der Galerie Wedding. Als Performance- sowie Begegnungsort für Künstler:innen und Passant:innen ist diese farbenfrohe Außenbühne gedacht. Wie der Name schon verrät, geht es in der Ausstellung es um Bewegung in ihren abstrakten und konkreten Formen. So wird der Außenbereich mit einem Performance- und Workshop-Programm bespielt. Ergänzend sind im Innenbereich der Galerie Werke der interdisziplinären Künstler:innen RA Walden, Jimmy Robert sowie Intervention von André Uerba und Angela Alves zu sehen. 

  • Galerie Wedding – Raum für zeitgenössische Kunst Müllerstraße 146/147, Wedding, bis 30.7., Infos+Programm

Form der Freiheit

Morris Louis „Saf Heh“, 1959. Foto: James Bernstein / © Morris Louis/VG Bild-Kunst, Bonn 2022 / ASOM Collection

Radikale Kunst der großen Gesten und satten Farben: Das Museum Barberini zeigt in der Ausstellung Die Form der Freiheit Ikonen und bisher seltener gezeigte Werke der internationalen Abstrakten Malerei nach 1945. Zu sehen sind Jackson Pollocks berühmte „Drip Paintings“ und weitere Werke von Kolleg:innen wie Sam Francis, Mark Rothko und Helen Frankenthaler. Den Größen des Abstrakten Expressionismus in den USA stellt die Potsdamer Ausstellung Arbeiten der Stars des europäischen Informel gegenüber: Jean Debuffet, K.O. Götz und Natalia Dumitresco. Bisher vornehmlich als zwei eigenständige Strömungen betrachtet, stellt Kurator Daniel Zamani diese Entwicklungen neuer, radikaler künstlerischer Ausdrucksweisen als einen transatlantischen Dialog heraus. Zudem beleuchtet die Schau explizit den Einfluss weiblicher Künstler:innen auf beiden Kontinenten.

  • Museum Barberini Alter Markt, Humboldtstraße 5–6, Potsdam, Mo–Fr 9–18 Uhr, Sa+So 10–15 Uhr, bis 25.9., Tickets&Infos

Barricading the Ice Sheets

Oliver Ressler, Barricade Cultures of the Future, 2021 Filmstill, 4K, 40 min Foto: Oliver Ressler (Filmstill)

Oliver Ressler ist bekannt für große Recherchen über Protestgruppen und die Umstände, gegen die sie demonstrieren. Der 52-jährige Künstler verbildlicht seine Ergebnisse in Fotos, Filmen, Landkarten und Installationen. Zuletzt hat er die Klimabewegung untersucht, wie seine Ausstellung „Barricading the Ice Sheets“ 2021 in Graz und 2022 in Zagreb zeigte, unter anderem mit dem Fillm „Barricade Cultures of the Future“ (Abb.). Jetzt kommt sie nach Berlin.

  • Neuer Berliner Kunstverein (n.b.k.) Chausseestr. 128–129, Di–So 12–18, Do bis 20 Uhr, bis 31.7.

Holzschnitt

Carl Moser, Bretonische Hochzeit, 1906, Farbholzschnitt, Foto: Dietmar Katz / © Staatliche Museen zu Berlin, Kupferstichkabinett / Carl Moser

„Holzschnittartig“ sagt man, wenn etwas Nuancen vermissen lässt. Kunsthistorisch ist das nicht korrekt: Holzschnitte lassen Feinheiten sehen, wie die erste Schau einer Reihe zu Drucktechniken im Kupferstichkabinett zeigen soll. Sie umfasst rund 100 Holzdrucke aus 600 Jahren, von Lucas Cranach d. Ä. über Carl Mosers (s. Abb.) bis Anselm Kiefer. Druckstöcke und farbige Arbeiten zählen zu ihren Besonderheiten.

  • Kupferstichkabinett Matthäikirchplatz, Tiergarten, Di–Fr 10–18, Sa/So 11–18 Uhr, 6/ 3 €, bis 18 J. frei + ALG II frei, bis 11.9.

Alliierte in Berlin – das Architekturerbe

Neubau der 60er Jahre vom Bundesbauamt Nord im Auftrag der Französischen Militärregierung. Foto: Mila Hacke

Das L’Aiglon ist ein schön geschwungener 1950er-Jahre-Bau mit einer weiten Glasfront. Es zählt zu den vielen Gebäuden, die die Alliierten in Berlin hinterließen und die die Berliner Architekturfotografin Mila Hacke nun für die Nachwelt festgehalten hat. Die Ausstellung „Alliierte in Berlin – das Architekturerbe“ im Militärhistorischen Museum am Flugplatz Gatow zeigt mehr als 70 von Hackes Fotos, die von der Zeit zeugen, als Berlin geteilt war. Die Fotografin, Architektin und Kuratorin Hacke möchte Aufmerksamkeit für diesen Teil der Berliner Geschichte schaffen. Für sie steht weniger die Politik als die Kulturgeschichte im Vordergrund.

  • Militärhistorisches Museum am Flugplatz Gatow Am Flugplatz Gatow 33, Gatow, Di–So 10–18 Uhr, Eintritt frei, bis 31.1.2023

Aliens Are Temporary

Club Ate (Justin Shoulder & Bhenji Ra): „Ex Nilalang Episode 4: From Creature~From Creation“, Videoprojektion mit Sound, 14:17 Min.
Foto: Marcelina Wellmer / © Club Ate (Justin Shoulder & Bhenji Ra)

In gleich zwei Kommunalen Galerien fand die Ausstellung. „Aliens are temporary – eine mutierende Erzählung“ statt. Während die Schau über Verwandlungen des Lebens im Kunstraum Kreuzberg bereits vorbei ist, läutet sie in Neukölln jetzt die Sommersaison ein: in der Kunstbrücke am Wildenbruch, einer ehemaligen Bedürfnisanlage, die im Winter geschlossen hatte. Klanginstallationen, Skulpturen, Videos etwa von Melt und Club Ate (Foto) thematisieren Metamorphosen bei Menschen, Tieren, Pflanzen und anderen Organismen. Ein bisschen gruselig ist das, auch wegen des Ortes – den man gesehen haben sollte, bevor der Flachbau am Neuköllner Schifffahrtskanal ein fertigfeines Ausstellungshaus geworden ist.

  • Kunstbrücke am Wildenbruch Weigandufer / Ecke Wildenbruchbrücke, Neukölln, Mi-So 12-18 Uhr, bis 24.7.

Atlas of Affinities: Vol. 1, The Far-Near

Ansicht aus der Ausstellung „Atlas of Affinities Vol 1 bei Hua International: „21-24/2, 2021″ von Kim Farkas,
Foto: Timo Ohler / Courtesy Kim Farkas and Hua International

In der Galerie Hua International dreht sich jetzt alles um as Zusammenspiel von Asien und asiatischer Diaspora in Südamerika. Zwar ist das Thema bereits poetischer und informativer im Berliner Times Art Center beleuchtet worden, doch die Gruppenschau bei Hua überzeugt mit der Vielfalt des Materials, aus dem sich Kunst schaffen lässt. Das Spektrum reicht von Ton i über Fliegenvorhänge bis zu Kim Farkas Video- und Klanginstallation, in denen Nudelsuppen unüberhörbar eine wichtige Rolle spielen (Abb.). Der Ferne Osten ist ganz nah.

  • Hua International Potsdamer Str. 81b, Seitenflügel, Tiergarten, Di–Sa 12–18 Uhr, bis 23.7.

Thomas Florschuetz – Überlagerungen

Thomas Florschuetz: „Ohne Titel (E.B.) 27“, 2016/2021, 183 x 243 cm, C-Print
Foto: Courtesy © Thomas Florschuetz/VG Bild-Kunst, Bonn 2022 und DIEHL, Berlin

Wunderbar geordnet ist diese Schau, die einen Überblick über das Werk von Thomas Florschuetz gibt – wenn auch keinen vollständigen: Die Aufnahmen von Körperfragmenten, mit denen der 1957 in Zwickau geborenen Künstler bekannt wurde, fehlen, ebenso seine Fotos von „Jets“. Dafür finden sich hier Aufnahmen aus Serien, in denen Gegenstände zu leben beginnen scheinen: Häuser oder Fenster beispielsweise oder Museumsobjekte wie hier im ehemaligen Ethnologischen Museum Dahlem (Foto) . Die  Pflanzen dagegen, für die sich Florschuetz begeistern kann, leben sowieso. Dank geschickt angelegter Blickachsen sowie paar- oder serienweiser Hängung kommen die Aufnahmen bestens zur Geltung.

  • Haus am Waldsee Argentinische Allee 30, Zehlendorf, Di-So 11-18 Uhr, 7/5 €, bis 18 J. frei, bis 28.8.

All Hands On: Flechten

Olaf Holzapfel: „Der geflochtene Garten“, 2022 Foto: Jens Ziehe / © Olaf Holzapfel

Endlich schlägt das Museum für Europäische Kulturen (MEK) wieder mit einer großen Ausstellung auf. „All Hands On: Flechten“ präsentiert Meisterwerke au3s Kunst, Handwerk und Design, anonyme Stücke aus Stroh und Rinde genauso wie die neue Arbeit „Der geflochtene Garten“ (Abb.) von Olaf Holzapfel, Teilnehmer der Documenta vor fünf Jahren. Ein willkommener Anlass für eine U-Bahnfahrt nach Dahlem: das auch Biergärten, Buchhandlungen an der Uni, Parks und dem Landwirtschaftsmuseum Domäne Dahlem wenig entfernt vom MEK einen Ausflug wert ist. Perfekt für ein langes Wochenende.

  • Museum Europäischer Kulturen Arnimallee 25, Dahlem, Di–Fr 10–17, Sa/ So 11–18 Uhr, 8/ 4 €, bis 18 Jahre + Berlin Pass frei, Zeitfenstertickets hier, bis auf Weiteres

Das kleine Grosz Museum

Das kleine Grosz Museum von Innen mit George Grosz‘ „American Couple“. Foto: Hanna Seibel

George Grosz, das sind dicke Fabrikanten, scheinheilige Priester und dumpfe Militaristen. Weimarer Personal, das durch seine hartgezeichneten Karikaturen keinen Zacken sympathischer wird. Das war zwar nicht das gesamte Oeuvre des gebürtigen Berliners, aber es ist bis heute dessen Marken-, wenn nicht Wesenskern. Und wenn dieses Werk retrospektiv ausgestellt wird wie zuletzt 2018 gelungen im Bröhan-Museum, dann wird es oft auf knarrenden Holzdielen abgelaufen – und bleibt damit seiner historischen Epoche mehr verhaftet, als vielleicht gut wäre. Und genau da gibt es jetzt einen aufregend klaren Schnitt – im neuen Schöneberger Kleinen Grosz Museum. Denn mehr gebaute Nachkriegs-Leichtigkeit als in Judins ehemaliger Shell-Tankstelle an der Bülowstraße lässt sich kaum finden. So gut sahen die 1950er-/60er-Jahre in Berlin selten aus.

  • Das Kleine Grosz Museum Bülowstr. 18, Schöneberg, Mo + Do 11–18, Fr 11–20, Sa/So 11–18 Uhr, 10/ 6 €, Online-Tickets

Anthropozän: Earth Indices

Evidenz & Experiment: „earth indices“. Foto: HKW

Das Haus der Kulturen der Welt hat mit seinen Ausstellungen und Veranstaltungen zum Thema Anthropozän, also dem menschengemachten Zeitalter, Pionierarbeit geleistet. Die Ausstellung „Earth Indices“ basiert auf den Erkenntnissen einer Gruppe internationaler Wissenschaftler:innen, die Spuren menschliches Wirken in Boden und Sphäre erforsch haben. Die Künstler:innen Armin Linke und Giulia Bruno haben diese Anthropocene Working Group begleitet und kommentieren deren Arbeit nun in der Schau. Damit endet das die Anthropozän-Reihe am HKW, zusammen mit dem der Amtszeit von Intendant Bernd Scherer.

  • Haus der Kulturen der Welt John-F.-Dulles-Allee 10, Tiergarten, Mi–Mo 12–20 Uhr, Eintritt frei, bis 17.10., online

Hackers, Makers, Thinkers

Constanza Piña Pardo, „Khipu“, 2018, sound installation. Foto: Constanza Piña Pardo/ Art Laboratory Berlin

Die vergangenen zwei Jahren haben unseren Umgang miteinander tiefgreifend verändert. Während die einen sich jetzt ins Miteinander stürzen, sind andere noch am fremdeln. Das innovative Art Laboratory Berlin widmet sich mit dem Projekt „Hackers,Makers, Thinkers“ der Frage, welche sozialen Möglichkeiten wiederbelebt werden können. Berliner Künstler:innen und Gastkünstler:innen aus Lateinamerika sowie Südostasien bespielen verschiedene Veranstaltungsorte mit einer Gruppenausstellung, eine interdisziplinären Konferenz, Workshops und Performances. Eine spannende Mischung aus Kunst, Wissen und Gemeinschaft.

  • Art Laboratory Berlin Prinzenallee 34, Wedding, bis 10.7., Do–So, 14–18 Uhr, Eintritt frei, Programm hier

Schliemanns Welten

Büste von Heinrich Schliemann im Neuen Museum, Foto: bpk / Hans Christian Krass

Zu seinem 200. Geburtstag nähert sich eine Sonderausstellung dem schillernden und umstrittenen Archäologen Heinrich Schliemann, geboren in dem Städtchen Neubukow, im 19. Jahrhundert ein bürgerliches Zentrum im Mecklenburgischen. Von hier zog Schliemann (1822–1890) in die Welt und mit seinen spektakulären Ausgrabungen als Entdecker der Stadt Troja schließlich in die Geschichtsbücher ein. Bekannt wurde er mit unkonventionellen Forschungsansätzen in der Archäologie, zugleich wird er wegen widersprüchlicher Aufzeichnungen, rabiater Ausgrabungsmethoden und räuberischer Aneignung archäologischer Funde kritisiert. Die Ausstellung „Schliemanns Welten“ in der James-Simon-Galerie und dem Neuen Museum auf der Museumsinsel beleuchtet Persönlichkeit und Arbeit des deutschen Archäologen mit rund 700 Exponaten. In der James-Simon-Galerie steht die erste Lebenshälfte des Geschäftsmanns, Weltreisenden und Forschers im Fokus. Das Neue Museum präsentiert die Funde der Königsgräber in Mykene und die Trojanische Sammlung Schliemanns.         

  • James-Simon-Galerie und Neues Museum Bodestraße, Mitte, Di–So 11–18 Uhr, 12/ 6 €, bis 18. J. + ALG II frei, Zeitfenstertickets hier, bis 6.11.        

Bieke Depoorter

Agata, Beirut, Libanon, 3. August, 2018, Foto: © Bieke Depoorter . Magnum Photos

Mit den Menschen, die sie porträtiert, geht Magnum-Mitglied Bieke Depoorter langfristige Beziehungen, komplizierte Freundschaften ein, etwa mit der Sexarbeiterin Agata (Abb.), und sogar, wenn einer dieser Menschen verschwindet wie Michael aus Portland, den sie 2015 kennenlernte. Dann sucht die belgische Fotografin geradezu obsessiv nach ihm und hält ihre Fahndung in Fotos fest – inklusive ihrer Fahndungsmethoden, über deren ethische Qualität sich streiten lässt.

  • C/O Berlin Hardenbergstr. 22–24, Charlottenburg, Mo–So 11–20 Uhr, 10/ 6 €, bis 18 J. frei, bis 9.9.

Joan Jonas

Joan Jonas, 57th Carnegie International, Carnegie Museum of Art, Pittsburgh, Pennsylvania, 2018 Foto: Bryan Conley
© Joan Jonas / Carnegie Museum of Art, Pittsburgh

Vor fast 40 Jahren lebte Joan Jonas in Tiergarten, als Gast des Künstlerprogramms beim DAAD. Schon damals war sie eine hoch angesehene Künstlerin, bekannt für ihre Videos und Performances, die sie auch unter freiem Himmel aufführte, und für viele Ausstellungen in Nordamerika und Westeuropa. Jetzt ist die 86-Jährige erneut in Tiergarten zu Gast: mit einer Ausstellung in der jungen Galerie Heidi, gelegen in einem ehemaligen Möbelgeschäft. Inhaberin Pauline Seguin hat die Räume nicht renoviert. Jonas Arbeiten kommen in diesem rohen Ambiente bestens zur Geltung: ein Film und ein Video führen in ihr Körperverständnis ein, und ihre bemalten Drachen scheinen danach zu rufen, die Fenster zu öffnen, damit sie zum Himmel aufsteigen können.

  • Heidi Kurfürstenstr. 145, Schöneberg, Do-Sa 11-18 Uhr, bis 30.7.

Bruce Nauman

Bruce Nauman: „Practice cropped“. Foto: Bruce Nauman / Artists Rights Society (ARS), New York / VG Bild-Kunst, Bonn /
Courtesy Konrad Fischer Galerie

Ein wenig Geduld sollten Besuchende mitbringen, wenn sie mit Bruce Naumanns neuem Video „Practice“ mitgehen wollen: Die Schwarzweiß-Aufnahmen sind eine Meditation über eine historische Geste, die den Verlauf der kanadischen Geschichte und der Blackfeet Nation entscheidend beeinflusste. Auf den weiteren Etagen der großen Galerie hängen Beispiele aus fast 50 Jahren druckgrafischen Schaffens des US-amerikanischen Konzeptkünstlers.

  • Konrad Fischer Galerie Neue Grünstr. 12, Mitte, Di-Sa 11-18 Uhr, bis 27.8.

Nina Canell

Nina Canell und Robin Watkins: “Energy Budget“, 2017 – 2018, 4K Video, 16:03 Min,  
Foto: Nina Canell und Robin Watkins (Video Still)

In der Berlinischen Galerie stellt Nina Canell aus – trotz ihres Boykotts des GASAG-Kunstpreises 2020. Eine gute Entscheidung, denn im Zentrum der Ausstellung liegt Canells wunderbare neue Arbeit „Muscle Memory (7 Tonnes)“ – sieben Tonnen Muscheln auf dem Boden des Ausstellungshauses ausgelegt.  Betreten ist explizit erwünscht. Und in der Vier-Kanal-Video-Installation „Energy Budget“ (2017–18), die sie gemeinsam mit Robin Watkins schuf, bewegt sich eine Leopardenschnecke über ein elektronisches Schaltfeld. Natur und Technik bilden bei Canell ein Ganzes und verweisen dennoch auf ihre gegenseitige Zerstörung.

  • Berlinische Galerie  Alte Jakobstraße 124–128, Kreuzberg, Mi–Mo 10–18 Uhr, 10/ 6 €, bis 18. J. + 1. So/ Monat frei, Zeitfenstertickets hier, bis 22.8

Pope.L.

Ausstellungsansicht aus der PopeL. Ausstellung „BETWEEN A FIGURE AND A LETTER“ im Schinkel Pavillon. Foto: Pope.L, Contraption, 2022, Schinkel Pavillon, Berlin. Foto: Frank Sperling / © Pope.L / Performer: Mickey Mahar

Der in Chicago lebende Künstler Pope. L. ließ in den Schinkel Pavillon eine gewaltige grüne Maschine bringen, in seine Ausstellung „Between a Figure and a Letter“. Pope.L. ist vor allem für Performances sowie für Musik und Videos bekannt ist. Hier aber lässt er an seine Maschine aus Holz gefertigte Architekturmodelle von Schinkel Pavillon, der Neuen Wache und Humboldt Forum füttern, die sie kräftig zerhächselt. In einer zweiten Arbeit, einem Video, thematisiert Pope.L. die Deindustrialisierung in dem US-Bundesstaat Maine.

  • Schinkel Pavillon Oberwallstr. 32, Mitte, Do/ Fr 14–19, Sa/So 11–19 Uhr, 6/ 4 € (bar), bis 31.7. 

Opera Opera. Allegro man non troppo

Grazia Toderi: „Random“, 2001 Projektion, 4:3, Farbe, Loop 21:09 min Projection, 4:3, color, Loop, 21:09 min.
Foto: Grazia Toderi/VG Bild-Kunst, Bonn 2022 / Courtesy Fondazione MAXXI

Im Palais Populaire soll eine top besetzte Ausstellung Opera Opera ein Musikgenre zerlegen und wiederbeleben zugleich: die Oper. Sie ist großes Theater und Kulturerbe, das sich freundlich oder kritisch befragen, variieren, neu interpretieren lässt. So, wie es die 32 Künstler:innen und Architekten getan haben, deren Arbeiten im Palais Populaire der Deutschen Bank zusammenkommen, gleich neben der Staatsoper Unten der Linden. Auch diese Schau ist großes Theater. Sie entstand in Zusammenarbeit mit dem Maxxi-Museum in Rom und dessen Kuratorin Eleonora Farina sowie Direktor Hou Hanru (der aktuell in Berlin auch Wong Pings Ausstellung im Times Art Center verantwortet). Die Beiträge sind ebenfalls von Rang und Namen: Modelle von Aldo Rossi und Renzo Piano, Installationen und Videos von Jimmie Durham, William Kentridge und von Rosa Barba. Die Berliner Künstlerin steuert eine neue Auftragsarbeit bei, mit Bild- und Klangfragmenten aus einem Musikarchiv.

  • Palais Populaire  Unter den Linden 5, Mitte, Mi–Mo 11–18 Uhr, Do bis 21 Uhr, Zeitfenstertickets hier, bis 22.8.

Günther Förg

Günther Förg: „Untitled“, 1998 acrylic on cotton duck 250 x 420 cm.; 98 3/8 x 165 3/8 in. Foto: def image © Estate Günther Förg, Suisse / VG Bild-Kunst, Bonn 2022 / Courtesy of the Estate Günther Förg, Suisse and Galerie Max Hetzler, Berlin | Paris | London

Die Überraschung wartet im oberen Stock. Hier befinden sich Fotografien, Bronzereliefs und Steingüsse von einem Günther Förg (1952–2013), wie man ihn nicht kennt oder zu kennen meinte. Die Spuren seiner Finger aus und in den Skulpturen verblüffen. Auch der Blick von hier hinunter in die Halle mit Förgs abstrakter Malerei lohnt. Die Perspektive nimmt den Großformaten (hier „Untitled”, 1998) das Einschüchternde und zeigt, dass die Gemälde und schwer gerahmten Fotos so hängen, dass sie einander schmeicheln sollen.

  • Galerie Max Hetzler IV Potsdamer Str. 77–87, Tiergarten, Di–Sa 11–18 Uhr, bis 6.8.

Glass

Simon Ertl, Julian Ribler: „JIPS“. Foto: Inga Masche / Hochschule: weißensee kunsthochschule berlin

Kunst, Gestaltung und Forschung wirken in der Ausstellung des Bröhan-Museums zu Glas zusammen. Das Kooperationsprojekt stellt neue Objekte und neues Design vor wie hier „Still Live“ von Milla Vainio, zudem in Filmen die Herstellungsprozesse. Eine schöne Gesprächsgrundlage, braucht die Produktion von Glas doch viel Quarzsand, Kalk und Energie.

  • Bröhan-Museum Schlossstr. 1a, Charlottenburg, Di–So 10–18 Uhr, 8/ 5 €, bis 18. J. + 1. Mi/ Monat frei, Zeitfenstertickets hier, bis 7.8.

Julia Stoschek Collection

Jacolby Satterwhite „Moments of Silence“, 2019. Installationsansicht JSC Berlin. Foto: Alwin Lay

Immer wieder wird das utopische Potenzial der Kunst heraufbeschworen: als Raum, in dem durch Experimente etwas Anderes, Besseres als die Gegenwart entstehen und als Vorlage für uns dienen kann. Wie das gehen könnte, das zeigen 25 Video-Arbeiten von Joan Jonas’ frühen Performance-Videos bis zu den animierten Welten Jacolby Satterwhites. Parallel dazu ist die neuerworbene multimediale und interaktive Installation „Piña, Why is the Sky Blue?“ zu sehen. Stephanie Comilang und Simon Speiser haben durch Interviews mit Aktivist:innen und Heiler:innen auf den Philippinen sowie in Ecuador eine Künstliche Intelligenz geschaffen. Als eine Art spiritueller Speicher bewahrt sie wertvolles Wissen für zukünftige Generationen auf.

  • Julia Stoschek Foundation Leipziger Str. 60, Mitte, Sa/So 12–18 Uhr, 5 €, bis 18 J. frei, bis 4.12.

Susana Meiselas

Motorradbrigade, gefolgt von einer Menge von hunderttausend Menschen, die Los Doce (Die Zwölf), Monimbo, Nicaragua, 05.07.1978. Foto: Susan Meiselas/Magnum Photos

Susan Meiselas interessiert sich für Konfliktzonen. Berühmt wurde die Fotografin der renommierten Agentur Magnum mit der Aufnahme „Molotov Man“. Eine Barrikade aus Sandsäcken ist zu sehen, dahinter steht ein Panzer. Zwei Männer bärtiger Mann mit Waffe hockt im Schatten der Sandsäcke, ein anderer steht gebückt. Beide beobachten einen dritten Kämpfer, der in der einen Hand ein Gewehr hält und mit der anderen anhebt, einen entzündeten Molotow-Cocktail in die Luft zu schleudern. Es handelt sich um einen kleinen Moment der sandinistischen Revolution, der dank des Fotos von Meiselas zu einem ikonischen Bild wurde. Bei C/O Berlin zeigt sie Aufnahmen aus über 40 Jahren.

  • C/O Berlin Hardenbergstr. 22–24, Charlottenburg, Mo–So 11–20 Uhr, 10/ 6 €, bis 18 J. frei, Tickets, bis 9.9.

José Pérez Ocaña

Der Künstler Ocaña in Berlin, 1979. Foto: Boris Lehman

Während sich Spanien nach Francos Tod 1975 im Übergang vom Faschismus zur Demokratie befand, sorgte José Pérez Ocaña (1947–1983) in Barcelona für Aufsehen. Der Maler lebte seine Homosexualität offen und politisch aus, vor allem mit Performances auf der berühmten Flaniermeile Les Rambles. „Ocaña. Der Engel, der in der Qual singt“ ist die erste Ausstellung in Deutschland über ihn. Sie folgt den Spuren seines Aufenthalts in Berlin, wo er 1979 an den Filmfestspielen teilnahm.

  • Schwules Museum Lützowstr. 73, Schöneberg, Mo /Mi/ Fr 12–18, Do 12–20, Sa 14–19, So 14–18 Uhr, 9/ 3 €, bis 12.8.

Mehdi Chouakri in den Wilhelm Hallen

Umbau Mehdi Chouakri Wilhelm Hallen, 2022, Foto: Patxi Bergé/Courtesy Mehdi Chouakri Berlin

Galerist Mehdi Chouakri, Betreuer des Nachlasses von Charlotte Posenenske, eröffnet in den Reinickendorfer Wilhelm Hallen am 29. April auf 1.000 Quartmetern einen neuen Standort mit öffentlich zugänglichem Posenenske-Archiv. Um- und Ausbau der Eisengießerei-Halle mit ihren Sheddächern hat er gemeinsam mit dem Architekten Philipp Mainzer geplant. Neben Werken von Posenenske sind auch Arbeiten von John M. Armleder und von Sylvie Fleury zu sehen. Im Eingangsbereich hat der Schweizer Künstler John Armleder eine Wandmalerei namens „Wurst mit Flammen“ aufgebracht. Auf dem Dach leuchtet die Neonarbeit „Yes to All“ der französischen Künstlerin Sylvie Fleury. Übrigens: Sonntags lohnt sich der Besuch in den Wilhelm Hallen wegen der Autogrill-Food-Pop-ups

  • Wilhelm Hallen Kopenhagener Str. 60–72, Reinickendorf (S-Bhf. Wilhelmsruh), Sa 11–18 Uhr, bis 23.7.

Haegue Yang

Haegue Yang: „Barbell-Powered Sunrising Soul Sheet Atop Another – Mesmerizing Mesh #79“, 2021 Hanji, Halbrundstäbe aus Kiefernholz auf Alu-Dibond, gerahmt 62 x 62 cm. Foto: Studio Haegue Yang / Courtesy Galerie Barbara Wien, Berlin

Dieses Mal ganz anders. Haegue Yang verzauberte schon mit kinetischen Jalousien eine halbe Documenta-Halle in Kassel, und aktuell werfen die mobilen Venetian Blinds der in Berlin und Seoul lebenden Künstlerin fantastische Schatten in der dänischen Nationalgalerie. Aus industriell gefertigten Dingen des Hausgebrauchs baut Yang virtuos Plastiken und Räume. In ihrer Berliner Stammgalerie aber rücken nun Arbeiten auf Korea-Papier in den Vordergrund. Neben fünf Skulpturen, darunter zwei aus Glöckchen und Metallringen kunstvoll gewebte Figuren, zeigt Yang Collagen, die schamanische Rituale Ostasiens zitieren. Dazu erscheint ein Buch, das traditionelle Papiertechniken in Japan und Korea vorstellt.

  • Galerie Barbara Wien Schöneberger Ufer 65, 3. Stock, Tiergarten, Di–Fr 11–18, Sa 11–14 Uhr, bis 30.7.

El Hadji Sy

El Hadji Sy: „Silhouettes Critique“s, 2022, Foto: Jens Ziehe / Courtesy Galerie Barbara Thumm / Le Cheval de Ndagane, 2021 / Doigt de Pianiste (Pianist Finger), 2021 / Femme Casamancaise, 2021

Der in Dakar lebende Maler, Performer und Aktivist El Hadji Sy prägt seit den 1970er-Jahren die senegalesische Kunstszene. Dort hat er nicht nur Kunstzentren gegründet, sondern mit internationalen Ausstellungen zu einer Sichtbarkeit von Kunst aus Afrika außerhalb des Kontinents beigetragen. Charakteristisch für Sys Arbeit sind bemalte Reis-Jutesäcke. Aber auch Papier, Leinwände und Hauswände dienen ihm als Untergründe für seine Malerei, in der Menschen, Tiere und Symbole eine Einheit bilden.

  • Galerie Barbara Thumm Markgrafenstr. 68, Kreuzberg, Mi–Sa 12–18 Uhr, bis 30.7.

Michel Majerus

Installationsansicht „gemälde“, Galerie Neugerriemschneider, Berlin (19.11.–23.12.1994)
Foto: © Michel Majerus Estate, 2022 / Courtesy neugerriemschneider, Berlin

Mit nur 35 Jahren starb Michel Majerus (1967–2002) bei einem Flugzeugabsturz. In seiner kurzen Schaffensphase wurde der Luxemburger Maler und Wahlberliner zu einer prägenden Figur der 90er-Jahre (Abb.). Er vermischte Popkultur und Kunstgeschichte, weitete Malerei von der Leinwand auf den Raum aus, nutzte als einer der ersten digitale Tools. Anlässlich seines 20. Todestages wird sein Werk mit der Ausstellungsreihe „Michel Majerus 2022“ in mehreren Berliner Kunstorten gewürdigt. Zum Auftakt zeigt der Michel Majerus Estate Arbeiten des Künstlers zusammen mit Werken seiner beiden Professoren Joseph Kosuth und K.R.H. Sonderborg.

  • Michel Majerus Estate Knaackstr. 12, Prenzlauer Berg, Sa 11–18 Uhr, bis 18.3.2023

Barbara Kruger

Barbara Kruger: „Belief + Doubt“, Hirshhorn Museum, Washington, 2021 Vinyl, ortsspezifische Installation.
Foto: Cathy Carver / Courtesy Barbara Kruger, Hirshhorn Museum and Sculpture Garden und Sprüth Magers

Sie bringt es gern auf den Punkt, wie hier 2021 im Washingtoner Hirshhorn Museum oder aktuell über den Fenstern des Neuen Berliner Kunstvereins. Mit Kurztexten, oft kombiniert mit Bildern aus der Konsumkultur, hinterfragt Barbara Kruger seit den 1970er-Jahren Glaubenssätze westlicher Gesellschaften aus kommerzkritischer und feministischer Sicht. Für ihre Ausstellung „Bitte lachen/ Please Cry“ bespielt die New Yorker Konzeptkünstlerin nun den Boden der Neuen Nationalgalerie mit einer Schrift-Installation. Bis einschließlich 27. August ist die Ausstellung freitags und samstags erst recht einen Besuch wert. Denn dann ist von jeweils 18 bis 22 Uhr die Sundowner-Bar auf der Terrasse der Neuen Nationalgalerie geöffnet, in Anlehnung an Ludwig Mies van der Rohes Architektur gestaltet von Karsten Konrad. Krugers Installation kann man dann mit einem Drink in der Hand bewundern.

  • Neue Nationalgalerie Potsdamer Str. 50, Tiergarten, Fr–Mi 10–18, Do 10–20 Uhr, 12/ 6 €, Zeitfenstertickets: hier, bis 28.8., Bar bis 27.8., immer Fr + Sa 18-22 Uhr

Opera Opera

Susan Philipsz: „Wild is the Wind“, 2002, eEinkanalige Tonanlage (3 min 45 sek). Foto: Eoghan McTigue / © Susan Philipsz, MAXXI Museo nazionale delle arti del XXI secolo, Roma / Courtesy Fondazione MAXXI

Die Oper ist ein Gesamtspektakel aus Musik, Schauspiel und Bühnenbild. Als gediegen gilt sie, nicht immer zu Recht, auch, weil sie früher ordentlich Spitzen gegen Klerus und Adel setzte. In „Opera Opera“, einer Kooperation mit dem MAXXI-Museum für Gegenwartskunst in Rom, blicken über 30 zeitgenössische Künstler:innen und Architekt:innen auf und in das Kunstlabor Oper. In den verschlungenen Sälen des Populaire führt der Weg von einem nicht realisierten Entwurf Francesco Venezias für ein Opernhaus auf Sizilien bis zu Monica Bonvicinis Analyse des Frauenbilds in der Oper „Turandot“. Zu sehen sind auch neue Arbeiten von Rosa Barba, Susan Philipsz (Foto) und Olaf Nicolai aus Berlin.

  • Palais Populaire Unter den Linden 5, Mitte, Mi–Mo 11–18, Do 11–21 Uhr, Zeitfenstertickets: hier, bis 22.8.

Herlinde Koelbl

Herlinde Koelbl: Angela Merkel, 1991. Foto: Herlinde Koelbl

Die Fotografin Herlinde Koelbl hat Angela Merkel über drei Jahrzehnte seit 1991 regelmäßig abgelichtet, also seit weit vor der Kanzlerschaft, wie das Deutsche Historische Museum ab 29. April zeigt. Koelbls Konzept steckte in der Frage: Frage: Was macht die Macht mit einem Menschen? Was kann Fotografie davon vermitteln? Koelbl war unvoreingenommen und neugierig. Das Foto oben ist übrigens von 1991.

  • Deutsches Historisches Museum Unter den Linden 2, Mitte, Fr–Mi 10–18, Do 10–20 Uhr, 8/ 4 €, bis 18 J. frei, Zeitfenstertickets: hier, bis 4.9.

Anja Kirschner

Anja Kirschner: „UNICA“, 2022, Videostill. Foto: Anja Kirschner / Animation: Diana Gradinaru (Videostill)

Sie hat zu technologischen und ästhetischen Potenzialen immersiver Medien geforscht, und nun setzt sich Anja Kirschners in „Unica“ mit dem Motiv der apokalyptischen Zerstörung in Computerspielen auseinander. Dafür hat die Installations- und Videokünstlerin historische Quellen zu der Geschichte des Teufelsbergs mit postcinematischen Produktionsformen kombiniert – für einen Film, der auch von der Berliner Künstlerin Unica Zürn (1916-1970) inspiriert ist.

  • Fluentum Clayallee 174, Dahlem, Fr 11–17, Sa 11–16 Uhr, bis 16.7.

„Pope.L: Between a letter and a figure“ – Schinkel Pavillon

Pope.L, Small Cup (video still), 2008 Courtesy of the artist.

In den späten 1970er Jahren begann Pope.L mit seinen berühmten „crawls“, eine Reihe von Straßenperformances bei denen er seinen Körper einsetzte, um auf den Straßen von New York City Fragen über Teilung und Ungleichheit zu stellen. Der Schinkel Pavillon widmet dem Künstler erstmals eine Einzelausstellung in Berlin. Im Zentrum steht dabei eine neue ortsspezifische Installation für das verglaste Oktogon im Obergeschoss des Schinkel Pavillons, dazu Videoarbeiten und Zeichnungen. Dabei beziehen sich seine Arbeiten ebenso auf die grundsätzliche conditio humana wie die konkrete gesellschaftspolitische Gegenwart Berlins.

  • Schinkel Pavillon Oberwallstraße 1, Mitte, Mi–So 11–19 Uhr, 6/ 4 €,  Do+Fr 14–19 Uhr, Sa+So 11–19 Uhr, bis 31.7.

Layer Cake

LAYER CAKE – The Versus Project 2 Layer Cake versus Chaz Bojorquez. Foto: Lukas Prasse/© Chaz Bojorquez

Urban Art Werke von Anderen zu übermalen -sprühen, -kleben gilt unter Street-Art-Künstler:innen bekanntlich als No-Go. Ausnahmen bestätigen die Regel, deshalb hat das Künstlerduo Layer Cake 13 internationale Kolleg:innen eingeladen, wenigstens auf Leinwand gegenseitig Arbeiten zu übermalen. Der Projektraum des Urban Nations, des Museums für Street Art in Schöneberg, zeigt jetzt die Ergebnisse.

  • Urban Nations Projektraum Bülowstr. 97, Schöneberg, Di-Mi 10-18, Do-So 12-20 Uhr, Eintritt frei,  bis 31.7.

Moses Mendelsohn

Brille Moses Mendelssohns mit Etui. 2. Hälfte 18 Jahrhundert. Foto: Mit freundlicher Genehmigung des Leo Baeck Institute, New York

Mit Argumenten für Minderheitenrechte und für die Trennung von Staat und Religion, so eine These der neuen Ausstellung im Jüdischen Museum, bereitete auch der Berliner Philosoph Moses Mendelssohn (1729–1786) den Weg in die Moderne. Zur Ausstellung erscheint unter anderem die Graphic Novel „Moische“. Sechs Anekdoten aus dem Leben des Moses Mendelssohn“ von dem niederländischen Künstler Typex, der schon Warhols Biografie zeichnete.

  • Jüdisches Museum Lindenstr. 9-14, Kreuzberg, Mo-So 10-19 Uhr, 8/ 3 €, bis 18 J. + ALG II frei, Zeitfenstertickets: jmberlin.de, bis 11.9.

David Hockney – Landschaften im Dialog

David Hockney: „Three Trees near Thixendale“, Winter 2007, Öl auf acht Leinwänden, 183 x 488 cm, Sammlung Würth, Inv. 12503,
Foto: © David Hockney / Foto: Richard Schmidt

Nahe des englischen Dörfchens Thixendale malte der ehemalige Pop-Art-Künstler David Hockney in den Jahren 2008 und 2009 dieselben drei Bäume. Thixendale bei York zählt nur rund 180 Einwohnende, aber dem Baumtrio gönnte Hockney acht Leinwände pro Jahreszeit, jedes Bild knapp fünf Meter lang. Jedes Achterpaket zeigt die klassischen Variationen des Motivs: Bäume mit, ohne, mit wenig und mit fallendem Laub und entsprechende Felder drumherum. Die Gemäldegalerie vergleicht Hockneys nur scheinbar naive Bilder mit niederländischer und alter englischer Landschaftsmalerei, wie von Constable.

  • Gemäldegalerie Matthäikirchplatz, Tiergarten, Di-Fr 10-18, Sa/ So 11-18 Uhr, 8/4 €, bis 18 J. + ALG II frei, Zeitfenstertickets hier, bis 10.7.

Dayanita Singh

Dayanita Singh: „Offset Raum“, 2022, Foto: Luca Girardini 2022 / © Dayanita Singh

„Dancing with My Camera“ heißt Singhs Ausstellung im Gropius Bau, und tatsächlich fotografiert die Künstlerin aus Indien mit ihrer Hasselblad in Bauchhöhe, nutzt den Nabel als Stativ. Das gibt ihr mehr Bewegungsfreiheit, gerade, wenn sie auf gut besuchten Festen und Konzerten Menschen aufnimmt, die tanzen, sich begrüßen, umarmen. Aber auch die Besuchenden sind gefordert, mobil zu sein: Singh hat Möbel und Koffer entworfen, in denen sich Fotos wesentlich flexibler präsentieren lassen als nur an die Wand gehängt. Und die sich zu ganzen Ensembles rücken lassen wie hier im „Offset Raum“ von 2022.

  • Gropius Bau Niederkirchnerstr. 7, Kreuzberg, Mi-Mo 10-19 Uhr, 9/ 6 €, bis 18 J. + ALG II frei, Zeitfenstertickets hier, bis 7.8.

André Thomkins – Handarbeit, Tag und Nacht

André Thomkins: „Knopfei“, 1958/1977, Foto: Stefan Altenburger Photography, Zürich / © The Estate of André Thomkins

Einen „Geheimtipp“ nennen ihn die Ausstellungsmachenden, und tatsächlich ist die letzte Berliner Ausstellung von André Thomkins (1930-1985) rund 30 Jahre her. Schwer vorstellbar, wo doch sein Werk aus geistreichen Kleinobjekten und Wortwitz zwischen Surrealismus und Fluxus changiert. Nun holt die Sammlung Scharf Gerstenberg den Rückblick auf den Essener Künstler aus der Schweiz nach: mit rund 170 Arbeiten, in die ein schönes Booklet das Publikum hervorragend einführt.

  • Sammlung Scharf Gerstenberg Schloßstr. 70, Charlottenburg, Di-Fr 10-18, Sa/So 11-18 Uhr, 12/6 €, bis 18 J. + ALG II frei, Zeitfenstertickets hier: smb.museum, bis 24.7.

1910 – Brücke. Kunst und Leben

Ernst Ludwig Kirchner: „Heckel, ruhend“, 1909/10, Tusche, Brücke-Museum; Foto: Roman März / Ernst Ludwig Kirchner

Berlin war Thema im ersten Teils einer Ausstellungsreihe des Brücke-Museums, die Leben und Wirken der expressionistischen Brücke-Künstler untersucht. Die Kurator:innen arbeiten sich rückwärts vor: Der aktuelle zweite Teil rückt Dresden und die Moritzburger Teiche in den Mittelpunkt, an deren Ufer sich die expressiven Künstler vor ihrem Umzug nach Berlin an Natureindrücken erprobten. Interessant wird, ob auch Erkenntnisse aus derAusstellung zur Brücke und der Kolonialzeit Anfang 2022 in die neue Schau finden. Mehr zur Ausstellung über den Durchbruch der Brücke-Künstler lest ihr hier.

  • Brücke-Museum Bussardsteig 9, Dahlem, Mo, Mi-So 11-17 Uhr, 6/ 4 €, bis 28.8.

Candida Höfer

Alles im Blick: „Wartesaal Düsseldorf III“, Candida Höfer, 1981. Foto: Candida Höfer/VG Bild-Kunst, Bonn 2021

Moskau, New Haven und Düsseldorf, wo sie in den 1970er-Jahren studierte: Überall fotografiert Candida Höfer große Räume, in Konzerthäusern etwa, Universitäten, Museen und Zoos. Menschen sind in ihren Aufnahmen nicht zu sehen, doch die Architektur und Ausstattung der Säle zeugen von ihrem Denken und ihrem Umgang miteinander. Das Museum für Fotografie zeigt 90 Aufnahmen von Höfer aus 40 Jahren und vergleicht sie mit Architekturfotos aus Seinen Beständen.

  • Museum für Fotografie Jebensstr. 2, Charlottenburg, Di + Mi, Fr–So 11–19, Do 11–20 Uhr, 10/ 5 €, bis 18 J. + ALG II frei, bis 28.8., Tickets

Fresh A.I.R. #6 – Reflecting Migration

Porträts und Arbeitsergebnisse der Stipentiat*Innen des Fresh A.I.R. Programms für die Stiftung Berliner Leben in den Atelierwohnungen  Künstlerin: Denise Lobont (Rumänien)  mit Growing Diaspora reflektiert sie die aktuelle Situation von Saisonarbeiter*innen aus Rumänien in Deutschland. Foto: Victoria Tomaschko
Porträts und Arbeitsergebnisse der Stipentiat*Innen des Fresh A.I.R. Programms für die Stiftung Berliner Leben in den Atelierwohnungen Künstlerin: Denise Lobont (Rumänien) mit Growing Diaspora reflektiert sie die aktuelle Situation von Saisonarbeiter*innen aus Rumänien in Deutschland. Foto: Victoria Tomaschko

Zwölf junge Künstler:innen stellen auf Einladung der von Gewobag gegründeten Stiftung Berliner Leben in der Bülowstraße 90 aus. Obwohl sie in verschiedenen Medien arbeiten, haben sie etwas gemeinsam: Sie haben ein Stipendium der Stiftung und arbeiten zu Migration. Ein Thema, das viele von ihnen aus eigener Anschauung kennen: Sie kommen aus zehn Ländern und leben seit Oktober in Atelierwohnungen in der Nachbarschaft des Urban Nation-Museums für Street Art.

  • Bülowstr. 90  Bülowstr. 90, Schöneberg, Di-So 11-18 Uhr, Eintritt frei, bis 31.7.

Encantadas – Transzendentale Kunst aus Brasilien

 HInter A TRÄNSALIEN steckt  die Künstlerin Ana Giselle. Foto: Ernani Oliveira
HInter A TRÄNSALIEN steckt die Künstlerin Ana Giselle. Foto: Ernani Oliveira

Im Zug der Dekolonialisierung suchen Künstler:innen auch spirituelle Ideen, die durch die Christianisierung verdrängt wurden. Die Ausstellung im Schwulen Museum zeugt davon. Die Kurator:innen A TRANSÄLIEN, Sanni Est und Ué Prazeres präsentieren sieben Künstler:innen aus dem Norden und Nordosten Brasiliens. In verschiedenen Medien verbildlichen sie ihre Weltanschauungen, die sich unter anderem aus den Kosmovisionen der Maya speisen.

  • Schwules Museum Lützowstr. 73, Tiergarten, Mo, Mi, Fr 12–18, Do 12–20, Sa 14–19, So 14–18 (1.So/ Monat bis 20 Uhr), 9/ 3 €, bis 18.7., Tickets

Landscapes of Belonging

Installationsansicht / Installation view, Maschinenhaus M1, KINDL – Zentrum für zeitgenössische Kunst, Berlin / Maschinenhaus M1, KINDL –Centre for Contemporary Art, Berlin v.l.n.r. / left to right:, Elsa Salonen, Pyhästä lehdosta vuodatettu väri (Farbvergießen im heiligen Hain), 2021 – 2022 Magnús Sigurðarson, Diamond over Helgafell II, 2018 Foto / Photo: Jens Ziehe, 2022

Zwar lernen Europäer:innen gerade, sich der kolonialen Vergangenheit ihrer Länder zu stellen – wie das Amsterdamer Rijksmuseum aktuell mit einer Ausstellung zum indonesischen Unabhängigkeitskrieg präsentiert. Oder wie die Ausstellung zu Paul Gauguins Gemälde von seinen Südsee-Reisen zeigt. Doch die binneneuropäischeKolonialisierung indigener Gruppen mit Zwang zu Christianisierung, Sesshaftwerdung und Verlust der Herkunftssprache bleibt ein Tabu. Umso erfreulicher, dass das Kindl-Zentrum seine neue Gruppenausstellung diesem Thema widmet. Rund 15 Künstler:innen zeigen Videos, Malerei, Installationen und Objekte vor allem zu Geschichte und Situation von Sami und Innuit in den nordischen Ländern. Als Ausgangspunkt dient dabei das Video „Arctic Hysteria“ (1999), die Pia Ârkê (1958-2007) über ihr Verhältnis zur Region von Nuugaarsuk Point in Grönland drehte. Auch Arbeiten der Documenta14-Teilnehmerin Britta Marakatt-Labba sind dabei.

  • Kindl-Zentrum  Am Sudhaus 3, Neukölln, Mi 12-20 Uhr, Do–So 12-18 Uhr, 5/3 €, bis 18 J. + 1. So/ Monat frei, bis 24.7.

Marx und der Kapitalismus

„Das Kapital“, persönliches Exemplar von Karl Marx mit handschriftlichen Anmerkungen Verlag von Otto Meissner Hamburg, 1867 Foto: International Institute of Social History, Amsterdam / Verlag von Otto Meissner Hamburg, 1867

Der Denker Karl Marx war ein Mann der Widersprüche. „Im Werk von Karl Marx hat es kein theoretisches Gesamtkonzept gegeben“, sagt Sabine Kritter, wissbegierige Kuratorin, über die Ausstellung „Karl Marx und der Kapitalismus“ im Deutschen Historischen Museum. Eine steile These über das Gedankengut eines Philosophen, der die Gesellschaft bekanntermaßen säuberlich in Proletariat, Bourgeoisie und Kapital sortierte. Zudem hat er mit seinen Baukästen sehr statische Systeme wie die Planwirtschaften im kommunistischen Block des 20. Jahrhunderts hervorgebracht.

Die Ambivalenzen in seinem Werk herauszuschälen, soll hingegen das bestimmende Motiv im Parcours der DHM-Ausstellung sein. Marx verurteilte etwa Bluträusche von Konterrevolutionären, goutierte aber potenzielle Gewalt der Kommunarden aus der Arbeiterklasse. Seine Schrift „Zur Judenfrage“ war antisemitisch, zugleich war feindliche Gesinnung gegenüber Juden nicht wesentlich für sein Schaffen. Ausstellungsbesucher:innen müssen keine nerdigen „Kapital“- Scholastiker sein. „Es geht darum, das Marx’sche Denken und Handeln auch auf einfache Weise nachzuvollziehen“, sagt Sabine Kritter. Marx im Deutschen Historischen Museum: Das sagt die Kuratorin.

  • Deutsches Historisches Museum Unter den Linden 2, Mitte, tägl. 10–18 Uhr, 8/4 €, Infos & Tickets, bis 21.8.

Illustre Gäste

„König Salomon und die Königin von Saba“ von Adriaen van Stalbemt, 17. Jh., Foto: Sammlung Würth

Die Kunstkammer Würth ist eine Abteilung des Privatmuseums Würth in Schwäbisch Hall, die Kunstgegenstände aus ehemaligen fürstlichen Sammlungen enthält. Rund 70 Objekte aus der Kunstkammer sowie aus den Staatlichen Museen geben einen Einblick über die politische und soziale Funktion der Adelsschätze.

Mit ein bisschen Fantasie kann man sich vorstellen, wie die illustren Gäste in einem von Kerzenschein erhellten Saal fachsimpelten über das Geschick von Kunsthandwerkern wie Leonhard Kern (1588 – 1662) oder Hans Daucher (1485 – 1538). Denn generell spiegelten die Objekte das Selbstverständnis ihrer Sammler wider. Sie zeugten von ihrem Wissen und von ihrem Können.

  • Kulturforum Matthäikirchplatz, Tiergarten, Di–So 10–17 Uhr, 24.12. geschl., 31.12. 10–14 Uhr, 8/ 4 €, bis 18 J. frei, Zeitfenstertickets: www.smb.museum, bis 10.7.

Frauen im Bode-Museu

Sie soll die schönste Frau Europas zu ihrer Zeit gewesen sein: Juliette Recamier, Kopie nach Joseph Chinard um 1800
Foto:  Staatliche Museen zu Berlin, Skulpturensammlung und Museum für Byzantinische Kunst / Antje Voigt
Sie soll die schönste Frau Europas zu ihrer Zeit gewesen sein: Juliette Recamier, Kopie nach Joseph Chinard um 1800
Foto: Staatliche Museen zu Berlin, Skulpturensammlung und Museum für Byzantinische Kunst / Antje Voigt

Es ist ein bisschen wie auf einer Schnitzeljagd. Wir betreten einen Saal im Bode-Museum und halten Ausschau nach dem Hinweis: ein grün-schwarzer Aufkleber mit der Aufschrift  “Der zweite Blick”. Und dann entdecken wir ihn an der Vitrine neben dem kleinen Bronzerelief (1520) von Hans Schwarz, das die Römerin Lucretia beim Selbstmord zeigt. In einer Hand hält sie den Dolch, mit der anderen streift sie das Oberteil herunter, entblößt ihre Brust. Auf dem dazugehörigen Zettel in einem Kasten neben der Vitrine erwarten uns aber kein Rätsel, sondern Aufklärung: über Lucretias tragische Geschichte genauso wie über die Entblößungsgeste, die letztlich nur der erotischen Aufladung der brutalen Szene dient.

So entdecken wir mehr als 60 weitere Frauendarstellungen, überall in der großen Sammlung spätantiker bis klassizistischer Kunst verteilt. Die innovative Ausstellungsreihe „Der zweite Blick” widmet sich in der zweiten Ausgabe der Frau, genauer den Geschichten und Rollenbildern hinter den Werken – und unterzieht diese einer heutigen, kritischen Betrachtung. Auf sechs thematischen Routen lernen wir Frauen aus Europas (Kunst-)Geschichte und Mythologie kennen, aber auch Berlinerinnen von heute wie die Straßensexarbeiter:innen aus der Kurfürstenstraße.


Jubiläumsschau: Friendship. Nature. Culture

Isabell Heimerdinge: Still aus „Soon It Will Be Dark“, 2020. Foto: Isabell Heimerdinger / Courtesy Galerie Mehdi Chouakri, Berlin / Daimler AG (Filmstill)

Eine Schnapszahl: 44 Jahre alt wird die Kunstsammlung von Daimler. Ein Anlass, wieder einmal vorbeizusehen in den Berliner Ausstellungssälen des süddeutschen Automobilherstellers, die wichtig waren für Berlin, als die Neubauten am Potsdamer Platz noch neu waren, um die es aber zuletzt ruhig geworden ist. Rund 100 Sammlungsstücke von 70 Künstler:innen aus den Jahren 1920 bis 2021 sind zum Thema „Freundschaft. Natur. Kultur“ zu sehen. Teils museal, teils wohnlich gehängt und gestellt, vermitteln sie einen guten Einblick in die rund 3.000 konzeptuelle Werke umfassende Sammlung der Firma. Und der Ausblick aus den Fenstern ist wirklich enorm.

  • Daimler Contemporary Berlin Haus Huth, Alte Potsdamer Str. 5, Mitte, Mo-So 11-18 Uhr, bis 21.8.

Mehr Kunst und Ausstellungen in Berlin

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