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Interview

Pilzsammler im Gespräch: „Der erste Steinpilz ist ein heiliger Moment“

Wenn er nicht wusste, wohin mit sich, ging Moritz Schmid als junger Mann in den Wald. Nun hat der Wahlbrandenburger ein begeisterndes Buch über Pilze geschrieben. Der Pilzsammler hat auch ein Unternehmen gegründet, das Heilpilze zu vitalisierenden Drinks verarbeitet – für gestresste Menschen in der Großstadt.

Pilzesammeln befriedigt zielsicher jene Urinstinkte, die mehr oder weniger gut verschüttet in jedem von uns schlummern. So wie Grillen, Holzhacken oder Brotbacken. Jeden Herbst reisen hunderttausende Menschen ein paar hunderttausend Jahre zurück in die Menschheitsgeschichte. Stecken sich  Klappmesser und Stoffbeutel ein. Schlüpfen in regendichte Jacken, knöchelhohe Schuhe. Und werden selbst zu Pilzsammlern und -sammlerinnen.

Autor und Vividsoil-Gründer Moritz Schmid mit einer großen Pilz-Ausbeute. Foto: Moritz Schmid

Moritz Schmid ist einer von ihnen. Der  gelernte Werbefotograf hat es dabei zu einer gewissen Profession gebracht. Was etwa daran zu erkennen ist, dass er zusätzlich zu Messer und Korb immer noch eine Teleskopsäge mitnimmt. Manche Pilze, der Chaga etwa, wachsen schon mal in fünf Metern Höhe am Stamm einer Birke. Außerdem hat der Wahlbrandenburger im vergangenen Jahr ein von ihm eindrücklich fotografiertes Buch herausgebracht. „Into the Woods – Pilze sammeln und Glück finden“. Ein Gespräch über die Demut, den Wald und eine Spezies, die weder Mensch noch Tier noch Pflanze ist.

Dem Pilzsammler Moritz Schmid geht es um Demut

tipBerlin Herr Schmid, wann waren Sie zum ersten Mal in den Pilzen?

Moritz Schmid Ich wurde da als Sechsjähriger schon mitgeschleift und fand das natürlich nicht immer nur geil. Zum Thema meines Lebens wurde der Wald dann mit Anfang 20. Immer wenn ich nicht wusste, wohin mit mir, bin ich in den Wald. Und wenn man dann ständig über Pilze stolpert, fängt man eben an, sich gründlicher damit zu beschäftigen.

tipBerlin Taugt das vielleicht schon als größere These: Weil wir auch als Gesellschaft dieser Tage nicht so richtig wissen, wohin mit uns, begeistern wir uns für die einfachen, naturverbundenen Dinge?

Moritz Schmid Zumindest für mich kann ich das sagen. Ich habe ja lange in der Stadt gelebt, obwohl ich definitiv nicht für die Stadt gemacht bin. Und ich glaube, dass das gerade vielen so geht. Slow Food, Achtsamkeit, die Leute sammeln Beeren, machen Kompott, wünschen sich wieder einen eigenen Garten. Das sind ja alles keine neuen Themen. Nur waren sie eben lange überlagert von Sachen, die vermeintlich cooler waren. Vor allem waren sie greller, lauter und hitziger.

tipBerlin Pilze sammeln und Glück finden, heißt es in Ihrem Buch. Geht es um Demut?

Moritz Schmid Das trifft es gut. Ich feiere auch das Saisonale total. Dabei sammele ich ja eigentlich das ganz Jahr über, im Winter eben Austernpilze, die bei Frost an Bäumen wachsen. Aber wenn ich im Frühherbst den ersten Steinpilz finde, das ist schon ein beinahe heiliger Moment. Hat die Natur ja auch sinnvoll eingerichtet: Pilze haben megaviel Vitamin D, das bereitet die Menschen auf den Winter vor.

Nahrungsmittel, Lebensgefühl, Achtsamkeitsübung: ein Brandenburger Steinpilz. Foto: Moritz Schmid

„Pilze sind soziale, kommunizierende Wesen“

tipBerlin Überhaupt sind Pilze ja viel cleverer und komplexer, als wir denken …

Moritz Schmid Unbedingt. Wobei das meiste ja unterirdisch stattfindet. Der Wald ist ein riesengroßes, kommunizierendes System und ich Pilzesammler bin nur eine kleine Wurst darin. Die Pilze haben die Rolle des Verwerters und Vermittlers. Sie sind soziale, kommunizierende Wesen, reinigen Böden, setzen Sachen um. Das ist auch die Brücke zu uns Menschen: Pilze enthalten Adaptogene, die in unserem Körper ausgleichend wirken. Pilze haben Superpower und geben sie an uns weiter. Noch einmal zur Demut: Da wächst dieses großartige Geschenk ganz kostenfrei im Unterholz, ich muss nur bereit sein, mit offenen Augen durch den Wald zu gehen.

tipBerlin Also: Wo und wie findet man nun Pilze?

Moritz Schmid In Brandenburg gibt es viel zu viele Fichtenplantagen. Das sind zwar keine natürlichen Wälder mehr – aber supergut für Maronen. Auf sandigen, heideartigen Flächen mit Heidekraut und vielen Birken findet man Steinpilze, Rotkappen und Sandröhrlinge. Allesamt gute Einsteigerpilze, weil sie sehr gut zu bestimmen sind. Ich habe aber auch bei mir in Eichwalde direkt am Bahnhof einen Platz, da sammele ich jedes Jahr mächtig viele Steinpilze. Fast so, also wollten die sich mal ganz neugierig in die Zivilisation wagen und schauen, wie es so bei uns ist.

„Nichts konsumieren, was man nicht hundertprozentig bestimmen kann“

tipBerlin Sie sprechen von Einsteigerpilzen. Pilzesammeln bleibt also ein komplexes, weil hin und wieder eben giftiges Thema?

Moritz Schmid Die goldene Regel bleibt: Nichts konsumieren, was man nicht hundertprozentig bestimmen kann. Selbst ich nehme mir immer noch Zeit, wenn ich eine neue Sorte an einer mir ungeahnten Stelle finde. Am Anfang sollte man ruhig auch die Hilfe einer Pilzsammelstelle in Anspruch nehmen und seinen Korb professionell bestimmen lassen. Darüber hinaus: Nur so viel sammeln, wie man auch selbst verarbeiten kann. Jeder Pilz, der im Wald bleibt, hilft, dass sich das Ökosystem wieder reproduzieren kann.

tipBerlin Beobachten Sie als Pilzsammler auch den Klimawandel?

Moritz Schmid Vor allem daran, dass die Saison immer länger wird. Ich habe im vergangenen Jahr noch am 6. Dezember Steinpilze gefunden. Es ist noch nicht lange her, da war die Saison Anfang November vorbei.

tipBerlin Pilzkulturen sind ja gerade die neuen Stars unserer Ernährung. Ist sich alles, was wir Pilze nennen, eigentlich ähnlich?

Moritz Schmid Absolut. Nicht in der Form vielleicht, aber durchaus in der Funktion. Im Bier werden Hefepilze beim Brauprozess zugefügt. Beim Einmachen starten Pilzkulturen die Fermentation. Wir unterteilen ja gemeinhin in Menschen, Tiere, Pflanzen – aber Pilze sind nochmal eine eigene Spezies. Sie sind den Menschen näher als den Pflanzen, weil sie wie wir verstoffwechseln.

Mehr Infos über die Getränke auf Pilzbasis von Vividsoil findet ihr hier.

  • Into the Woods – Pilze sammeln und Glück finden von Moritz Schmid, Prestel, 176 Seiten, 32 €

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