Wandern

Auf dem mittelalterlichen Jakobsweg von Berlin nach Bad Wilsnack

Auch wenn der Weg ein Pilgerweg ist, sind wir ihn nicht unbedingt aus religiösen Gründen gegangen, sondern zusammen als zwei „alte“ Schulfreundinnen, die sich viel zu erzählen haben. Die meiste Zeit haben wir uns sehr gut unterhalten. Der Weg lädt aber auch zum stillen Gehen ein.

Vorbereitet haben wir uns mit dem Outdoor-Wanderführer von Rainer und Cornelia Oefelein und dem Reisebericht der Pfarrerin Gisela Kraft: „Die Seele dankt jedem Schritt“. Und wir haben uns den Pilgerpass bestellt. An vielen Stationen auf dem Weg kann man sich den Besuch mit einem Stempel bestätigen lassen. Wir hatten viel Spaß damit und haben uns auch mal einen Stempel beim Bäcker geholt. Die Verkäuferinnen fanden das sehr lustig – wir auch. Der leckere Kuchen war ja schließlich Teil unseres Pilgerweges.

Die Quartiere haben wir vorher telefonisch reserviert. Das ist wichtig, denn die Infrastruktur ist eher bescheiden. Es gibt kaum Ausweichquartiere und nur wenige Möglichkeiten zur Einkehr oder zum Einkaufen. Da wir in den „Pilgerherbergen“ erwartet wurden, gab es dort immer Frühstück und manchmal auch Abendessen. Wir sind die Strecke im September gegangen und hatten eine gute Obstversorgung mit Birnen, Pflaumen und Äpfeln von den Straßenbäumen am Wegesrand.

Eigentlich beginnt der Pilgerweg an der Marienkirche in Berlins Mitte. Aber die erste Etappe als Marsch durch die Stadt zu absolvieren, haben wir uns geschenkt und sind mit der S-Bahn bis nach Henningsdorf gefahren. Ab hier ist der Weg auch gut beschrieben und ausgeschildert.

Unsere Erste Etappe (ca. 25 km) führte uns von Hennigsdorf über Bötzow nach Flatow, wo wir bei Familie Koch in einem Wohnwagen im Garten übernachteten. Dafür haben wir unsere Schlafsäcke mitgenommen. Auf dem Weg gingen wir recht lange auf einer alten Postkutschenstrecke, die „Alte Hamburger Poststraße“. Das Wetter war etwas

regnerisch und nebelig an unserem ersten Wandertag. Wir trauten deshalb unseren Augen nicht, als uns auf der Strecke, mitten im Wald und Niemandsland plötzlich wirklich eine prächtige, vollbesetzte Kutsche in flottem Tempo entgegenkam.

Die zweite Etappe (ca. 24 km) ging von Flatow über Linum, das Storchendorf, durch eine Luchlandschaft nach Protzen. In Protzen übernachteten wir in einer Ferienwohnung. Die Vermieterin betreut in Protzen auch das Heimatmuseum, welches im ehemaligen Schulgebäude untergebracht und liebevoll ausgestattet ist. Ein Besuch lohnt sich! Da es im Ort keine Gaststätte gibt, aßen wir gemeinsam mit der Familie am großen Tisch zu Abend. Nach dem Essen wurde uns auf unseren Wunsch noch in der Dunkelheit die Kirche aufgeschlossen – wir wollten so gerne den Taufengel sehen.

Das Highlight der dritten Etappe von Protzen nach Barsikow (ca. 16 km) war ganz klar unsere Pilgerunterkunft in der Dorfkirche von Barsikow, die uns sehr ans Herz gewachsen ist. Die Pilgerherberge befindet sich im Kirchturm und bietet 12 Pilgern ausreichend Platz. Es gibt eine Dusche und WC. Herr Grützmacher, der für uns die Kirche aufschloss, hatte auch für unser Abendessen und Frühstück den Kühlschrank gefüllt – auf der Strecke gab es keine Einkaufmöglichkeiten. Am Abend bekamen wir dann von Herrn Grützmacher noch eine interessante Führung durch die Kirche – inklusive Dachboden und Glockenturm. An den Glocken kann man zwei sehenswerte Pilgerzeichen entdecken. Herr Grützmacher konnte viel vom Ringen um Fördermittel berichten. Seine Arbeit hier macht er ehrenamtlich. Ein Pfarrer kommt nur alle paar Wochen vorbei, um einen Gottesdienst für eine inzwischen sehr kleine Gemeinde zu halten.

Die vierte Etappe führte von Barsikow nach Kyritz (ca. 18 km ). Diesmal führte uns der Weg durch Wusterhausen und dann am Kiemkowsee vorbei. Der Weg am See entlang irritierte uns, denn der Waldweg war frisch gekehrt. Am Ortseingang nach Kyritz kamen wir mit einem Herrn ins Gespräch, der uns lachend erklärte, dass es eine seit Jahren bestehende ABM-Maßnahme sei. In Kyritz wurden wir dann schon erwartet. Wir übernachteten wieder in einer Kirche. Dieses Mal aber in der ehemaligen Wohnung des Küsters, die jetzt Pilgern zur Verfügung steht. Kyritz überraschte uns als kleine, aber lebhafte Stadt. In der man angenehm Essen gehen und einkaufen kann. Wir deckten uns für die nächsten zwei Etappen ein.

Die fünfte Etappe führte uns von Kyritz nach Söllenthin (ca. 17 km) und am nächsten Tag ging es in der sechsten Etappe nach Bad Wilsnack (ca. 16 km). Auf unserem Weg kamen wir an der Plattenburg vorbei, eine alte Wasserburg, die es lohnt sich anzuschauen.

Bad Wilsnack hat die Wunderblutkirche, eine Rehaklinik und eine schöne Therme. Eingekehrt sind wir in den Gasthof „Deutscher Hof“. Gewohnt haben wir in Bad Wilsnack in der Ferienwohnung Stiefmütterchen, die mit sehr viel Liebe zum Detail eingerichtet wurde und in der es an nichts fehlte. Mit der jungen, freundlichen Vermieterin hatten wir auch eine sehr interessante Unterhaltung. Den ganzen nächsten Tag haben wir uns in der Therme gepflegt und entspannt – das war wunderbar. Am letzten Tag war dann Kultur angesagt. Im Tourismusbüro kann man sich einen kleinen Führer für einen Stadtrundgang ausdrucken – so lernt man den Ort von allen Seiten kennen. Natürlich muss man die Wunderblutkirche besuchen – wir hatten sogar eine Führung auf den Kirchturm mit sehr guter Aussicht.

Die gesamte Strecke ist sehr entschleunigt. Man bekommt den Kopf sehr frei und verfällt wirklich in eine Art meditatives Gehen. Die Landschaft ist abwechslungsreich. Wälder, Felder, Wiesen, Seen und kleine Orte wechseln sich ab. Trotzdem ist es ein gemütliches Gehen ohne besondere Highlights. Besonders interessant auf diesem Weg fanden wir aber die Gespräche mit den Menschen unterwegs. Die Region ist etwas entvölkert, aber die Leute die wir trafen waren freundlich, hilfsbereit und offen. Einige erzählten uns viel von ihrem Leben in diesem Landstrich. Von den Freuden und Schwierigkeiten.

Rund um Bad Wilsnack
Strecke: sechs Etappen je 16 bis 25 km.
Anreise: S-Bahn bis Hennigsdorf, zurück RE2 von Bad Wilsnack. Einen Tag in Bad Wilsnack für Kirche und Therme einplanen.
Geeingent für: gemeinsames Erleben und meditatives Wandern.