Platten im Test

Alben der Woche: Hypeverdächtig mit Dry Cleaning und Jonas Nay

Der neue Hype-Act aus London bei unseren Alben der Woche heißt Dry Cleaning. Darf dem Hype geglaubt werden? Aus Paris kommt das Disco-Sextett L’Impératrice, das für Arte gerade im schicken Grand Palais gespielt hat. Und wie sieht es mit unserem kleinen Berliner Hype, der Band mit dem putzigen Namen Pudeldame aus? Die Truppe um Schauspieler Jonas Nay legt ihr Debüt vor, das mit einem Track über „Berlin Midde“ beginnt.

Jazz-Saxofonist Pharoah Sanders hat’s natürlich drauf – aber passt das zur Electronica von Floating Points? Und die Frage aller Fragen diesmal bei unseren Platten im Test: Kann ein Album, auf dem so wenig passiert, dass man wegnickt, trotzdem etwas taugen? Willkommen in der Welt der Antlers! Hier sind unsere Alben der Woche.


Dry Cleaning: „New Long Leg“ (4AD/Beggars/Indigo)

Post-Punk Die Pop-Hype-Maschinerie im Vereinigten Königreich läuft ja – wie so vieles – nicht mehr so rund wie früher, zuckt zuletzt aber wieder ganz beachtlich. Neu im Laufrad: Dry Cleaning aus London, die eine sehr britische Idee von Post-Punkrock reaktivieren. Das stoische Grummeln von The Fall prallt hier ohne Knautschzone auf grandios abgezirkelte Gitarren-Riffs. Darüber singt, nein, spricht Florence Shaw ihre Texte zwischen Alltagsbeobachtung, Psychotrip und Gaga-Gemoser, als würde sie ein Todesurteil verlesen. Geht trotzdem in die Beine. Selten hat Humorlosigkeit so viel Spaß gemacht. (Thomas Winkler)


Pudeldame: „Kinder ohne Freunde“ (Bauturm/Tonpool)

Soft-Pop Ja, doch, „Berlin Midde“ könnte der Song sein, der endlich alles gesagt hat. Das Lied, das dem Hipster- und Partyhauptstadt-Bashing ein Ende macht, so feinsinnig, ironisch und doch final beschreibt hier Jonas Nay, dessen Gesicht man aus Filmen und Serien wie „Deutschland 83“ kennt, eine Szene, die er höchstwahrscheinlich aus eigener Anschauung kennt. Aber auch ansonsten fertigt der Jungschauspieler, der eigentlich Musiker ist, mit seiner Band Pudeldame ziemlich intelligenten Soft-Pop, der seiner Generation lieber aufs Maul schaut, anstatt ihr eine Stimme zu geben. (Thomas Winkler)


Floating Points, Pharoah Sanders & the London Symphony: „Promises“ Orchestra (Luaka Bop/Indigo)

Ambient-Jazz Man kennt sie, die typische Klangfarbe von Pharoah Sanders’ Tenorsaxofon. In solch einer Umgebung aber hat man die mittlerweile 80-jährigen Jazz-Institution noch nie gehört. Der britische Electronic-Produzent Sam Shepherd alias Floating Points und das London Symphony Orchestra betten Sanders seelenruhig umherschweifende Improvisationen in eine Zauberlandschaft aus zuckersüßen und butterweichen Sounds. Nein, da kann selbst dieses legendäre Sax nirgendwo anecken. (Thomas Winkler)


L‘Impératrice: „Tako Tsubo“ (Microqlima)

French Disco Charlotte Gainsbourg sowie Christine And The Queens haben es in den letzten Jahren auch mit internationalem Erfolg vorgemacht: Französische Chansons übers Herzeleid lassen sich prima mit tanzbodentauglichen Disco-Sounds fusionieren. L‘Impératrice, ein Sextett aus Paris, waren auch schon auf der super französischen Episode der Berliner Compilationreihe „Too Slow To Disco“ von DJ Supermarkt vertreten. Ihre zweite LP bestätigt: formidable Wahl. (Stefan Hochgesand)


Esther Rose: „How Many Times“ (Full Time Hobby/Rough Trade)

Indie-Country Wie oft will beziehungsweise wird das lyrische Gegenüber ihr das Herz denn noch brechen, fragt Esther Rose über treibenden Country- Beats, begleitet von Lagerfeuerfiedel. Das Feuerfunkel-Folk-Gefühl verstärkt die Pedal Steel, etwa in „When You Go“, wo ­Esther Rose in den Strophen kleine Anleihen bei Aimee Mann nimmt. Highlight ist „Songs Remain“, das auch Fans von Heather Nova beglücken dürfte. Insgesamt eine wirklich schöne, anti-hektische Platte. (Stefan Hochgesand)


The Antlers: „Green To Gold“ (PIAS/Transgressive/Rough Trade)

Ambient-Americana Plötzlich, kann passieren, ist „Green To Gold“ vorbei. Und irgendwie nix passiert. Oder man ist eingeschlafen. Tatsächlich ist es den Antlers aus New York gelungen, ein Album einzuspielen, das jedwede Aufregung konsequent vermeidet, aber auch nicht bloß ein Klangteppich ist. So eine Art extrem flauschige Ambient-Americana, die zwar mit den Bausteinen des Genres kokettiert, aber sie gut in einer Traumwelt versteckt. Liegt womöglich daran, dass Bandkopf Peter Silberman mal einen Hörsturz erlitt. Musik wie eine Kur. (Thomas Winkler)


Mehr Musik

Noch ein paar Klang-Ostereier gefälligst? Serpentwithfeet feiert queere Liebe, Noga Erez brodelt – und unsere Platten der Woche davor: Lana Del Rey unterm Chemtrail, Die P im harten Bonn. Die beste Band der Welt hat eine Berlin-Tour angekündigt, und wir wissen, wie ihr noch an Tickets für Die Ärzte kommt. Zudem statten wir auch mit Fanwissen über Die Ärzte in Berlin aus, damit ihr bei den Konzerten angeben könnt.