Raven in der Pandemie

Geteiltes Festival: Die Fusion findet 2021 wahrscheinlich statt, aber anders

Wenn alles gut geht, können diejenigen, die ein Ticket gewonnen haben, auf dem Fusion Festival 2021 tanzen — allerdings unter Auflagen, zu einem höheren Preis und an zwei verschiedenen Wochenenden. An alle Hippies, die es in Ordnung fanden, am 29. August neben Nazis zu marschieren, machen die Veranstalter*innen aber eine klare Ansage: Ihnen würden weniger Drogen und mehr Fakten gut tun. Außerdem sollten ihre neue Alliierten bloß zu Hause lassen oder gleich selbst wegbleiben.

Nachts auf dem Trancefloor. Auf dem Fusion Festival 2021 wird es dort am ersten Wochenende fast nur Ambient geben.
Nachts auf dem Trancefloor. Dieses Jahr wird es dort am ersten Wochenende fast nur Ambient geben. Foto: imago images/Frank Brexel

Auch wenn er noch nicht ganz vorbei ist, lässt sich sagen: Es war ein trauriger Sommer. Trommelkreis-Hippies sind neben Nazis marschiert, die ihren Rassismus offen vor sich hertrugen, Kultur und Subkultur darbten (und darben immer noch) und die meisten Festivals, für viele die Höhepunkte des Sommers, fanden nicht statt — darunter das legedäre Fusion Festival an der Mecklenburger Seenplatte. Doch es gibt Hoffnung für das kommende Jahr. Die Veranstalter*innen der Fusion und Mitglieder des Dachvereins Kulturkosmos haben sich jetzt zu Wort gemeldet und angekündigt: Wenn alles gut geht, wird das Fusion Festival im Sommer 2021 stattfinden — allerdings an zwei verschiedenen Wochenenden mit je 35.000 Gästen. Das ist die Hälfte der Gäste, die sonst aufs Gelände dürfen.

Fusion an zwei Wochenenden: Konzept mit Bedingungen

Für beide Wochenenden wollen die Veranstalter*innen zusätzlich zum Sicherheitskonzept ein Hygienekonzept vorlegen. Zur Debatte stehen unter anderem eine Maskenpflicht und Vor-Ort-Corona-Tests – falls es bis dahin sichere Schnelltests gibt. In den Hangars, geschlossenen Zelten und Häusern werden wegen des höheren Infektionsrisikos wahrscheinlich keine DJs auflegen und Bands spielen. Außerdem arbeiten die Veranstalter*innen an Ideen und Konzepten, die ermöglichen, Abstandsregeln auf dem Gelände der Fusion einzuhalten.

In ihrem Brief an die Gäste der Fusion sprechen die Veranstalter*innen auch die Demo vom 29. August in Berlin an, bei der eine seltsame Mischung aus Hippies, Esoteriker*innen, Verschwörungsideolog*innen, Neonazis und anderen Rechten durch die Straßen zog.

Sie schreiben: „Als wir in den letzten Wochen erkennen mussten, wer hier gemeinsam mit wem auf der Straße demonstriert, wurde uns speiübel. Menschen, die uns seltsam bekannt vorkommen oder die wir mitunter vielleicht zu unserem Bekannten- oder Freundeskreis zählen, demonstrieren seit Monaten gemeinsam mit Coronaleugner:innen, Impfgegner:innen, völlig irren Verschwörungsfuzzies, Reichsbürger:innen und Nazis aller Couleur.“ Macher*innen des Festivals raten allen, die dort mitmarschiert sind, zu mehr Fakten und weniger Drogen. Und dass sich entscheiden sollten, wohin sie gehören: auf die linke Fusion oder zu neben Nazis.

Die Turmbühne war in den letzten Jahr oft gerammelt voll. Foto: imago images/Frank Brexel

Fusion-Macher*innen gegen esoterische Maskenfeinde

Damit haben die Mitglieder des Kulturkosmos klar Stellung bezogen gegenüber linken Esoteriker*innen, die nicht davor zurückschrecken, den Schulterschluss mit Rechten zu suchen.

Darüber hinaus haben sie einige weitere Änderungen angekündigt:

  • Die Besucher*innen müssen einen Aufpreis von 75 Euro wegen der Mehrkosten durch zwei Festivalwochenenden zahlen – und um den Veranstalter*innen sowie dem Kulturkosmos durch das laufende Jahr zu helfen. Darüber hinaus bittet der Kulturkosmos um Spenden, weil dem Verein wie den meisten anderen Kultureinrichtungen das Wasser bis zum Halse steht und die Hilfsprogramme der Regierung nicht ausreichen.
  • Der grobe Plan für die Wochenenden sieht so aus: Das Programm wird an beiden Wochenenden um ungefähr 30 Prozent eingedampft. Die meisten DJs und Bands sollen aber an beiden Terminen spielen. Allerdings legen die Veranstalter*innen beim ersten Wochenende den Fokus etwas mehr auf Bands, Workshops, Vorträge und Lesungen mit vielen Auftritten auf der Palapa Bühne, Veranstaltungen im Content und fast nur Ambient auf dem Trancefloor. Am zweiten Wochenende kann man auf dem Trancefloor wie gewohnt raven und es gibt im Gegensatz zum ersten Wochenende Sonntagstickets.
  • Das Festival dauert vier statt fünf Tage.
  • Alle, die ein Ticket haben, müssen zwischen dem 1. und 14. November 2020 entscheiden, ob sie den Aufpreis zahlen möchten und andernfalls ihr Ticket stornieren. Außerdem müssen sie in diesem Zeitraum wählen, an welchem Wochenende sie nach Lärz fahren wollen, andernfalls werden sie willkürlich einem der beiden Wochenenden zugeordnet.
  • Alle stornierten Tickets kommen in die Ticket-Lotterie, an der jede*r teilnehmen kann, der*die sich im Dezember für die Lotterie registriert.

Allerdings: Dass viele Tickets in der Lotterie landen, dürfte unwahrscheinlich sein. Nach einem Sommer ohne Festivals sehnen sich wahrscheinlich die meisten Festivalgänger*innen nach den Erlebnissen, die nur Festivals bieten können: Tanzen unter freiem Himmel und unter Bäumen bei lauter Musik, nach einer durchgemachten Nacht vor der Kulisse des Geländes sitzen und die Sonne aufgehen sehen, im Zelt aufwachen und sich ein Katerfrühstück bei einer der Essensbuden auf dem Gelände holen.

Nur wenige haben ihre Fusion-Tickets zurückgegeben

Außerdem haben nur wenige der Glücklichen, die Anfang des Jahres ein Ticket gewonnen hatten, ihre Tickets zurückgegeben. Viele haben das wahrscheinlich auch getan, um den Mitgliedern des Kulturkosmos und Veranstalter*innen der Fusion etwas Liquidität in der Krise zu verschaffen. Aus den denselben Gründen sind wahrscheinlich die meisten gerne bereit, mehr zu zahlen — mal ganz davon abgesehen, dass es logisch ist, dass zwei Festivalwochenenden mehr kosten als eines.

Ob das geteilte Festival so stattfinden kann, wie die Veranstalter*innen es planen, ist nicht sicher, denn am Ende müssen die Behörden ihre Einverständnis erteilen. Dafür müssen die Forscher*innen entweder neue wissenschaftliche Erkenntnisse dazu liefern, wie wahrscheinlich es ist, dass Menschen sich draußen anstecken, wenn sie keine Abstände einhalten oder die Veranstalter*innen der Fusion müssen ein ausgefeiltes Konzept liefern.

Fusion Festival 2021: Wie könnte man verhindern, dass einzelne Bühnen zu voll werden?
Wie könnte man verhindern, dass einzelne Bühnen zu voll werden? Foto: imago images/Frank Brexel

Denn vor allem wenn man an Bühnen wie die Tanzwüste oder die Turmbühne denkt, die in den letzten Jahren oft von dichtem Gedränge beherrscht wurden, stellt sich die Frage, ob diese Bühnen mit der Hälfte der Gäste leer genug sein werden — mit Pandemie-Abstands-Maßstab gemessen. Schließlich kann man nicht verhindern, dass besonders viele Menschen einen bestimmten DJ oder diese eine Band erleben wollen. Oder würde es reichen, wenn die Menschen zwar keine Abstände einhalten, aber mit Mundschutz tanzen? Ein Vorbild könnte die „Milde Möhre“ sein, die Pandemieversion der „Wilden Möhre“, wo es hieß: Tanzen mit Mundschutz. Dort tanzten allerdings maximal jeweils 1.000 Menschen an fünf Wochenenden.

Hoffen, dass die Verantwortlichen funktionierende Lösungen finden

So oder so kann man sich nur wünschen, dass die Macher*innen der Fusion eine Lösung für solche Probleme finden und ein gutes Konzept vorlegen, das die Behörden unterschreiben. Das würde ein wichtiges Signal senden: an die Veranstalter*innen von anderen größeren Events und Festivals, die damit ein Vorbild hätten. Aber auch an die Menschen, die bereits ein Ticket haben und jene, die vielleicht noch eins gewinnen.

Sie könnten in dunklen, pandemie-schwangeren Winterstunden daran denken, dass sie im Sommer vielleicht, wahrscheinlich, hoffentlich auf einem der Hangars auf der Fusion sitzen werden, das Wummern verschiedener Bässe und Bühnen im Ohr und die vielen Lichter, leuchtenden Farben und Menschen, die wie Ameisen übers Gelände laufen vor Augen. Und der Rest könnte hoffen, dass viele Festivalmacher*innen es den Fusion-Leuten gleich tun und innovative Lösungen finden.


Mehr Infos zu den Plänen der Veranstalter*innen gibt es auf der Homepage der Fusion. In Berlin gibt es jetzt wieder Techno bei alten Bekannten an einem neuen Standort: Die Griessmühle öffnet. Die Schließung der Griessmühle hatte viele frustriert. Sie sehen darin den Ausverkauf der Stadt. Unbestritten ist für viele, dass Clubkultur ein wichtiger Bestandteil der Stadt ist – und mehr als Bumsen, Ballern, Berghain.

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