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Bildungsurlaub bei Berlin: Radtour im Umland

Seit der Wende hat sich das Berliner Umland rasend schnell entwickelt. Was es heute dort gibt und welche gesellschaftlichen Verhältnisse dafür verantwortlich sind, zeigt dieser Bildungsurlaub.

Wildes, weites Brandenburg gibt es in diesem Bildungsurlaub zu entdecken. Foto: Joachim Schneidewind

Joachim Schneidewind liebt, wie sollte es bei dem dynamischen Namen anders sein, das Fahrradfahren. Seine zweite Leidenschaft, sein Lebensthema, ist die Auseinandersetzung mit den Eigentumsverhältnissen. Und wer mag, darf bei beidem mitmachen. Der Bildungsreiseleiter bietet eine einwöchige Radtour durch das Berliner Umland im Süden und Osten der Stadt an. 200 Kilometer weit, bis nach Polen geht die Fahrt. Und dabei erklärt Schneidewind, wem welches Stück Land wann gehörte. „Ich will ein Gefühl dafür vermitteln, was das mit einer Landschaft und den Menschen macht, wenn sich die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen verändern“, sagt er.

30 Jahre hat Schneidewind im öffentlichen Dienst an der Rückabwicklung der Ost-Enteignungen mitgearbeitet. „Der eine hat eine Müllhalde zurückgekriegt, der andere eine Eigenheimsiedlung. Der eine hat den goldenen Griff getan und der andere ins Klo gegriffen. Und inzwischen strahlt Berlin fast bis zur Ostsee. Die Immobilienpreise explodieren. Da kann man bei der Gentrifizierung zugucken, das will ich vermitteln. Das macht mir Freude, dafür zu sensibilisieren.“

Seine Fahrt geht in den Naturpark Nuthe-Liepnitz, zu einer christlichen Glaubensgemeinschaft, die ihre zwischenzeitlich von Wehrmacht und Roter Armee genutzte Fläche rückübertragen bekam und in alten Plattenbauten residiert, mit Behindertenwerkstatt und Wildgehege. Danach geht es ostwärts, Oderbruch, Nationalpark Unteres Odertal, Massengräber der Roten Armee vom Kampf um die Oderüberquerung bei der Befreiung Deutschlands. Es gibt Essen und Übernachtung in einem restaurierten Kloster, vielleicht sogar Wolfsspuren, eine Tour durch den Vorzeige-Biohof Brodowin, aber auch heruntergekommene Siedlungen in Polen, wo Alkohol und Armutsprostitution sehr präsent sind. „Ich will zeigen, was so ein Wohlstandsgefälle mit den Menschen macht“, sagt Schneidewind.

Unterwegs begegnen Schneidewind und seine Mitreisenden zahlreichen Locals, zum Beispiel dem Bürgermeister von Neulietzegöricke, mit dem die Bildungsreisegruppe in die Kneipe Zum feuchten Willy geht. „Da kriegt man ein Gefühl dafür, was die Wende mit der Gegend gemacht hat“, sagt Schneidewind. „Schult das Verständnis für andere Menschen. Der Blickwinkelwechsel ist der Anfang eines besseren Miteinanders.“

Schneidewind leitet die Tour mit seiner Frau, die auf Wunsch eine weitere Ebene einbringt. Stressmanagementmethoden wie Muskelrelaxation nach Jacobson, Anleitungen zu: Annehmen, was ist und schauen, wo die Spielräume liegen. „Ich hab richtig Bock auf die Reise. Und bis jetzt waren alle immer megaglücklich, wenn sie heimgefahren sind“, sagt Schneidewind.

  • 2.-8.6.24, 860 € DZ, 1.032 € EZ, mit Frühstück und einigen Abendessen, Kontakt: 06131-146 8618, [email protected], Kurs-Nr.: 8108. Eigenes Fahrrad nötig

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