Drama

„The Farewell“ im Kino

Die gute Lüge: Die amerikanische Regisseurin Lulu Wang erzählt in „The Farewell“ von der Zusammenkunft einer verstreut lebenden Familie in China

Nick West © DCM A24

Billi ist Dreißig und lebt in New York ein Leben wie so viele ihrer Altersgenossen in der westlichen Welt. Sie probiert sich aus, hat aber wenig Zählbares vorzuweisen. Momentan versucht sie sich offenbar als Schriftstellerin, doch das beantragte Stipendium wurde gerade abgelehnt. Mit der Miete ist Billi (in der Hauptrolle die ursprünglich als Musikerin bekannte Akwafina) schon zwei Monate im Rückstand. Die Eltern um Geld zu fragen, ist zwar möglich, aber peinlich. Einen Mann und eine eigene Familie hat Billi auch nicht.

Das ist zwar ihren Eltern egal, die vor 25 Jahren mit ihr aus China in die USA ausgewandert waren, aber ihrer in der alten Heimat verbliebenen Oma Nai Nai (Shuzen Zhao) nicht. Sie fragt ständig nach, wie es denn nun aussehe mit einem „speziellen“ Freund für Billi. Dann kommt eine Nachricht, die Billi ihren Eltern allerdings mühsam aus der Nase ziehen muss: Nai Nai ist krank. Lungenkrebs, die Ärzte geben ihr noch drei Monate.

Aber die Familie will Nai Nai die Krankheit verschweigen. Was solle das für einen Sinn machen? Dann würden die letzten Monate für Nai Nai nur zu einer schrecklichen Belastung werden – so der Konsens. Weil man aber für ein – möglicherweise letztes – Fest die ganze Familie noch einmal versammeln möchte, wird eilig die Hochzeit von Billis Cousin Hao Hao mit seiner japanischen Braut anberaumt. Nur Billi, die ein besonders enges Verhältnis zu ihrer Großmutter hat, will man nicht dabeihaben. Billi könne ihre Emotionen ja nie verbergen, heißt es. Natürlich fliegt sie trotzdem nach China und erscheint als Überraschungsgast. Und die Lüge über Nai Nais Krankheit liegt ihr schwer im Magen.

Der Film „The Farewell“ („Based on an actual lie“, steht im Vorspann) der amerikanischen Regisseurin Lulu Wang beschäftigt sich mit einem weltweit aktuellen Thema: der Migration und ihrer Folgen. Die Menschen sind extrem mobil geworden, viele leben nicht mehr dort, wo sie einst geboren wurden – was auch immer ihre Gründe dafür sein mögen. Doch was bringt das jenseits der sozialen und politischen Probleme mit sich? Wie wirken sich Mentalitätsunterschiede aus, wie die vielen verschiedenen Sprachen? Versteht man sich überhaupt noch, wenn man wie Billis verstreut lebende Verwandtschaft noch einmal zu einem Fest zusammenkommt?

„Wir sind doch alle Chinesen“, sagt einmal jemand, was Billis Vater trocken kontert: „Wir sind Amerikaner. Wir haben amerikanische Pässe.“ Auch praktisch betrachtet, ist die Verständigung schwierig geworden, denn die Enkelgeneration spricht schon nicht mehr gut Chinesisch: der in Japan aufgewachsene Hao Hao kaum noch, und auch Billi fehlen oft die passenden Vokabeln. Gravierender aber sind zweifellos die Mentalitätsunterschiede, die Billis Onkel (der mit seiner Familie lange in Japan wohnt) folgendermaßen erklärt. „Ihr lebt schon lange im Westen“, sagt er zu Billi, „und ihr glaubt, dass das Leben euch gehört.“ In Asien sei das anders. Da stehe eben nicht die eigene Person im Vordergrund, sondern die Gemeinschaft: die Familie oder sogar die Gesellschaft. Nai Nai die Wahrheit zu sagen, hält er für egoistisch, für ein Abwälzen von Verantwortung. Er selbst hat massive Schuldgefühle, weil er all die Jahre nicht bei seiner Mutter gelebt hat.

Lulu Wang inszeniert diese Familiengeschichte, bei der nicht nur die eine große Lüge im Raum steht, sondern auch ganz viele kleine, aus Bequemlichkeit oder falscher Rücksichtnahme geäußerte Unwahrheiten, tatsächlich als eine Komödie. In „The Farewell“ ist nicht das Thema lustig, sondern der Umgang damit. Die Leichenbittermiene der Familie konterkariert dabei vor allem die stets gut gelaunte Oma Nai Nai, eine quicklebendige Person, die es liebt, zu planen, zu organisieren und andere Leute herumzuscheuchen.

Bei alledem nimmt der Film sein Thema jedoch unbedingt ernst, entwirft glaubhafte und komplexe Figuren. „The Farewell“ erzählt von Traditionen und vom Wandel auch in China (materiell orientierte Verwandte, die Erfolg in Geld messen, gibt es auch) – und davon, wie Billi die Weisheiten ihrer Oma eventuell auch in ihrem eigenen leicht orientierungslosen Leben anwenden könnte.

Sich für eine Seite zu entscheiden, ist dabei gar nicht nötig. Einmal fragt ein chinesischer Hotelangestellter, was denn nun besser sei: China oder Amerika? „Es ist anders“, sagt Billi, „einfach anders.“

The Farewell USA/VRC 2019, 100 Min., R: Lulu Wang, D: Awkwafina, Tzi Ma, Diana Lin, Lu Hong, Shuzhen Zhao, Start: 19.12.

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