Platten des Jahres 2020

Die besten Berliner Alben 2020: Berghain, Pet Shop Boys und Bumssoundtrack

Wozu in die Ferne schweifen? Berlin klingt besser als jemals zuvor. Das liegt an gebürtigen Berlinerinnen wie tip-Covergirl Tara Nome Doyle, die aus dem Bergmannkiez in Kreuzberg stammt und 2020 ihr Debüt beim Berliner One-Man-Label namens Martin Hossbach rausgebracht hat. Und es liegt in internationalen Superstars wie den Pet Shop Boys, die, wie einst David Bowie, in den Berliner Hansa Studios unweit vom Potsdamer Platz aufnahmen – um auf ihrer Platte „Hotspot“ gleich mehrfach Berlin, insbesondere der Party-U-Bahn-Linie U1 zu huldigen.

Vor allem aber liegt es daran, dass unsere Stadt so geil ist und deshalb Leute von überall hierherziehen, wie Agnes Obel (aus Dänemark), Lucia Cadotsch (aus der der Schweiz) und Phase Fatale (aus New York). Was sind also die besten Berliner Alben 2020? Unsere Jury (bestehend aus Laura Aha, Jens Balzer, Wolfgang Doebeling, Ueli Häfliger, Christine Heise, Stefan Hochgesand, Stephan Rehm Rozanes, Markus Schneider und Julian Weber) hat ultimativ entschieden.


Platz 12: Pole – „Fading“ (Mute/PIAS)

Kopfkino-Electronica Was bleibt, wenn die Erinnerungen eines Menschen schwinden? Der Ambient-Dub-Elektroniker Stefan Bethke aka Pole hat auf seinem siebten Album die Demenzerkrankung seiner Mutter verarbeitet. Daraus entstanden vielschichtige Tracks, deren Atmosphäre zwischen knuspernder Wärme und gespenstischer Kühle changiert. Auch auf rhythmischer Ebene wechseln die Stücke scheinbar zufällig immer wieder die Richtung. Das nachhaltige Album wirkt zunächst zurückgenommen, aber wird mit jedem Hören dichter und toller. (Stephanie Grimm)


Platz 11: Einstürzende Neubauten – „Alles in Allem“ (Potomak/Indigo)

Klangforschung Da, wo man die Einstürzenden Neubauten vor allem vermuten würde, treiben sie sich nicht mehr herum. „Auf den Schrottplatz darf man nicht mehr“, sagt Blixa Bargeld, „aus versicherungstechnischen Gründen.“ Es ist also nicht so, dass der Mastermind der wohl bedeutendsten noch existierenden Berliner Band um den Zustand seiner schwarzen Dreiteiler fürchten würde. Die Bürokratie ist zumindest einer der Gründe, warum die Neubauten nicht mehr, hämmernd auf Stahl und Blech, den Höllenlärm veranstalten, mit dem sie einst berühmt geworden sind.

Klangforscher aber sind sie geblieben. Für das neue Album „Alles in allem“ haben Bargeld mit jenen grob karierten Plastiktaschen experimentiert, die der Berliner Volksmund „Polenkoffer“ nennt. Nicht, dass man die Taschen so ausdrücklich hören würde wie einst die Artefakte vom Schrottplatz. Im Stück „Taschen“ dient das grobmaschige Plastik als Rhythmusinstrument, für ein Zwischenspiel wird es geknautscht und geknüllt, aber den Charakter des Songs dominieren an Glockenspiel und Streicher erinnernde Klänge.

„Taschen“ ist, wie die meisten der wie gewohnt über Monate und zum großen Teil in Improvisationen im Studio entstandenen neuen Songs, elegisch, meditativ, kontemplativ.

Natürlich ist das eine Entwicklung, die schon länger zu beobachten ist, die nicht nur versicherungstechnische Gründe hat, sondern vor allem eine ästhetische Entscheidung ist. „Alles in allem“ setzt konsequent fort, was sich auf dem damals noch eher ironisch betitelten „Silence Is Sexy“ (2000) schon andeutete, auf dem letzten regulären Album „Alles wieder offen“ (2007) überdeutlich wurde und mit dem Theater-Projekt „Lament“ (2014) zur Blüte gelangte: Die Neubauten arbeiten sich immer noch an seltsamen Klangerzeugern ab, aber Lärmwerker sind sie nicht mehr.

Tatsächlich klingt die Band auf „Alles in allem“ bisweilen so zurückgenommen, ja fast zahm, als wollte sie möglichst wenig von der Lyrik ihres Frontmannes ablenken. Die dreht sich auf dem Album um Berlin. So scheint es zumindest, angesichts von Stücken, die „Wedding“, „Tempelhof“ oder „Am Landwehrkanal“ heißen. (Thomas Winkler)


Platz 10: Tricky – „Fall To Pieces“ (False Idols/Indigo)

Triphop Tricky, Wahlberliner und Triphop-Hero wider Willen, kennt die tiefsten Tiefen – und seiner Musik hat man sie auch immer angehört. Mit seinem neuen Album “Fall to Pieces” geht es aber nochmal tiefer hinein in das Herz des Schmerzes: Vergangenes Jahr starb seine Tochter mit gerade mal 24 Jahren. Aus diesem Verlust hat Tricky nun ein Album geschaffen, das die Schwere und Leere mit Leichtigkeit und Hoffnung verbindet. Der Höhepunkt: das intensive, brutal ehrliche und doch wunderschöne “Hate This Pain” als Tribut an seine Tochter. (Aida Baghernejad)


Platz 9: Kitty Solaris – „Sunglasses“ (Solaris Empire/Broken Silence)

Indie-Disco Seit Kirsten Hahn mitte der Nullerjahre zu Kitty Solaris wurde, weil sie für ihren ersten Auftritt ein Pseudonym brauchte, ist sie eine feste Größe in der Berliner Indie-Szene. Tritt sie doch nicht nur mit ihren eigenen Songs auf, sondern veröffentlicht auch auf ihrem Label Solaris Empire die Musik von Kolleginnen und Kollegen. Wer in den vergangenen anderthalb Jahrzehnten in den einschlägigen Clubs unterwegs war, dem ist die schmale Frau mit den rot geschminkten Lippen und der Sonnenbrille, die Diva des Berliner Indie-Undergrounds, sicher begegnet.

„Sunglasses“ ist aber nicht nur eine Referenz an ihr liebstes Kleidungsstück, sondern auch eine Neuorientierung. Das Album ist das erste rein elektronische, das Kitty Solaris aufgenommen hat, die stilistische Diskrepanz zum mit Band und live eingespielten Vorgänger „Cold City“ auffällig. Einen ganz neuen Weg will sie aber nicht einschlagen, mit den elektronischen Klängen erweitert sie „nur“ ihr tonales Repertoire. DJ-Musik ist von Kitty Solaris so bald nicht zu erwarten, der klassisch gedrechselte Song – egal in welchem Sound – bleibt ihr Zentrum. (Thomas Winkler)


Platz 8: Zebra Katz – „Less Is Moor“ (ZFK Records)

LESS IS MOOR [Explicit]

Avant-HipHop Wir schreiben das Jahr 2012: Die Mars-Sonde „Curiosity“ ist gelandet, die Mitglieder von Pussy Riot wurden in Moskau verhaftet und Whitney Houston und Donna Summer starben. Dann war da noch diese düstere und gleichzeitig brutal-minimalistische Bassline, zu welcher der New Yorker Rapper Zebra Katz mit rauer Stimme verkündete: „I’ma read that bitch / I’ma school that bitch / I’ma take that bitch to college / I’ma give that bitch some knowledge.“ Irgendwo zwischen Gänsehaut und Tanzwut.

Ähnlich hypnotisierend wie einst zu Faithless in den 90ern, wogen und verbogen sich plötzlich Topmodels und Ballroom-Szene zu den progressiven Klängen von Zebra Katz‘ bisher größtem Hit „Ima Read“. Dieser Song avancierte zum Überraschungshit der Pariser Fashionwelt und sollte ihn quasi über Nacht zu einer wahren Underground-Sensation machen. So ergab sich für Ojay Morgan, wie er bürgerlich heißt, die Möglichkeit mit Rapperin Azelia Banks sowie dem Künstler-Kollektiv Gorillaz, um Blur-Sänger Damon Albarn, zusammenzuarbeiten und sogar auf Tour zu gehen.

Mit den neuen Chancen vor Augen kündigte er seinen Vollzeitjob als Manager und wurde komplett zur Kunstfigur Zebra Katz – mit allen Möglichkeiten aber auch Tücken. Das ist unter anderem auch der Grund, warum er erst 2020 mit „Less is moor“ – fast acht Jahre nach „Ima Read“ – das Debütalbum veröffentlicht hat. Er will sich in keine Schublade stecken lassen oder gar in eine Ecke gedrängt werden. Zebra hat eine Vision: Er möchte sich mitteilen, Grenzen verschwimmen lassen und – so global galaktisch das möglicherweise auch klingen mag – der Gesellschaft den Spiegel vorhalten.

Und das macht er nun auf seinem Debütalbum ohne zu predigen oder mit den üblichen HipHop-Klischees um sich zu werfen. So spinnt er feine Gedanken, um nicht immer sofort Offensichtliches und lädt zum Spaziergang in seine Gedanken. Diese kommen Mitten aus dem Leben: Sexualität, Drogenmissbrauch, psychische Gesundheit, schwarze Queerness. (Dennis Agyemang)


Platz 7: Pet Shop Boys – „Hotspot“

House-Pop Wie passend, dass die Pet Shop Boys ausgerechnet die U-Bahn-Linie 1 der BVG gewählt haben! Auf dem Opener zu ihrem Album „Hotspot“ fahren sie „from Uhland to Warschauer Straße“, wie sie in „Will-o-the Wisp“ verraten. Und ganz in der Nähe der Warschauer Straße sind ja auch viele Orte, die die Teilzeit-Berliner Pet Shop Boys besonders schätzen: die Monster Ronsons’s Karaoke Bar, das Astra für Konzerte und das Berghain, wo auch mal die von den Pet Shop Boys keineswegs betriebene, aber gern frequentierte Partyreihe „Pet Shop Bears“ gastierte, mit „Schwulipop deluxe“, wie es auf der Berghain-Seite hieß.

Vor allem aber passt die U1 deshalb besonders gut zu den Pet Shop Boys, weil diese Linie selbst ein Zwitter ist: irgendwie schon noch underground (von Uhlandstraße bis Nollendorfplatz) – im Grunde aber natürlich längst nicht mehr untergründig (von Nollendorfplatz bis Warschauer Straße). Ein bemerkenswertes Detail in diesem Zusammenhang ist, dass am Nollendorfplatz (ab wo die U1 sich sozusagen nicht mehr versteckt) einer der größten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts gelebt hat, Christopher Isherwood („Goodbye to Berlin“) – der sich ebenfalls aus seinem Versteck wagte, mit seinem Coming-out als schwuler Mann, wenn auch eher spät. Auch das eine Pa­rallele mit den Pet Shop Boys.

Obendrein ist die U1 wochenends (wenn gerade nicht Corona ist) eine richtige Partylinie, mit all den Clubkids auf ihrem Weg zu den Tanzböden. Und eine Partylinie sind auch die Pet Shop Boys, weil sich ihre Songs so gut wie keine sonst zum Vorglühen eignen. Aber die U1 ist sogar unter der Woche und tagsüber ein prima Ort, um Menschen kennenzulernen, denn man sitzt ja schon sehr dicht beieinander. So viel Blickkontakt gibt’s ansonsten vielleicht nur, wenn man zusammen „It’s a Sin“ der Pet Shop Boys schmettert. Vielleicht im SchwuZ oder im SO36.

Ja, die Pet Shop Boys. Sie haben das neue Album in Berlin aufgenommen. In den Hansa Studios nahe am Potsdamer Platz, wie seinerzeit David Bowie. Der Videoclip zur Power-Disco-Hymne „Dreamland“ mit Olly Alexander von Years & Years ist im U-Bahnhof Alexanderplatz entstanden. Und „Hotspot“ endet auch in Berlin, wo es begonnen hat: „Wedding in Berlin“ heißt der finale Track. Allen Menschen in Wedding, die jetzt befürchten, dass die Jungs aus der Tierhandlung singen würden, dass der Wedding nun aber wirklich kommt (und damit zwangsweise die Preise hochgetrieben werden), sei aber Entwarnung gegeben: Es geht nicht um den Stadtteil. Sondern um eine Hochzeit. Da hilft nur tanzen und Reis werfen! (Stefan Hochgesand)


Platz 6: All Diese Gewalt – „Andere“ (Glitterhouse/Indigo)

Elektropop-Wave An Unterbeschäftigung leidet Max Rieger wahrlich nicht, auch nicht in Zeiten von Corona. Im vermaledeiten 2020 hat der Mann bereits ein Album mit seinem Experimental-Trio Jauche und ein weiteres unter seinem Black-Metal-Alias Obstler veröffentlicht (das Quarantäne-Album „Death Jingles“), und eigentlich arbeitet er dieser Tage schon wieder mit seiner Band Die Nerven an neuen Stücken. Nun kommt auch noch All Diese Gewalt dazwischen – so heißt sein Soloprojekt, dessen neues Werk „Andere“ jetzt erscheint. Eine Art Elektropop-Wave-Re-Inkarnation des Max Rieger.

All Diese Gewalt ist neben Die Nerven das wichtigste Projekt von Max Rieger. Während er bei der Noiserockband als Sänger, Shouter, Schreihals und Gitarrist fungiert, ist der 27-Jährige mit All Diese Gewalt in ambientig-elektronisch-experimentellen Gefilden unterwegs. Die Stücke entstehen am Laptop, Rieger arbeitet oft mit opulenten elektronischen Soundscapes, über die sich sein melancholischer Gesang legt.

All diese Gewalt klingt häufig entsprechend verschachtelt, verspielt und verspult, die Tür zum Pop steht dabei aber immer weit offen. Das kommt kommt auf dem dritten Album „Andere“ nun noch deutlicher zur Geltung. So gibt es tanzbare und eingängige Nummern, bei denen der Einfluss des befreundeten Musikers Drangsal (Max Gruber) anzuklingen scheint.

Auf dem gesamten Album sind die Klangflächen und Beats satt und dicht produziert, was eine gewisse Überwältigungsästhetik mit sich bringt. Wave schimmert als Referenz durch, „Gift“ klingt etwa wie ein zeitgemäßes Depeche-Mode-Update, während „Grenzen“ an die Gitarrenbands jener Ära erinnert. (Jens Uthoff)


Platz 5: Phase Fatale – „Scanning Backwards“ (Ostgut Ton)

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Techno „Als queerer Teenager hab ich mich ziemlich isoliert gefühlt“, sagt Hayden Payne. Inzwischen macht er ultradüsteren Techno. Er gehört zum inneren Zirkel der wichtigsten Berghain-DJs – wo er auch oft bei der Sexparty Snax auflegt. Hayden Paynes Künstlername Phase Fatale bezieht sich auf den gleichnamigen Song der Pariser Punkband namens Ausweis. Und das ist auch so eine Redensart, „oh, das war fatale!“, was in etwa meint: Das war ganz schön dramatisch. Das psychedelisch pinke Cover seines neuen, zweiten Albums „Scanning Backwards“ ist eine Hommage an die Plattencover von My Bloody Valentines „Loveless“ (1991) und The Cures „Pornography“ (1982). Auf Phase Fatales Platte sieht man indes ein Röntgenbild von jemand, der gefistet wird. Die Faust im Anus.

Inhaltlich hat ihn das Thema Kontrolle umgetrieben. Er hat recherchiert zu geheimen Experimenten der CIA in den 50ern und 60ern namens MKULTRA. Es handelte sich um Versuche zur Bewusstseinskontrolle von Menschen, auch mit LSD. Aus der Paranoia des Kalten Krieges heraus. Das Projekt der US-Navy namens „Perfect Concussion“ sollte mittels nicht mehr hörbarer Sub-Bass-Frequenzen Erinnerungen löschen.

Auf „Scanning Backwards“ wagt sich Phase Fatale in die besonders tiefen Gefilde des Techno. Der Großteil des Albums ist nicht 4/4-Takt-tanzbodentauglich, manchmal wird es auch so richtig langsam, aber auf die industrielle Art. Klassische Melodien und andere Pop-Musik-Klischees überwindet er, um das Unförmige zu untersuchen. Deshalb spielen auch Vocals quasi keine Rolle.

Hayden Paynes Faszination für die dunklen Seiten der Seele spiegelt sich auch in seiner Liebe für Horrorfilme wider: „Diese alten Horrorfilme vor all dem Hollywood-Unsinn kommentieren die Gesellschaft – ziehen Analogien zu Horror im echten Leben.“ Langsam versteht man: Ebendies tut Phase Fatale in seiner Musik, wenn er sich mit Gedankenkontrolle durch Tiefenbässe beschäftigt. (Stefan Hochgesand)


Platz 4: Lucia Cadotsch – „Speak Low II“

Jazz Jazz-Standards. Gefürchtet und geliebt. Erinnern sie den einen an unerquicklichen Tanzunterricht und endlose Musikschulstunden seiner Teenagerjahre, gelten sie dem anderen als Königsdisziplin eines jeden Jazzmusikers. Mittels Standards übt man sich nicht, sie spielt man erst, wenn man schon zum eigenen Ton gefunden hat. So auch Speak Low, das mit Petter Eldh am Kontrabass und Otis Sandsjö am Saxophon besetzte Trio um Sängerin Lucia Cadotsch.

Es versteht sich von selbst, dass der Song „Speak Low“, eine Weill’sche Musicalkomposition, die später zum Jazzstandard wurde, auch auf der 2016 erschienenen, gefeierten Debütplatte „Speak Low“ des Trios seinen Platz fand – neben anderen bekannten Standards, die von den drei Musikern gründlich entstaubt, in ihre Einzelteile zerlegt und reharmonisiert wieder zusammengesetzt wurden.

Einige Lieblingssongs kann man auch auf der neuen Platte „Speak Low II“ hören, wobei die drei diesmal – bis auf das bandnamensgebende Stück, das in einer neuen Version dabei ist, Randy Newmans „I Think It’s Gonna Rain Today“ und den Folk-Evergreen „Black Is The Color Of My True Love‘s Hair“ – auf tausendmal Gehörtes verzichtet haben. Das macht die Platte erst einmal weniger zugänglich als das sofort in seine düstern Abgründe hineinziehende Debüt: Allein der heftig experimentelle Einstieg mit seinem Saxophon-Bass-Inferno, dessen Ausufern ins Atonale allein von Cadotschs klarer Stimme im Zaum gehalten wird, kommt mit derart immenser Energie, gar Kampfeswut über einen, dass es schmerzt.

Erst die wunderschöne Melodie von „I Think It’s Gonna Rain Today“ – wirkungsvoller noch als beim erst piano-, dann streichorchesterbegleiteten Newman‘schen Original, unkitschiger als bei der wohl populärsten Interpretation durch Bette Middler und kantiger als bei Norah Jones – weiß zu besänftigen. Doch nur, um sich schon beim alarmistisch-neugierigen „What’s New/There Comes A Time“ unter viel Sandsjö’schem Hauch und Ventilgeklapper wieder der allzu leichten Zugänglichkeit zu entziehen.

Die Arrangements sind hochspannend: Ob Sandsjö an seinen repetitiven Hypno-Schleifen schraubt, Cadotsch so reduziert wie unaufgeregt ihre Geschichten erzählt oder Eldh die Saiten seines Basses erst voller Vehemenz hochreißt, um sie kurz darauf wieder tief klirrend aufs Griffbrett knallen zu lassen – Atemloses wechselt sich mit luftigen, manches Mal richtiggehend zutraulichen Melodien ab, denen man gern mehr Zeit zum Nachklingen lassen würde. Etwa das mit seinem repetitiven Love Me Love Me Love Me über einem Abgrund aus allerlei Effekt aufwartende „Wild Is The Wind“, oder „So Long“ von Vulkanbewohnerin Rickie Lee Jones, dem Speak Low eine katebushhafte Entrücktheit verpassen.

Gegen Ende der Platte scheint man tödlich erschöpft von der eigenen Eruption: Das titelgebende „Speak Low“ erinnert in seiner Bleischwere an eine Vertonung von Anselm Kiefers Flugobjekten, die vor lauter Überfrachtung mit ihrer müden Bürde nicht abheben können. Keine leichte Kost, aber: uneingeschränkt wow. (Victoriah Szirmai)


Platz 3: Tara Nome Doyle – „Alchemy“ (Martin Hossbach/Rough Trade)

Folk „Alchemy“ entstand zwischen den Welten: Die meisten Songs schrieb Tara Nome Doyle im abgelegenen Haus der Großeltern in Südnorwegen. Aufgenommen wurde aber in Berlin, produziert von Isolation-Berlin-Bas- sist David Spechtl, der schon an ihrer EP „Dandelion“ beteiligt war. In den Liedern durchläuft Doyle, angelehnt an die Transmutations-Phasen der Alchemie, ihre eigene Heilung: von der Hoffnungslosigkeit zurück zum Leben, vom düsteren Electro-Pop des Openers „Heathens“ zum sanft swingenden A-cappella-Stück „Dear Life“. Dazwischen: zarter Folk, elegische Klavierballaden, aufgewühlter Indierock. Sparsam instrumen- tiert, aber raumgreifend, auch dank Doyles Gesang. (Nina Töllner)


Platz 2: Agnes Obel – „Myopia“ (Deutsche Grammophon/Blue Note/Universal)

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Kammerpop Noir Wer Agnes Obel für die Frau hält, die entspannende Betthupferl-Ballädchen chantiert und dazu bisschen easy-listening auf dem Klavier klimpert, sollte dringend einen Hör- und einen Psychotest machen, um sich nicht weiter zu blamieren. Dass was faul im Staate Dänemark ist, weiß man ja spätestens seit dem durchgedrehten Hamlet. Und Agnes Obel ist zurzeit eine der spannendsten Meisterinnen des Unheimlichen, wie auch kein Geringerer als Horror-Regisseur David Lynch schon vor einer ganzen Weile attestiert hat und sich bei der Dänin mit einem nicht in Auftrag gegebenen Remix bedankt hat. Spooky!

Fürs Vorgängeralbum „Citizen of Glass“ (2016) hatte Agnes Obel ihren eigenen zauberschönen Charaktermezzosporan schon Anohni-androgyn heruntergepitcht für einen Track, um quasi mit sich selbst oder ihrem Geist zu duettieren. Daran scheint sie gefallen zu haben und setzt diese Technik nun auch für Violinen ein, die, heruntergepitcht, ja fast wie Celli klingen, aber eben nicht so ganz – und sich damit ins Uncanny Valley begeben, also jene Zone, die so dicht am Original dran ist (aber eben doch eine halbe Spur daneben), dass sie einen erschaudern lässt – wie Roboter oder Affen, die fast (!) wie Menschen wirken.

Auch an den Tasten fordert sich Obel immer wieder selbst heraus, nutzt diesmal neben den von Nils Frahm heißgeliebten filzgedämmten Pianosaiten per digitalem Emulator auch den kaum je genutzten Luthéal, der das Pianoforte klangtechnisch Richtung Hackbrett sabotiert. Im Song „Island of Doom“ fühlt man sich, nicht zuletzt durch das sphärische Re-Amping, also Wieder-Aufnehmen bereits durch Lautsprecher gejagter Sounds, so als säße man in einer Gondoliere vor der Friedhofsinsel vor Venedig, im Seenebel – dummerweise sind da Leute mit Karnevalsmasken unterwegs in anderen Booten, und man ahnt, dass sie den Urnen entstiegen sind. (Stefan Hochgesand)


Platz 1: Stella Sommer – „Northern Dancer“

Folk Noir „Northern Dancer“ war ein Galopprennpferd, ein sehr erfolgreiches. In den 1960ern und 1970er Jahren rockte der behufte Tänzer die Rennbahnen. Stella Sommer, bekannt als Bandleaderin von Die Heiterkeit, überführt den „Northern Dancer“ nun endlich ins Reich der Musik. An Popklassikern – den Beatles, Dylan, Velvet Underground – orientiert sich die 33-Jährige auch im Songwriting. Sommer schreibt simple, dunkle Songs, die auf Piano- oder Gitarren-Tonfolgen basieren, versehen mit dieser unverkennbaren, tiefen Altstimme.

Das klingt oft nach hohem Stil, nach großem Drama. Während bei Die Heiterkeit mehr Pop-Appeal dazukommt, geht es auf „Northern Dancer“ getragen, melancholisch, mellow zu. Der Film, den man sich dazu denken muss, wäre wohl eher Neorealismo oder Nouvelle Vague als ein Hollywood-Blockbuster. (Jens Uthoff)


Andere Mamas haben auch schöne Söhne, und andere Städte haben auch schöne Sounds: Aus der weiten Welt außerhalb Berlins haben uns 2020 vor allem die Alben von Sault, Run The Jewels, Róisín Murphy, Adrianne Lenker und Arca schwer begeistert.