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Kommentar

Impftermin in Berlin suchen, ein beklopptes System – Es geht auch anders!

Wer in Berlin einen Impftermin will, hat einiges vor sich. Priorisierung oder keine Priorisierung, das ist die erste Frage. Ist man weder mehr als 70 Jahre alt, noch im medizinischen Sektor oder Lehrbetrieb tätig, muss man sich auf eine unsinnige Betteltour durch die Hausarztpraxen dieser Stadt begeben. Ein Vorgang, der nervt und Zeit raubt. Und zwar die Zeit der Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen in den Praxen – wie auch die der Impfwilligen. Diese Prozedur ließe sich durch etwas Mitdenken, politischen Willen und ein paar Servern optimieren. Ein Kommentar von Jacek Slaski zu einem beklopptem System in nicht weniger bekloppten Zeiten.

Impftermin in Berlin gesucht? Gar nicht so einfach, nur wer Glück hat kommt in die Impfpraxis. Foto: Imago/Frank Sorge
Impftermin in Berlin gesucht? Gar nicht so einfach, nur wer Glück hat kommt in die Impfpraxis. Foto: Imago/Frank Sorge

Die Priorisierung für Impfungen mit Astrazeneca ist aufgehoben. Hurra, denke ich als Mittvierzigjähriger und für das System völlig irrelevanter Journalist. Das ist meine Chance, mir den umstrittenen Wunderstoff in die Vene jagen zu lassen. Klar, ich hätte auch lieber das gute Zeug vom Viagra-Hersteller, aber nun gut, man sollte schon dafür dankbar sein, was man bekommen kann.

Doch wie läuft es denn jetzt genau? Wieder irgendwas mit „Corona“ googeln, Bestimmungen, Verlautbarungen und Nachrichten lesen, sich in doofen Foren verzetteln, abschweifen, sich über widersprüchliche Informationen ärgern, dann irgendwann feststellen, ist ja gar nicht so schwer – ab zum Hausarzt! Kein Ding, ich ruf an, die Arzthelferin nimmt ab, sie wirkt amüsiert, ich ahne ein Augenrollen, fühle mich nicht ernst genommen. Bestimmt bin ich der fünfundsechzigste Trottel, der sie seit dem Morgen nervt, es ist kurz nach Elf.

Impftermin in Berlin? Ja, sie würde mich auf die Warteliste setzen …

Ja, sie würde mich auf die Warteliste setzen. Warum glaube ich ihr nicht? Ich frage, ob Sie mir in etwa sagen könnte, wie lange ich warten muss, nein kann sie nicht. Komme mir vor, wie bei dem Versuch, Tickets für ein Konzert der 2022er-Clubtour von Die Ärzte im SO36 zu ergattern. Hoffnungslos. Zum Abschied sagt die Arzthelferin noch, dass falls ich mich woanders impfen lasse, solle ich doch mal Bescheid geben. Jawohl, mache ich, sage ich. Mach ich nicht! Ist doch klar, macht niemand. Ich ende dann eben als Karteileiche.

Ich erinnere mich an diesen Artikel aus der „Vice“, in dem ein Schlaumeier beschreibt, wie er sich auf Dutzende Impftermin-Wartelisten in Dutzenden Hausarztpraxen setzen ließ und dann den begehrten Termin bekam. Okay, mache ich jetzt auch. Auf der Seite der Kassenärztlichen Vereinigung finden sich Adresslisten von Ärzten, die mit AstraZeneca impfen. Ich kopiere die E-Mail-Adressen raus und schreibe spontan eine Rundmail an alle Praxen in den Bezirken, die ich regelmäßig durchfahre. Kreuzberg, Friedrichshain, Neukölln, Schöneberg, Wilmersdorf, Charlottenburg, ich glaube Lichtenberg habe ich auch mitgenommen. Mehr ist mehr.

Das Impf-System ist, ich schrieb es eingangs, bekloppt.

Jetzt steht mein Name entweder auf Dutzenden Wartelisten quer über die Stadt verteilt, oder meine Anfragen landeten direkt im Spamordner. Falls sie doch gesichtet wurden, musste das Praxispersonal also mein Ansinnen mühselig in irgendeine Tabelle übertragen. Und das bei jeder neuen Anfrage von anderen Schlaubergern wie mir, vermutlich hundert Mal am Tag, immer wieder. Was für eine Verschwendung wertvoller Arbeitszeit, vor allem der der Arzthelferinnen und -helfer, aber irgendwie auch meiner. Beides blöd. Gleichzeitig weiß ich nicht, ob die ganze Sache mir irgendetwas bringt, wann eine Impfung überhaupt erfolgen könnte. Es ist alles unklar. Das System ist, ich schrieb es eingangs, bekloppt. Richtig bekloppt.

Es erinnert mich an die kläglichen Versuche, als junge Eltern einen Kitaplatz in Berlin zu bekommen. Man latscht mit leerem Blick von einem Kindergarten zum anderen, quatscht die Erzieherinnen voll, lässt sich von fremden Kindern anhusten und auf eine – jetzt kommt es! – Warteliste, schreiben, und dann hofft man. Meist wird nichts draus, dafür hat man Zeit verloren und andere Leute genervt.

Wer bekommt denn einen Impftermin in Berlin jenseits der Priorisierung, nach welcher Logik und welchen Regeln läuft die Sache ab? Beziehungen, sympathisches Lächeln, Bestechung, sexuelle Gefälligkeiten, Glück oder Zufall? Wer weiß es schon. Ein Freund sagte kürzlich zu mir, er hat den Eindruck, dass genau die Leute Impftermine frühzeitig bekommen, die vor der Pandemie besonders gut darin waren, auf Gästelisten für Partys und Konzerte zu stehen.

Hier werde ich zum Digital-Zentralisten

So nicht! Hier werde ich zum Digital-Zentralisten. Gibt es diesen Begriff überhaupt? Egal. Warum um alles in der Welt, lassen sich Impftermine (und Kitaplätze) nicht zentral vergeben? Warum lässt sich nicht eine bereits existierende Software auf diesen doch recht einfachen Vorgang anwenden? Man müsste vermutlich etwas technisches Geschick mitbringen, das Programm anpassen und ab geht es. Profis dürften dafür nicht sehr lange brauchen.

Die Idee: Hausärzte melden dem System freie Impfslots und Impfwillige melden ihre Impfbereitschaft an. Das Programm vergleicht das Angebot und mit der Nachfrage und verteilt die Impftermine in der Reihenfolge der Anmeldung. Ob Stadt, Gesundheitsamt, Krankenkassen oder ein Privatanbieter wie Doctolib, oder sie alle zusammen, irgendwer müsste in der Lage sein, so ein Impftermin-Verteilsystem umzusetzen. Das kann im Jahr 2021 doch kein Wunschdenken sein! Ach so, und das Kitaplatz-Verteilsystem gleich dazu.


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