Kulturgeschichte

Ein letztes Glas im Stehen: Eine Kulturgeschichte der Sperrstunde in Berlin

Die pandemiebedingte Rückkehr der Sperrstunde in Berlin trifft die gastronomische Landschaft hart. Und sie erschüttert den Mythos einer Stadt, die angeblich niemals schläft. Und die, frei nach Harald Juhnke, immer leicht einen sitzen hat. Eine Kulturgeschichte.

Sperrstunde in Berlin: leere und halbleere Gläser in der Kneipe
Letzte Gläser, letzte Runde: Sperrstunde in Berlin. Foto: Imago Images/Sabine Gudath

Das Wettrüsten hatte bereits in den unmittelbaren Nachkriegstagen begonnen. Mindestens, was die Versorgung der Bevölkerung mit einer reichlich tröstlichen Munition betraf: Alkohol. Noch herrschte in ganz Berlin eine nächtliche Ausgangssperre, um Plünderungen zu verhindern und überhaupt ein wenig Überblick zu behalten in dieser katastrophal zerstörten Stadt.

Als aber die Kneipen und Wirtsstuben in der sowjetischen Besatzungszone bereits wieder bis um 22 Uhr geöffnet waren, entwickelte sich ein munterer Trinktourismus über die Sektorengrenzen hinweg. Zerstreuung tat eben Not. Und diese Zerstreuung erschien mit einer Molle und einem Korn ungleich erbaulicher.

Was also Heinz Zellermayer, Charlottenburger Gastronom, Erbe des Hotels am Steinplatz und Gründungsvorstand des Berliner Gaststättenverbands, auf den Plan rufen sollte. Mit einer Flasche Whisky unter dem Arm wurde er im Frühjahr 1949 bei Frank L. Howley vorstellig. Er wollte den Kommandanten des amerikanischen Sektors davon überzeugen, dass ein Berlin ohne Sperrstunde ein noch einmal freieres Berlin sei.

Sperrstunde in Berlin: Auf die Freiheit

Der Whisky, so will es die Legende, war fast leer, da hatte Zellermayer Howley auf seiner Seite. Aber vielleicht hatte der hohe US-Militär ja auch die durchaus durchwachsene Erfahrung seines Heimatlandes mit der Prohibition im Hinterkopf. In den Jahren des Alkoholverbots zwischen 1920 und 1933 hatte sich die Zahl der (nun also illegalen) Bars in Städten wie Chicago oder New York vervierfacht. „Speakeasies“, Flüsterkneipen, wurden diese versteckten Etablissements genannt. Der Alkohol floss nämlich dennoch in Strömen.

Und so hatten die USA zwar weiterhin ein Alkoholproblem – und zusätzlich eines mit dem organisierten Verbrechen. Clans wie die Cosa Nostra oder die Kosher Nostra hatten im Alkoholschmuggel ausprobiert, was sie von nun an im Drogenhandel perfektionierten.

Überhaupt: die dunklen Machenschaften. Aus dem Finstern der Nacht war die Sperrstunde ja quasi geboren. Die Tore wurden verriegelt, die Stadt also abgesperrt. Der Nachwächter blies in sein Horn, die Turmglocke läutete. Soweit das späte Mittelalter. Zwar war Alkohol auch damals schon in aller Munde, allerdings war der übliche Getreidetrunk ein eher alkoholarmes Bier und eine bekömmlichere Alternative zum oft verkeimten Brunnenwasser.

Sperrstunde in Berlin: Die Unordnung der Dinge

Mit der Industrialisierung stieg dann der Durst und mehr noch die Verfügbarkeit des nun eben auch industriell produzierten Alkohols. Im ausgehenden 19. Jahrhundert wurde Berlin zur Stadt mit der größten Brauereien- und sowieso Kneipendichte der Welt. Die Metropole, das Tempo, der Rausch, die Gewalt. Die Dinge konnten in Unordnung geraten.

Nun ist die Sperrstunde als Werkzeug der sozialen Befriedung schon lange zurecht umstritten. Legendär etwa die Raufereien und Straßenschlachten zwischen rivalisierenden Fußballfans oder Jugendgruppen in Großbritannien. Pünktlich nach 23 Uhr gingen diese in den Ausgehvierteln und Fußgängerzonen aufeinander los.

Bis 2005 nämlich war der Tresenschluss auf der Insel auf elf Uhr abends festgesetzt, eine Glocke läutete in fast allen Pubs die letzte Runde ein – würde nämlich ein Krieg ausbrechen, so stand es seit dem Ersten Weltkrieg in der britischen Verfassung, sollten alle wehrfähigen Männer am nächsten Morgen nüchtern zu sein.

„Wir haben ja auch für 24 Stunden Miete gezahlt“

Berlin hingegen pflegte fortan den Mythos einer Stadt, die keinen Morgen kennt. Und in der in Kreuzberger Cafékneipen das Frühstück auch noch nachmittags um fünf serviert worden ist.

Das Schwarze Café in der Kantstraße, im Nachklang des legendären Tunix-Kongresses 1978 eröffnet, hatte dann konsequenterweise gleich rund um die Uhr geöffnet. „Schließlich“, so Michael Dauer, der seit der Gründung vor 42 Jahren zum Betreiberkollektiv gehört, „haben wir ja auch für 24 Stunden Miete gezahlt.“

Bedeutet die Sperrstunde in Berlin Heimatverlust?

Auch Thomas Pflanz, Gastgeber in der wunderbaren Charlottenburger Hildegard Bar und ein profunder Chronist des trunkenen Berlins, erinnert sich daran, dass die Sperrstunde lange Zeit ein Pfund war, mit der die Mauerstadt West-Berlin wuchern sollte. Die Berlin-Zulage, und das wäre eine These die sogar auf einen Bierdeckel passt, wurde quasi gleich wieder versoffen.

Thomas Pflanz am Tresen der Hildegard Bar. Die SperrFoto: Patricia Schichl

Ob Berlin mit der neuerlichen Sperrstunde ein Stück seiner Identität verliere? Aber viel mehr ärgert Thomas Pflanz das gegenwärtige Misstrauen an seiner Branche: „Nur weil einige Kollegen zugeben großen Mist gemacht haben, wird hier die gesamte Nachtkultur in Sippenhaft genommen. Ich kann für mich sagen, dass wir verantwortungsvoll mit der Situation umgehen und dass wir den Leuten ein gutes Gefühl geben, das gerade in diesen Tagen fehlt.“

Exemplarisch sei hier der Blick nach Wien gewagt, wo Kanzler Kurz eine Sperrstunde gerade als „sehr, sehr weise“ angeregt hatte, Bürgermeister Michael Ludwig aber lieber auf verantwortungsbewusste Gastgeber*innen setzt: Es sei ihm lieber, die Menschen säßen im Wirtshaus, als träfen sie sich zu illegalen Vergnügungen. Denn einfach so nach Hause würden gewiss nicht alle gehen. Auch Nobel-, nein, Nobelhart-Wirt Billy Wagner folgt dieser Argumentation, wenn er in einer deutschlandweit beachteten Video-Botschaft Politik und Ordnungsbehörden darum bittet, seiner Branche doch mit mehr Vertrauen zu begegnen.

Das Berghain der Wirtschaftswunderjahre

Was die aktuelle Debatte so sensibel macht: Diese temporäre Verknappung der Nacht und damit des Raums fällt in eine Zeit, in der der Zugang zur Stadt ohnehin zunehmend zur Disposition steht. Steigende Mieten, verschwindende Freiräume, das Improvisierte der Neunziger- und Nullerjahre, das ja in der Kultur in den Popup-Restaurants ein neuerliches Revival erfahren hatte, könnte Berlin endgültig abhanden kommen.

Heinz Zellermayer übrigens sollte die von ihm wegargumentierte Sperrstunde zu einer legendären Trinkstätte nutzen. In seinem Hotel am Steinplatz eröffnete er in den 1950er-Jahre die Künstler- und Prominentenkneipe „Volle Pulle“, das, nun ja, Berghain der Wirtschaftswunderjahre.


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