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Filmkritik

„Il Traditore“ von Marco Bellocchio: Die Mafia als Lebensweg

Drama Er kenne ganz Italien, erzählt der Mafioso Tommaso Buscetta (Pierfrancesco Favino) einmal den brasilianischen Polizisten, die ihn zwecks Auslieferung an Italien zum Flughafen fahren. Doch dann präzisiert er seine Aussage noch einmal: Er kenne alle Gefängnisse Italiens. Gefängnisse stehen im Mittelpunkt von „Il Traditore“ von Marco Bellocchio, eines neuen Mafiadramas des großen italienischen Gesellschaftskritikers.

Man sieht sie in den verschiedenen Gerichtsprozessen im Saal, eingesperrt in vergitterte Boxen, die an Käfige erinnern, tobend und geifernd, schimpfend und verwünschend, während sie feige alles abstreiten, was man ihnen zur Last legt. Man sieht sie in ihren Einzelzellen auf und ab laufend wie Raubtiere mit Hospitalismus – der Analogie mit der eingesperrten Hyäne, die Bellocchio irgendwann bemüht, hätte es da eigentlich gar nicht mehr bedurft.

Es geht um die Geschichte des Aussteigers Buscetta, „Boss zweier Welten“, der in den 1980er Jahren dem berühmten Richter Giovanni Falcone Rede und Antwort stand. Dabei brach er erstmals umfassend das Schweigegelübde der sizilianischen Cosa Nostra und brachte aufgrund seiner Aussagen über 300 Mafiosi hinter Gitter.

Il Traditore von Marco Bellocchio
Pierfrancesco Favino in „Il Traditore“ von Marco Bellocchio. Foto: Pandora Film

Buscettas Gefängnis hingegen ist immateriell: ein einmal gewählter Lebens- weg, der ihn nicht mehr loslässt, die Paranoia, dass irgendwo ein Mafiamörder auf ihn und seine Familie lauern könnte, die Gespenster der eigenen Verbrechen, die ihn verfolgen.

Die Lüge von der guten Mafia: „Il Traditore“ von Marco Bellocchio

Buscettas Anwesen in Brasilien ist groß und lichtdurchflutet, aber irgend- wann stehen an jeder Ecke Leibwächter, und Buscetta traut sich nur noch bewaffnet auf die Terrasse. Am Ende wird er genau so im amerikanischen Exil sterben: „friedlich“ auf einer Terrasse mit einer Maschinenpistole in der Hand und erschreckt von den Hunden, die vor der Tür an den Mülltonnen klappern. Unterlegt ist die Sequenz von Bildern der Erinnerung an seinen ersten Mord.

Bei alledem sieht sich Buscetta als Ehrenmann: Nicht er habe die Cosa Nostra verraten, sondern die Bosse der „Corleonesi“ mit dem berüchtigten Totò Riina an der Spitze – mit ihrem Drogenhandel, ihrer Geldgier und ihrer psychopathischen Mordlust. Doch Buscettas Behauptung einer alten, ehrbaren Cosa Nostra, die sich „um die Armen“ gekümmert und ein paar Zigaretten geschmuggelt habe, führt der Film immer wieder ad absurdum: eine – vielleicht sogar verständliche – Lebenslüge.

Il traditore (OT) I/F/D/BR 2019, 153 Min., R: Marco Bellocchio, D: Pierfrancesco Favino, Luigi Lo Cascio, Fausto Russi Alesi; Kinostart: 13. 8. 2020


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