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Interview

Element of Crime: Sven Regener und Richard Pappik über Berlin, Bohrmaschinen und das Meer

„Morgens um vier“ heißt das neue Album von Element of Crime. Wir sprachen mit Sven Regener und Richard Pappik über nervige Taxifahrer, das Bocca di Bacco, maritime Metaphern, Bohrmaschinen in West-Berlin und natürlich die Liebe.

Element of Crime – Sänger und Trompeter Sven Regener (hinten rechts) und Schlag-zeuger Richard Pappik (vorne rechts) sowie Gitarrist Jacob Ilja (oben links) und Bassist Markus Runzheimer. Foto: Charlotte Goltermann
Element of Crime – Sänger und Trompeter Sven Regener (hinten rechts) und Schlagzeuger Richard Pappik (vorne rechts) sowie Gitarrist Jacob Ilja (oben links) und Bassist Markus Runzheimer. Foto: Charlotte Goltermann

Was sind die Orte, die für Element of Crime wichtig sind?

tipBerlin Herr Regener, Herr Pappik, eigentlich hatte ich vor, dieses Interview im Gehen zu führen, bei einem Spaziergang durch Berlin, um der Verbindung zwischen der Stadt und Ihrer Musik nachzuspüren. Hätte das funktioniert?

Richard Pappik Wo man hingehen würde, hätte man sich überlegen müssen. Was waren die Orte, die uns wichtig sind? Vielleicht wären wir irgendwo nach Schöneberg oder Kreuzberg gegangen. 

Sven Regener Das kann man machen. Ich weiß aber nicht, ob das funktioniert hätte. Nach dem Motto: Hier ist die Friedrichstraße, hier kam mir die Idee zu dem und dem Song. Nein. Über die Geschichte der Band ließe sich so vielleicht sprechen. Zum neuen Album geht das nicht gut, da waren wir im Übungsraum und tauschten Ideen aus.

tipBerlin Genau, denn hört man Ihr neues Album, scheint die Suche nach Berlin auch vergeblich. 

Sven Regener Es gibt zwei Texte, in denen Berlin vorkommt. Das Charlottenburger Tor und die BVG und einmal der Mauerpark und das war es schon.

tipBerlin Jetzt sitzen wir also hier im Bocca di Bacco, einem sehr schicken und sehr teuren Restaurant in Mitte. Welche Bedeutung haben solche luxuriösen Orte für Sie?

Richard Pappik Wir können hier sitzen und Interviews geben und bekommen zwischendurch etwas zu essen und zu trinken, das ist eigentlich alles.

Richard Pappik: „In der Imbissbude kann man eben nicht so gut sitzen“

Sven Regener Ich kenne den Besitzer, Alessandro, er ist ein alter Bekannter. Wir haben früher unsere Interviews im Café Einstein gegeben, das hat aber gerade geschlossen. Was heißt Luxus? Das ist einfach ein sehr gutes italienisches Restaurant. 

Richard Pappik In der Imbissbude kann man eben nicht so gut sitzen.

tipBerlin „Geld allein macht nicht glücklich, aber es ist besser, in einem Taxi zu weinen als in der Straßenbahn“, sagte mal Marcel Reich-Ranicki. 

Sven Regener Das sehe ich anders, ich bin lieber in der Straßenbahn als im Taxi.

Richard Pappik Da bin ich eher Reich-Ranicki.

Sven Regener Ja, Du bist Taxi. Aber ich bin der ÖPNV-Typ, viele Taxifahrer machen mich fertig mit ihrer überdrehten Fahrweise. Ich finde Autoverkehr nicht attraktiv, vor allem nicht in der Stadt. Es gibt einen Spruch von unserem früheren Lichtmann Clemens Schwabe, den er immer brachte, wenn
jemand auf der Straße hupte: „Wenn du es eilig hast, dann geh doch zu Fuß.“

tipBerlin Das neue Album ist mal wieder durchzogen von einer melancholischen Stimmung, von Liebesschmerz, Einsamkeit, Sehnsucht. Klassische Themen von Element of Crime oder doch eine neue Qualität der emotionalen Landschaft?

Richard Pappik Emotionale Landschaft ist immer aktuell. Man fühlt sich in dem einen Moment ja nie wie in einem anderen. Das Leben und die Umstände entwickeln sich ständig fort.

Sven Regener Über das Thema Liebe lässt sich alles erzählen, da ist alles möglich. Bei Freud gibt es den Unterschied zwischen Trauminhalt und Traumbedeutung, so ist das auch bei Songs. Man kann sagen, das ist ein Liebeslied, aber eigentlich geht es da auch um andere Sachen, nur vielleicht nicht an der Oberfläche. Diese verschiedenen Ebenen sind wichtig, sonst wird es schnell schal und flach.

tipBerlin Herr Regener, im ersten Song singen Sie die Zeile „Wo soll das enden“. Wenn man so eine abstrakte Frage stellt, weiß man oft schon die Antwort. Sie sagen später im Text: „Wir haben keine Lösung, wir haben Lieder“. Sind Lieder eine Lösung?

Sven Regener: „Wir sind dafür zuständig, Lieder zu spielen und nicht die Probleme der Welt zu lösen“

Sven Regener Nein.

Richard Pappik Für uns ja.

Sven Regener Nein. Lieder sind Lieder. Wenn Lieder die Lösung wären, hätten wir die Lösung. Wir haben die Lösung aber nicht. Alles lässt sich zerpflücken, aber eigentlich interessant wird es, wenn man es gegeneinander stellt. Oft wird erwartet, dass Künstler auf alles Antworten haben. Das ist aber falsch, dafür sind wir nicht zuständig. Wir sind dafür zuständig, Lieder zu spielen und nicht die Probleme der Welt zu lösen. Das ist ein anderer Job.

tipBerlin Das neue Album heißt „Morgens um vier“, Leonard Cohens Song „Famous Blue Raincoat“ beginnt mit der Zeile „It’s four in the morning, the end of December I’m writing you now just to see if you’re better“. Ein Zufall?

Richard Pappik Vier Uhr morgens ist eine spannende Zeit. Die Zeit zwischen Wachsein und Schlaf. Zwischen Tag und Nacht.

Sven Regener Für mich ist das auch ein Klang. Wir machen zuerst die Musik und für die muss ich dann Worte finden, und „morgens um vier“ hat einen starken Klang. Auch Klang hat in der Sprache eine Bedeutungsebene, die nicht einfach zu identifizieren ist. Der Song hätte auch einen anderen Text bekommen können. Paul McCartney hatte für „Yesterday“ zuerst die Melodie und sang anfangs „Scrambled Eggs“. Aber Richard hat Recht, es ist eine spannende Zeit. Auf dieser Traum-Wach-Linie gehen die wachen Gedanken mit den Traumerlebnissen eine surreale Verbindung ein. Klar kommt man da auch oft bei der Liebe heraus.

Sven Regener: „Wir surfen im Leben auf einem Strom aus Liebe“

tipBerlin In einem anderen Song geht es um Leben ohne Liebe, dafür gibt es MDMA im Schlussverkauf. Wäre das so ein Beispiel für die Verflechtung von Wach und Traum?

Sven Regener Das ist eine Ansammlung von Bildern und zeigt, dass du an der Liebe überhaupt nicht vorbeikommst. Wir surfen im Leben auf einem Strom aus Liebe. Das finde ich einen interessanten Gedanken, weil es einem meist gar nicht auffällt. Das merkt man erst bei Leuten, die da wirklich einen Defekt haben. „Ohne Liebe geht es auch“ ist außerdem der Titel eines Romans von Rudolf Lorenzen, den der Verbrecher Verlag herausgegeben hat. Den Titel fand ich stark.

tipBerlin Herr Regener, wir sprachen über Berlin als Inspirationsquelle, tatsächlich lässt die Musik aber eher an den Norden, ans Meer, an Küsten und Nebel denken. Ist das Maritime Ihre gefühlsmäßige Betriebstemperatur?

Sven Regener Ja, sowohl musikalisch wie auch textlich findet man einige maritime Hinweise.

Richard Pappik (an Regener) Du brauchst doch nur anfangen zu sprechen, dann hört man die Küste schon. 

Sven Regener Diese maritimen Bilder, Wasser, Schiffe, See, Wind, Segel, sind eine starke Sprache. Es gibt ohne Ende Redewendungen, die aus dem Bereich kommen, die kann man immer gut verwenden. „Liebling setz die Segel, dann fahren wir hinaus“, das ist sicher schon sehr vertraut und naheliegend, mir gefällt es trotzdem gut. Man sollte sowieso nie versuchen, zu geschmackvoll oder originell zu sein. Eine Metapher totreiten, warum nicht?

tipBerlin „Liebling setz die Segel“ ist ein gutes Stichwort, das Album klingt wie der Soundtrack zu einem Roadmovie, das von Charlottenburg nach Husum führt. Von dem Jazz ist aber nichts zu spüren, den Sie beide zusammen mit dem Pianisten Ekki Busch im Regener Pappik Busch Trio spielen und Standards von Thelonious Monk, Charlie Parker und Miles Davis interpretieren. Werden die Projekte strikt getrennt?

Richard Pappik Element of Crime ist doch keine Jazzband!

Sven Regener Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Ekki und Richard sind eben auch sehr gute Jazzmusiker, da waren die Wege kurz. Das Trio ist ganz klar ein anderes Projekt. Aber auf dem Element of Crime-Album „Lieblingsfarben und Tiere“ von 2014 hat zumindest der Kiepenheuer & Witsch-Verleger Helge Malchow, der damals die Liner Notes geschrieben hat, Jazz herausgehört. Aber das ist natürlich nur marginal. Dann gibt es noch das Trompetensolo auf der „Try To Be Mensch“.

tipBerlin Das ist sehr lange her! Im Grunde wollen sich Element of Crime also nicht neu erfinden?

Sven Regener Nein, damit fangen wir jetzt nicht an. Erst ist man 30 Jahre damit beschäftigt, diese Band nach vorne zu bringen und stilistisch weiterzuentwickeln und auf ganz ungeahnte Höhen zu bringen und dann macht man ein Free-Jazz-Projekt draus? Nein! Das würde sich mir nicht erschließen.

Sven Regener: „Das mit den Bohrmaschinen hat nichts mit ihm zu tun, das war damals ganz normal“

tipBerlin Im Winter 2022 spielten Sie mit dem Jazztrio im Nikolaisaal in Potsdam. Blixa Bargeld, Frontmann der Einstürzenden Neubauten, las dazu Texte der Beat Generation, Allen Ginsberg, Jack Kerouac und andere. Herr Regener, Sie und Blixa Bargeld sind im West-Berlin der 1980er-Jahre sozialisiert worden, haben aber sehr unterschiedliche Wege eingeschlagen. Wie ist Ihr Verhältnis, nimmt er Ihnen die Bohrmaschinen-Witze aus den Herr-Lehmann-Büchern übel?

Sven Regener Das mit den Bohrmaschinen hat nichts mit ihm zu tun, das war damals ganz normal. Viele Leute sind mit schwerem Gerät auf die Bühne gegangen, auch die Vorgängerband von Element of Crime, Neue Liebe, hat ein Demo mit Bohrmaschinen aufgenommen. Frog Sandwich haben sich mit ihrem Arsch in Farbe gesetzt und dann damit ihre Plattencover bedruckt, King Kurt mit Mehl und Eiern rumgesaut. Blixa und ich kennen uns kaum, wiewohl wir fast Zeitgenossen sind. Die Neubauten waren aber schon Weltstars, als wir 1985 Element of Crime gründeten. Vorher spielte ich bei Zatopek, Richard bei Varieté Kontrast und Kultureller Einfluss und wie die Sachen alle hießen. Man kannte sich nicht persönlich. Wir gingen eher ins Café Swing und die Neubautenleute gingen ins Risiko. 

tipBerlin Sind Sie denn überhaupt mal ins Risiko gegangen?

Sven Regener Da ging ich im Sommer 1984 schon oft hin und Blixa Bargeld stand an der Bar und mixte einen Campari-Soda, der fast nur aus Campari bestand. Die 1980er-Jahre waren ja auch so eine Cocktail-Zeit, Drinks mit bunten Schirmchen.

Richard Pappik Curacao Blau mit Orangensaft. Schrecklich.

Sven Regener Das war die Zeit. Gegen alles sein. Man machte diese ganzen irren Sachen und fand dafür auch ein Publikum. 1985 war es schlagartig vorbei, das war komisch, auch Blue Curacao war vorbei, ab dann wurde ganz normal Bier getrunken. Und wir haben Element of Crime gegründet und die Leute sagten: Was macht ihr denn für depressive Musik, damit kann man doch niemals Geld verdienen.

Richard Pappik Und dann noch mit richtigen Akkorden!

Sven Regener: „John Cale war sehr autoritär und ihm war vollkommen egal, was wir denken“

tipBerlin Da wir bei der Bandgeschichte sind: Das Element-of-Crime-Album „Try to be Mensch“ von 1987 produzierte der Velvet-Underground-Mitbegründer John Cale. Jetzt, 35 Jahre später, haben Sie eine Coverversion von seinem Song „You Know More Than I Know“ aufgenommen. Schließt sich ein Kreis?

Sven Regener Uns ist aufgefallen, dass wir noch nie einen Song von John Cale gecovert haben. Eine besonders enge Beziehung haben wir zu ihm aber nicht. Er hat zwar 1987 unser Album in London produziert, aber er war ein klassischer Plattenproduzent, sehr autoritär und ihm war vollkommen egal, was wir denken. Wir hatten die Schnauze zu halten und zu spielen und er sagte uns, ob das gut war oder nicht und nach sieben Tagen wurde die Sache gemischt. Damals war das aber ein Glücksfall, sonst hätten wir uns im Studio nur gestritten. 

Richard Pappik Auf dem neuen Album ist der Cale-Song aber nicht drauf, der wurde jetzt nur an die Journalisten verschickt und wird erst später erscheinen.

tipBerlin Apropos Zukunft. In diesem Sommer werden Element of Crime eine Clubtour spielen, mit Konzerten im Privatclub, SO36, Lido und dem Finale in der Zitadelle Spandau. Die Ärzte haben das 2022 ähnlich gemacht und traten sogar im sehr kleinen Schokoladen auf. Hat Sie diese Idee inspiriert?

Sven Regener Nein. Bei uns ist das anders. Der Hintergrund ist, dass Charly Hübner einen Dokumentarfilm über uns drehen will. Mit Material von früher und Interviews, aber die Idee ist auch, dass man visuell durch die verschiedenen Clubgrößen geht, um unsere Geschichte nachzuerzählen. Wir haben damals im K.O.B. in der Potsdamer Straße angefangen, das war etwa die Größe des Privatclubs, und dann waren wir bis Ende der 1980er-Jahre im Quartier Latin, später im Loft und dann kamen Huxleys und die Arena in Treptow. Diese Berlin-Tour soll Bilder für den Film liefern. Wir werden aber nicht so tun, als wären wir die Element of Crime von damals, dann müsste ich auch erheblich dünner sein. Wir werden sehen. Beim Film ist es wie auf hoher See: Alles ist in Gottes Hand. 


Album

Element of Crime „Morgens um vier“ Vertigo Berlin


Element of Crime – Sommer 2023: Tour in Berlin

  • Privatclub 21.8., Lido 22.8., SO36 23.8., Admiralspalast 24.8., alle ausverkauft
  • Zitadelle Spandau Am Juliusturm 64, Spandau, Fr 25.8., Einlass 18.30 Uhr, Tickets gibt es hier

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