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Corona-Gespräche

Corona, Sex und Revolution: Deutschlands bekannteste Prostituierte Salomé Balthus im Gespräch

Salomé Balthus ist die bekannteste Prostituierte Deutschlands. Die Tochter des Künstlerpaars Monika Ehrhardt und Reinhard Lakomy studierte Philosophie, ist Autorin und hat mit ­Hetaera eine non-profit-orientierte Escort-Agentur gegründet. Im Interview spricht Salomé Balthus über Prostitution in der Corona-Krise, ihre Sorgen um alternative Liebe, privatisierte Krankenhäuser und die Revolution.

Das Gespräch ist Teil der Titelgeschichte aus dem aktuellen tipBerlin-Heft. Es wurde am 25. März von unserer Redakteurin Julia Lorenz geführt.

Deutschlands bekannteste Prostituierte Salomé Balthus im Home-Office. 
Foto: Salomé Balthus
Deutschlands bekannteste Prostituierte Salomé Balthus im Home-Office.
Foto: Salomé Balthus

tipBerlin Frau Balthus, Sie sind Prostituierte und betreiben die feministische Escort-Agentur Hetaera. Wann haben Sie realisiert, dass die Corona-Krise endgültig bei uns angekommen ist?

Salomé Balthus Als ich gemerkt habe, dass viele Kunden nicht kommen, weil die Messen wegbrechen, dachte ich noch: Die Krise trifft mich, aber nicht direkt. Ich hatte beschlossen, den Betrieb bei Hetaera erst einmal aufrechtzuerhalten, aber keine Kunden aus Risikogruppen zu empfangen. Sehr hygienisch arbeiten wir sowieso, „Social Distancing“ ist quasi unser Leben. Als am nächsten Tag Billy Wagner, der Chef meines Lieblings­restaurants Nobelhart & Schmutzig, verkündet hat, dass er schließt, und der Druck aus meinem Umfeld zu groß wurde, ist mir klar geworden: Es ist im Moment absolut nicht opportun, weiterzumachen. Und ­zudem wirklich lebensgefährlich. Ich brauchte ein paar Tage, um das zu begreifen.

Salomé Balthus: „Ich sorge mich um Affären, um One-Night-Stands, um alternative Liebes- und Lebensweisen“

tipBerlin Und jetzt bleibt Ihnen, wie auch vielen Künstlern, nur das Hoffen auf staatliche Hilfen (der Senat beschloss den „Geldregen vom Staat“ für Selbstständige erst, nachdem dieses Gespräch geführt wurde, Anm. d. Red)?

Salomé Balthus Veranstalter oder Künstler können wenigstens darauf verweisen, welche Veranstaltungen konkret ausgefallen sind. Als ­Ladenbesitzer, Gastronom oder eben Prostituierte kann man das nicht. Wir haben ja keine schriftliche Bestätigung darüber, aus welchem Grund ein Date abgesagt ­wurde, und können unseren Verlust nicht richtig beziffern. Ohnehin ist fraglich, ob wir dieses Geld zurückbekommen könnten. Ich habe erhebliche Zweifel an den Versprechungen der Regierung, alle Soloselbstständigen zu unterstützen. Es sind einfach zu viele Fälle. Ein Biotop, dem man das Wasser abgräbt, rettet man nicht mit einer Gießkanne.

Das Gespräch ist Teil der Titelgeschichte des aktuellen tipBerlin, der im Handel oder in unserem Webshop erhältlich ist.

tipBerlin Was sollte gerade anders laufen?

Salomé Balthus Ich will niemandem einen konkreten ­Vorwurf machen. Die Regierung tut wirklich viel, und ich könnte es nicht besser. Die Frage ist aber auch: Reichen unsere Maßnahmen, wenn wir nicht die gleichen ­Mittel wie etwa Südkorea zur Verfügung haben, um den öffentlichen Raum zu desinfizieren und die Leute zu testen? Ich habe das ­Gefühl, wir verschieben das Problem nur. Sobald die Leute wieder rausdürfen, ­könnte die Kurve ansteigen.

tipBerlin Welche Sorgen machen Sie sich langfristig um Ihr Gewerbe?

Salomé Balthus Ich sorge mich um Affären, um One-Night-Stands, um alle alternativen Liebes- und Lebensweisen, die über die bürgerliche Ehe hinausgehen. Vor allem aber mache ich mir Sorgen, dass die Regierung die Betriebsstätten von Prostituierten prophylaktisch geschlossen hält, auch nach der Krise. Und dass die Gesellschaft es akzeptabel findet, Prostitution aus Präventionsgründen de facto abzuschaffen. Dabei gibt es Sonderfälle im Gewerbe, auf die alle bisherigen Regelungen keine Rücksicht nehmen.

Salomé Balthus: „Warum sollte eine Domina im Ganzkörperlatexanzug ihr Gewerbe nicht ausüben können?“

tipBerlin Welche Sonderfälle meinen Sie?

Salomé Balthus Warum sollte eine Domina, die man nicht anfassen oder küssen darf, die in einem Ganzkörperlatexanzug steckt, ihr Gewerbe nicht ausüben dürfen? Oft tragen die ­Kunden sogar Gesichtsmasken, die Sadomaso-Instrumente und der Anzug werden hinterher desinfiziert. Natürlich hatte ­gerade niemand die Zeit dafür, sich damit im Detail zu beschäftigen, das ist schon verständlich.

tipBerlin Für Prostituierte, die auf der Straße ­arbeiten, ist die Situation sicher noch eine ganz andere.

Salomé Balthus Ja, oder auch für viele, die man auf der ­Straße gar nicht sieht. Die sind gestrandet und stehen total unter Schock. Die Beratungsstellen versuchen nun verzweifelt, diese Menschen zu versorgen. Viele von ihnen können nicht genug Deutsch, um zu verstehen, was gerade los ist.

tipBerlin Welche gesellschaftlichen Schieflagen lässt die Krise besonders deutlich werden?

Salomé Balthus Die Privatisierung von Krankenhäusern (mehr zur Corona-Strategie der Berliner Krankenhäuser, Anm. d. Red). Wohin es führt, wenn Krankenhäuser ­profitable Wirtschaftsunternehmen sein müssen, sieht man jetzt in Italien. Dort war die Regierung während der Eurokrise zu drakonischen Sparmaßnahmen gezwungen, um Geld von der Troika zu kriegen. Wir haben veranlasst, in Italien die Krankenhäuser zu verschlanken und Personal zu entlassen. Insofern ist an der aktuellen Situation dort auch die EU schuld. Da wären ein paar öffentliche Schuldgefühle angebracht.

tipBerlin Auf Twitter schrieben Sie kürzlich: „Capitalism, I’ll die, but you die first“…

Salomé Balthus Das war ein Scherz!

Frau Balthus, planen Sie noch die Revolution?

tipBerlin Könnten Sie sich vorstellen, dass die Krise einen Systemwechsel bewirken kann?

Salomé Balthus Ehrlich gesagt: Nein. Selbst die kurze Hoffnung auf ein bedingungsloses Grundeinkommen ist ja schon wieder vom Tisch. Der Kapitalismus ist sehr stabil, gerade, weil er als System auch ohne Humanität überleben kann. Er lebt von Krisen. Wer denkt, dass der Kapitalismus ein System zur Versorgung aller ist, wird jetzt eines Besseren belehrt. Unser Wirtschaftssystem geht bestimmt nicht an Corona zugrunde, aber es kann sein, dass es uns nun seine ganze Grausamkeit zeigt.

tipBerlin Also keine Zeit, um die Revolution zu ­planen?

Salomé Balthus Nein. Abgesehen davon plant man Revolutionen nicht, eine Revolution ist keine ­Podiumsdiskussion.

tipBerlin Was stellt das Drinnenbleiben mit Ihnen an?

Salomé Balthus Noch habe ich kein Problem damit, weil ich an meinem Roman arbeite, der im September erscheinen soll. Und ich ­schreibe schon am nächsten. Außerdem trainiere ich in meiner Wohnung. Meinen Körper zu pflegen, ist für mich ja nicht nur ein Hobby oder Eitelkeit. Momentan ist Sport auch eine Art Ersatz für Sex: Man hat Herzklopfen, schwitzt, spürt seinen Körper. Aber natürlich vermisse ich die Dates, die Aussicht auf einen Abend, an dem man alles vergisst, tanzen geht und Sex mit fremden Menschen hat.

tipBerlin Haben Sie Angst?

Salomé Balthus Ich habe Angst vor der Zukunft, aber in der Gegenwart geht es noch. Jetzt ist nicht die schlimmste Zeit. Die kommt vermutlich im Sommer.

tipBerlin Das ist ein pessimistisches Schlusswort.

Salomé Balthus Wenn Sie ein optimistisches wollen, ­könnte ich sagen, dass die Berliner ja schon ganz andere Sachen mitgemacht haben und ­immer gut durchgekommen sind mit ihrem Erfindungsreichtum und ihrer Experimentierfreude. Aber bislang beruhte all das auf der Nähe zu anderen Menschen. Wenn man uns die nimmt, haben wir ein Problem.

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