Stadtleben

Kitkat

 

Jackie: Morgen geh ich ins Kitkat.

Freundin: (unbeeindruckt) Gibt’s das noch?

Jackie: (wichtigtuerisch) Natürlich. Die sind umgezogen ins Sage.

Freundin: In diesen Black-Musik-Club mit den ganzen Kiddis?

Jackie: Da läuft jetzt Techno und … (sucht nach Worten) Sexualtrance.

Freundin: Schreib doch mal da­rüber, das fänd ich interessant!

Jackie: Das Kitkat gibt’s doch schon ewig.

Freundin: Kitkat geht immer.

KitkatNachdenklich sitze ich anschließend vorm Telefon und muss an meinen letzten Besuch im S/M- und Fantasy-Club denken. Sie hatten eine riesige Hüpfburg aufgebaut und Schaum in den Raum gepumpt, bis alle Leute bis zum Bauchnabel darin verschwanden. Meine sadomasochistischen Erlebnisse an diesem Abend beschränkten sich auf wie­derholtes Ausrutschen auf glitschigen Fußböden sowie einer kurzen Hüpfburg-Bekanntschaft mit Jens.

Der Mann im Nirvana-T-Shirt wippte fröhlich auf den Luftkissen im Takt von „People From Ibiza“, bevor er mich auf ein Bier einlud. Während wir auf dem Weg zur Bar aus dem Schaum traten, geriet unser lo­cker-­charmantes Gespräch ins Stocken. Jens war bis auf ein paar Socken „unten ohne“ und mit einer beachtlichen Erektion unterwegs.

Für morgen habe ich mir Informationen eingeholt. Es wird keinen Schaum geben. Am Abend begrüße ich im gemäßigten Fantasy-Outfit (schwarzes Shirt mit Blitz-Motiv) die Veranstalterin – eine elegante Er­schei­nung mit kräftigem Berliner Dialekt. Sie gibt dunkelrote Schnäpse aus, die ich an meinen Partner weiterreiche. Er steht seit Längerem schon regungslos an der Bar. Buntes Konfetti liegt vor uns auf dem Boden, die Wände sind bemalt mit versaut kopulierenden Strichmännchen. Gegen­über auf dem runden Tanzpodest windet sich ungelenk eine riesige Latextranse an der Stange. Sie wirkt nicht sehr sexy, dafür bedrohlich – wenigstens auf meinen Partner, der hat Angst vor ihr. Zudem ist er unpassend gekleidet. Gleich zu Beginn forderten die Türsteher ihn auf, seinen hellen Pulli auszuziehen. Er hat ihnen eine merkwür­dige Lügengeschichte erzählt, gestrickt um eine Krankheit. Und nun steht er hier – so passend wie Sascha Hehn, besetzt in einem David-Lynch-Streifen.

Insgeheim hatte ich gehofft, dass der gemeinsame Besuch im Kitkat der Beziehung vielleicht ein paar neue Impulse geben könnte. Doch statt Erregung kann ich im Moment nur vereinzelte, helle Fusseln im Gesicht meines Partners ent­decken, die wegen des Schwarzlichts im Club be­sonders zur Geltung kommen.

Gegen ein Uhr kommt es auf einem roten Bett in der Ecke zu überraschend einfallslosem Heterosex. Eine Frau, die aussieht, als käme sie gerade vom Kaffeekränzchen, erklimmt auf der anderen Seite die Bühne. Sie stört die Performance eines Musikers, indem sie sich mit ihrem dicken Hintern und einer kleinen Tussi-Handtasche an ihn hängt. Der zierliche Sänger geht unter dem Gewicht zu Boden.

Das Publikum ist begeistert, und ich beschließe mit meinem Partner, die mitgeführte Finanzreserve (Haushaltsgeld Mai) komplett zu versaufen. Gerade hat die Freundin eine SMS geschickt, will wissen wie’s ist.

Meine Antwort: „Kitkat-geht-immer-Grüße-von-Jackie.“

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