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Neue Dokuserie „Unfck the World“: Demokratisches Tischfeuerwerk

Stellt euch vor, am 12.06.2020 hätte jemand einfach mal was Riesengroßes gemietet, um der Bevölkerung so richtig Demokratie vor den Latz zu zimmern. Und dann gabs Kritik und dann kam plötzlich eine Pandemie und das Event konnte nicht stattfinden. Und ebenso plötzlich erscheint eine Doku, die all das (vielleicht) verarbeitet. Die ist jetzt auf Joyn erschienen, unter dem Titel Unfck the World – was so viel bedeutet wie “entkopuliere die Welt” und trotz Kryptik allzu viel aussagt.

Unfck the World: Revolution als Event. Foto: Imago Images/Pop-Eye

Wie so ein Demokratiefestival im Olympiastadion funktioniert? Ganz einfach: “[Wir] hören die Musik und dann hören wir die Lösungen und die Probleme und dann machen wir die Petitionen und dann gehen wir abends nach hause und wir wissen, dass dieses supergeile System der Demokratie f*cking (sic) funktioniert denn wir habens durchgespielt!” So einfach, so unterkomplex. Demokratie eben.

Mit Rockstars und Expert*innen und Konfetti und Kondomen und ganz tollem, aber nebulösem Programm und DiCaprio, Obama, oder so, Hauptsache, die wundern sich. Oh, und Petitionen, dem bisweilen zahnlosesten Werkzeug demokratischer Teilhabe. Klingt geil? Geil! Macht 29,95 Euro, bitte recht zahlreich kaufen, das Ding soll ja werbefrei sein, wenn es auch Geistesgeburt einer Firma ist.

Sympathische Gummischmiede – dem Namen Einhorn gerecht werden

Genau genommen ist es die Geistesgeburt der Berliner Kondom-Firma Einhorn, erdacht also von den Business-Einhörnern Philip Siefer und Waldemar Zeiler. Die sympathische Gummischmiede ist eigentlich medialer Liebling, zahlt von der Belegschaft selbst festgelegte Löhne, gibt auch mal katerfrei und kennt keine Hierarchien. Und es ging noch gar nicht um ökologische Produktionsstandards und faire Lieferketten. Und ihre sexpositive, unverkrampfte Botschaft. 

Auch ging es noch nicht darum, dass die Macher wegen gutgemeint irreführendem Marketing (21 Orgasmen auf sieben Kondome) vor Gericht standen und danach zur Demo riefen, in der sie im Duktus Martin Luther Kings kurzerhand den Traum von grundlegenden Bürgerrechten für Schwarze mit multiplen Orgasmen für alle auf eine Stufe stellten.

Und dann war da noch die Sache mit der Tampon-Petition: Von Frauen vorangebracht, von Einhorn dann entweder aus Marketingzwecken oder sozialem Gewissen – man weiß es nicht so genau – vor den Karren gespannt und nach erfolgreicher Umsetzung für sich beansprucht.

„Unfck the world“: Große Geste, unterkomplexe Planung

Hier kommt das Olympiastadion ins Spiel. Oder letztlich die neue Dokuserie „Unfck the World“, die das nicht aber irgendwie doch von Einhorn geplante Petitionshappening in Makroaufnahme begleitet. Berauscht vom Erfolg der gesenkten Mehrwertsteuer für Menstruationsprodukte kommt der Gedanke auf, etwas verändern zu können/wollen/müssen. 

Tatort Olympiastadion: Hier hätte die Demokratie geil gearbeitet werden können. Foto: Imago Images/BE&W

Eine Bewegung muss her. “So ein Olympiastadion zu mieten mit 90.000 Menschen, das kann niemand ignorieren“, befindet Waldemar und animiert eine Halle mit tausenden Frauen dazu, “wirklich Demokratie [zu] leben” und “ich bin geil” zu rufen, während er im Vulvenkostüm auf der Bühne steht. Und „Feuchtgebiete“-Autorin Charlotte Roche pflichtet bei: „Wir könnten live Petitionen durchhauen, bis die Welt gerettet ist!“

Viel Pathos und Zeitlupe: Imagekampagne für etwas, das nie stattfand

Und so sehen wir mit reichlich Zeitlupe, dramatischen Gefühlsritten und einigen Cliffhangern auf sechs Folgen verteilt die Geschichte eines Events, das nie stattfand. Nicht das Crowdfunding scheiterte, der Einbruch einer Pandemie machte schlichtweg Großevents unmöglich. 

Irgendwie muss es ja dennoch weitergehen, irgendwie muss nach all der Kritik – die dritte Folge heißt „Im Auge des Shitstorms“ – ja reflektiert und letztlich gezeigt werden, dass dieses Event eine wahrhaft geile Sache hätte gewesen sein können. Trotz der faktisch kaum vorhandenen Abgrenzung zu Einhorn, trotz des Teams, dessen Diversität sich allenfalls an Haarfarben messen lässt, trotz des Onlinemarketingrockstar-Stallgeruchs, trotz der seltsam exklusiven Anpreisung eines eigentlich so inklusiv gedachten Events.

„Oh, ne, Böhmermann. Wieso schreibt der das?“ Foto: Twitter/@janboehm

Letztlich halten Stirnrunzeln und von dramatischer Musik begleitete ernste Feierabendbierrunden sich leidlich die Waage mit fliegenden Sektkorken, Dauerwerbegrinsen, ekstatischem Gehüpfe, komplett ironisch gemeintem Falschgeldregen. Und hatten wir eigentlich schon Zeitlupe? Die Imagekampagne ist so überkandidelt, dass man immer wieder versucht ist, zu glauben, hier würde das Genre der Mockumentary subversiv auf die Spitze getrieben.

Unfck the World – Themen zweitranging, Hauptsache es knallt

Wir erhalten Einblick in die erstaunlich ergebnisoffene Arbeitsweise dieser Social Entrepreneurs – die Themen des Demokratiefestivals polterten auch kurz vor dem geplanten Start noch zwischen bisschen Klima, bisschen Feminismus und (Anti-)Rassismus, passt schon – und ihre kecke Denke, bei der nackt durch Straßen hüpfende Vollbartträger eine ironisch-ernsthaft erwogene Marketingoption sind und “empeople the power – die Menschen wieder in die Power zurückbringen” ein kraftvoller Slogan sein könnte.

Viele ethisch umstrittene Firmen entdecken nach und nach den Aktivismus für sich. Dann starten sie bunte Kampagnen und sponsern mit Vorliebe Events, um sich mit dem Engagement verschiedener Minderheiten zu schmücken. Das ist zurecht umstritten. Die Einhörner sehen diese Problematik nicht. Sie “skalieren” zum Gemeinwohl – und bitten für ihren Aktivismus als moralisch integre Firma auch noch maximal demokratisch zur Crowdfunding-Kasse.

Eventisierung der Demokratie nach amerikanischem Vorbild oder doch nur Teleshopping für Petitionen? Foto: Imago Images/Pop-Eye

Dass Kritik im Hause Einhorn bisweilen kaum ankommt, zeigt allein der Titel der Serie: Ursprünglich sollte das Event so heißen, doch beteiligte Wissenschaftler*innen wollten – der Pilot heißt passend „Aufstand der Wissenschaft“, zwinkerzwinker – den Claim „Unfck the World“ nicht mit ihren Namen verbunden wissen. Die Einsicht reichte genau für eine Folge, denn wenn’s doch so schön geil als Störer funktioniert, lässt es sich prima im Nachhinein noch für die Doku verwenden.

Ergebnisoffenes Arbeiten ist ja meist super, weil es einen schnell voranbringen und verschiedene Wege aufzeigen kann. So zumindest die Theorie. Erstaunlich ist die Erkenntnis, dass Menschen auch eine sechsteilige Dokuserie über ihren Reflektionsprozess produzieren können, den sie dann anscheinend ergebnisoffen oder besser noch ergebnislos abschließen.


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