Kommentar

Auf Nimmerwiedersehen, Luca: Berlin nutzt App nicht mehr

Die Luca-App hatte keinen guten Start – und jetzt ist ihr auch kein gutes Ende bestellt, zumindest nicht in Berlin. Der Senat hat beschlossen, den Dienst nicht weiter zur Kontaktverfolgung zu nutzen. Real dürfte das gar keinen Unterschied machen: Für die Gesundheitsämter war die App weitestgehend sinnlos. In diesem Sinne: auf Nimmerwiedersehen.

Luca-App nicht mehr nötig: Berlin beendet die Zusammenarbeit – und die Kontaktnachverfolgung. Foto: Imago/Norbert Neetz

Luca: Gute Idee, aber teures Vergnügen

Mehr als eine Millionen Euro hat sich der Berliner Senat die Luca-Lizenz kosten lassen. Die App, deren bekanntester Werbebotschafter Smudo von den Fantastischen Vier ist, sollte viel schaffen: die Kontanktnachverfolgung in Bars und Restaurants digitalisieren. Während wir im ersten Jahr der Pandemie überall mit losen Zettelsammlungen konfrontiert waren und unsere Adressen in mehr oder weniger professionell anmutende Listen auf Papier eintragen sollten, versprach die App, das per QR-Code-Scan für uns zu übernehmen. Theoretisch sollte es so funktionieren: Wenn jemand beim Lieblingsitaliener saß, bei dem später Corona diagnostiziert wurde, sollten alle, die zur gleichen Zeit dort waren, eine Warnung bekommen.

Das war eine feine Idee, in der Realität aber Unfug. Das hatte mehrere Gründe:

  • Es gab zwei Systeme, weil auch die ohnehin schon auf Millionen Handys geladene Corona-App vom Robert-Koch-Institut das Feature bald ergänzte.
  • Viele Restaurants und Shops nahmen das mit dem Scannen und Erfassen nur so halb ernst. Zumindest am Anfang.
  • Es gab keinerlei Verpflichtung, die App zu nutzen. Entsprechend konnte es sein, das in einem Restaurant 20 Leute saßen, von denen ein Viertel Luca, ein Viertel die Corona-Warn-App und der Rest gar nichts nutzte. Es scheiterte also auch an der Freiwilligkeit und daran, dass unterschiedliche Bundesländer unterschiedliche System fuhren.

Datenschützer kritisierten Luca – Länder zahlten viel

Tatsächlich gab es mit der Luca-App, hinter der die Firma culture4life GmbH steht, aber größere Probleme: Die Hintergründe der verantwortlichen Firma waren unklar, die Datenschutzbedenken groß – und dazu war die technische Anbindung an viele deutsche Gesundheitsämter gar nicht gegeben. In den vergangenen Monaten gab es immer wieder Wasserstandsmeldungen von deutschen Nachverfolgungsbehörden – quer durchs Land wurde auf die sinnlose Investition geschimpft, real geholfen hat sie wohl nur im nicht mehr messbaren Bereich.

Durchaus ärgerlich, weil ja kein günstiges Vergnügen: Die Verträge mit 13 Bundesländern (Sachsen, Thüringen und Nordrhein-Westfalen hatten verzichtet) hatten bislang ein Jahresvolumen von 20 Millionen Euro inklusive Mehrwertsteuer, berichtet die „BZ“. Auch der damalige Regierende Bürgermeister Michael Müller reagierte in Sachen Luca schnell.

Smudo als Gesicht der App betonte immer wieder, dass gerade die Datenschutz-Debatte überzogen sei. Er sah großen Nutzen in dem System: „Luca hat definitiv geholfen, die Zettelflut in Gesundheits­ämtern und bei den Veranstaltern abzuschaffen. Es hat sich gezeigt, dass Luca auch bei hohen Inzidenzen gut eingesetzt werden kann“, gab er beim RND zu Protokoll.

Smudo? „Bremen zufrieden!“ Bremen? Kündigt.

Er betonte in dem Gespräch Mitte Januar 2022 auch, dass zum Beispiel, Bremen und Niedersachsen sehr zufrieden mit Luca seien. Inzwischen ist bekannt, dass Bremen den Vertrag auslaufen lässt, auch Niedersachsen wägt sehr stark ab. Smudo selbst sagte, dass mit Omikron die Lage anders sei für Luca. Was dann auch zum Senat in Berlin führt, der genau das als Argumentation anführt.

Die „Berliner Morgenpost“ berichtete zuerst über das Ende der Zusammenarbeit. „Ein entsprechendes Kündigungsschreiben hat Gesundheitssenatorin Ulrike Gote (Grüne) bereits unterschrieben“, berichtet die Tageszeitung am 1. Februar. Aufgrund der sehr hohen Infektionszahlen sei eine Nachverfolgung nicht mehr sinnvoll. Die hatte sich zuletzt auch im Abgeordnetenhaus bei einer Fragestunde kritisch geäußert: „Wir sind noch in der Prüfung, teilen aber durchaus viele kritische Argumente.“

Sieht einfach weiter das Gute in Luca: Smudo. Foto: Imago/Eventpress/Stauffenberg

Aha. Das System ist also überfordert. Was dann wieder zu fragen führt: Warum wird der für diesen Monat erwartete Höchststand an Infektionen nicht abgewartet und anschließend wieder mit Luca gearbeitet, wenn die Zahlen sinken und die Erfassung wieder sinnvoll sein könnte? Eine Wiederaufnahme ist zwar theoretisch möglich, es klingt aber nicht danach. Stattdessen, berichtete die „Morgenpost“ weiter, werde wohl am Dienstag beschlossen, dass die Kontaktnachverfolgung in Berlin gleich ganz eingestellt wird. Die, so die Erfahrung vieler Berliner:innen in den vergangenen Tagen und Wochen, ohnehin nur noch notdürftig durchgezogen wird.

Immerhin: So kann das Luca-Team offiziell das Gesicht wahren – es sind eben die Umstände schuld am Ende, und es ist nicht die Tatsache, dass die App gar nicht mal so geil war. Und auch Berlin hat eine Exit-Strategie, bei der niemand zugeben muss, dass das alles Unfug war.

Der Luca-Chef will an „Spitze der digitalen Bewegung“

Derweil macht man sich bei Luca Gedanken, was man denn nun machen könne. Ist natürlich schon praktisch, dass die App schon auf Millionen Handys ist. CEO Patrick Hennig stellt sich vor, eine App für alles zu werden: in Zukunft könnte man die persönliche Daten (ja, den Personalausweis), den Impfstatus und Testergebnisse speichern. Eine App, die dann mit der Kulturbranche und Gastronomie eng zusammenarbeitet, damit man dort nur noch eine Sache kontrollieren muss. Dort wird man dann sicher Lizenzgebühren zahlen, eine tolle Einnahmequelle.

Vielleicht wird es ja auch eine App, aus der heraus dann am besten gleich Tickets für Kulturveranstaltungen gekauft werden können, alles aus einer Hand? Mit Partner Smudo und den Fantastischen Vier hätte Hennig ja gleich ein gutes Zugpferd. Klein denken will der Chef von culture4life auf jeden Fall nicht, der „FAZ“ sagte er in einem recht jubelnden Luca-Artikel vor wenigen Wochen: „Wir haben gerade in Deutschland eine einzigartige Möglichkeit, zukünftige digitale Tools nicht Google oder Facebook zu überlassen. Wir wollen uns hier an die Spitze der digitalen Bewegung setzen.“

Dazu braucht es aber Menschen, die an das System Luca weiter glauben. Ob die Firma und Smudo die Privatwirtschaft ebenso bezirzen können wie die damals panischen Gesundheitsämter und Politker:innen? Ob es Millionen Deutsche sympathisch finden, dass eine App, die ihnen dringend angeraten wurde seitens der Politik, nun mit ihren Daten noch mehr Geld machen will, nur ohne Auftrag der Regierung? Hmmm. Sehr lautes, sehr kritisches Hmmm.

Am Ende könnte man zynisch sagen, diverse deutsche Bundesländer haben einem Start-up eine nette App finanziert, die es nun allen von Gastronomie bis Kulturbetrieb als Goldstandard aufquatschen will. So die Kundschaft denn mitspielt. Erst einmal braucht in Berlin aber kein Mensch mehr diese App, die selten gute Schlagzeilen und meist nur Kritik provozierte. Auf Nimmerwiedersehen.

  • Service: Wenn ihr Luca jetzt schnell loswerden wollt, nicht einfach nur vom Handy löschen, sondern in der App das persönliche Profil aufrufen und „Account löschen“ wählen, dann erst die App weghauen.

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