Die Gefahr der Leere

Sexuelle Belästigung: Corona macht Berlin zur Kleinstadt

Verwaiste Bahnhöfe, ausgestorbene Straßen: Während der Corona-Krise wird es abends gruselig in Berlin. Vor allem Frauen haben guten Gründe, sich zu gruseln. Denn Corona macht sexuelle Belästigung gefährlicher. Ein Kommentar von Xenia Balzereit.

Sexuelle Belästigung und Übergriffe in der Corona-Krise: Wo niemand ist, kann auch niemand zur Hilfe kommen.
Sexuelle Belästigung und Übergriffe in der Corona-Krise: Wo niemand ist, kann auch niemand zur Hilfe kommen. Foto: imago/Spicker

Freitagabend, Anfang April. Nadja ist auf dem Weg zu einem Freund, die beiden wollen im Mauerpark spazieren gehen. Die 31-jährige sitzt in der U8, 20.30 Uhr. Der Wagen ist leer, nur ganz hinten steht eine andere Frau, als zwei Männer einsteigen. Und sich zu Nadja ins Viererabteil setzen.

Das ist nicht nur in Zeiten von Corona eine unangenehme Situation. In diesem fast leeren Zug aber ist das Verhalten der Männer ein Warnsignal. Nadja schreibt ihrem Freund, einem tipBerlin-Redakteur: „Ein paar Typen gucken mich komisch an.“ Und nur wenige Minuten später: „Als ob sie mich vergewaltigen wollen.“

Am nächsten Morgen erzählt er, wie er sofort los gerannt ist, nachdem er diese Nachricht gelesen hat, voller Sorge um Nadja. Als sie aussteigt, folgen die Männer ihr, machen Sprüche, sie ruft ihren Freund an: „Beeil dich!“, sagt sie, als sie die Rolltreppe hochhetzt. Erst als sie oben ist, wo zumindest ein paar andere Menschen sind, wenden sich die beiden Männer ab. Nadja ist völlig aufgelöst. „Ich dachte wirklich, die tun mir was“, sagt sie ihrem Freund, der gerade ankommt.

Freitagabend, 20.19 Uhr: Diese Nachrichten schickte eine 31-Jährige ihrem guten Freund – sie war in der S-Bahn zum Gesundbrunnen. Screenshot: Privat

Sexuelle Belästigung: Corona bedeutet Verlust von Sicherheit im öffentlichen Raum

Die Corona-Krise bedeutet vor allem für Frauen und andere Minderheiten einen Verlust von Sicherheit – oder zumindest von einem Gefühl von Sicherheit. Sie beraubt Berlin dessen, was eine Großstadt ausmacht. Dazu zählen die kulturelle Vielfalt, die Theater und Kinos, Clubs, Bars und Restaurants. Aber auch die soziale Kontrolle. Die Bürger*innen Berlins, die sonst zu jeder Zeit die Straßen, U-Bahnen und Bahnhöfe bevölkern, geben einander Sicherheit weil jede*r auf jede*n aufpasst.

Eine Straße, in der Touris vor Spätis sitzen, Clubgänger*innen zur U-Bahn eilen und Restaurantbesitzer*innen Tische hin und her rücken, ist laut und vielleicht auch nervig. Doch es sind immer genug Menschen da, die man um Hilfe bitten kann, wenn man dort bedrängt oder belästigt wird. Die sich einmischen, wenn jemand übergriffig wird – meistens jedenfalls. Das gleiche gilt für die öffentlichen Verkehrsmittel.

Selbst wenn einem zu corona-freien Zeiten um 4 Uhr nachts auf dem Weg nach Hause eine Gruppe Männer begegnet ist, bei denen einem das Gefühl sagte, dass man sich vor ihnen in Acht nehmen sollte, waren da immer noch andere Menschen: Der Typ, der telefonierend an einem vorbei läuft, das Pärchen, das knutschend auf der Parkbank sitzt.

Anders auf dem Dorf, wo man sich als Frau gut überlegen sollte, ob man um 1 Uhr nachts die Abkürzung über den Feldweg nimmt. Oder in der Kleinstadt, wo Frauen aus Angst vor dunklen, ausgestorbenen Gassen doch lieber ein Taxi nehmen. Doch jetzt, wo alle aufgerufen sind, die eigene Wohnung möglichst nicht zu verlassen und selbst auf der Simon-Dach-Straße um halb zehn kaum ein Mensch zu sehen ist, wird Berlin abends zur Kleinstadt – jedenfalls fühlt es sich so an.

Frauen zählen zu den Verlierer*innen der Krise

Und das ist vor allem für diejenigen ein Problem, die schon immer unter Übergriffen zu leiden hatten: Frauen und Queers. Wenn sie sich nachts oder abends, aus welchem Grund auch immer, im öffentlichen Raum aufhalten, begegnen sie einer gruseligen Leere, die zur ernsten Gefahr werden kann. Jeder körperlich überlegene Mann könnte eine Bedrohung sein.

Frauen* gehören auch darüber hinaus zu den Verlierer*innen dieser Zeit. Für ungewollt Schwangere ist es schwerer geworden, abzutreiben. Sozialarbeiter*innen gehen davon aus, dass die Fälle von häusliche Gewalt gegenüber Frauen und Kindern steigen und Frauen ihr schwerer entkommen können. Alleinerziehende, und das sind vor allem Frauen, sehen sich einer immensen Doppelbelastung ausgesetzt.

Nicht alles davon ist in Stein gemeißelt. Die Politik könnte Alleinerziehende noch mehr unterstützen. Mehr Frauenhäuser bauen, auch wenn sie das schon längst hätte tun sollen. Sie könnte ungewollt Schwangere besser begleiten und vor der erhöhten Gefahr sexueller Übergriffe warnen. Und Männer darauf hinweisen, dass sie besser die Straßenseite wechseln, wenn sie spätabends hinter einer Frau her gehen. Auch, wenn sie gar nicht Böses wollen und nur zufällig den gleichen Heimweg haben.

All das hilft nicht, wenn man verfolgt oder bedrängt wird. Aber es würde die Menschen für die schwierige Situation von Frauen* in der Corona-Krise sensibilisieren. Darüber hinaus können wir Frauen* aus eigener Erfahrung nur raten: Ruft jemanden an, wenn ihr euch bedroht fühlt. Einen Freund oder eine Freundin, wie Nadja. Oder gleich die Polizei.


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Übrigens: Berlin informiert hier über die Corona-Verordnung und alle anderen wichtigen Einschränkungen.