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Wohin, Berlin? Zukunftsforscher erklärt die Trends der nächsten Jahre

Berlin lebt von Kulturangeboten, vom Nachtleben, vom flüchtigen Zusammenkommen und Auseinandergehen. All das gibt es gerade nicht. Und auch, wenn die Pandemie irgendwann vorbei ist, sich vor den Clubs wieder Schlangen bilden und sich die Bars überfüllen, so wird sich die Stadt verändern. Sie tut es jetzt schon. Wir wagen mit dem Berliner Zukunftsforscher und Mobility-Experten Dr. Stefan Carsten eine Prognose, wie Berlin nach Corona aussehen wird.

Berlin, wo soll’s hingehen? Ein Zukunftsforscher zeichnet mögliche Szenarien. Foto: Imago/Dirk Sattler

Zukunftsforscher: Die Stadt macht uns nicht gesünder – das hat Folgen

Die schlechte Nachricht vorweg: Die große Stadt macht uns nicht gesünder. Eine Metropole wie Berlin, die es immer eher Autofahrer*innen recht machen wollte, kann für manche Menschen ein Gesundheitsrisiko sein. Das zeigt sich jetzt gerade schon deutlich: Niederländische Forscher haben herausgefunden, dass in Städten mit einer hohen Luftverschmutzung die Covid-Erkrankungen zunehmen. Durch die Luftschadstoffe wird die Empfindlichkeit der Lungenzellen für infektiöse Partikel wie Bakterien und Viren deutlich erhöht. Das sagt auch das Bundesumweltamt.

„Ich wünsche mir von Berlin, dass die Stadt alles unternimmt, dass die Menschen in einer sauberen, gesunden Umgebung leben können“, sagt Dr. Stefan Carsten, Zukunftsforscher und Stadtgeograf, und plädiert für einen Rückbau der Straßen. „Für die Zukunft der Stadt, auch die wirtschaftliche Zukunft, ist es wichtiger, dass es mehr Grünflächen, viel mehr Parks und attraktivere öffentliche Räume gibt, als dass es Straßen gibt.“

Weniger Autoverkehr, mehr Fahrradwege. Ein Ziel, dass die Stadt nicht erst seit der Pandemie hegt. Nun werden Konzepte, die es vorher schon gab, zum Teil auch während der Coronazeit umgesetzt. So entstehen wie an der Karl-Marx-Straße und auf dem Kottbusser Damm Pop-Up-Fahrradwege. Auch die Radbahn unter der Hochbahn der U1 ist ein Projekt, das in die richtige Richtung geht. Corona treibt die Verkehrswende in Berlin voran.

Arbeiter markieren im April 2020 den Pop-Up-Radweg auf dem Kottbusser Damm. Saubere Luft ist ein Model der Zukunft. Foto: Imago/David Weyand

Auch ein Teil der Friedrichstraße wurde für den Autoverkehr gesperrt, was vor allem von den ansässigen Geschäftsleuten teils heftig kritisiert wurde. Die Shopping-Meile würde ohne Autoverkehr seine Kund*innen verlieren, beklagten sie in diversen Medien. Carsten sagt, dass genau das Gegenteil passiert: „Dort, wo jetzt Fahrrad- statt Autoverkehr ist, da profitiert der Einzelhandel ganz massiv, weil die Leute sich vor den Geschäften im öffentlichen Raum treffen, weil Aufenthaltsqualität im öffentlichen Raum gleichzusetzen mit Umsatzsteigerung ist. Ein Parkplatz vor dem Geschäft hat keine Aufenthaltsqualität.“

Die Zukunft von Berlin: Wollen die Menschen raus aus der Stadt?

Nicht nur bei der Stadt setzte offenbar ein langsames Umdenken ein. Auch viele Bürger*innen flirten mit einer Veränderung. Überall hört man von der Stadtflucht. Menschen möchten nicht mehr eng an eng zusammenwohnen, sondern suchen nach Freiraum und Ruhe. Vielleicht mit einem eigenen Garten, dort wo die Mieten nicht so teuer sind – der fortwährende Boom der Kleingärten in Berlin belegt das. Fliehen die Menschen aus der Stadt? „Es gibt keine Stadtflucht in Berlin, sondern eine Auffüllung der Randbereiche und des suburbanen Raums,“ sagt Carsten „Der Wohnraum, der in der Innenstadt frei wird, wird aber auch sofort wieder aufgefüllt.“

Eine wirkliche Abkühlung des Innenstadt-Wohnungsmarktes, der in Berlin teils zu absurden Wohnungsanzeigen führt, gibt es also nicht. Trotz Corona stieg die Einwohnerzahl der Stadt 2020 um gut 15.000 Personen.

Doch interessant ist, welche Bezirke Bevölkerungszuwächse verzeichnen konnten. Im Vergleich zum Vorjahr wuchsen 2020

  • Marzahn-Hellersdorf (+1,4 Prozent),
  • Treptow-Köpenick (+0,9%)
  • Lichtenberg (+0,9%),
  • Pankow (+0,3%)
  • Spandau (+0,1%)

Die Innenstadt-Bezirke allerdings verloren allesamt Einwohner. Bevölkerungsrückgänge gab es in

  • Neukölln (-0,6 Prozent)
  • Charlottenburg-Wilmersdorf (-0,6%)
  • Mitte (-0,6%)
  • Tempelhof-Schöneberg (-0,4%)
  • Friedrichshain-Kreuzberg (-0,2%)
Blick vom Rand auf die Mitte: Marzahn-Hellersdorf hatte 2020 mit großem Abstand den größten Bevölkerungszuwachs. Foto: Imago/Schöning.

Die Stadt verlassen zu wollen, sei laut Carsten kein neues Phänomen. „Es ist immer ein Pendel, das gerade durch Corona und die stark gestiegenen Wohnpreise unterstützt wird,“ sagt Carsten „Das Pendel hat aber schon vor zwei Jahren – also deutlich vor Corona begonnen – wieder in Richtung des suburbanen Raumes auszuschlagen.“

Stadtrand-Attraktivität sieht anders aus

Das Problem an Berlin ist allerdings, dass jener suburbane Raum an den Randbezirken noch nicht attraktiv genug ist. Das Berliner Leben spielt sich im Ring ab. Nicht nur das kulturelle. Carsharing und E-Bikes gibt es fast nur in der Innenstadt, Lieferservices fahren seltenst nach Lichtenrade. Arbeitsplätze gibt zumindest im Dienstleistungssektor fast nur in der Innenstadt. Der Stadtrand ist in Berlin fürs Wohnen konzipiert, nicht so sehr fürs Leben. 

Carsten nimmt das Bauprojekt Wasserstadt in Spandau als Beispiel. „Ich war erschüttert über dieses relativ neu geplante Stadtviertel,“ sagt er „Du hast in den Erdgeschossen einen klassischen Einzelhandel, Physio, deinen Versicherungsvertreter und einen Rewe, aber das war’s auch.“ Ein gemischtes, attraktives Quartier sehe ganz anders aus. Solche Orte bräuchten viel mehr Arbeitsplätze, viel mehr Angebote im öffentlichen Raum, sonst verließen die Menschen morgens fluchtartig das Areal und kämen erst abends wieder nach Hause in eine gebaute Monotonie zurück.

Die Wasserstadt in Spandau, eine geschlossene Monotonie. Foto: Imago/Jürgen Ritter

„Viele Neubauprojekte sind heute als Inseln konzipiert, die keinen Bezug zur Nachbarinsel haben“, sagt Carsten „Wir brauchen aber keine Inseln, sondern integrierte und funktionierende Nachbarschaften.“

Paris‘ 15-Minuten-Stadt als Vorbild

Wie es anders geht, zeigt derzeit Paris. Dort rief die Bürgermeisterin Anne Hidalgo vergangenes Jahr die „15-Minuten-Stadt“ aus. Das Ziel: Alles, was der Mensch braucht, soll in einem 15-Minuten Fahrrad- oder Fußweg erreichbar sein: Eine Grünanlage, ein Arbeitsplatz, eine Bildungseinrichtung, ein Gesundheitszentrum und eine Einkaufsgelegenheit.

Berlin ist davon noch weit weg. Viel mehr muss es sich in naher Zukunft mit den Realitäten auseinandersetzen, die sich in der Pandemie ergeben haben. Zum Beispiel: Kann etwa die Paket-Zustellung smarter geregelt werden? DHL erklärte 2020 zu einem Rekordjahr für zugestellte Pakte und das schon vor dem Weihnachtsgeschäft.

Experten gehen davon aus, dass die Paketzustellungen sich in den kommenden fünf Jahren verdoppeln werden. DHL plant eine Verdoppelung der Paket-Stationen bis 2023, was dringend notwendig ist. In Berlin sind die Paketstationen teils hoffnungslos überladen. Dass Zusteller in der zweiten Reihe parken müssen, um dann Pakete in den sechsten Stock tragen zu müssen, ist sicherlich nicht das smarteste Konzept.

Parken auf der Busspur: Kein Konzept mit Zukunft für eine Stadt wie Berlin. Foto: Imago/Stefan Zeitz

Auch der Lebensmittel-Onlinehandel erlebte im vergangenen Jahr einen Boom. Neben den Bringdiensten der großen Supermarktketten etablierten sich einige Bringdienste, die teils auch Sonntags ausliefern. Laut Statistischem Bundesamt lag der Umsatz in der Branche 2017 noch bei 136,7 Millionen Euro, 2020 waren es schon 283,8 Millionen. 2024 werden 392,8 Millionen prognostiziert. Was, zum Beispiel bei den Getränkelieferanten, auch auf Kosten guter Arbeitsverträge geht.

Berlin nach Corona — eine Stadt der Nesthocker?

Wird man im Berlin nach Corona überhaupt noch rausgehen oder haben wir unser Zuhausesein so ausstaffiert, dass wir gar nicht mehr raus müssen und wollen? Arbeiten, einkaufen, Party — alles für immer in den eigenen vier Wänden? 

Zukunftsforscher Carsten glaubt das nicht: „Ich glaube, wenn wir kein Corona mehr haben, dann werden die Leute reisen ohne Ende. Und sie werden ihre Büroplätze erstürmen. Die Leute sind es leid, nur zuhause zu sitzen. Sie sehnen sich nach sozialen Kontakten.“ Erst danach werde man in der Lage sein, zu beurteilen, wie das Verhältnis von Home Office und Arbeitsplatz wirklich aussehen wird.

Zukunftsforscher Dr. Stefan Carsten glaubt, dass die Leute nach Corona den öffentlichen Raum suchen werden. Foto: ZVG

Es ist klar, dass die Stadt sich verändern wird und auch verändern muss. Vor allem wenn sie ihre Einzigartigkeit behalten will. Berlin lebt von seinen Begegnungen und dem, was durch sie entsteht. Die Hauptstadt ist das Keimzentrum für junge Ideen und neue Konzepte: Junge Unternehmer*innen engagieren sich Nachhaltigkeit, entwerfen neue Mode-, Ernährungs- oder Bildungskonzepte. Berlin ist stets vorne mit dabei. „Noch findet man diese Projekte hier, auch wenn sie von der Politik stark vernachlässigt werden,“ sagt Carsten „Wenn diese jungen Gedanken in der Stadt bleiben sollen, dann muss man ihnen auch Nahrung geben. Natürlich steht da bezahlbarer Wohnraum an erster Stelle, aber wichtig sind auch Arbeitsräume, Ateliers, Labore. Also Orte, an denen flexibel gearbeitet werden kann. Und natürlich ein attraktiver, gesunder öffentlicher Raum.“


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