Neue Normalität

Corona-Ärger in der Gastronomie: Zwischen Desinfektion und Denunziation

Seit gut einem Monat sind die Restaurants wieder geöffnet und kämpfen unter den neuen Corona-Bestimmungen in der Gastronomie mit der neuen Normalität. Über den Alltag zwischen Desinfektion und Denunziation.

Gäste in Liegestühlen füllen ein Datenblatt aus in einer Bar an der Spree. Die Corona-Bestimmungen in der Gastronomie verlangen das.
Abstand, Mundschutz, Datenblatt: die neue Normalität in der Gastronomie. Foto: imago images/Jochen Eckel

Das eine Restaurant ist rappelvoll, am Tresen drängeln sich die Gäste, Corona scheint vergessen. Nebenan: Bedienung nur am Platz, Maskenpflicht, strenge Regeln – und kaum Gäste. In einem wird nach jedem Gast desinfiziert, im anderen das Abräumen vergessen, in einer Bar tanzt das Publikum, in der anderen trinkt man so gut wie allein.

Der Somme ist da, Restaurants sind – natürlich mit Beschränkungen – seit gut einem Monat wieder geöffnet, Bars seit etwa einer Woche. Zeit für eine Bestandsaufnahme: wie geht die Gastronomie jetzt mit der Corona-Krise um?

Corona-Bestimmungen in der Gastronomie: Auslegungssache?

Susanna Glitscher, die freiberuflich Gastronomien berät und in der Szene gut vernetzt ist, sieht die Sache differenziert: „So bunt wie das gastronomische Angebot in Berlin ist, so vielfältig ist auch die Auseinandersetzung und der Umgang mit dem Thema“. Es gäbe Gastronomien, die medial stark im Fokus stünden, schon lange vor Corona, die gingen alle sehr verantwortungsvoll mit der Situation um. „Aber wir sehen ja oft nur die Spitze des Eisbergs“, ergänzt sie.

Ihrer Meinung nach tragen alle Gastronomien, die geöffnet sind, Verantwortung für den Rest der Branche. „Wenn es einen Ausbruch gibt, wenn einer nachlässig ist, dann gilt es für alle“, glaubt sie. Sie und viele andere aus der Szene haben das Gefühl, dass die Gastronomie auch als eine Art „Pilotprojekt“ diente. Während Bars noch geschlossen bleiben mussten, sollten Gastronom*innen zeigen, dass sie auch verantwortungsvoll mit der Verantwortung umgingen.

Corona-Bestimmungen in der Gastronomie: Nicht alles Schwarz oder Weiß

In der Debatte um die Corona-Bestimmungen in der Gastronomie gibt es allerdings nicht nur Extrempositionen, sondern auch viel Graubereich. Das hat sich gerade beim Thema der Sperrstunde gezeigt. Ein Berliner Gastronom, Antonio Bragato aus dem Il Calice, hatte erfolgreich gegen sie geklagt. Ausgerechnet einer, der sich in seinem Restaurant sonst peinlich genau an die Regelungen hält. Aber er fragte sich: „Was passiert denn nach 22 Uhr, was vor 22 Uhr nicht passiert?“

Und mindestens hiermit hat Bragato recht: Vor allem war diese Sperrstunde der hilflose Versuch, die Eigenverantwortung, der sich jeder Gast und jede*r in der Gastromie beschäftigte in jeder Sekunde bewusst sein sollte, in eine allgemein gültige Regel zu packen. So funktioniert Corona aber nicht. Der Virus kennt bekanntlich keine Grenzen. Und er liest auch nicht die Uhr.

Desinfizieren, Speisekarten erneuern, Distanz halten

Im Il Calice jedenfalls haben sie kein Fass aufgemacht. Sondern einfach weiter ihre Arbeit. Ein wenig länger und ein wenig befreiter vielleicht: „Die Hygieneregeln gelten weiter, die Abstandsregeln gelten weiter und die setzen wir ja auch alle um. Die Speisekarten werden ständig erneuert, Stühle und Tische fortwährend desinfiziert. Wir halten Distanz, auch und erst recht im Team, auch wenn wir gerade alle am liebsten umarmen würden.“

Die Wahrnehmung unter den Gästen ist auch sehr unterschiedlich. „Man will natürlich allen Gästen eine gute Zeit bieten“, meint Glitscher. Das sei schließlich auch die Aufgabe von Gastronomie, einen Raum zu bieten für angeleiteten Genuss oder sogar Exzess – das Glas zu viel, das zweite Dessert, die zweite Flasche Wein. Aber das muss so organisiert werden, dass sich dabei alle Gäste wohlfühlen.

Speisekarte 2.0: QR-Code scannen und Karte sehen ist einer der Reaktionen auf die Verordnung. Foto: Imago Images/Westend61

Die Balance zwischen Exzess und Angst

Und das ist oftmals gar nicht so einfach: Manch einer will einfach nur wieder rausgehen, seine Freund*innen treffen und den Sommer genießen. Corona? Pah, das ist weit weg. Andere allerdings sind noch vorsichtiger, vielleicht sogar ängstlicher. Da eine Balance herzustellen, ist nicht leicht.

Positivbeispiele für Glitscher: die Clubs Sisyphos und About Blank, die ihre Konzepte adaptiert haben auf Bier-, beziehungsweise Sektgärten. Orte, bei denen eigentlich eher das Vorurteil herrscht, dass sie vor lauter Hedonismus den Ernst der Lage nicht ernst nehmen würde. Weit gefehlt: „Sie haben sehr gut auf alle Regeln geachtet und sie spielerisch und charmant umgesetzt.“

Corona-Bestimmungen: die Renaissance der Denunziation?

Ein Phänomen wurde schon direkt am 15. Mai, dem Tag der Wiedereröffnung, durch die Sozialen Medien getrieben: die Denunziation – das hatte es schon zuvor in Sachen Abstand in Parks gegeben. Handykameras machten Fotos von Lokalen, die es mit den Abstandsregularien nicht ganz so genau genommen hatten, mit der Hygiene oder mit dem strikten Verbot der Selbstbedienung. Und zumeist gehörten dieses Handys Leuten aus der Gastronomie.

Noch am gleichen Abend räumte die Polizei das Gesellschaftslokal der Berliner Republik. Zu viele Schnitzelesser*innen im Borchardt. Und wieder war da dieses Gefühl an das uns Corona doch schon leidlich gewöhnt hatte: Es ist nicht mehr so einfach mit den Wahrheiten. Was ist Denunziation? Was die berechtigte Sorge um eine Branche, zu deren Schlüsselkompetenzen nun mal die Ekstase gehört?

Corona-Bestimmungen in der Gastronomie: Sind Berliner Restaurants der Verantwortung gewachsen?

Ein paar Tage später dürfen wir im Neuköllner Eins44 nicht einmal den neu zum Team gehörenden Daniel Achilles sprechen. Gastgeber Jonathan Kaltenberg will nicht, dass seine Köche während des Service die Küche verlassen. Der Mindestabstand wurde selbst auf dem am Nachmittag produzierten Pressebild gewahrt. „Unsere Branche muss sich jetzt ihrer Vorbildfunktion bewusst werden“, sagt Kaltenberg, „wir arbeiten jetzt auf dem Präsentierteller, wir haben einen Ruf zu verlieren.“

„Von wegen zu verlieren“, fügt er noch hinzu, „Die Berliner Gastronomie muss sich den Ruf, verantwortungsvoll zu handeln, vermutlich erst noch erarbeiten.“


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