Fotografie

Umbo wiederentdeckt: Die Berlinische Galerie würdigt den großen Fotografen der 1920er-Jahre

Der Umbo-Urknall: Selbst in der Weimarer Zeit, in der viele das Neue Sehen für sich entdeckten, konnte der Fotograf Umbo zu einer ganz eigenen Bildsprache finden. Die Berlinische Galerie zeigt jetzt, was ihn so außergewöhnlich machte 

Umbo, Ohne Titel (Ruth. Die Hand), um 1926, Berlinische Galerie/2016 erworben mit Mitteln der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (Dauerleihgabe), © Phyllis Umbehr/Galerie Kicken Berlin/VG Bild-Kunst, Bonn 2019, Repro: Anja E. Witte

Umbo, das fotografische Jahrhunderttalent der Weimarer Zeit, das sich dem ganz großen Erfolg mehrfach verweigerte, wird gerade mehr als wiederentdeckt. Vielleicht wird er gerade erst überhaupt richtig entdeckt.

Zunächst kauften 2016 die drei Institutionen Berlinische Galerie, Sprengel Museum Hannover und Bauhaus Dessau, wo er, noch in Weimar, zwei Jahre bei Johannes Itten studiert hatte, seinen Nachlass. Jetzt kommt die daraus hervorgegangene Einzelschau als Übernahme aus dem Sprengel Museum nach Berlin. Und zwar mit allem was Umbo, bürgerlich als Otto Maximilian Umbehr 1902 in Düsseldorf geboren, heraushob und zum Star der Berliner Avantgarde machte: radikale Porträts mit so starken hell-dunkel-Kontrasten, dass nur Gesichtsteile erkennbar sind. Momentaufnahmen der Berliner Boheme in damals völlig ungewöhnlichen Bildkompositionen, dazu experimentelle Serien für Zeitschriften, wie die Verwandlung des bürgerlichen Adrien Wettach in den Clown Grock. 

Umbo, Ohne Titel (Menjou en gros), 1928/1929, Berlinische Galerie/Leihgabe der Ernst von Siemens Kunststiftung, © Phyllis Umbehr/Galerie Kicken Berlin/VG Bild-Kunst, Bonn 2019, Scan: Anja E. Witte

Solche Serien, mit denen in den 1920er Jahren viele Zeitschriften auf die veränderten visuellen Sehgewohnheiten der Weimarer Zeit reagierten, und die es von Umbo zum Beispiel auch als großartige, surreale Arrangements aus Schaufensterpuppen-Fabriken gibt, legte er, anders als Bauhaus-Kollegen wie Moholy-Nagy, aber nicht als technische Versuchsreihen an. „Sondern er experimentiert um der Kunst selbst willen“ wie Ulrich Domröse, der Leiter der Sammlung Fotografie der Berlinischen Galerie sagt:, „Er hatte lange nach einem Medium für sich gesucht und in der Fotografie dann endlich gefunden. Allerdings blieb er Ittens subjektiv-expressiver Ästhetik treu, die dem vorherrschenden Konstruktivismus und den geltenden Fotografie-Regeln wiedersprach, indem er Gefühle und innere Bewegung zeigte.“

„Die frühen Porträts waren seine Eintrittskarte in die Künstler-Cliquen dieser Zeit“

Und das kam gut an, wie Domröse sagt: „Diese frühen Porträts waren seine Eintrittskarte in die Künstler-Cliquen dieser Zeit.“ Außerdem brachten sie Umbo heraus aus Armut und Obdachlosigkeit, in die er nach seinem Studienabbruch am Bauhaus geraten war.

Ulrich Domröse, der die von Inka Schube für das Sprengel Museum konzipierte Ausstellung für die Räume der Berlinischen Galerie angepasst und leicht modifiziert hat, sieht ihn als Künstler, der aus diesem frühen Ruhm schon vor 1933, also zu seiner wichtigsten Phase, mehr hätte machen können, auch finanziell, der sich aber auch da schon einer Spezialisierung verweigerte „und trotz seiner Bekanntheit nicht in Serie produzieren wollte“, wie Domröse sagt.

Das passt ganz gut in das Gesamtbild eines Künstlers, der zwar in der Fotografie furchtlos und regelbrechend das Genre auf den Kopf stellte, sich aber selbst auch immer wieder im Weg stand, wenn es darum ging, dieses Können für ein auskömmliches oder bequemeres Leben zu nutzen.

Nach 1933 schlug er sich, wie viele andere Kolleg*innen, die nun ins Abseits gerieten, mit Aufträgen durch, die ihn allerdings auch kurz mit Arbeiten für die NS-Propagandazeitung Signal ins rechte Fahrwasser brachten. Auf der anderen Seite überließ er einer Wiederstands-Gruppe die Druckerpresse in seinem Berliner Atelier zum Flugblätterdrucken. „Man könnte ihn als unpolitischen, aber moralischen Menschen bezeichnen“, sagt Domröse, „gesellschaftlich gestalten wollte er nicht.“

Umbo, Ohne Titel, aus der Reportage „The Lost Child“, 1951, Sprengel Museum Hannover, © Phyllis Umbehr / Galerie Kicken Berlin / VG Bild-Kunst, Bonn 2019

Nach dem Krieg fotografierte Umbo weiter, auch als Pressefotograf, also in einem Genre, das er vor dem Krieg mitgeprägt hatte. Arbeiten aus dieser Zeit, wie die berührende Serie „The Lost Child“ über Kriegswaisen sind ebenfalls in der Berlinischen Galerie zu sehen.

Umbo selbst lebte mittlerweile wenig glücklich in Hannover, da sein Berliner Atelier 1943 bei einem Bombenangriff zerstört worden war – und damit die meisten seiner Arbeiten.

Dass es heute überhaupt einen so umfangreichen Nachlass gibt, ist einer besonderen Fügung zu verdanken, die Umbo überhaupt erst zur Fotografie gebracht hatte: 1926, als es ihm künstlerisch, aber auch gesundheitlich, besonders schlecht ging, hatte ihn sein Freund, der Bauhaus-Maler und Fotograf Paul Citroen aufgenommen, und ihn mit dem Medium Fotografie vertraut gemacht. Er war der Katalysator, der aus dem unbekannten und umherirrenden Künstler Umbehr erst Umbo, den „Urknall für die moderne Fotografie machte“, wie es sein Biograf Herbert Moderings sagt. Und Citroen bekam dafür über viele Jahre Arbeiten von Umbo aus allen Schaffensperioden überlassen, die wiederum den größten Teil des Nachlasses ausmachen, der jetzt in der Berlinischen Galerie zu sehen ist.

Berlinische Galerie Alte Jakobstr. 124-128, Kreuzberg, 21.2. bis 25.5., Mi–Mo 10–18 Uhr, 8/ erm. 5 €


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