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Corona und Kultur: Die Theater in Berlin denken über Notprogramme und Social-Distancing nach

Solidarität in Zeiten der Seuche: Die Theater in Berlin denken in Zeiten von Corona über Notprogramme und Social-Distance-Theater nach, Schauspieler und Orchester sammeln für arbeitslose Kollegen. Peter Laudenbach hat unter anderem mit Dieter Hallervorden vom Schlossbark Theater, Gerald Mertens, dem Geschäftsführer der Deutschen Orchestervereinigung und dem Berliner Kultursenator Klaus Lederer über die Situation der Berliner Theater gesprochen.

Corona und Theater in Berlin: Tim Etchells Depri-Home-Isolation-Komödie „End Meeting For All“ im digitalen HAU
Tim Etchells Depri-Home-Isolation-Komödie „End Meeting For All“ im digitalen HAU. Foto: HAU

Der pragmatischste und vernünftigste Vorschlag zum Umgang der Berliner Theater mit der Corona-Krise kommt von Thomas Ostermeier: Jetzt ist erst mal Pause. Es gibt schlimmeres, als eine Zeit lang auf Theater zu verzichten. Die Stadt, das Land haben derzeit ganz andere Probleme. Nur aus Geltungsbedürfnis oder Betriebsroutine das Risiko einzugehen, dass Proben oder Vorstellungen zu Infektionsherden werden, wäre in Ostermeiers Augen unverantwortlich.

Was er über Berliner Intendanten-Kollegen denkt, die an allen möglichen Social-Distance-Theaterformaten basteln, Open Air oder vor 20 Zuschauen oder mit strengen Abstandregeln, verriet Ostermeier dem „Tagespiegel“ knapp und deutlich: „Was reitet euch eigentlich?“ Vielleicht ist es die narzisstische Fehleinschätzung, die Menschheit bräuchte jetzt nichts so dringend wie performative Sinnstiftungsangebote und Begleitgeräusche zur Krise.

Aufführungen zu Corona-Konditionen wären ohnehin ein eher ambivalentes Vergnügen: Ein nur zu einem Fünftel oder Sechstel besetzter Zuschauerraum mit vielen leeren Plätzen, das Publikum mit Mundschutz, ein sehr vorsichtiger, auf Abstand bedachter Einlass, Schauspieler, die peinlich darauf achten, sich nicht zu nahe zu kommen – es ist eine gespenstische Vorstellung. Entsprechend verzweifelt wirken die Szenarien für eine Notbespielung, die Dieter Hallervorden in einem Offenen Brief an Kulturstaatsministerin Grütters vorschlägt.

Die Theaterstücke werden ohne Pause gespielt

Der Intendant des Schlosspark Theaters skizziert, wie es vielleicht gehen könnte: „Im Zuschauerraum bleibt jede zweite Reihe frei. In den Reihen bleiben zwischen zwei Besuchern jeweils zwei Plätze frei. Das Theater wird vor jeder Vorstellung von einem Spezialteam desinfiziert. Der Einlass erfolgt einzeln mit aufgestocktem Vorderhauspersonal. Es werden dabei Mundschutzmasken verteilt. Die Theaterstücke werden ohne Pause gespielt. Inszenierungen werden unter Beachtung der Abstandsregelung abgeändert.“

Und das wären nur die Minimalvoraussetzungen, auch sie werden nicht genügen. Nicht in allen Theatern sind die Klimaanlagen in der Lage, den Saal hinreichend zu entlüften. Das Foyer kann leicht zur Risikozone potenziell lebensgefährlicher Nähe werden.

Im Augenblick sind alle Ideen für mögliche Theater-Öffnungen rein hypothetisch

Die nüchterne, also hilfreiche Analyse kommt vom Deutschen Bühnenverein. „Im Augenblick sind alle Ideen für mögliche Theater-Öffnungen rein hypothetisch. Ob und wann und in welcher Weise wieder Theater gespielt werden kann, hängt nicht von unseren Wünschen, sondern von der Entwicklung der Pandemie, von medizinischen Fakten, von politischen Entscheidungen und gebäudetechnischen Voraussetzungen ab“, sagt Bühnenverein-Pressesprecherin Vera Scory-Engels.

Klar ist, dass Theater und Opern zu den letzten Einrichtungen zählen werden, die wieder auf Normalbetrieb umstellen können. Vielleicht wird das erst möglich sein, wenn ein Impfmittel gegen Covid-19 zur Verfügung steht, also hoffentlich irgendwann im kommenden Jahr. Dass etwa Oliver Reese, der Intendant des Berliner Ensembles, hofft, nach der Sommerpause wieder wie gewohnt Theater spielen zu können, zeugt von Optimismus. Eines der möglichen Szenarien, mit denen Barrie Kosky, der Intendant der Komischen Oper, rechnet, geht von einer Schließung bis Jahresende aus. Solange muss improvisiert werden. 

Gerald Mertens, der Geschäftsführer der Deutschen Orchestervereinigung, berichtet von Orchestermusikern, die einfach zu zweit vor den Fenstern eines Altersheims spielen. Er kann sich vieles vorstellen, etwa Kammerkonzerte in größeren Sälen mit kleinem Publikum. „Jetzt müssen die Bühnen und Orchester zeigen, was sie der Gesellschaft geben können“, findet Mertens.

Wie legitimiert man die Zuwendungen?

Einen zu allem entschlossenen Durchhalte willen demonstriert Ulrich Khuon vom Deutschen Theaters, sozusagen der Armin Laschet unter Berlins Intendanten, möglicherweise getragen von einem Hang zum Wunschdenken: Mal hofft er, die Theater könnten schon vor der Sommerpause mit Open Air-Darbietungen Präsenz zeigen. Mal verkündet er, Pollesch fange im Juni an zu proben, für die Premiere im August. Mal sehen, schön wäre es ja. Dahinter steckt offenbar der Wunsch, den Betrieb um jeden Preis (und sei es auch nur zum Schein) aufrechtzuhalten. Ob das irgendjemandem hilft, kann man bezweifeln.

Auch die Flut der Theater-im-Internet-Formate zeugt vor allem von einer gewissen Verzweiflung: „Schaut doch bitte her, es gibt uns noch!“ Sie beweisen oft vor allem, dass Theater und Medienkunst nur begrenzte Schnittstellen haben. Häuser und Künstler, die schon länger genreübergreifend und multimedial arbeiten, sind da im Vorteil. Die überzeugendsten Angebote kommen derzeit aus dem HAU, etwa Tim Etchells Depri-Home-Isolation-Komödie „End Meeting For All“.

Und das Geld? Viele Künstler üben sich in praktischer Solidarität. Das Ensemble netzwerk sammelte bei seinen Mitgliedern und Unterstützern in relativ kurzer Zeit 50.000 Euro. 100 freiberufliche Künstler, denen die Einnahmen weggebrochen sind, erhalten unbürokratisch 500 Euro. Die Deutsche Orchesterstiftung hat für einen Nothilfefonds in wenigen Wochen 1,3 Millionen Euro gesammelt. Unter den Spendern waren viele Orchestermusiker, etwa der Berliner Philharmoniker. Daniel Barenboim und die Musiker der Staatskapelle spendeten zusammen 30.000 Euro.

Der Notfallfonds unterstützt Musiker

Der Notfallfonds unterstützt Musiker, die jetzt ohne Auftritte und Gagen über die Runden kommen müssen, mit je 500 Euro. Es fällt auf, dass die Theater wenig Initiative zur Unterstützung der unabgesicherten Kollegen zeigen. Die Großverdiener der Branche, zum Beispiel die Intendanten der Staatstheater mit Jahresgehältern von deutlich über 150.000 Euro, könnten sich ein Vorbild an Kirill Petrenko nehmen. Der Chefdirigent der Berliner Philharmoniker hat nicht nur die Schirmherrschaft über den Nothilfefonds der Deutschen Orchesterstiftung übernommen, sondern auch selbst einen erheblichen Betrag dafür gespendet. Wer wie die Theaterintendanten gerne von Solidarität redet und sie bei der Theaterfinanzierung vom Rest der Gesellschaft einfordert, muss sie auch selbst üben, wenn ihm und ihr an der eigenen Glaubwürdigkeit gelegen ist.

Bisher kommen die Festangestellten an den Bühnen im Gegensatz zu ihren prekär beschäftigten Kollegen recht kommod durch die Krise. Die Gehälter laufen auch bei eingestelltem Spielbetrieb weiter. Die privatrechtlich als GmbHs organisierten Theater wie die Schaubühne haben auf Kurzarbeit umgestellt. Marc Grandmontagne, der Geschäftsführer des Deutschen Bühnenverein, geht davon aus, dass in den kommenden Wochen auch die übrigen, nicht als GmbHs organisierten Bühnen in Kurzarbeit gehen werden. Mit der Kurzarbeit werden viele Bühnen ihre coronabedingten Einnahmeausfälle zumindest zum Teil kompensieren können.

Ohne Spielbetrieb sind die Theater und Opern nur sehr teure, leer stehende Gebäude

Auf lange Sicht wird eine andere Frage drängender: Wie legitimieren die geschlossenen Bühnen die öffentlichen Zuwendungen? Ohne Spielbetrieb sind die Theater und Opern nur sehr teure, leer stehende Gebäude. Schon jetzt sorgen wegbrechende Gewerbesteuereinnahmen für leere Kassen der Kommunen. Nach der Corona-Krise werden die öffentlichen Haushalte unter Sparzwängen leiden. „Ich ahne, dass die Krise hier sehr lange wirken wird. Was das für Berlin bedeuten kann, führen uns die Ergebnisse der erzwungenen Kürzungsjahre unter Rot-Rot vor Augen, wir erinnern uns noch“, sagt Klaus Lederer

Je länger die Theater nicht spielen können, desto deutlicher wird sich die Frage stellen, ob ihre Träger von einer Finanzierung des nicht mehr stattfindenden Spielbetriebs auf eine Art Grundsicherung mit herabgesetzten Zuwendungen umstellen müssen. Aufgabe der Verantwortlichen wäre dann nicht das breit gefächerte Angebot von Theater, Opern und Konzerten, sondern die Stabilisierung der kulturellen Infrastruktur für die Zeit nach der Krise.

Wann das sein wird, ist derzeit völlig offen.


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