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Queer durch den Prenzlauer Berg: Der tipBerlin-Guide

Auch der Prenzlauer Berg ist queer. Zwischen den vielen Familien, süßen Cafés und den schicken Fassaden kann man das schon einmal vergessen. Dabei hat der Bezirk eine maßgebliche Rolle in der schwul-lesbischen Widerstandsbewegung gespielt und hat noch heute mit der East Pride und dem Sonntags-Club einiges für die queere Community zu bieten. Dieser Artikel führt euch einmal que(e)r durch den Prenzlauer Berg.

Queere Geschichte in Prenzlauer Berg

Viele Homosexuelle Männer landeten auch im Konzentrationslager. Der rosa Winkel (das Dreieck auf der Brust des Insassen) markierte sie als schwul. Foto: Imago/epd

Die Geschichte des Prenzlauer Bergs ist maßgeblich durch die Verfolgung, Unterdrückung und die Widerstandsbewegungen der queeren Community vor allem während der Nazi-Herrschaft geprägt worden. Bis in die 1960er Jahre war Homosexualität nach Paragraph 175 in Deutschland strafbar. Erst 1968 wurde die Klausel in der DDR abgeschafft. Der Westen lies noch weitere 20 Jahre auf sich warten und schränke dann lediglich das Stafmaß für Homosexualität ein, statt den Paragraph komplett zu streichen. Erst nach der Wiedervereinigung in den 1990er Jahren war Homosexualität in ganz Deutschland erlaubt.

Trotzdem war es auch im Osten nicht einfach: Homophobie gehörte (und gehört) auch nach 1968 zum Alltag. Zwar brauchte man nicht wie im Westen zu befürchten, dass die Polizei vor der Tür stehen könnte, wenn es unerwartet klingelte, trotzdem war ein offenes Zusammenleben als Paar kaum möglich. Ein Coming-out war noch immer existenzgefährdend. Der Prenzlauer Berg hatte eine grosse Rolle im Kampf für die Sichtbarkeit der Homosexuellen in Berlin und gewann an Bedeutung über Ostberlin hinaus.

1973 wurde hier die erste Organisation für Lesben und Schwule in der DDR gegründet. Der Staat reagierte darauf mit Einschüchterungsversuchen. Als das nicht klappte, gingen man zu direkter Unterdrückung und sogar offenen Verboten über. Die Szene wehrte sich weiter. Trotz der Blockadehaltung der SED schaffte sie es, queere Bücher, Filme und Magazine zu veröffentlichen. Ein Erfolgserlebnis war der Film „Coming Out“ von Heiner Carow aus dem Jahr 1989.

Die Hauptperson Philipp bekennt sich zu seiner Homosexualität und riskiert Probleme mit der Schulleitung. Foto: Imago/ United Archives

Sieben Jahre musste der Regisseur wegen der zentral homosexuellen Thematik des Films für seine Umsetzung kämpfen. Es hat sich gelohnt: Der Film zeigt die queere Gemeinschaft Berlins in der DDR, einige Drehorte waren auch mehr oder weniger offizielle Schwulenbars im Prenzlauer Berg. Die Premiere fand am 9. November 1989 im Ost-Berliner Kino International in einer (ungeplanten) Doppelvorstellung statt. Wer die Premiere besucht hatte wurde unmittelbar Zeuge des Mauerfalls. Die Premierenfeier fand in der Bar Zum Burgfrieden statt, einem der Drehorte im Prenzlauer Berg.

Queer Beisammensein im Sonntags-Club

Der Sonntags-Club ist ein Ort des Zusammenfindens der queeren Szene, über den Prenzlauer Berg hinaus. Foto: Barbara Dietl

Manche Organisationen, die während der Widerstandsbewegungen entstanden sind, haben bis heute Bedeutung. 1973 wurde in Ost-Berlin die HIB (Homosexuelle Interessengemeinschaft Berlin) gegründet. Frauen, Transsexuelle und Transvestiten organisierten in diesem Rahmen Veranstaltungen, Gespräche und Partys. Weil es nur sonntags und unter Verleumdung möglich war, einen Raum zu bekommen, entstand die Tradition des Sonntag-Clubs.

Seit 1990 ist der Sonntags-Club e.V. ein eingetragener Verein. Ende der 90er Jahre zog die Organisation in den Prenzlauer Berg. Heute ist der Sonntagsclub ein Veranstaltungs-, Informations- und Beratungszentrum mit verschiedenen Kultur- und Bildungsveranstaltungen. Vor allem für Lesben, Schwule, Bisexuelle, Trans* und Inter* Menschen gibt es hier ein spannendes Angebot, aber auch Freund:innen und Interessierte sind willkommen. Im Café des Sonntags-Clubs können sich alle bei einem warmen Getränk austauschen.

  • Sonntags-Club Greifenhagener Straße 28, Prenzlauer Berg, Büro Mo-Do 10-18 Uhr, Café tägl. 18-23 Uhr, 030/ 449 75 90, Homepage

Potest für queere Menschen im Osten: East Pride Berlin

Die Berliner East Pride zum Christopher Street Day ist mit einem Gottesdienst in der evangelischen Gethsemanekirche eingeläutet worden. Foto: Imago/epd/Blume

Am Christopher Street Day wurde 2021 zum ersten mal auch die East Pride Berlin zelebriert. Die Demo führte als Teil des Berlin-weiten Stern-Marsches quer durch den Prenzlauer Berg, an Orte der DDR-Widerstandsbewegungen. Der Start war an der Gethsemanekirche im Helmholzkiez. Die Kirche spielte eine große Rolle in der Homosexuellenbewegung in der DDR, denn sie war die Geburtsstätte der emanzipatorischen Gruppe „Lesben in der Kirche“. Die Route führte weiter vorbei an Drehorten vom Film „Coming Out“, am Sonntags-Club und endete Alex. East Pride Berlin möchte ein Statement für die lesbisch-schwule Widerstandsgeschichte in Ostdeutschland setzen und zum anderen auf die noch immer bestehende Diskriminierung in Osteuropa aufmerksam machen.

Das Tuntenhaus: Queeres Wohnen in der Kastanienallee

Das Tuntenhaus in der Kastanienallee sticht zwischen den frisch renovierten Fassaden hervor.Foto: Imago/Shotshop

Wer die Kastanienallee entlangschlendert, dem wird schon einmal das Tuntenhaus mit seiner Leuchtschrift „Kapitalismus normiert, zerstört, tötet“ aufgefallen sein. Es ist das dritte Tuntenhaus in Berlin. Was 1990 als von Homosexuellen besetztes Haus begann, wurde schnell legalisiert und hat bis heute schon viele Hauseigentümer gesehen. Trotzdem konnte sich das alternative Wohnprojekt über die Jahre halten. Heute wohnt hier eine sehr heterogene Gruppe von Menschen verschiedener Altersstufen, Identitäten und Herkunftsgeschichten.

Seit 1990 sind in diesem Haus viele verschiedene Projekte entstanden: Im Hinterhaus befindet sich noch immer das Tuntenhaus. Im Souterrain des Vorderhauses sitzt die nichtkommerzielle Galerie Walden. Ausserdem findet man hier eine Verteilstelle für kostenlose Lebensmittel. Diese werden aus den umliegenden Supermärkten gesammelt und an bedürftige Menschen verteilt. Auch einen Leih- und Umsonstladen gibt es. Von der KA 85 werden immer wieder Events im Tuntenhaus organisiert. Das Tuntenhaus in der Kastanienallee ist ein Überbleibsel früherer Zeiten im sonst fast vollständig gentrifizierten Bezirk Prenzlauer Berg.

  • Tuntenhaus Kastanienallee 86, Prenzlauer Berg, Infos

Duchzechte Nächte im Prenzlauer Berg

In den Bars in Prenzlauer Berg herrscht eine gemütliche Atmosphäre. Foto: Imago/Seeliger

Zwar ist es etwas familienorientierter im Prenzlauer Berg geworden, aber keine Sorge: Es gibt hier fest etablierte schwul-lesbische Community, die sich in angesagten Bars, Lounges und Clubs tummelt.

So auch im Marietta, das seit über zehn Jahren in der schwulen Community sehr beliebt ist. Mit seiner 60-Jahre Äesthik lassen sich hier gemütliche Abende im Schummerlicht verbringen. Für Schwule ist der Mittwochabend reserviert: Am „Pink Martini“ ist die Bar noch voller als sonst. Auch in erster Line für Männer attraktiv ist die Bärenhöhle. Hier wird auch gerne mal zu Oldies, Deutsche Schlager oder internationale Hits der 70er, 80er und 90er Jahre getanzt und das ein oder andere Bier getrunken.

Etwas ausgelassener geht es im Stahlrohr zu, hier gibt es Darkrooms, (Fetisch-)Partys und unkomplizierten Sex für ein ausschließlich männliches Publikum. In der queeren Bar Tipsy Bear in der Eberswalder Straße hingegen, können alle Geschlechter ihre Dates über einem Drink oder bei einem Karaoke- oder Drag-Show-Abend näher kennenlernen. Auch in der Kulturbrauerei gibt es hin und wieder queere Events für ein breites Publikum. Die Auswahl für queeres Nachtleben im Prenzlauer Berg vielfältig, der Bezirk hat von lauschigen Bars bis hin zum Cruising Club einiges zu bieten.

Mehr zum Thema

Wer noch nicht genug von der LGBTQIA+ Hauptstadt hat, kann sich hier über das queere Schöneberg informieren. Auch Kreuzberg ist queer, der tipBerlin-Guide für Pride, Party und Protest. Wer noch auf der Suche nach bunter Literatur ist, findet hier queere Verlage, Projekte und Literatur in Berlin. Wem der Sinn nach Musik steht, hier 12 Berliner Queer-Pride-Songs, die wir lieben: Von Pet Shop Boys bis Peaches. Alles, was wir zu queeren Themen in Berlin schreiben, findet ihr hier.

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