Architektur

Berühmt, berüchtigt, dicht bebaut: Das sind Berlins Großwohnsiedlungen

Der Berliner Rapper Sido setzte dem Leben in Großwohnsiedlungen ein Denkmal: Sein Hit „Mein Block“ widmet sich dem Aufwachsen im Märkischen Viertel – was nicht unbedingt leicht war.

Viel Menschen auf geringem Raum, das war in der Architektur eine Zeit lang Trend – in Berlin entstanden so dicht bebaute Viertel wie die Gropiusstadt. Doch mit der Zeit litt der Ruf dieser Großwohnsiedlungen.

In Marzahn prallen architektonisch Welten aufeinander. Foto: Imago Images/Jürgen Ritter
In Marzahn prallen architektonisch Welten aufeinander. Foto: Imago Images/Jürgen Ritter

Viel Kriminalität, noch mehr Armut und ein Mangel an kulturellen Angeboten prägen oft das Image dieser Areale – nicht immer zu Unrecht, aber eben doch nicht pauschal. Denn wer genau hinsieht, der mag auch die architektonische Schönheit, manchmal sogar Brillanz, dieser Siedlungen entdecken. Da ist zum Beispiel die Hufeisensiedlung, die innovativ und praktisch zugleich ist, oder die Weiße Siedlung, von deren Wohnungen in den oberen Geschossen aus man einen atemberaubenden Blick über die Stadt hat.

Siedlungen wie das Märkische Viertel beweisen: Trabantenstädte gab es keineswegs nur in der DDR. Wobei Marzahn und Hellersdorf natürlich Paradebeispiele dafür sind – und gleichzeitig einen wesentlichen Beitrag dazu leisteten, die Wohnungsnot in der DDR zu lindern. In der folgenden Liste haben wir 12 Großwohnsiedlungen in Berlin zusammengestellt: Manche sind berühmt, manche berüchtigt und manche beides.


Hansaviertel

Das Hansaviertel wurde im Krieg fast komplett zerstört und danach wieder aufgebaut.
Das Hansaviertel wurde im Krieg fast komplett zerstört und danach wieder aufgebaut. Foto: imago images / Hoch Zwei Stock/Angerer

Das Hansaviertel in Mitte ist ein Phönix, der sich aus der Asche der Ruinen des Zweiten Weltkriegs gekämpft hat. Die Bomber der Alliierten zerstörten etwa 300 der 343 Gebäude in dem Viertel zwischen Tiergarten und Moabit, der Rest wurde schwer beschädigt. Nach dem Krieg sollte das Gebiet Symbol für den Erneuerungswillen der Stadt werden. Ein wesentliches Merkmal der Neugestaltung war, im Hansaviertel und in ganz Berlin, eine größere Anzahl an Grünflächen.

Der Tiergarten sollte sich sozusagen über seine Ränder hinaus in das Hansaviertel ergießen. Die Planer teilten Grundstücke neu auf und veränderten das Straßen- und Versorgungsnetz. An dem Wettbewerb zur Neubebauung des Areals nahmen 1952 53 Architekten aus 13 Ländern teil, sie alle waren Verfechter des „Neuen Bauens.“ Die Bauart sollte eine „neue Sachlichkeit“ verkörpern, als Stellvertreter gilt der Bauhaus-Stil. Am Ende entstanden unter dieser Maxime 35 neue Gebäude im Hansaviertel, manche flach, andere hoch.


Gropiusstadt

Christiane F. machte die Gropiusstadt berühmt.. Foto: Imago Images/Ditsch

Die berühmteste ehemalige Bewohnerin der Gropiusstadt ist wohl Christiane F. Im Buch „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ beschreibt sie das Quartier so: „Gropiusstadt, das sind Hochhäuser für 45.000 Menschen, dazwischen Rasen und Einkaufszentren. Von weitem sah alles sehr gepflegt aus. Doch wenn man zwischen den Hochhäusern war, stank es überall nach Pisse und Kacke.“ F. sagte damals, das liege an den Kindern, die pinkeln müssten, es aber nicht mehr rechtzeitig nach oben in die Wohnungen schafften, weil die Fahrstühle meist kaputt seien. Architekt des Viertels ist – na klar – Walter Gropius, gebaut wurde 1962 bis 1975. Neunzig Prozent des Wohnraums waren schon damals Sozialwohnungen – und das Viertel, das wegen seiner hellen Wohnungen anfangs attraktiv wirkte, bekam bald den Ruf eines sozialen Brennpunkts.


Märkisches Viertel

Das Märkische Viertel wiederum machte Sido berühmt.
Das Märkische Viertel wiederum machte Sido berühmt. Foto: imago/Ritter

„Meine Stadt, mein Viertel, meine Gegend, meine Straße, mein Zuhause, mein Block“: Wer kennt sie nicht, die Hook von Rapper Sidos erstem Hit, die gleichzeitig eine Hommage ans Märkische Viertel, Drogen und harte Jungs ist? Sido hat sich verändert, er hat jetzt viel Geld und eines von den Einfamilienhäusern, die er früher so belächelt hat. und glaubt manchmal an Verschwörungstheorien.

Doch während es mit Sido damit irgendwie auch ein bisschen bergab gegangen ist, befindet sich das Märkische Viertel zumindest teilweise im Aufwind: Stellenweise hat es einen neuen, satt orangen Anstrich bekommen und dazu noch eine bessere Anbindung an den Rest von Berlin.


High-Deck-Siedlung

Großwohnsiedlungen in Berlin: Die High-Deck-Siedlung galt früher als Gipfel der Innovation.
Die High-Deck-Siedlung galt früher als Gipfel der Innovation. Foto: imago images/Jürgen Hanel

Als die High-Deck-Siedlung während der 1970er und 1980er entstand, kam das Konzept ihrer beiden Architekten Rainer Oefelein und Bernhard Freund ziemlich innovativ daher. Die Architekten haben den Fußgängerverkehr und den Autoverkehr getrennt: Die hochgelagerten, begrünten Wege (High Decks) verbinden die Häuser miteinander und erlauben Fußgänger*innen, durch die Straße zu spazieren, ohne auf Autos achten zu müssen. Die PKW wiederum parken und fahren unterhalb der High Decks. Auf den Gedanken, den Autos wie heute grundsätzlich Platz zu nehmen, kam man damals aber noch nicht. Und die Siedlung, zu deren Vorteilen auch die ruhige Lage nahe dem Mauerstreifen bei Treptow bestach, verlor mit der Wende einen Teil ihrer Attraktivität.


Thermometersiedlung

Großwohnsiedlungen in Berlin: Die Thermometersiedlung liegt im reichsten Bezirk Berlins: in Steglitz-Zehlendorf.
Die Thermometersiedlung liegt im reichsten Bezirk Berlins: in Steglitz-Zehlendorf. Foto: Wikimedia Commons/Membeth/CC BY-SA 4.0

Die Thermometersiedlung liegt im reichsten Berliner Bezirk: Steglitz-Zehlendorf. Und gehört zu den Siedlungen, die am meisten von Kinderarmut betroffen sind, 60 Prozent der hier lebenden Kinder gelten als arm. Entstanden ist die Siedlung Ende der 1960er und Anfang der 1970er Jahre. Sie gilt als typisches Beispiel für West-Berliner Stadtrandbebauung. Nach Ende des zweiten Weltkriegs stand der Wiederaufbau unter dem Motto „Licht, Luft und Sonne.“ Dafür ließen die Städteplaner*innen Hinterhäuser und Seitenflügel abreißen. Weil die Menschen ja aber irgendwo unterkommen mussten, schuf man neuen Wohnraum an den Stadträndern. Die Gropiusstadt, das Märkische Viertel und auch die Thermometersiedlung entspringen diesem Versuch, Kieze mit besseren Lebensbedingungen für die Bevölkerung bereitzustellen.


Splanemann-Siedlung

In der Splanemann-Siedlung sollte in der 20ern günstig Wohnraum geschaffen werden.
In der Splanemann-Siedlung sollte in der 20ern günstig Wohnraum geschaffen werden. Wikimedia Commons/Michael G. Schroeder/CC BY-SA 3.0

Die Splanemann-Siedlung ist die Pionierin unter den Großwohnsiedlungen und die erste, bei der man versuchte, mit vorgefertigten Platten zu bauen. Nach dem ersten Weltkrieg mussten aufgrund der Wohnungsnot schnell viele Wohnungen her — zu einem geringen Preis. Gleichzeitig waren immer mehr Stadtplaner davon überzeugt, dass auch die ärmere Bevölkerung trockene, helle Wohnungen verdient habe. Die Splanemann-Siedlung sollte genau das erfüllen: Dafür ließ man Platten aus 12 Arten von Platten gießen und es entstanden acht Gebäudezeilen mit 27 Häusern und 138 Wohnungen.

Alle Wohnungen hatten Bad, Toilette und sogar einen Balkon. Die Idee zur Siedlung hatte der Architekt und Stadtplaner Martin Wagner, ein Verfechter sozialer Ideen in der Stadtplanung. Das Ziel, die Baukosten von Wohnraum zu verringern, erreichte Wagner nicht. Obendrauf wurde eine komplette Gebäudezeile im Zweiten Weltkrieg zerstört. Namensgeber der Siedlung ist übrigens Herbert Splanemann, KPD-Mitglied und Widerstandskämpfer während der Nazizeit.


Plattenbauten an der Michelangelostraße

Großwohnsiedlungen in Berlin: WBS-70-Gebiet: Das Areal um die Michelangelostraße.
WBS-70-Gebiet: Das Areal um die Michelangelostraße. Foto: Wikimedia Commons/Boonekamp/CC BY-SA 4.0

Der Wohnkomplex Michelangelostraße ist WBS-70-Gebiet. WBS-70, das ist eine Plattenbauweise, nach deren Vorbild ab 1973 tausende Abbilder in der DDR entstanden – insgesamt rund 42 Prozent aller von der DDR errichteten Plattenbauten entsprechen diesem Typ. Sie sollten dazu betragen, die Wohnungsnot in der DDR bis zum Jahr 1990 zu lösen. Weil man dafür zusammenhängende Flächen brauchte, kamen Baugebiete weiter im Inneren des Bezirks nicht in Frage. Die meisten WBS-70 Plattenbauten in diesem Areal haben elf Etagen und entstanden zwischen 1973 und 1983. An der Nordseite der Straße stehen fünfgeschossige Plattenbauten des Typs Q3A (siehe Bild), ein Modell aus den 1950er Jahren.


Weiße Siedlung

Manche Häuser in der Weißen Siedlung bestehen aus 18 Etagen.
Manche Häuser in der Weißen Siedlung bestehen aus 18 Etagen. Foto: imago/Joko

Die Weiße Siedlung ist jung — aber nicht so, wie man vielleicht denken mag. Die Häuser selbst sind Produkt des sozialen Wohnungsbaus der 1970er Jahre: Es mangelte an Wohnraum, also zog man außerhalb der Innenstadtlagen schnell Hochhäuser hoch. Das Ergebnis waren Siedlungen wie das Märkische Viertel, die Gropiusstadt oder eben die Weiße Siedlung im Norden Neuköllns zwischen den S-Bahnhöfen Sonnenallee und Plänterwald. Jung ist in der Weißen Siedlung vor allem die Bevölkerung: 28 Prozent der Bewohner*innen sind unter 18 Jahre alt, der Anteil der über 65-Jährigen dagegen liegt unter dem Neuköllner und Berliner Durchschnitt. Die weiße Siedlung ist weithin sichtbar, die Hochhäuser bestehen aus bis zu 18 Geschossen.


Falkenhagener Feld

Großwohnsiedlungen in Berlin: Das Falkenhagener Feld befand sich von der 1960er Jahren bis in die 1990er Jahre im Bau.
Das Falkenhagener Feld befand sich von der 1960er Jahren bis in die 1990er Jahre im Bau. Foto: imago/Manja Elsässer

Die Siedlung Falkenhagener Feld ist eine klassische Trabantenstadt, denn sie liegt am Rande des Bezirks Spandau. Im Westen der Siedlung, am Ende der Falkenseer Chaussee, stand früher die Mauer. Man sieht ihr an, dass während ihrer Bauzeit Jahre vergingen: Die Farbe blättert an manchen Gebäuden ab oder es bildet sich Moos an den Wänden; andere Häuser in der Siedlung wirken wesentlich neuer. Kein Wunder: Während manche Komplexe bereits in den 1960er Jahren gebaut wurden, wurden andere erst in den 1990er Jahren fertig gestellt. Der Kiez gilt als Problemviertel. Mit der Schließung Tegels erfährt er aber zumindest eine Aufwertung: Flugzeuge, die tief und laut über die Häuser hinwegdonnern, sind bald Vergangenheit.


Hufeisensiedlung

Großwohnsiedlungen in Berlin: Seit 2008 ist die Hufeisensiedlung Weltkulturerbe.
Seit 2008 ist die Hufeisensiedlung Weltkulturerbe. Foto: imago images/Günter Schneider

Warum die Hufeisensiedlung heißt, wie sie heißt, bedarf keiner Erklärung. Wieso der Architekt Bruno Taut diese Form gewählt hat, vielleicht aber schon. Das Hufeisen sollte die Idee des „Neuen Bauens“ versinnbildlichen und die Rationalität und Funktionalität nicht kaschiert, sondern betont werden. Dazu sagte Bruno Taut 1929: „Das Einzelne wie das Ganze erhält seine Form aus dem Sinn, den es hat.“ Diese Maxime ist auch der Grund für die Form des Gebäudes. Denn die Bewohner*innen der Siedlung sollten von Grün umgeben sein. Also baute man in diesem Fall um das Grün mit seiner speziellen Geographie herum: In der Mitte des Hufeisen-Gebäudes liegt ein Pfuhl, eine Grundwassersenke, die aus der Eiszeit stammt.

Gleichzeitig folgt die Hufeisensiedlung als eine der ersten Großwohnsiedlungen und Beispiele für das „Neue Bauen“ einem weiteren Ideal. Sie will als Gegenentwurf zu den Mietskasernen und dunklen Hinterhäusern des frühen 20. Jahrhunderts mit ihren menschenunwürdigen Lebensbedingungen verstanden werden. Und die Gemeinschaft ihrer Bewohner*innen widerspiegeln. Seit 2008 ist die Hufeisensiedlung UNESCO-Weltkulturerbe.


Marzahn

Viele der Plattenbauten in Marzahn wurden in ungefähr 110 Tagen gebaut.
Viele der Plattenbauten in Marzahn wurden in ungefähr 110 Tagen gebaut. Foto: imago/Schöning

Kaum zu glauben, aber Marzahn war mal ein Dorf. Eins, das seine Wurzeln im Mittelalter um 1230 hat. Seit 1920 aber, dem Jahr, in dem Groß-Berlin entstand, gehört es zur Hauptstadt. Die Großsiedlung Marzahn entstand, wie die Siedlung an der Michelangelostraße, nachdem die DDR-Führung beschlossen hatte, das Problem der Wohnungsnot bis 1990 zu lösen. Die Baumaßnahmen dauerten dann auch bis Ende der 1980er Jahre. Und das, obwohl die elfgeschossigen Plattenbauten, die das Viertel dominieren, alle innerhalb von etwa 110 Tagen gebaut wurden. Wirklich verwunderlich ist das aber nicht, denn die Plattenbauten bieten heute mehr als 100.000 Menschen ein Zuhause.


Hellersdorf

Großwohnsiedlungen in Berlin: Hellersdorf grenzt an den Kienberg.
Hellersdorf grenzt an den Kienberg. Foto: imago/Ritter

Wo endet Marzahn und wo beginnt Hellersdorf? Beide Viertel sind von Plattenbauten geprägt, beide liegen am östlichen Rand Berlins. Wer nicht in diesem Teil Berlins aufgewachsen ist oder zumindest längere Zeit dort gelebt hat, dem fällt die Unterscheidung wahrscheinlich schwer. Wenn man es einmal weiß, ist es aber gar nicht so schwer, sich zu merken, wo die Stadtteil-Grenze verläuft: nämlich ziemlich genau entlang der Wuhle, quer über die Eisenacher Straße. Genau wie in Marzahn dienten die Plattenbauten in Hellersdorf dazu, die Wohnungsnot in der DDR zu lindern. Übrigens: Die Straßen und Plattenbauten rund um die U-Bahnstation Louis-Lewin-Straße gehören erst seit 1990 zu Berlin. Denn dieser Bereich gehörte früher zur Gemeinde Hönow im Bezirk Frankfurt (Oder) – und aufgrund des Viermächteabkommens ließen sich die Stadtgrenzen nicht einfach so ausweiten.


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