Dokumentation

„They Shall Not Grow Old“ im Kino

­Wo, bitte, geht’s hier zur Front? Peter Jackson holt den Ersten Weltkrieg aus dem Archiv und belebt die alten Filmbilder mit neuesten technischen Mitteln: They Shall Not Grow Old

Warner Bros. Pictures

Der Erste Weltkrieg war auch einer der ersten Kriege, von dem wir bewegte Bilder haben. Das Kino war damals noch ganz jung, ließ sich aber bereitwillig mobilisieren. Und so sind heute die Archive voll mit Aufnahmen von der Front. Wobei die beteiligten Nationen alle in unterschiedlichem Ausmaß ihre eigenen „Schätze“ haben.

Peter Jackson hat sich in den britischen Beständen umgetan, und daraus den Dokumentarfilm „They Shall Not Grow Old“ montiert: Ein formales Experiment, denn die alten Schwarzweißaufnahmen wurden für diesen Film des 21. Jahrhunderts stark bearbeitet, zum Teil koloriert und für eine 3D-Erfahrung auf Vorder- und Hintermann gebracht. Nicht nur mit der Trilogie „Der Herr der Ringe“ hat sich Jackson als einer der großen Techniker des neueren Kinos gezeigt. Auch hier erweist er sich vor allem als Innovator der Möglichkeiten des Zeigbaren – die Grenzen zwischen historischem Quellenmaterial und technologischer Projektion verschwimmen.

Der Film erzählt vom Ersten Weltkrieg aus der Perspektive englischer Soldaten, die sich im hohen Alter an ihre Erfahrungen erinnerten. Ihre Stimmen sind der Anker in der Erzählung. Die Bilder sorgen für eine Illustration, oder Verstärkung, in manchen Fällen auch für eine atmos­phärische Aufladung : Männer ziehen in einen Krieg, der zu Beginn noch mit Pferden und Bajonetten geführt werden sollte, am Ende aber eine Waffenhölle des technischen Zeitalters war. Trotzdem klingen die Berichte locker: „ghastly“ war der Krieg, aber auch „fun“.

Peter Jackson suggeriert zu Beginn den Effekt eines Panoramas (einer Vorgängerform des Kinos), führt dann aber mitten hinein in die digitalen Illusionsmechanismen. Das Ergebnis ist eine seltsame Mischform: eine in leutseligem Ton beschworene Fantasie von einem Krieg, von dem der Film doch eigentlich ein wahrhaftiges Bild zeigen möchte. Doch davon kann keine Rede sein: „They Shall Not Grow Old“ führt zwar mitten hinein in die Schützengräben, gewinnt aber niemals eine Perspektive, was der Erste Weltkrieg (als Weltkrieg, als historisches Ereignis) war. Dies ist ein Film über heute: Das Zeitalter allmächtiger Digitalität macht sich Geschichtsbilder gefügig.

They Shall Not Grow Old (OT) GB/Neuseeland 2018, R: Peter Jackson; Start: 20.6.

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