Berliner Straßen

Die Entwicklung der Sonnenallee: Vom Feldweg zum Schmelztiegel

Ohne Zweifel ist die Sonnenallee im Neuköllner Norden eine der berühmtesten Straßen Berlins. Ein Film über ihren kürzeren Teil, der in der DDR lag, trägt ihren Namen, jetzt schreiben Journalist*innen Reportagen über das Leben auf der sogenannten arabischen Straße.

Vom Hermannplatz bis zum Baumschulenweg – fünf Kilometer lang ist eine der wichtigsten Verkehrsachsen Berlins. Und die wandelte sich wie kaum eine andere Straße mit der Geschichte der Stadt. Wir haben den Entwicklungen und Besonderheiten dieses Chamäleons unter den Straßen nachgespürt.


Bescheidene Anfänge, rasanter Aufstieg

So sah es auf der Sonnenallee vor hundert Jahren aus.
So sah es auf der Sonnenallee vor hundert Jahren aus. Foto: imago images/Arkivi

Ganz klein hat die Sonnenallee angefangen: 1880 auf dem sumpfigen Gebiet des damals eigenständigen Rixdorfs mit dem schlichten Namen Straße 84. Hier siedeln sich Menschen an, die auf Arbeitssuche vom Land in die Stadt ziehen. Als Kaiser Friedrich III. stirbt, bekommt die Straße seinen Namen. Die Industrialisierung nimmt Fahrt auf. Und auch an der Kaiser-Friedrich Straße werden Fabriken gegründet, neue Wohnhäuser und Schulen gebaut. Aus dem einstigen Feldweg wird eine breite Straße mit Straßenbahnen samt einer von Bäumen besäumten Flaniermeile in der Mitte. Der S-Bahnhof Sonnenallee sowie die Polizeidirektion sind architektonische Zeugnisse dieser Zeit.

Kurz bevor Rixdorf, mittlerweile in Neukölln umbenannt, 1920 in Groß-Berlin eingegliedert wird, erhält ein Teil der Straße ihren heutigen Namen: Sonnenallee. In den folgenden Jahren heißt auch die südöstliche Verlängerungen so und reicht bis zur Baumschulenweg in Treptow.


Widerstand im braunen Sumpf

Die Praxis befand sich in der heutigen Sonnenallee13. Eine Gedenktafel erinnert hier an den mutigen Einsatz des Paares.
Die Praxis befand sich in der heutigen Sonnenallee13. Eine Gedenktafel erinnert hier an den mutigen Einsatz des Paares. Foto: Ina Hildebrandt

Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten müssen sowohl Kaiser Friedrich als auch die Sonne dem Führer Platz machen. Der gesamte Straßenzug wird 1938 in Braunauer Straße umbenannt, nach dem Geburtsort von Adolf Hitler: Braunau am Inn.

Den Anwohnern Dr. Benno Heller und seine Frau Irmgard gelingt es, einige Jüdinnen vor der braunen Gewalt zu retten. Der jüdische Gynokologe, selber nur durch die Mischehe mit seiner „arischen“ Frau geschützt, organisiert mit ihr zusammen für seine jüdischen Patientinnen Verstecke bei nicht-jüdischen Patientinnen. Sie nehmen sogar Kontakt zu Fälschern auf, um Passdokumente für eine Flucht der Frauen zu besorgen. Durch einen Verrat fliegt das Ehepaar auf. Der Arzt wird verhaftet und nach Ausschwitz deportiert. Seine Spur verliert sich auf einem der Todesmärsche gegen Kriegsende. Irmgard Heller zieht nach seiner Deportation nach Leipzig und stirbt kurz darauf vermutlich an einem Herzversagen.


Der Krieg ist vorbei, die Mauer kommt

Mitten durch ein Wohngebiet in der Sonnenalle verlief die Mauer.
Mitten durch ein Wohngebiet in der Sonnenalle verlief die Mauer. Foto: imago images/F. Anthea Schaap

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wird die fünf Kilometer lange Allee vom Hermannplatz bis nach Baumschulenweg komplett in Sonnenallee umbenannt. Modern und mobil geht es hier zu: Neubauten für die zahlreichen Arbeiter*innen entstehen, die Straßenbahn verschwindet zugunsten einer mehrspurigen Straße. Doch keine historische Wendung scheint an der Sonnenallee vorbeizugehen: Durch die Mauer zwischen Ost und West wird der zu Treptow gehörende Teil der Straße abgetrennt. Die letzten 400 Meter liegen nun in Ost-Berlin. Die einstige Flaniermeile endet kurz vor dem Baumschulenweg an Grenzübergangsstelle und Todesstreifen.

Heute erinnert eine Pflasterreihe an den Grenzverlauf. Und außerdem ein Denkmal von der Künstlerin Heike Ponwitz: zwei Fernrohe als Symbol für die damals allgegenwärtige Überwachung.


Harte Zeiten, neue Bewohner

Die Berliner Türken bilden nach wie vor die größte Grupe unter den nicht Bio-Deutschen Bewohnern.
Flaggen während einer Fußballmeisterschaft: Einst war die Sonnenallee eine „türkische Straße“ . Foto: imago images/Olaf Wagner

Wegen der zahlreichen ansässigen Industrieunternehmen aus dem Chemie-, Elektro und Bekleidungsbereich gilt der Norden Neuköllns als Arbeiterbezirk – es herrscht Vollbeschäftigung. Ab den 70er Jahren ziehen auch viele türkischstämmige sogenannte Gastarbeiter hierher, denn in dieser Zeit wird in den Stadtteilen Mitte, Tiergarten und Kreuzberg ein Zuzugsstopp für sie verhängt. Zahlreiche türkische Cafés und Lebensmittelgeschäfte eröffnen in der Sonnenallee.

Die guten wirtschaftlichen Zeiten finden nach dem Mauerfall und dem schlagartigen Abbau der Berlin-Förderung in den 90ern ihr jähes Ende, als ein Großteil der Industrien fortzieht. Die Arbeitslosigkeit steigt rasant, die Kinderamut auch. Wer es sich leisten kann, zieht weg. Viele der türkischen Läden müssen schließen. Leerstand und soziale Probleme prägen das Straßenbild.


Vom Gazastreifen zur Arabischen Straße

Männer rauchen in einem arabischen Café gemeinsam Shisha.
Männer rauchen in einem arabischen Café gemeinsam Shisha. Foto: imago images/Rolf Zöllner

Bereits ab den 70ern zogen viele Libanesen und staatenlose Palästinenser auf der Flucht vor dem libanesichen Bürgerkrieg nach Berlin, wo sie die günstigen Wohnungen in Neukölln bezogen. In den freigewordenen Ladenflächen auf der Sonnenallee eröffnen sie Geschäfte für Lebensmittel, Brautmoden und Elektronik, Restaurants sowie Shisha-Bars. Bei manchen Berliner*innen ist die Straße als „Gazastreifen“ verrufen.

Mit dem Zuzug von syrischen Geflüchteten nach Berlin wird diese Entwicklung neu belebt. Die Sonnenallee ist ein erster Anlaufpunkt, um Kontakte zu knüpfen, einzukaufen oder ein eigenes Geschäft zu eröffnen. Syrische Restaurants und Bäckereien reihen sich mittlerweile in das kulinarische Angebot auf der Sonnenallee ein. Von der „arabischen Straße“ spricht man nicht nur in der deutsche Presse, sondern über die Grenzen des Landes hinaus.


Gentrifizierung und Verdrängung

Wohnungen in der Sonnenallee sind begehrt und teuer.
Wohnungen in der Sonnenallee sind begehrt und teuer. Foto: imago images/Winfried Rothermel

Zuerst kommen die Student*innen und Kreativen, dann die mit Kapital – diese Geschichte kennen wir. Mit den steigenden Mieten im angrenzenden Kreuzberg wird der Norden Neuköllns in den 2000ern für diejenigen attraktiv, die jung und gebildet und kreativ sind, aber nicht viel Geld haben. Gallerien, Second-Handshops und Bars ploppen auf. Das sogenannte Kreuzkölln ist angesagt. Damit werben auch zunehmend Immobilieninvestoren, um ihre sanierten Altbauten wieder teuer weiterzuvermieten. Häuser werden verkauft, alteingesessene Mieter*innen müssen ihre Wohnungen räumen oder können sich sie einfach nicht mehr leisten.

Auch auf der Sonnenllee finden sich hippe Cafés, Yogastudios, Bio-Supermarkt oder Start-up.s Mittlerweile haben Menschen mit einem arabisch klingenden Namen kaum eine Chance auf eine Wohnung, genauso wie viele Student*innen und Kreative.


Eine Straße – viele Lebensrealitäten

Hier treffen gegensätze aufeinander: Arabischer Imbiss neben Bierkneipe.
Hier treffen gegensätze aufeinander: Arabischer Imbiss neben Bierkneipe. Foto: Ina Hildebrandt

Die Sonnenallee ist ein wahrer Schmelztiegel der Kulturen und sozialen Hintergründe. Zu der traditionellen Nord-Neuköllner Mischung aus Berliner*innen mit Familiengeschichte aus Deutschland, der Türkei und arabischen Ländern, kommen gegen Ende der Nullerjahre junge Menschen aus weiteren Ländern Europas, den USA oder Australien dazu. Länger ansässige Familien leben zum Teil in prekären Verhältnissen, andere arbeiten in Start-Ups oder eröffnen ihren eigenen Laden.

Ob Ur-Berliner Kneipen, hippe Cafés, arabische Gemüsehändler oder Biosupermarkt – auf der Sonnenallee findet jeder sein Plätzchen.


Schlemmen und Shoppen

Ob Essen oder Einkaufen, in der Sonnenallee ist stets viel los.
Ob Essen oder Einkaufen, in der Sonnenallee ist stets viel los. Foto: imago images/Hans Scherhaufer

In der geschäftigen Sonnenallee reihen sich arabische Läden für Lebensmittel, Brautmoden, Schmuck, Kleinelektronik und Haushaltsbedarf aneinander. Dazwischen Spätis, Friseure und Shish-Bars. Auf dem Bürgersteig heißt es: Augen auf!, sonst fährt einem schon mal jemand mit einer Lastenkarre über den Fuß oder man rempelt Wartende vor dem Schawarma-Imbiss an.

Viele zieht es jedoch wegen der zahlreichen, meist preisgünstigen Restaurants hierher. Im Yasmin Alsham (Sonnenallee 58), Al-Pasha (Sonnenallee 77) oder Azzam (Sonnenallee 54), eine Art Institution, bekommt man in schlichtem Ambiente Klassiker aus der arabischen Küche serviert. Die Konditorei Damaskus (Sonnenaallee 93) ist berühmt für ihre süßen Leckereien, ebenso wie Ed&Fred (Sonnenallee 73) für große Auswahl an gerösteten Nüssen. Noch gar nicht so alt ist das Didi Pa (Sonnenallee 31) und überzeugt mit seiner westafrikanischen Küche. Wer mit Alt-Neuköllnern ein Bier trinken und eine Runde mit dem Wirt tanzen will, sollte in Simones kleiner Kneipe (Sonnenallee 35) vorbeischauen.


Feiern bei Tag und Nacht

Zahlreiche Menschen protestierten für die Rettung der Griessmühle, darunter der berühmt Clubgänger Günther Krabbenhöft.
Zahlreiche Menschen protestierten für die Rettung der Griessmühle, darunter der berühmt Clubgänger Günther Krabbenhöft. Foto: imago images/Christian Mang

Die Sonnenallee ist keine Ausgehmeile. Jedoch lag hier einer der beliebtesten Clubs der vergangenen Jahre: Griessmühle. Der über die Grenzen Berlins hinaus bekannte Technoclub befand sich auf einem ehemaligen Industriegelände am Neuköllner Schifffahrtskanal. Berliner*innen und Tourist*innen feierten hier die Wochenenden durch, bis der 2019 Mietvertrag auslief und somit eine weitere Clublegende den Platz räumen musste.

Auch das auf der gegenüberliegenden Seite des Kanals liegende Industrieareal um die Zigrastraße ist bekannt für Clubs wie Raum 18, Bei Ruth, Internet Explorer oder Schrippe Hawaii. Manche gehören bereits der Vergangenheit an, die Zukunft der anderen ist ungewiss.


Ein neuer Wandel steht bevor

Das Estrel Hotel besticht durch seine eigenwillige Architektur. Im Vordergrund: das Kunstwerk "Welle" von Egidius Knops.
Das Estrel Hotel besticht durch seine eigenwillige Architektur. Im Vordergrund: das Kunstwerk „Welle“ von Egidius Knops. Foto:

Die Sonnenallee wäre nicht die Sonnenallee, wenn der nächste Wandel zu lange auf sich warten lassen würde. Als Teil des Sanierungsgebietes Karl-Marx-Straße/Sonnenallee soll der Abschnitt von der Pannier- bis zur Innstraße zukünftig nachhaltig entwickelt werden.

Zudem hat Ekkehard Streletzki Großes vor. Sein Estrel-Hotel an der Sonnenallee ist bereits das größte Hotel Deutschlands. Ab Herbst 2020 beginnen gegenüber die bauarbeiten für den 175 Meter hohen Estre-Tower – das höchste Hotel des Landes. Und erneut wird die Sonnenallee ihr Gesicht verändern.


Die Straße als Inspiration

Der Film Sonnenalle machte die Straße berühmt.
Junge Menschen in Ost-Berlin: Der Film „Sonnenallee“ machte die Straße berühmt. Foto: imago images/United Archives

So richtig bekannt wurde die Sonnenallee außerhalb Berlins durch den gleichnamigen Film von Leander Hausmann aus dem Jahr 1999. Dieser schildet das Leben von Ost-Berliner Jugendlichen um die Hauptfigur Michael Ehrenreich, der im kurzeren Ende der Straße nahe dem damaligen Grenzübergang wohnt. Allerdings drehte man nicht am Originalschauplatz, sondern in den Babelsberger Studios. Im Anschluss an den Film schreibt Thomas Brussig, der am Drehbuch beteiligt war, das Buch „Am kürzeren Ende der Sonnenallee“, in dem er die Geschichte weiter ausbaut. Auch der große Rio Reiser widmet in den 90ern der Straße einen Song und nennt ihn „Sonnenallee“.


Berlin entdecken

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