Feminismus

Berliner Songs zum Frauenkampftag: Unsere Empowerment-Playlist

Eigentlich sollte das ganze Jahr über Frauenkampftag sein. Wir haben den passenden Soundtrack zum 8. März mit Berliner Songs, Rebellion, Riot und Raserei. Von Badmómzjay bis Nina Hagen: Hier ist der tipBerlin-Soundtrack für den Frauenkampftag 2022.

Darf nicht fehlen, wenn es um Berliner Songs zum Frauenkampftag geht: Nina Hagen, eine Ikone des Unangepasstseins. Foto: Imago/Rudolf Gigler

Songs zum Frauenkampftag: Christin Nichols: “Today I Choose Violence”

Christin Nichols war Frontfrau des Berliner Duos Prada Meinhoff und schrie Nina-Hagen-haft „fick dich und deinen Ratschlag“. Mittlerweile ist die Band getrennt, 2022 ist Nichols’ herausragendes Solo-Debüt „I’m Fine“ erschienen. Ihre post-punkigen Songs fühlen sich ein bisschen so, als würde man einer spaßigen Version von Verzweiflung zuhören, mit dem Appell, dass man sich seine Kämpfe und die Art und Weise, wie sie ausgefochten werden, auch aussuchen kann und sollte.

Entsprechend rigoros rechnet Nichols auf „Today I Choose Violence“ mit Alltagssexismus ab: Sie reiht Aussagen aneinander, die ihr schon mal vorgesetzt wurden. Allesamt frauenfeindlich, absurd und echt. „Ich brauchte mir gar nichts ausdenken,“ sagt sie. Jede Frau dürfte mindestens einen der Sätze aus Nichols’ Song kennen. Es ist genugtuend, wenn die Musikerin im Refrain ohne viel Koketterie das sagt, was Frauen immer häufiger denken: Ist gut jetzt – today we choose violence! (Silvia Silko)


Albertine Sarges: “Free Today”

Die Kreuzbergerin Albertine Sarges, die mit “The Sticky Fingers” übrigens eine der besten Berliner Platten 2021 abgeliefert hat, macht sofort klar, worum es in “Free Today” geht, rezitiert sie doch im Intro die feministische, queere Autorin Sara Ahmed, bevor sich der Song in ein experimentelles B52s-Sprachgesang-Theater verwandelt. Die Musikerin tanzt zwischen Humor und Drama, zwischen Parodie und Ernsthaftigkeit hin und her, als gäbe es nichts einfacheres auf der Welt.

Hierbei entsteht viel mehr eine Art psychedelische Pride-Zeremonie als ein klassischer Pop-Song. Der repetitive Rhythmus und der schamanische Gesang entfesseln sich nicht nur von den Zwängen der konventionellen Hörgewohnheiten sondern gleich auch lyrisch von Gepflogenheiten des Alltags: “You don’t smile if you don’t want to, yes! You’re free today”. (Lennart Koch)


Wallis Bird: “Woman Oh Woman! (Novaa ReWork)”

“Woman” heißt das sechste Studioalbum der irischen Berlinerin Wallis Bird. Und das Artischockenherz der Platte ist der Song “Woman Oh Woman!”. Eine Schmacht-Hymne von einer Frau für eine Frau. Weibliche Homosexualität wurde und wird von zu vielen Männern noch nicht ernstgenommen; allenfalls als Porno-Fantasie. Wallis Bird setzt mit diesem Song neben einer persönlichen Liebeserklärung also auch ein politisches Statement für mehr Sichtbarkeit lesbischer Liebe. Eine Keimzelle für Frauenpower. (Stefan Hochgesand)


The toten Crackhuren im Kofferraum: “Crackhurensöhne”

Momentan zeigt es sich mal wieder besonders erschreckend: Mächtige Männer können verdammt gefährlich sein. The toten Crackhuren im Kofferraum entscheiden sich daher lieber gegen toxischen Nachwuchs und finden klare Worte: “Diese Welt braucht nicht noch mehr Crackhurensöhne”. Die Berliner Electro-Punkerinnen konzentrieren sich auf das Wesentliche im Leben. So gibt es statt “Windeln, Brei und Spielplatz” lieber “Drogen, Sex und Bier “. Der herrlich überdrehte Song rebelliert gegen veraltete Gesellschaftsbilder der klassischen Hausfrau und beschwört Female-Power-Party-Eskalation. “Mutti ist traurig, denn ich schenk’ ihr keine Enkel”, das ist halt so. Dafür hat ihre Tochter unglaublich viel Spaß. (Lennart Koch)


Women-Empowerment-Songs: Floss: “Floss Like A Boss”

Wenn man seiner Großtante Ursel aus Oer-Erkenschwick eine Berliner Künstlerin beschreiben müsste, dann wäre diese wahrscheinlich sehr nah dran an Floss. Florentine, wie sie mit bürgerlichem Namen heißt, macht laut eigener Aussage “Feminist Fanatsy Pop” – ganz im Sinne von Weltstar Katy Perry, die sie selbst schon mehrmals treffen durfte. Das mündet (no pun intended) in ihrer Single “Floss like a Boss”, die nur so vor Zahnhygiene-Ästehtik  und Süßigkeiten-Lines strotzt. Nebenbei engagiert sich Floss für die Organspende-Kampagagne “Junge Helden e.V.”. Grund genug also, der gebürtigen Braunschweigerin ein Herz zu schenken. (Lisa Levkic)


Songs zum Frauenkampftag: Badmómzjay: “Checkst du?!”

Das heiß erwartete Debütalbum “Badmómz.” der kurz vor Berlin lebenden Brandenburgerin Badmómzjay schnellte auf Platz 7 der deutschen Album-Charts und war auch mindestens so toll wie erwartet. Wahrscheinlich sogar die beste Platte, die 2021 aus Berlin kam. “Hab’ die Charts so oft gefickt, ich habe Angst, dass ich sie schwänger”, flext Badmómzjay im Track “Checkst du?!” Klar ist Badmómz auch von ihrer Verführungskraft nicht minder überzeugt als die Boys im Rap-Game:  “Deine Neue und deine Ex liegen auf mir Doppeldecker”, prahlt sie, nur um uns auch immer wieder zu erinnern: “Das’ kein Sextalk, Baby, das ist Poetry”. Okidoki. (Stefan Hochgesand)


Maike: “Two Sides”

Einen wahren Energiekick gibt es bei Maikes neuestem Song „Two Sides“. Die in Berlin lebende Sängerin besingt die zwei Seiten einer Liebe und zeigt auf, wie wichtig es ist, sich selbst treu zu bleiben und sich nicht zu verstellen, um geliebt zu werden. Der Dance-Pop-Song zeugt von eigener Stärke und Frauenpower, die in uns ist, und animiert, diese Stärke öfter zum Vorschein zu bringen. Zudem sieht sie es als persönliche Aufgabe an, daran mitzuwirken und dazu beizutragen, „dass die Industrie gleichbestimmt wird und Frauen endlich die Rechte und Anerkennung bekommen, die sie verdienen“. (Josephine Bährend)


Nina Hagen: “Unbeschreiblich weiblich”

Nina Hagen ist eine Ikone des Unangepasstseins. Bereits 1978 verhandelt sie ungewollte Schwangerschaft und Abtreibung in ihrer Befreiungshymne “Unbeschreiblich weiblich”. Auch heutzutage ist der Schwangerschaftsabbruch weiterhin in vielen Teilen der Welt verboten und bleibt ein Tabuthema. Nina Hagens Kampferklärung ist daher über 40 Jahre später nach wie vor aktuell. “Ich war schwanger, mir ging’s zum Kotzen, ich wollt’s nicht haben, musste gar nicht erst nach fragen”, würgt sie ins Mikrofon.

Das Schlagzeug peitscht voran, die Gitarren schrabbeln: “Warum soll ich meine Pflicht als Frau erfüll’n?” pöbelt sie gegen gesellschaftliche Zwänge und Ideale. Zeilen wie “Und vor dem ersten Kinderschrei’n, muss ich mich erst mal selbst befrei’n” sind unsterblicher Feminismus in Pop-Form. Letztendlich kommt Nina Hagen zu dem Schluss, dass sie überhaupt keine Pflicht hat. Bei den 70er-Jahre-Patriarchen ist damals sicherlich der Angstschweiß ausgebrochen. (Lennart Koch)


Nura: “Fotze wieder da”

Ganz schön powervaginal klingt der Opener “Fotze wieder da” des zweiten Solo-Studioalbums der Berliner Rapperin Nura, die viele auch durch ihr (2018 auf Eis gelegtes) Hip-Hop-Dup SXTN kennen. Kluger Move von Nura: das F-Wort einfach für sich zu reclaimen und damit den Rap-Herren Punchline-Wind aus den Segeln zu nehmen. In weniger als zwei Minuten bringt Nura allerlei Relevanz-Flow, erinnert homophobe Rapper daran, dass sie am liebsten die Klamotten schwuler Designer tragen und fordert mehr echte Solidarität mit und auch unter Frauen statt nur pseudopolitischer Fake-Fassade: “Macht auf Frauenpower, ihr Pussys / Doch geht eine steiler als ihr / Hört ihr sofort auf zu pushen”. Und damit hat das Album auch gerade erst begonnen. Was ein Statement!


Valentin: “Drogen nehmen”

Valentin schafft es zwei Berliner Klangextreme miteinander zu verbinden. Wummernde Bässe wie frisch aus dem Tresor treffen auf geloopten Gesang, wie man es von der jungen Mieze Katz kennt. Die Wahl-Kreuzbergerin, die in einem Musiker-Haushalt aufgewachsen ist, arbeitet gerade an ihrem Debüt-Album.
Unter ihrem Youtube-Video zu ihrer Single “Drogen nehmen” kommentierte jemand: “(…) Kann die neue Berlin-Hymne werden.” Macht euch ein eigenes Bild. (Lisa Levkic)


Britta: “Lichtjahre voraus”

Rund 30 Jahre sind vergangen, seit die Lassie Singers forderten: „Männliche Mitmenschen, statt XX seid ihr XY, bitte macht was draus“. Wirklich viel haben wir seitdem nicht auf die Kette gekriegt, Lassie-Singers-Frontfrau Christiane Rösinger hingegen strahlt noch immer hell, zwischendrin mit der Band Britta, mittlerweile solo.

So lakonisch wie akribisch arbeitet sich die Musikerin, Autorin, Theatermacherin (und „Tatort“-Schauspielerin) an Gentrifizierung, Depressionen, den Zumutungen einer in Romantik verliebten Gesellschaft und den Herausforderungen für den Feminismus ab. Wie schön, schlau und kämpferisch das ist, zeigt da zum Beispiel „Lichtjahre voraus“: ein Britta-Track von 2003 über Bands mit Jungs und das Jammertal der Häuslichkeit. Der Song ist noch immer das, was der Titel verspricht – nur ein bisschen zu Lo-Fi für die Demo. (Christopher Wasmuth)


Peaches: “Boys Wanna Be Her”

Auch die Boys wollen alle diese Frau sein, die die Kerle bei den Eiern packt und die um keinen Spruch verlegen ist – eben jene Frau, von der die kanadische Berlinerin Peaches in diesem Indietronic-Glamrock-Glanzstück schwärmt.  Auf der zweiten Single ihres dritten Studioalbums “Impeach My Bush” (2006), das Peaches in Berlin begann und dann in L.A. fertigstellte, Keytar-glitzerrockt Peaches, als Zelebration dieser Hammer-Frau, wobei die Band klassische (Herren-)Rockriffs (parodierend?) zitiert. Ob Peaches nicht auch selbst diese Frau ist, die sie da ansingt? Denn sicher gibt’s viele Boys, die in ihren wildesten Träumen Peaches sein wollen. (Stefan Hochgesand)



Mehr Musik

Wenn der Kampf erfolgreich war, kann man sich wieder auf die Liebe konzentrieren: Hier sind unsere liebsten Berliner Liebeslieder. Die Berliner Musikerin Zustra hat ein wunderbares Debüt-Album rausgebracht und liebt Essigchips. Die Brandenburger Kultband Keimzeit feiert 40-jähriges Jubiläum mit dem neuen Album “Kein Fiasko”. Der Rapper Casper meldet sich mit neuem Album zurück: „Seit XOXO laufe ich Ehrenrunden“. Wenn schon Musealisierung, dann bitte aus Lego: Tocotronic-Sänger Dirk von Lowtzow sprach mit uns über „Nie wieder Krieg“. Ihr interessiert euch für Musikgeschichte? Dann besucht unbedingt mal die Pilgerstätten für Musikfans in Berlin. Immer neue Texte über Musik findet ihr hier.

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