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Christopher Street Day in Berlin: Die Geschichte der Pride-Demo

Der erste Christopher Street Day in Berlin fand 1979 statt statt. Namensgeber der jährlichen Pride-Demo ist der weltbekannte Stonewall-Aufstand, der 1969 in der Christopher Street in New York stattfand. Zu der Zeit wurden in der USA regelmäßig gewalttätige Razzien der Polizei in Kneipen mit trans- und homosexuellem Stammpublikum durchgeführt, so auch in der Bar Stonewall Inn. Als sich insbesondere Dragqueens, transsexuelle Latinas und Schwarze gegen die Kontrollen wehrten, führte das zu tagelangen Straßenschlachten der Bevölkerung mit der New Yorker Polizei. Am ersten Jahrestag des Aufstandes fand der erste Straßenumzug unter dem Namen Christopher Street Liberation Day statt.

Das war der Anstoß für eine internationale Tradition, im Sommer eine Pride-Demo für die Rechte der LGBTQIA+-Community zu veranstalten. So fand der Christopher Street Day auch seinen Weg nach Berlin. Regenbogenflaggen, laute Musik und queerer Aktivismus gehören seit jeher dazu. Dieser Artikel führt euch mit Fotos durch die lange Geschichte des größten Demonstrationszugs Berlins.

Die kleinen Anfänge vom Chrisopher Street Day 1979

CSD in Berlin – die Anfänge: Was wäre der Christopher Street Day ohne Regenbogenflaggen? Foto: Wikimedia/All rights released/User:Angr

Der erste Berliner Christopher Street Day fand am 30. Juni 1979 in West-Berlin als (zehn Jahre verspätete) Reaktion auf den Stonewall-Aufstand in den USA statt. Mit den Mottos „Mach dein Schwulsein öffentlich!“ und „Lesben erhebt euch und die Welt erlebt euch!“ gingen 400 Personen auf die Straße und zogen mit Regenbogenflaggen vom Savignyplatz über den Ku’damm in Richtung Halensee.

In den nächsten Jahren nahm die Zahl der Teilnehmenden stetig zu und die Demo wurde zu einer öffentlichen Party.

Die Route vom Christopher Street Day führte 1986 direkt am Kaufhaus des Westens vorbei. Foto: Imago/Jürgen Ritter

In den 1980er Jahren wütete Aids vor allem in der Schwulenszene und wirkte damit als Katalysator für die Demonstrationszüge. Es wurde zunehmend gegen das Versagen der Politik im Umgang mit dem Virus demonstriert. Der CSD wurde professionell aufgezogen und die Zahl der Teilnehmenden stieg massiv.

1986 wurde wurde am Christopher Street Day unter anderem auf die AIDS Problematik hingewiesen. Foto: Imago/Jürgen Ritter
Feiern am Christopher Street Day 1989 in Berlin Charlottenburg. Foto:

Der erste Christopher Street Day 1990 in Ost-Berlin

Nach der Wende konnten endlich auch Menschen aus Ost-Berlin am Christopher Street Day teilnehmen. Demensprechend explosionsartig schoss die Zahl der Teilnehmenden in den 1990ern in die Höhe. 1990 zog der CSD schon 15.000 Menschen nach Berlin – damit hatte kaum jemand gerechnet.

Ost-Berlin konnte 1990 endlich auch beim CSD mitmischen. Foto: imago/HEINRICH7BriganiArt

Erst ab Mitte der 1990er Jahre gab sich der Berliner CSD jährlich ein Leitmotto. Auch wenn sich der Christopher Street Day wie eine Party anfühlen kann, weisen Poster doch immer auf historische Events hin. So wird 1997 der 100. Jahrestag der Schwulen Bewegung gefeiert.

An den Paradewagen sind viele Plakate mit politischen Aufschriften befestigt. Foto: Imago/Seeliger
Hauptsache auffallen: Viele Teilnehmende des CSD in Berlin geben sich viel Mühe mit ihren Outfits – um sich deutlich von der grauen und öden Welt drumherum abzusetzen. Foto: Imago/Jürgen Ritter

Christopher Street Day in Berlin in den 90ern Massenevent geworden

1998 waren bereits 300.000 Menschen am Christopher Street Day auf der Straße. Das Motto: Für eine andere Politik – wir fordern gleiche Rechte

Die Paradewagen 1998 sorgen für gute Stimmung. Foto: Imago/Enters

Der Christopher Street Day stand zunehmend unter Kritik: Er würde sich zu stark auf homosexuelle Männer fokussieren, und Frauen viel zu wenig Raum geben. 1998 führte deshalb das Mösenmöbil den Demonstrationszug an und sorgte für Sichbarkeit der lesbischen Community. Die riesige Plastik-Vagina war aufjedenfall ein Hingucker.

Das Mösenmobil sorgte für lebische Sichtbarkeit am Christopher Street Day 1998. Foto: Imago/Enters

Die Jahrtausendwende: – mehr als 20 Jahre CSD und eine halbe Million Menschen

Am Christopher Street Day 2001 war Klaus Wowereits Coming-out-Spruch „Ich bin schwul – und das ist auch gut so“ in aller Munde. Er war der erste deutsche Spitzenpolitiker, der so offen zu seiner Homosexualität stand.

„Ich bin schwul – und das ist auch gut so“ – in Berlin wurde das Motto schon gelebt, bevor der damalig Bürgermeister Klaus Wowereit es aussprach. Foto: Imago/Müller-Stauffenberg

2000 wurde die Halbe Million geknackt. Der Christopher Street Day ist spätestens jetzt nicht mehr aus Berlin wegzudenken.

Mehr als eine halbe Million Menschen zogen 2002 am Reichstagsgebäude vorbei. Foto: Imago/Enters
Der Berliner Christopher Street Day 2006, am Brandenburger Tor. Foto: Imago/POP-EYE/Pedersen

2007 dann der erste Dyke-Trans-March in Berlin, der seit 2013 als Dyke* March bekannt ist. Der CSD ist zu einer so großen politischen Demonstration geworden, dass viele kleinere Züge rund um das Pride-Wochenende stattfinden.

Beim Dyke-Trans-March gehen vor allem Frauen auf die Straße. Foto: Imago/snapshot

Seit 2013 hat der CSD Berlin eine feste Route. Start ist am Kurfürstendamm, dann geht es über den Nollendorfplatz, an der Siegessäule vorbei bis zum Brandenburger Tor, wo die Abschlusskundgebung stattfindet. Insgesamt bemisst die Paradestrecke 5,5 km.

2013 wurde vermehrt gegen die Politik vom russischen Präsidenten Wladimir Putin protestiert. Foto: Imago/IPON

Der große Streit um den Christopher Street Day 2014

Zwei Teilnehmer in Lederoutfits während dem Christopher Street Day 2014 in Berlin. Foto: Imago/Markus Heine

2014 stand der CSD, genauer gesagt Robert Kastl der Geschäftsführer des CSD e. V., nochmal unter Kritik. Vorwürfe wurden laut, dass er sich selbst finanziell an der Parade bereichere und ohne Berechtigung große Entscheidungen alleine treffen würde. So wollte Kastl den Christopher Street Day beispielsweise eigenmächtig in „Stonewall“ umbenennen, ohne das im CSD-Forum demokratisch zu entscheiden, wie es davor gehandhabt wurde.

Die Community war schockiert, die Neudefinition wurde im Forum weitgehend abgelehnt und der CSD und der dahinterstehende Verein wurden zunehmend kritisiert. Die Meinungen gingen bei der Problematik soweit auseinander, dass es 2014 statt der großen Parade drei einzelne Demos gab. Zwei davon fanden in Mitte und eine in Kreuzberg statt.

Nicht alle haben Lust, mitten im Gedränge des Berliner CSD unterwegs zu sein. Foto:Imago/Bernd König

Seit 2014 hat sich die Struktur der Demo verändert: Der erste Block ist nur eine Laufdemo, erst im zweiten folgen die Trucks. Damit hat sich die Zahl der Schilder und Marching Groups erhöht.

Die Million genackt, kurz danach Pandemiebremse

2019 war es endlich so weit: Die Zahl der Teilnehmenden am Christopher Street Day knackte die Millionengrenze. Die Stadt war voll mit Regenbögen, Aktivismus und guter Laune. Das Motto lautete „Stonewall 50 – Every riot starts with your voice“, eine Hommage an den Stonewall-Aufstand vor 50 Jahren.

Mit dem Motto „„Stonewall 50 – Every riot starts with your voice“ ziehen die Menschen am 41. Christopher Street Day 2019 durch die Straßen. Foto:Imago/snapshot-photography/F.Boillot

Dann kam die Pandemie. Nach dem Hoch im Jahr zuvor, musste der Christopher Street Day 2020 online stattfinden. Im folgenden Jahr durften die Menschen wieder in bekannter Manier durch die Stadt ziehen, allerdings fand anstatt des klassischen CvD eine kleinere Pride-Parade statt.

Menschen beim Christopher Street Day 2021 mussten Masken tragen: Die einen tragen medizinische, andere bevorzugten Hundemasken. Foto: Imago/Chromorange
Der Dyke* March ist eine kleinere Demo am Pride-Wochenende, auf welcher vor allem für lesbische Sicherheit demonstriert wird. Foto: Imago/Christian Spicker

Auf viele weitere Jahre Christopher Street Day

Sind jetzt nicht alle Ziele des CSD erreicht? Der Paragraf 175 ist abgeschafft, Aids ist kein Todesurteil mehr und homosexuelle Pärchen dürfen sich seit 2017 das Ja-Wort geben. Da kommt schnell die Frage auf: Brauchen wir die CSD-Demo überhaupt noch?

Auch wenn sich das bunte Treiben am Christopher Street Day wie eine Party anfühlt, ist die Gesellschaft noch immer noch sehr heteronormativ geprägt. An der Pride-Demo geht es darum, diese Normen zu brechen, unterdrückten Minderheiten Sichtbarkeit zu geben und für mehr Akzeptanz zu sorgen. Ganz nebenbei macht der Christopher Street Day auch Spaß – Aktivismus kann so einfach sein. Hier erfahrt ihr bekannte Infos zum CSD 2022 in Berlin.

Regenbogenbrillen gehören 2021 natürlich fest zum Pride-Outfit dazu. Foto: Imago/Lakomski/Eibner-Pressefoto EP_dli

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