Platten im Test

Alben der Woche: Arlo Parks über schlechten Sex, Goat Girl beerben die Beatles

Die Alben der Woche sind raus. Wer dieses Wochenende popkulturell mitreden will, sollte auf jeden Fall die neuen Platten von Arlo Parks und von Goat Girl hören. Beide aus Britannien. Arlo Parks macht einen zeitgemäßen Indie-Soul für die Generation Z, könnte aber sogar Oldschool-Fans gefallen und wird gerade quasi überall als eine der wichtigsten Newcomerinnen des Jahres gefeiert.

Goat Girl sind zwar schon mit ihrer zweiten Platte am Start, aber immer noch eine erstklassige Entdeckung aus dem Genre Post-Punk – möglicherweise sogar für Leute, die sonst kein Post-Punk mögen, denn Goat Girl können, wie fast niemand sonst, Exzess ohne Overkill. Wer es noir-entspannt braucht, wird bei Anna B Savage, Buzzy Lee, The Notwist fündig – und bei der Berliner Cellistin Marina Bertoni sogar ambientverträumt.

Mehr Acid und Beats gibt’s bei Popkritik-Darling Nahawa Doumbia. Merke: Das Popjahr 2021 läuft spätestens jetzt wieder auf vollen Touren. Enjoy!


Arlo Parks: „Collapsed In Sunbeams“ (PIAS/Transgressive/Rough Trade)

Indie-Pop Wäre es nicht liebreizend, zur Abwechslung mal etwas zu fühlen?, fragt Arlo Parks in „Hurt“. Ein Satz, der harmlos daherkommt; nicht nur, weil die 20-jährige Londonerin ihn so abgeklärt singt, nicht nur, weil die Musik ihn eher unspektakulär abfedert als zur Sensation zu erheben.

Trotzdem steckt Sprengkraft in diesen Songs, weil Arlo Parks wie niemand sonst gerade die schmerzende Verlorenheit einer ganzen Generation zwischen Konsum und Klimawandel, Langweile und Liebe, schlechtem Sex und noch schlechterem Gewissen auf den Punkt bringt. (Thomas Winkler)


Goat Girl: „On All Fours“ (Rough Trade/Beggars/Indigo)

Post-Punk Das seltene Kunststück, das den vier Britinnen Anfang 20 gelingt: Exzess ohne Overkill. Um auf diesem schmalen Grat zu balancieren, dürften sich Sängerin Lottie Cream und Gitarristin L.E.D. was abgehört haben vom Zartbrachialen à la Sleater-Kinney, vom Psychedelisch­hypnotischen à la Stereolab und vor allem von Pretenders-Chrissie-Hynde.

Textlich bewegen sich Goat Girl zwischen Kritik an pissetrinkenden Plagegeistern (Männer etwa?!) und Angstbekenntnissen, flankiert von Tanzboden-Synths, dramatischer Kirchenorgel und eingängiger Melodiegitarrik. Goat Girl sind die neuen Fab Four. (Stefan Hochgesand)


The Notwist: „Vertigo Days“ (Morr/Indigo)

Indietronica Irgendwann setzt sie dann doch ein, die schläfrige Stimme von Markus Acher. Und man ist überrascht, dass man überrascht ist. So sehr hat einen das Geklingel und Geplöggel, das Hupen und Tuten eingelullt, dabei weiß man doch, dass der Indie-Rock, mit dem The Notwist einmal angetreten sind, nur noch als Schatten seiner selbst dient.

Auf ihrem neuen Album treiben die Bayern – auch nach dem Ausstieg von Electro-Hexer Console – ihre Idee einer versponnenen, noch zum abstrusesten Experiment bereiten Indietronica bis ins Abstruse voran – leider auf Kosten der Songs. (Thomas Winkler)


Nahawa Doumbia: „Kanawa“ (Awesome Tapes from Africa/Cargo)

African Acid Die Sängerin, die in den Achtzigern die sonnengeküssten Wassoulou-Klänge ihrer südmalischen Heimat populär gemacht hat, groovt den Hörer mit warmem Gitarrensound und Call&Response-Gesang ein, bevor eine Symbiose von traditionellen Didadi-Rhythmen und Drumcomputerpop ihre ganze Komplexität entfaltet.

Zentrales Thema ist, neben in Naturbilder gehülltem Autobiographischen, der Exodus der malischen Jugend – und seine Umkehr. Doumbias Self-Empowerment-Message: „Stay home and grow the land!“ (Victoriah Szirmai)


Anna B Savage: „A Common Turn“ (City Slang)

Folk Noir Was für ein Debüt! Zwischen großen Popgesten à la Jennifer Rush und düsterem Songwriter-Seelenkeller einer Aldous Harding. Zu den obligatorischen akustischen Gitarren gesellen sich mitunter Keyboards und Beats.

Oft braucht es aber nur spärliche Begleitung und eben diese eindringliche Stimme von Anna B Savage. Die elegische Melodieführung hat was von Joni Mitchell und von Mama Cass. Father John Misty und Jenny Hval sind auch schon Fans. Toll! (Stefan Hochgesand)


Martina Bertoni: „Music for Empty Flats“ (Karlrecords)

Ambient Reykjavík als Inspiration: Die Wahlberlinerin Martina Bertoni ließ sich für ihr zweites Album nicht von der bemoosten Weite isländischer Landschaften inspirieren, sondern von einer praktisch leeren Wohnung in der Hauptstadt Islands, wo die Cellistin einige Zeit verbrachte.

Ähnlich wie ihre oscarprämierte isländisch-berlinische Kollegin Hildur Guðnadóttir erzeugt Bertoni an ihrem Instrument mit Vorliebe lange Drones, die sie durch elektronische Effekte nach und nach bearbeitet. So entsteht eine Leere mit sehr belebtem Innenleben. (Tim Caspar Boehme)


Buzzy Lee: „Spoiled Love“ (Future Classic/Word and Sound)

Pop Noir Ist es schlimmer, das Ende von „Der weiße Hai“ zu spoilern, also zu verraten – oder eine Liebe zu spoilern, also zu ruinieren? Klare Sache: der Hai. Nein, Spaß, die Liebe natürlich. Die Tochter vom „Hai“-Regisseur Steven Spielberg, Buzzy Lee, 30, hat ein Album über die ruinierte Liebe gemacht.

Die Tracks sind im besten Sinne skizzenhaft, mal pianounterlegt, dann mit bluesigem Sax, R&B-Beats, versorgt mit einer sanften Avant-Electronica von Genre-Star Nicolas Jaar. (Stefan Hochgesand)


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