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Kommentar

Bitcoin, Bezos und Berlin: Corona verschärft die zynische Situation

Der Amazon-Chef Jeff Bezos verdiente seit dem Ausbruch der Pandemie Milliarden dazu, Tesla-Chef Elon Musk hat in der Zeit sein Vermögen verdreifacht. Kürzlich übersprang der DAX die Rekordmarke von 14.000 Punkten, vom rasant steigenden Bitcoin-Kurs oder den explodierenden Immobilienpreisen gar nicht erst zu sprechen. Goldene Zeiten für Investoren und Milliardäre. Gleichzeitig versinkt die Welt im wirtschaftlichen Stillstand, in Berlin sind Kurzarbeit, drohende Arbeitslosigkeit und Armut längst Realität. Wie passt das zusammen?

Während die Welt den Bach runtergeht, steigt der Bitcoin-Kurs von Tag zu Tag. Foto: Imago/Thomas Trutschel/photothek.de
Während die Welt in Corona-Zeiten den Bach runtergeht, steigt der Bitcoin-Kurs von Tag zu Tag. Foto: Imago/Thomas Trutschel/photothek.de

Natürlich passt es zusammen, könnte ein Zyniker sagen, und da die meisten Menschen zynisch geworden sind, vor allem angesichts der Weltwirtschaft, muss man dem klaglos zustimmen. Die ausbeuterischen Produktionsbedingungen von Billig-T-Shirts, Frischfleisch, Smartphones und Plastikspielzeug nehmen wir schließlich im Namen des bequemen Konsums ja auch schon seit Jahrzehnten hin.

Die Schere klafft weiter auseinander. Zwischen dem reichen Norden und dem armen Süden sowieso. Das schon lange, aber da ist das Problem weit weg. Nun klafft die Schere auch bei uns vor der Haustür immer mehr auseinander, und das zeigt Corona. Es geht nicht um den Norden und den Süden, sondern recht universell um das Verhältnis zwischen „denen da oben und dem Rest“. Das klingt schon doof, wenn man es schreibt, wie ein linker Sponti-Spruch, den man besoffen an die Wand eines besetzten Hauses pinselt und sich dann kurzzeitig revolutionär fühlt. Und doch stimmt es, ruft eine Stimme in mir.

Die Situation ist an Zynismus nicht zu überbieten, vielleicht liegt es am Winter und an den fehlenden Beschäftigungen jenseits von Alltagspflichten, Arbeit und Spaziergängen. Doch ich komme ins Grübeln und stelle mal die ganz große Frage: Wie kann das alles sein?

In Berlin sind unzählige Menschen von Arbeitslosigkeit bedroht

In Berlin sind unzählige Menschen von Arbeitslosigkeit bedroht, Kleinunternehmer können etwas auf Förderungen und andere Finanzhilfen bauen, doch wie lange soll das so weitergehen? Viele Angestellte sind in Kurzarbeit, Freiberufler und Soloselbständige hadern seit Monaten mit der Krise, und Besserung ist nicht in Sicht. Firmen melden Konkurs an. Von den Auswirkungen auf die Kulturbranche habe ich noch gar nicht angefangen, genauso nicht von den sozialen Verwerfungen, politischen Extremisten, die die Situationen ausnutzen wollen oder Depressionen und Suizidalität.

Global betrachtet geht es uns in Berlin besser als an den meisten anderen Orten der Welt. Das ist sicherlich wahr. Aber im Prinzip geht es nahezu allen schlechter als vor einem Jahr. Es sei denn, man ist Vermieter, Kokaindealer oder verbeamteter Lehrer. Durch die Lockdown-Maßnahmen gerät die Wirtschaft ins Stocken, und wo weniger Geld umgesetzt wird, ist weniger Geld da. Das wäre noch nachvollziehbar: Der Markt ist fair und gesund, wir müssen einfach nur den Gürtel enger schnallen und dann geht das schon – klassisch naiv gedacht. Stimmt nur leider nicht.

Existenznot durch Corona: Alarmstufe Rot - Tausende Künstler und Veranstalter demonstrieren in Berlin. Foto: Imago/Müller-Stauffenberg
Existenznot durch Corona: Alarmstufe Rot – Tausende Künstler und Veranstalter demonstrieren in Berlin. Foto: Imago/Müller-Stauffenberg

Die Beispiele Bezos, DAX, Bitcoin und Quadratmeterpreis für Eigentumswohnungen zeigen mit härtester Deutlichkeit, dass Globalisierung und Finanzwirtschaft anders ticken als die Realwirtschaft. Dass die Gesetzte des Marktes unterschiedlich gelten. Angestellter oder Aktionär. Mieter oder Vermieter. Milliardär oder Migrant. „Wir sind vielleicht alle gleich, aber manche sind reich“, blöder Spruch, aber passt hier gut rein.

Oder um den großen Songwriter Leonard Cohen zu zitieren: „The poor stay poor, the rich get rich. That’s how it goes. Everybody knows“. Jeder weiß es. Auch die ins Nichts verpuffte kapitalismuskritische „Occupy Wall Street“-Bewegung hat damals von den 99% gesprochen, das sind wir alle, und das restliche 1% scheffelt die Kohle. Daran hat sich nichts verändert. Everybody knows.

Die Welt ist ungerecht, da hilft auch kein neoliberaler Spruch

Das ist alles keine neue Erkenntnis. Die Welt ist ungerecht, da hilft auch kein neoliberaler Spruch wie „Jeder ist seines Glückes Schmied“, der ist genauso haltlos wie irgendein pseudorevolutionärer Sponti-Spruch. Diese Ungerechtigkeit wird in Krisenzeiten einfach nur größer und sichtbarer. Corona macht es spürbar und das ist gefährlich. Der Zynismus wird dadurch schärfer, die Lage deprimierender.

Und in Wirklichkeit sehnen wir uns alle doch eigentlich nur nach dem Frühling und nach Zerstreuung. Nach einer Nacht im Club, einem Kinobesuch oder einem Live-Konzert. That’s how it goes.


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