Platten im Test

Alben der Woche: Bicep unheilvoll, Rhye gechillt, Midnight Sister glamourös

Diese Woche konzentrieren wir uns flott auf einen Platten-Dreier: Bicep, Rhye und Midnight Sister. Rhye machen den Soundtrack für Homeoffice-Feierabende (die können ja auch mal mittags einsetzen), Bicep kicken ohne Kickdrum, und Midnight Sister geben sich besonders ausgefuchst.


Rhye: „Home“ (Caroline/Universal)

Psych-Dance Noir Über den Gebrauch des Chores in der griechischen Tragödie hat Friedrich von Schiller bezeugtermaßen gar viel nachgedacht; über den Gebrauch des Chores auf Dance-Alben nicht – WTF?! Das kanadische Schmuse-R&B-Projekt namens Rhye indes rahmt sein viertes, bei allem Midtempo gerade noch so betanzbares Album „Home“ mit zwei Choralen. Intro und Outro, wie die Popkids heute sagen, haha. Und was passiert auf den mittleren Lagen des Sound-Sandwiches?

Eher wenig. Pianoläufe und Gitarrengezupfe machen es sich gemütlich auf den Beatkissen. Aber das ist nicht so böse gemeint, wie es klingt: Wem die australischen Psych-Rock-Popper von Tame Impala schon immer zu sehr psycho ausgerastet sind, liefert Rhye eine hand- und schenkelzahmere Version von Psych Pop. Wer Blood Orange zu funky findet, dem gibt Rhye einen weniger geil groovenden R&B.

Das alles, wie gesagt, überhaupt nicht schlecht, aber halt auch nicht genial. Trotzdem versteht Rhye freilich sein Handwerk und wird ja auch beim heiß erwarteten Debüt-Album des jungen britischen Disco-Newcomers SG Lewis (das im Februar kommt) mit am Start sein. „Home“ indes ist, wie der Titel schon triggert: Zuhause ist nicht eben aufregend, aber an keinem anderen Ort lässt es sich so lässig tanzen – ohne das Fake-Happy-Face aufzusetzen. „Home“ ist der Soundtrack für heimliche Homeoffice-Feierabende. (Stefan Hochgesand)


Bicep: „Isles“ (Ninja Tune)

Peaktime-Melancholia Promofotos von DJs und Prouzent*innen sind ein Genre für sich selbst; in den zumeist angestrengt in die Ferne blinzelnden Visagen spiegeln sich oft Leere und Einsamkeit. Das nordirische Electro-Duo Bicep ist da keine Ausnahme. Mit ihrem zweiten Album „Isles“ ergibt sich die Frage nach Henne und Ei: Was war zuerst? Passten die zu Produzenten gewordenen Blogger ihre Musik der Stimmung ihrer Pressebilder an, oder war es umgekehrt? 

Vom straighten House ihrer frühen Tage ist auf „Isles“ nichts mehr zu hören, das Album wird von melancholischem Breakbeat getragen. Normalerweise prägnante Kickdrums verschwinden hier hinter ausladenden Synthflächen und unheilvollen Bassläufen. Choralsamples und Orgelversatzstücke unterstreichen den Pomp, bleepiges Gefiepe vermittelt Dringlichkeit. Jeder der zehn Tracks möchte Hymne, möchte Closing-Track sein, seufzt gewichtig auf, ringt zwischen Verzweiflung und Hoffnung. 

Das mag nach etwas viel Pathos klingen. So ganz lässt sich die breitbeinige Pose trotz überschlagener Beine nicht absprechen. Was sich hier so nachdenklich anhört, strebt doch erkennbar nach großer Bühne, es ist die Popularisierung introvertierter Musik. Der Zeitpunkt könnte kaum passender sein. (Ben-Robin König)


Midnight Sister: „Painting The Roses“ (Jagjaguwar/Cargo)

Glam-Folk Auf die Ratschläge des Therapeuten zu hören, wenn es ums Liebesleben, insbesondere um Trennungen geht, ist oft eine katastrophale Idee – darüber wussten schon Prince sowie Sinead O’Connor zu singen, ach was, zu schmachten („Nothing Compares 2 U“); schließlich stellen die Psych-Docs sich auf ihrem Klemmbrett alles viel zu leicht vor. „Doctor Says“ heißt denn auch der Opener auf dem zweiten Album des Folk-Duos namens Midnight Sister, aus Los Angeles.

Die beiden haben offenkundig ihre Freude an Glamrock-Dekor, an groovy Pianoriffs, flirrenden Hollywoodstreichern, überraschenden Tonartwechseln ohne jeden Grund (warum auch nicht?). „Foxes“ heißt ein Track, und in der Tat: Man darf bei „Foxes“ gleichermaßen an die Fleet Foxes und auch an Foxygen denken: Pathos plus 70s-Disco. Mitternachtsdisco halt („Sirens“).

„Painting the Roses“ ist kein Malennachzahlen, sondern Freestyle-Folk: Man weiß (trotz recht klassischer Songstrukturen) nie so recht, wo dieses Album einen in seinen im besten Sinne eigenartigen Arrangements noch mit hin mitnimmt, es ist immer wieder für Surprise-Prisen gut: bluesiges Sax, Hörner, Bassbuddeln, Motown-Momente, ins Düstere hinuntergleitende Vocals. Ja, die noir-jazzy Stimmen von Juliana Giraffe sind die Top-Highlights auf diesem highlightreichen Album. Midnight Sister sind die Schwester, die man sich wünscht, wenn man schon um Mitternacht betrunken auf der Party steht – und empathischen Begleitschutz nach Hause braucht. (Stefan Hochgesand)


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