Stadterkundung

Berlins geheimnisvolle Unterwelt

Im Rausch der Tiefe: Zahlreiche Mythen ranken sich um die Stadt unter der Stadt – Berlins Unterwelten. Seit ein paar Jahren werden in der Hauptstadt immer mehr blinde Tunnel, ­ver­witterte Gewölbe und alte Bunkeranlagen zugänglich. Doch wer einmal absteigt, der sei ­gewarnt: Meistens will man anschließend noch viel mehr sehen  

Tag des offenen Kanals
Tag des offenen Kanals

Treffpunkt historischer Bahnsteig der U-Bahnlinie 4 am Innsbrucker Platz, Schöneberg. Die eintrudelnden, rund 30 Teilnehmer der anstehenden „Tunnelwanderung Innsbrucker Platz“, einer Tour des Stadtführungsunternehmens „Secret Tours Berlin“, recken etwas ratlos ihre Köpfe. Immer wieder schweift der Blick auf das tote Gleis gegenüber der seit Jahrzehnten nur noch eingleisig fahrenden Kurzbahn, die in wenigen Minuten in Richtung Nollendorfplatz starten wird. Soll es hier jetzt in die dunkle, über hundert Jahre alte Röhre der ersten kommunalen U-Bahn Deutschlands gehen?
Doch Dominic Poncé, 45, Guide der Tunnelwanderung, winkt ab und leitet den Trupp genau in die entgegengesetzte Richtung. Vorbei an einem Lebensmittel-Discounter, der wegen seiner Sonntagsöffnungszeiten bis August letzten Jahres im hell gekachelten, modernen Vorraum zur U-Bahn regelmäßig für Menschenaufläufe gesorgt hatte. Treppe hoch und wieder draußen stehen die Besucher unschlüssig auf einem der hässlichsten Plätze Berlins: Über ihnen, auf einer Betonbrücke, rattern S-Bahnzüge. Neben ihnen qualmen dichtgedrängt Autos, die an dieser Anschlussstelle 17 – sie durchneidet brutal den Innsbrucker Platz – soeben die A100 verlassen haben, bevor die Strecke durch den hier unter dem Asphalt angelegten Autobahntunnel führt. Oder die, aus Schöneberg beziehungsweise Steglitz kommend, nun ungeduldig auf eine Grünphase der Ampel warten, um endlich Gas zu geben und sich auf die Schnellstraße einfädeln zu können.

Was die Tour-Teilnehmer in der Regel – noch – nicht wissen: Berlins teils widersprüchliche Verkehrsplanungen der letzten 110 Jahre haben sich am Innsbrucker Platz nicht nur oberirdisch, sondern – ungemein beeindruckender – vor allem unterirdisch eingeätzt. Der Eisacktunnel, ein jahrzehntelang vergessenes, Anfang der 1970er Jahre im Zuge von Baumaßnahmen endgültig gekapptes Verlängerungsstück der U-Bahnlinie 4 auf Friedenauer Seite, eine sogenannte Kehranlage, die in den 1920er Jahren mit einer inzwischen denkmalgeschützten Wohnanlage überbaut wurde, gibt davon ein erstes überraschendes Zeugnis: Poncé lenkt die Tour-Teilnehmer über die Eisackstraße um ein paar Ecken an eine Straße zwischen den früheren Genossenschaftsbauten, wo er unter einem Gebüsch eine flach liegende Gitterpforte aufschließt. Eine Steigleiter führt in die dunkle Tiefe. Nicht alle Teilnehmer sind jung und drahtig, einige dürften ihren 60sten Geburtstag vor längerer Zeit überschritten haben. Dennoch zögert auch bei den älteren Herrschaften niemand, den etwa vier oder fünf Meter langen Weg in die Finsternis auf dünnen, eisernen Leitersprossen anzutreten.

Ungefähr seit der Jahrtausendwende erlebt Berlin einen bis dahin nicht gekannten Sog in seine Unterwelten: Egal, ob es zu Besichtigungstouren in Tunnel, Bunker, historische Brauereigewölbe oder unterirdische Regenwasserauffangkanäle geht – die Teilnehmerlisten sind häufig bis auf den letzten Platz gefüllt und vor allem weniger regelmäßig angebotene Termine sind bereits kurz nach ihrer Bekanntgabe ausgebucht.
Lust auf derartige Exkursionen haben Leute wie Dietmar Arnold, 51, gemacht. Bereits Ende der 1970er Jahre, als Jugendlicher, buddelte sich der Hermsdorfer mit Freunden ein Schlupfloch unter einem zugemauerten Eingang zwischen meterdicken Wänden in die Flakturmruine am Humbolthain.

Berliner Unterwelten – Innsbrucker Platz
Berliner Unterwelten – Innsbrucker Platz

Die Anlage ist Überrest eines monströsen Kriegsgebäudes aus der Nazizeit, das zwischen 1948 und 1951 zur Basis des inzwischen dicht bewachsenen, 85 Meter hohen Trümmerbergs im Weddinger Volkspark Humboldthain wurde. Später studierte Arnold Stadtplanung und lernte bei einem Studentenaustausch in Paris die dortigen Katakomben sowie andere damals schon vergleichsweise gut erschlossenen Untergrundanlagen kennen. Für ihn eine elementare Inspiration, nun ebenfalls, nur eben in Berlin, Unterwelten erkunden zu wollen. Zusammen mit seinem drei Jahre jüngeren Bruder Ingmar, einem Historiker, sowie dem Fotografen Frieder Salm begann er – später auch im Auftrag des Senats – Tunnel, Bunker und sonstige von Menschen erschaffene Hohlräume unter der Oberfläche Berlins zu erforschen.
Das 1997 erstmals erschienene, auf Anhieb gut nachgefragte Buch „Dunkle Welten. Bunker, Tunnel und Gewölbe unter Berlin“ des Trios, ist eines der Resultate der jahrelangen Wühlarbeit vor Ort und in Archiven: Denn der 2013 bereits in 10. aktualisierter Auflage erschienene Band schlägt einen Bogen von den ersten Brauereikellern in Berlin und Umgebung – Bierhersteller waren die Pioniere in Sachen Untergrund – bis hin zur Errichtung von Tiefgaragen oder Versorgungstunneln im Rahmen der Neubebauung in der wiedervereinigten Stadt. Zeitgleich zum Ersterscheinungsjahr des Buches gründete Arnold zusammen mit zehn weiteren abenteuerlustigen Aufklärern, Geschichtsinteressierten, Denkmalpflegern und sonstigen Nerds den Verein „Berliner Unterwelten“.

Inzwischen hat der Verein rund um seine Geschäftsstelle am Bahnhof Gesundbrunnen nicht nur unterirdische, einstige U-Bahn-Betriebsräume, die während des zweiten Weltkrieges zu Luftschutzbunkern ausgebaut wurden, erschlossen und als Denkmalstätten zugänglich gemacht. Die derweil auf fast 500 Mitglieder angewachsene Initiative betreut, von den anliegenden Flaktürmen bis zum ehemaligen Operationsbunker in Reinickendorf und dem Alten Wasserwerk Friedrichshagen, inzwischen zahlreiche weitere Anlagen, durch die sie 2015 rund 340.000 Besucher führte, darunter zur Hälfte Berlin-Touristen. Auch Angelina Jolie und Brad Pitt ließen sich dereinst, als sie noch ein Paar waren, von den „Berliner Unterwelten“ durch Luftschutzräume führen und kraxelten mit ihnen durch die Flaktürme am Humboldthain, vorbei an Einschusslöchern, eingestürzten Wänden und gähnend tiefen Kratern.

Beim Eisacktunnel Nähe Innsbrucker Platz hat es derweil ein bisschen gedauert, bis alle Tour-Teilnehmer endlich festen Tunnelboden unter den Füßen haben. Wie Glühwürmchen schwirren die Lichtkegel von Taschenlampen durch die muffig riechende Luft, um sich an einem sorgfältig an die Wand gepinselten Schild wieder zu treffen. „Raum 3“, steht da in einem schlichten Schrifttyp schwarz auf weiß. Und darunter: „120 Personen“. Obwohl der Hinweis bereits vor über 70 Jahren an die Tunnelwand angebracht worden ist, ist der Schriftzug zwar von einer dünnen Staubschicht und ein paar Spinnweben bedeckt, die Farben aber sind nicht verblasst. Im Zweiten Weltkrieg sei der Tunnel in Segmente unterteilt und als Schutzbunker genutzt worden, erklärt Dominic Poncé, der Tour-Guide.

Industrialisierung, Erster Weltkrieg, Weimarer Republik, Weltwirtschaftskrise, Nationalsozialismus, Zweiter Weltkrieg, Besatzungszeit mit deutscher Teilung, Kalter Krieg: Wer in die Tiefen Berlins absteigt, wird vor Ort mindestens eine historische Ära der Stadt wie eingefroren wiederfinden. Denn während oberhalb der Erde Häuser und Straßen gebaut, zerstört, neu errichtet oder bis zur Unkenntlichkeit modernisiert wurden, gibt es bei vielen unterirdischen Anlagen den einen Tag, an dem die Anlage vergessen wurde – und die Zeit stehen blieb.

Foto: Berlin Kompakt
Foto: Berlin Kompakt

Im Eisacktunnel passierte dies nach Kriegsende, als der überlebende Teil der Bevölkerung aus seinen Verstecken kroch und alles mitnahm, was irgendwie noch verwertbar war. In den „Verborgenen Orten im Flughafen Tempelhof“ indes, so der Name einer Tour, die jenseits von neu renovierten Bürofluchten und den bekannten Hangars ausschließlich durch derzeit – noch! – weitgehend ungenutzte Räumlichkeiten in den unteren Etagen des zeitweilig weltgrößten Gebäudes führt, fand der Stichtag 1994 statt: als die amerikanischen Alliierten den ihnen unterstellten Ort verließen. Seit der Inbetriebnahme des Flughafengebäudes im Jahre 1936 haben sich die wechselnden Epochen wie Jahresringe bei Bäumen an zahlreichen Wänden, Treppen oder vergessenen Einrichtungsgegenständen festgesetzt.

Da ist der in den letzten Kriegstagen ausgebrannte Film- beziehungsweise Dokumentenbunker, ein einstiger Hochsicherheitstrakt ganz tief im Keller, in dem die Nazis kriegswichtige Luftaufnahmen lagerten – und an dessen Rußwänden sich GIs mit ihren Kritzeleien verewigt haben. Da sind die von den NS-Bauherren vorsorglich eingeplanten Luftschutzräume, deren Wandzeichnungen nach Vorbildern des Karikaturisten Wilhelm Busch die Auserwählten, die hier im Bombenhagel Zuflucht suchen durften, aufheitern sollten – während die am Flughafen eingesetzten Zwangsarbeiter draußen in Gräben dem Tod geweiht waren. Und da ist der einstige Trakt der Deutschen Lufthansa AG, dessen gediegene Innenarchitektur auf die herausragende Position dieses Verkehrsunternehmens in der Nazizeit verweist und deren Räumlichkeiten später im „Denver-Clan“-Stil umdekoriert und US-Offizieren zugänglich gemacht wurden.

An anderen Orten jedoch scheint der  entscheidende Tag, an dem die Zukunft ausgeknipst wurde, noch gar nicht gekommen zu sein. Der „Geisterbahnhof“ der sogenannten Phantomlinie U10 beispielsweise, zu dem Dominic Poncé seine Tour-Teilnehmer nach dem Wiederaufstieg aus dem Eisacktunnel und zurück am Innsbrucker Platz nun führt, wirkt kaum weniger frisch und neu, als der immer noch auf seine Vollendung wartende BER in Schönefeld.
Durch eine unscheinbare, blaue Tür geht der Weg über schummrig beleuchtete, nackte Betontreppen und Zwischenetagen bis auf 16 Meter unter die Erdoberfläche. Viel scheint an diesem Bahnhof eigentlich  nicht mehr zu fehlen, bis die Passagiere ihre Fahrt aufnehmen können: In der schicken, von rohen Betonwänden geprägten Bahnsteighalle müssten nur noch links und rechts die Gleise gelegt, außerdem zwischen den Etagen Rolltreppen eingebaut werden. Eine Aufgabe, die mit durchdachter Logistik schnell zu schaffen ist.

Deren Ausführung aber völlig sinnlos wäre. Denn die auf frühe Planungen aus den 1920er Jahren zurückgehende U10 ist trotz ihrer Rohbaustation unter dem Autobahntunnel am Innsbrucker Platz und ein paar brach liegenden, unterirdischen Zugangsplattformen etwa an der Schloßstraße, dem Kleistpark oder dem Potsdamer- und Alexanderplatz nicht viel mehr als eine Idee geblieben: Es wurden nie Verbindungstunnel gebaut. 1984, mit der Übernahme der zu dieser Strecke parallel verlaufenden S-Bahnlinie 1 aus Ost-Berliner in West-Berliner Verantwortung, wurden die U10-Pläne gegenstandslos.
Dennoch herrscht auf dem Geisterbahnhof nicht nur gespenstische Stille. Statt der Fahrgäste frequentieren in unbeobachteten Momenten Graffiti-Sprüher die Station durch nur ihnen bekannte Zugänge. Hinterlassen haben sie an den Wänden meterlange, bunte „pieces“, dazu leere Farbsprühdosen  – und, etwas abseits, eine Sitzecke mit Sofas, einem Couchtisch und einem Beistellschränkchen.

Von der Faszination für das vermeintlich geheimnisvolle Leben in der Unterwelt, vom Mythos um bizarre Aktivitäten in der „Stadt unter der Stadt“, zehren seit der Erschaffung von Gruften, Kellern, Bunkern oder Tunneln regelmäßig auch Geschichtenerzähler. Und natürlich eine Unzahl von Filmen oder Fernsehsendungen. Die in Berlin gedrehte Tatort-Folge „Oben und unten“ etwa, sie wurde am 19. April 2009 erstmals ausgestrahlt, verwob den Berliner Untergrund – nicht ganz realitätsgetreu – zu einem komplexen, zusammenhängenden System: Auf der Suche nach dem Mörder des betrügerischen Unternehmers Horst Baumann (Malte Bullack) begibt sich Kommissar Till Ritter (Dominic Raacke) erst in einen U-Bahn-Schacht – um Stunden später auf dem Pariser Platz einen Kanaldeckel beiseite zu schieben und wieder ans Tageslicht zu steigen. Unterwegs hat er Bekanntschaft sowohl mit einem verwahrlosten Eremiten gemacht, dem Künstler Gregor Sasmussen (Harald Schrott), der inmitten einer seltsamen Unterwelt-Installation lebt, als auch mit Daniel Roßhaupter (Marlon Kittel), einem desillusionierten, jungen Mann, der in der Unterwelt eine Art Heimat gefunden hat. Letzterer führt den Kommissar in der Nähe des Sowjetischen Ehrenmals in Tiergarten zu einem Einstiegsloch nach unten.
Tatsächlich befindet sich ungefähr an dieser Stelle der Abschnitt einer unterirdischen Schnellstraße, für die von den Nazis geplante „Reichshauptstadt Germania“. Trotzdem trägt Daniel unterwegs ziemlich dick auf, als er mit einem Fingerzeig kurz behauptet: „Und da unten geht’s zum Führerbunker.“ In Wirklichkeit wurden die zum Schluss nur noch als deckenloser Grundriss existierenden und deutlich geringer als geraunt dimensionierten Räumlichkeiten an der Wilhelmstraße Mitte der 1980er Jahre zugeschüttet und zu einem Parkplatz planiert.
Die Anfragen von stumpfsinnigen Zeitgenossen, die sich bei den „Berliner Unterwelten“ immer mal wieder erkundigen, ob man im „Führerbunker“ vielleicht auch heiraten könne, haben sich damit ein für allemal erledigt.

Ab nach unten: Berlins Untergrund ist transparenter als vermutet. Denn ob Vereine, kommerzielle Stadtführer oder ­städtische Betriebe: Immer mehr Anbieter laden zu Exkursionen in die hauptstädtische Unterwelt. Hier geht es zu einer Überblicksseite mit den besten unterirdischen Orten und Führungen

Zum Weiterlesen
Dietmar und Ingmar Arnold, Frieder Salm: „Dunkle Welten. Bunker, Tunnel und Gewölbe unter Berlin“, Chr. Links Verlag, 10. aktualisierte Auflage, Berlin 2013, 240 Seiten, 30 €

„Unterirdisches Berlin. Stadtplan mit Illustrationen, Sonderkarten und Fotodokumenten zu unterirdischen Orten“ plus Erläuterungsbroschüre, Edition Panorama Berlin, www.panorama-berlin.de, 9,80 €

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