Platten im Test

Alben der Woche: Brisa Roché fährt in den Canyon, Kings Of Leon kuschelrocken

Die musikalischen Überraschungen kommen diese Woche aus Berlin: Element Of Crime machen ein Seitenprojekt auf Jazzkapellen-Abwegen: Regener Pappik Busch. Der kanadische Neuköllner Sam Vance-Law hat eine EP mit Coverversionen der Neuen Deutschen Welle eingespielt; und sein Drummer Max von der Goltz wiederum eine eigene Ambient-EP, die Verletzlichkeit zulässt.


Kings Of Leon: „When You See Yourself“ (RCA/Sony)

Kuschel-Rock Hach, die sind schon süß. So bärig, irgendwie kernig, aber doch sanft. Raue Schale, Sie wissen, weicher Kern und so. Jaja, ich rede schon von der Musik. Die Kings of Leon brechen auch auf ihrem achten Album nicht wirklich aus ihrem Schema aus.

Es fehlen auf „When You See Yourself“ zwar die Hits, erst recht ein neues „Sex on Fire“, aber dafür sind die neuen Songs schön atmosphärisch. Ob man damit ein Stadion rocken kann, sei mal dahingestellt, aber zum Kuscheln ist das erste Wahl. Und das passt ja auch zu diesen Zeiten. (Thomas Winkler)


Adult Mom: „Driver“ (Epitaph/Indigo)

Pop-Rock Und was hast du letzten Monat gemacht? „Masturbiert und Bier getrunken“, singt Adult Mom im Track, der passenderweise „Sober“ heißt. Da das lyrische Ich bei so viel Selbstbefriedigung ja nicht ganz frei von Highs gewesen sein wird, bezieht sich die Nüchternheit wohl auf die Abgeklärtheit, ohne Rosabrille auf die Ex-Beziehung zu blicken. Ein Song heißt sogar „Berlin“.

Adult Mom macht potientiell Soundtracks für queere RomComs, von denen wir nach „Happiest Season“ letztes Weihnachten mit Kristen Stewart noch viel mehr sehen wollen. (Stefan Hochgesand)


Brisa Roché + Fred Fortuny: „Freeze Where U R“ (Tabou/Broken Silence)

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Canyon-Hommage Wer eine große Sängerin sein will, muss sich am American Songbook versucht haben. Brisa Roché hält sich damit nicht auf, sie hat Songs geschrieben und sie vom Komponisten Fred Fortuny dermaßen sachgerecht inszenieren lassen, dass sie nun bereits klingen wie aus dem zeitlosen Katalog.

Die in Paris lebende Amerikanerin, die bislang durch die Genres flatterte, versteht „Freeze Where U R“ auch als Hommage an die Canyon-Ladys wie Joni Mitchell – und wird auch diesen Klassikern gerecht. (Thomas Winkler)


Sam Vance-Law: „NDW“ (Virgin Music/Universal)

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Neue Deutsche Welle 2.0 Der kanadische Neuköllner Sam Vance-Law kam 2019 groß raus mit seinem Debüt „Homotopia“, einem phantastischen Kammerpop-Konzeptalbum daüber, wie sich das heute so anfühlen kann, schwul zu sein – von nahezu spießigem Familienglück bis hin zu menschenverachtender „Konversionstheraphie“, die einen „wieder hetero“ machen soll. Was soll nach so einem großen Album-Aufschlag kommen?

Dass sich Sam Vance-Law nun ausgerechnet an Coverversionen der Neuen Deutschen Welle versucht (die er auf Berliner WG-Partys grölend kennenlernte), kann einen erst mal überraschen – aber gar nicht mal so sehr, wenn man mal auf einem seiner Konzerte war, denn auch da spielte er seit Jahren oft „Eisbär“ von Grauzone (die streng genommen Schweizer sind). Der Song ist mit auf der EP. Mit seinem Kreuzberger Kumpel Drangsal (der seinerseits auf Konzerten gerne „1000 und 1 Nacht (Zoom!)“ der Klaus Lage Band covert) hat Sam Vance-Law zudem den Milchbubi-Klassiker „Ich will nicht älter werden“ eingespielt.

Wenn Sam Vance-Law Ina Deters „Neue Männer braucht das Land“ covert, entwickelt das von selbst auch eine sozial visionäre Dimension, die nahtlos ans „Homotopia“-Album anknüpft, das ja auch schon überkommene, heteronormative Männlichkeitsbilder überpinselte. „Ich wollte ja eigentlich nur mal als Mann den Satz singen ‚Er muss nett sein auch im Bett‘“, sagt Sam Vance-Law. „Wenn sich dadurch Leute empowered oder ans Bein gepisst fühlen – gerne.“ Ein Spaß ist das in jedem Fall, wie der Kanadier mal mehr, mal weniger gut gelungen die sehr speziellen Sprechweisen der NDW-Songs imitiert. Jetzt sind wir aber gespannt aufs nächste Album. (Stefan Hochgesand)


Regener Pappik Busch: „As Me Now“ (Vertigo Berlin/Universal)

Jazz-Kapelle Sven Regener ist bekanntlich ein Mann, der mit vielen Talenten gesegnet ist. Er kann Bestseller verfassen, er kann ziemlich tolle Singtexte schreiben und er kann so gut singen, wie man nur singen kann, wenn man nicht die tollste Stimme der Welt besitzt. Dass er allerdings die Trompete, die bei Element of Crime immer wieder sporadisch zum Einsatz kommt, allzu virtuos beherrscht, das würde nicht einmal Regener selbst behaupten.

Trotzdem hat er nun zusammen mit zwei seiner Element-of-Crime-Kollegen, Schlagzeuger Richard Pappik und dem Pianisten Ekki Busch, der seit Jahrzehnten zur Live-Besetzung gehört, ein Album aufgenommen, auf dem er nicht singt und für das er keine Texte geschrieben hat, sondern ausschließlich Trompete spielt. Jazz-Trompete auch noch.

„As Me Now“ heißt das Album, benannt nach einem Stück von Thelonious Monk. Außerdem widmen sich Regener Pappik Busch noch Werken von John Coltrane, Charlie Parker und Dizzy Gillespie, um nur die allergrößten Namen zu nennen. Die Fallhöhe ist also hoch, aber die Absturzgefahr andererseits auch schon eingepreist. Wer sich an „Round Midnight“ vergreift, kann doch bloß scheitern, oder? Selbst ein Till Brönner bekommt da aufs Dach, also kann es einem Regener doch gleich herzlich egal sein.

So hört es sich jedenfalls an, wenn sich das Altherrentrio Standards wie Coltranes „Chasin’ The Trane“ oder „Nature Boy“, das einst durch Nat King Cole berühmt gemacht wurde, aneignet. Denn es ist ja nicht so, dass die drei ihr Tun nicht ernst nehmen würden. Das swingt, das knistert und das hat genau jene rauchblaue Atmosphäre, die man gern mit Jazz assoziiert. Nur selten, so in „Big Nick“, schimmert der Hang zum Jahrmarkt, den man von Element of Crime kennt, durch. Stattdessen kann man sich gut vorstellen, wenn Busch in „Holy Land“ mit dem Solo dran ist, Regener am Rand der Bühne steht, die Trompete locker in der Linken und fingerschnippend mit der Rechten.

Man könnte jetzt sagen: Die drei Musiker spielen sehr viel besser, als man es erwartet hätte. Aber natürlich wird aus Sven Regener kein Miles Davis mehr und aus Ekki Busch kein Thelonious Monk. Sie interpretieren die Klassiker fachgerecht, ziemlich traditionell und bisweilen mit einer gehörigen Ehrfurcht vor der Schwere des Materials. Sie kümmern sich um die Melodie, um den Song, und versuchen erst gar nicht, den Solo-Artisten raushängen zu lassen. Und diese Bescheidenheit, die ist ja auch ein Talent. (Thomas Winkler)


Max von der Goltz: „Feels Like I’ve Been Here Before“

Feels Like I’ve Been Here Before

Ambient Wer im „Eisbär“-Video von Sam Vance-Law genau aufgepasst hat, dürfte auch den Neuköllner Drummer Max von der Goltz entdeckt haben. Und von dem gibt’s auch eine neue EP – die erste, die er solo rausbringt, nach Arbeiten mit seinen beiden Bands Landers und Biwak. Klanglich geht’s bei Max von der Goltz solo aber in eine ganz andere Richtung als bei Sam Vance-Law, nämlich in instrumentale, warm knisternde Ambient-Gefilde.

Die Werke verweben analoge Synthesizer-Schlieren mit Feldaufnahmen. Das dürfte auch Fans des 2017er „Endless“-Albums der Berliner Tale Of Us gefallen. Die EP von Max von der Goltz ist ein großer Appell, sich auch fragil zu zeigen statt hinter einer pseudostarken Mackerfassade zu verstecken, die einen vermeintlich unangreifbar macht, in Wirklichkeit aber unsichtbar. (Stefan Hochgesand)


PeterLicht: „Beton und Ibuprofen“ (Tapete/Indigo)

Indie-Pop Ah ja, der Kapitalismus. Droht ja mitunter in Vergessenheit zu geraten inmitten von Pandemie und Impfvordränglern, Realitätsleugnern und Polithasardeuren. Aber natürlich: Immer noch hängt alles mit allem und dem Privaten und nicht zuletzt mit dem Kapitalismus zusammen, das führt uns wieder mal PeterLicht vor Augen.

Dass dazu das Indie-Süßholz raspelt und die Stimme säuselt, macht eine dialektische Diskrepanz auf, die nur der Kölner Musiker so vortrefflich beherrscht. Und jetzt alle zusammen: „Keiner kommt auf die Dauer hier wieder lebend raus!“ Wenn’s doch wahr ist! (Thomas Winkler)


Mehr Musik

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