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Kommentar

Weihnachten zu Corona-Zeiten: Zwischen Besinnlichkeit und Unsinn

Braucht es dieses Jahr wirklich ein Weihnachten mit vielen Leuten? Würden die Krippenspiele fehlen, bei denen vor Lampenfieber stotternde Kinder Christi Geburt aufführen? Wie wichtig ist das Beisammensein mit einem Dutzend wunderbarer bis – seien wir ehrlich – mäßig geschätzter Familienmitglieder?

Corona-Christmas: Ist das diesjährige Weihnachtsfest der Fiebertraum des Grinchs? Foto: imago images/United Archives

Was wird dieses Jahr, in Zeiten von Corona, aus der weihnachtlichen Besinnlichkeit und dem Beisammensein? Und was bedeutet das Weihnachtsfest für die Entwicklung der Corona-Pandemie? Die Länder haben sich auf einheitliche, gelockerte Corona-Regeln für die Weihnachtsfeiertage und Silvester geeinigt.

Vor dem Hintergrund steigender Infektionszahlen sollen, so wollen es die Länder, vom 1. Dezember bis zum 17. Januar schärfere Kontaktbeschränkungen in Kraft treten – private Treffen sollen auf zwei Haushalte mit nicht mehr als fünf Personen begrenzt werden. Für die Weihnachtszeit (vom 23. Dezember an, vermutlich bis bis zum 1. Januar geltend) sollen dann gelockerte Regelungen eingreifen, die Treffen bis zu zehn Personen aus verschiedenen Haushalten ermöglichen.

Corona-Pandemie und Feiertage – wie lässt sich das vereinen?

Die Weihnachtszeit ist für viele ein Gefühl, eine Atmosphäre – das behagliche Event des Jahres, die Verheißung von Gemütlichkeit, das Beisammensein mit lieben Menschen. Und auch ein wichtiges soziales Ritual. Was wird aus dieser Atmosphäre, wenn sie politisch gegängelt wird? Und was wird aus der Corona-Pandemie, wenn Weihnachtsverliebte murren, es sei doch aber Weihnachten?

Die Weihnachtatmosphäre hat viele Gesichter. Foto: imago images/Karina Hessland

Viele können tatsächlich auf den vorweihnachtlichen Eierpunsch-Fusel auf Weihnachtsmärkten verzichten, auf gemeinsames Schrottwichteln in der Firma oder angetrunkenes Eislaufen zu Jingle Bells, auch wenn das weihnachtliche Herz durch den Verzicht schmerzen mag.

Viele blicken aber auch auf Wochen des Verzichts zurück – frierend verabredet man sich mit den Freund*innen, die Hunde besitzen, um dem Spaziergang um nackte Bäume herum etwas mehr Sinn zu verleihen, während im Familien-, Freundes- und Bekanntenkreis die Zahl der positiven Testergebnisse ansteigt und immer mal wieder kurzzeitig der Verstand in heimischer Isolierung verlorengeht.

Weihnachtliche Sorglosigkeit in Zeiten von Corona?

Das Weihnachtsfest mit Gästen und Küssen als nostalgischer Schnee von gestern. Foto: imago images/Everett Collection

Weihnachten ist für viele die einzige Sonne des Winters – der besinnliche Kontakt zu Menschen, die man ewig nicht gesehen hat, wird nach Wochen des Verzichts bitter benötigt. Lohnt es sich also in weihnachtlicher Sorglosigkeit, vieles über Bord zu werfen, um vom Weihnachtswein angeheitert etwas zu nah an Oma und das liebe Onkelchen heranzurücken, um sich für die Geschenke zu bedanken, die in beständig geöffneten Malls geshoppt worden sind?

Oder muss dieses Jahr der Verzicht auch für die Festtage geltend gemacht werden, um Neuinfektionen und einen schärferen Lockdown im kommenden Jahr zu vermeiden? Darf Weihnachten eine Ausnahme sein, die dem Herzen gut tut und der Gemeinschaft vermutlich eher schlecht?

Die Ruhe vor dem Weihnachtssturm?

Sozial gesehen ist ein gemeinsames Weihnachtsfest mit möglichst vielen Personen sicher wichtig. Nach Wochen der Abschottung und Tagen, die eigentlich nur aus Arbeit, Schlaf und Essen bestehen, sehnen sich viele besonders stark nach Weihnachten und all den glücklichen Verheißungen, dafür braucht es nicht einmal christlichen Glauben.

Epidemiologisch gesehen, sieht die Weihnachtswelt dann doch etwas anders aus – schließlich tragen soziale Kontakte, Familienfeiern und Zusammenkünfte in den eigenen vier Wänden besonders stark zur Verbreitung des Coronavirus bei.

Besonders Hartgesottene könnten Weihnachten draußen zelebrieren. Aber auch das ist nicht ideal. Foto: imago images/Westend61

Das Robert-Koch-Institut vermutet die höchste Ansteckungsgefahr in Privathaushalten – an den Orten, an denen Weihnachtsfeiern gewöhnlich stattfinden. Und wo der Mindestabstand an üppig gefüllten Schlemmertafeln schwer einzuhalten ist. Außerdem wird das traute Eigenheim gern von Winterwinden umzüngelt, sodass das stetige Lüften vermutlich auch nicht in den vorgesehenen Abständen eingehalten wird. Denn die heimische Weihnachtsatmosphäre suggeriert Wärme – sowohl soziale, als auch in Celsius gemessene.

Weihnachtliche Besinnlichkeit zwischen Sinn und Unsinn

Die weihnachtliche Zusammenkunft mag für viele wichtig sein – von niemandem wird erwartet allein Zuhause zu sitzen und den Silvesterklassiker „Dinner for One“ verfrüht in die klägliche und deprimierende Realität umzusetzen. Die Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus fordern viele heraus – und überfordern gleichermaßen. Sie sind jedoch ebenfalls sinnvoll, um die zweite Welle an Neuinfektionen in den Griff zu bekommen und einer dritten Welle vorzubeugen.

Weihnachten im Seniorenheim. Foto: imago images/Thomas Frey

Apropos Besinnlichkeit: Vielleicht sollten wir dieses Jahr, so schwer das Herz auch wiegt, die zweite Silbe betonen – Sinn. Es ergibt dieser Tage wenig Sinn, nostalgisch in Weihnachtsfeiern der letzten Jahre zu schwelgen, um diese Erinnerungen mit aller Kraft im Jahr 2020 fortzusetzen. So schwer das vielen fallen mag. Und, das ist das schöne an jährlichen Festen, 2021 haben wir ja die Chance, alles umso besser nachzuholen. Mit dem einen schlechten Jahr werden wir fertig – und uns das nächste gleich doppelt so wichtig vorkommen. Auch ein schöner Gedanke, besser in jedem Fall als der an Krankenhäuser und Atemnot.


Mehr zum Weihnachtsfest

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