Neue Serie im ZDF

Corona-Comedy-Serie „Drinnen“: Lavinia Wilson und das unsichtbare Chaos

Die Corona-Beschränkungen waren keine zwei Wochen alt, da fand sich Lavinia Wilson vor der Kamera für die Corona-Comedy-Serie „Drinnen – Im Internet sind alle gleich“ wieder – in ihrer eigenen Wohnung. Ein Gespräch über die Krise, Philosophie und die Konsumgesellschaft

Szene mit Lavinia Wilson aus „Drinnen – Im Internet sind alle gleich“ über die Werberin Charlotte in Corona-Quanrantäne. Foto: ZDF / btf gmbH

tipBerlin Frau Wilson, Sie spielten gerade die Hauptrolle in der Serie „Drinnen“, die von der digitalisierten Gegenwart und Zuhausebleiben erzählt. Das alles muss ja einigermaßen spontan entstanden sein.

Lavinia Wilson (lacht) Moment, da muss ich ganz kurz in meinen Kalender gucken, damit ich keinen Quatsch erzähle. Am Anfang hatte ich tatsächlich nur einen Tag Vorlauf. Wann begann noch mal die Ausstrahlung?

tipBerlin Am 3. April lief die erste Folge mit dem Titel „Homeoffice“, da waren die Einschränkungen wegen der Corona-Krise gerade so drei Wochen alt.

Lavinia Wilson Genau. Ich bekam einen Anruf, ich glaube, eine Woche vorher, wenn es hoch kommt, von Lutz Heineking, der dann auch Regie geführt hat. Er erzählte mir von dem Plan für eine Komödie. Sie dächten sich da gerade was aus, ob ich ein Teil davon sein wollte. Ich kannte den Lutz schon von „Andere Eltern“, das war auch eine sehr experimentelle Serie, die wir gemeinsam gemacht hatten. Er schickt mich gern aufs Glatteis, aber er führt mich nicht vor. Es gab einen groben Bogen für „Drinnen“, einen wirklichen Plot aber nicht. Keiner wusste, wo die Reise genau hingeht. Und so fand ich mich bald darauf morgens um neun mit lauter wildfremden Menschen in einer Schaltung wieder und musste zuerst einmal einen Bildausschnitt finden in meinem Wohnzimmer, der 15 Folgen lang tragen konnte.

tipBerlin Man sieht wirklich Ihre eigene Wohnung?

Lavinia Wilson Ja, selbstverständlich. Natürlich nur einen kleinen Ausschnitt, mit Bedacht gewählt, sagen wir es mal so, weil die die kontrollwütige Charlotte immer aufräumen möchte, obwohl eigentlich eh aufgeräumt ist.

tipBerlin Das Chaos kommt von außen, per Apps.

Lavinia Wilson Es gab auch ein richtiges Außen. Paketboten klingelten in meine Szenen hinein, wenn sie Equipment brachten. Am zweiten Tag habe ich dann den Espresso-Kocher auf dem Gasherd stehen lassen. Irgendwann begann das gefährlich zu riechen. Zuerst dachte ich, scheiße, ich glaub, der Laptop brennt, mir fliegt gleich der Rechner um die Ohren. Irgendwann sollte es einmal ein Making-of von „Drinnen“ geben. Der unsichtbare Teil der Wohnung war jedenfalls reines Chaos.

tipBerlin Der Bücherwand kann man entnehmen, dass bei Ihnen Virginie Despentes gelesen wird. Und Hanns Zischler, „Berlin ist zu groß für Berlin“. Haben Sie die Bibliothek für das Fernsehen kuratiert?

Lavinia Wilson Nee, gar nicht, da gab es nur am ersten Tag einen schnellen Gedanken: Passen die Bücher? Wobei, das ist mein Bücherregal!

„Drinnen“ mit Lavinia Wilson wurde in der Wohnung der Schauspielerin gedreht

tipBerlin Wieviel von Ihrer eigenen Persönlichkeit steckt in Charlotte?

Lavinia Wilson Weil das alles so kurzfristig getextet wurde, haben wir viel improvisiert. Da gab es keine Eitelkeiten, es galt einfach: Die beste Idee gewinnt. Natürlich bin ich Charlotte, trotzdem würde ich einmal zu behaupten wagen, dass ich weit von ihrem Kontrollzwang entfernt bin. Es fragen mich immer alle, was ich im Philosophiestudium gelernt habe, und da kann ich nur sagen: Ich habe gelernt, dass Kontrolle eine Illusion ist. Und die aktuelle Situation ist das beste Beispiel dafür.

tipBerlin Sie haben so richtig Philosophie studiert?

Lavinia Wilson Ja. Nebenbei, im Fernstudium, zehn Jahre lang von 20 bis 30, bis zum Magister artium.

tipBerlin Das Thema Ihrer Abschlussarbeit?

Lavinia Wilson Paradoxie Alterität. Der Andere bei Heidegger und Derrida.

tipBerlin Ich hoffe, die wird veröffentlicht.

Lavinia Wilson Nein, auf gar keinen Fall. Ich weiß nicht, ob das so ein Glanzstück ist. Wobei, ich glaube, es war gar nicht so schlecht. Aber ich habe auf jeden Fall auch Demut gelernt. Man sagt ja, der Unterschied zwischen Schauspielerei und Philosophie ist: Die einen denken mit dem Herzen, die anderen mit dem Kopf. Gemeinsam ist das Interesse, die Welt aus ganz unterschiedlichen Perspektiven anzuschauen.

tipBerlin Sind Sie denn persönlich auch so stark
digitalisiert wie Charlotte?

Lavinia Wilson Ich hab jetzt in diesen drei Wochen konstant vor drei Laptops gesessen, das war so viel Computerzeit wie noch nie in meinem Leben. Ich musste auch dauernd Kabel stecken, und das Hinundherspringen zwischen allen diesen Tools war eine der größten Herausforderungen für mich, weil ich damit wirklich wenig zu tun habe. Ich schicke nie Videos von mir herum. Als eine Digital Native bin ich eher nicht zu bezeichnen.

tipBerlin Im Abspann der Folgen steht, dass niemand für „Drinnen“ das Haus verlassen musste. Das bedeutet, dass man Victoria Trauttmansdorf mit ihrem Mann sieht. Und Charlottes Mann wird von Ihrem Partner Barnaby Metschurat gespielt. Da ragt das private Leben in die Serie.

Lavinia Wilson Normalerweise sprechen Barnaby und ich wenig über uns, denn das hat in der Öffentlichkeit nichts zu suchen. Die Schauspielerpaare waren aus der Not geboren, weil man sonst wegen der Kontaktbeschränkungen immer nur Einzelpersonen im Bild gehabt hätte.

tipBerlin Auf welchem Fuß wurden Sie denn Mitte März erwischt?

Lavinia Wilson Ich war in Vorbereitungen für ein großes Projekt für Netflix in Budapest, das ist jetzt verschoben worden auf Sankt Nimmerlein. Vier Folgen mit Reisen. Angeblich ist Netflix die einzige Firma, die eine Pandemie-Versicherung hat. Aber selbst so kann man sich jetzt alles nicht mehr so richtig vorstellen, zum Beispiel, wie man da die Quarantänezeiten einhalten könnte. Da müsste man sich ja vielleicht drei Monate einschließen lassen. Ich habe drei kleine Kinder, das geht also schon einmal nicht. Und was passiert, wenn ein Coronafall auftritt? Ob die Versicherung dafür aufkommen würden?  Interessanterweise gibt es jetzt aber schon wieder Castinganfragen für den Herbst. Es gibt sehr viele Leute, die sich bemühen, die Maschine wieder anzuschmeißen, aber das wird sehr diffizil. Ich denke, so zu drehen wie vorher, das wird nicht so schnell wieder gehen.

tipBerlin Wie gehen Sie mit der Krise persönlich um?

Lavinia Wilson Für mich fängt die Isolation jetzt gerade erst an, weil ich jetzt drei Wochen so beansprucht war. Ich hinke den anderen hinterher, nach meinem abgefahrenen Trip alleine zu Hause. Ich habe zwar eine Serie über das Thema gemacht, bin aber gar nicht auf dem neuesten Stand. Es tut mir aber persönlich auch gut, nicht am Corona-Ticker zu hängen. Was ich aber schon lese, sind längere Texte und Essays über das, was das mit unserer Gesellschaft macht. So etwas kriege ich auch oft von Freunden geschickt. Was das für die Zukunft bedeutet und was für Chancen vielleicht auch drinstecken, so blöd sich das anhört, aber es könnte sich ja zum Beispiel Ideen entwickeln, anders zu wirtschaften.

Es tut mir persönlich gut, nicht am Corona-Ticker zu hängen.

Lavinia Wilson

tipBerlin Wie könnte eine solche andere Wirtschaft für Sie aussehen?

Lavinia Wilson Was ja gerade in Frage gestellt wird und den Leuten interessanterweise am wenigsten schwerfällt, ist der Verzicht auf den Konsumwahn. Das alles entscheidende globale Thema bleibt der Klimawandel, der ja nicht weggeht, nur weil mal ein paar Monate weniger Flugzeuge rumfliegen. Da gibt es die Ebene der Staaten und Konzerne, und gleichzeitig auch die Ebene des Konsumverhaltens. Wenn da die Auszeit dazu dient, sich mal Gedanken zu machen, wäre das großartig. Und für die Lokalpolitik hätte ich auch noch eine Idee: eine Stadt ohne diese Monster, die völlig unnötigerweise alles verpesten.

tipBerlin Sind Sie eine optimistische Person?

Lavinia Wilson Ja. Mit gelegentlichen Ausschlägen ins andere Extrem. Aber grundsätzlich bin ich optimistisch.

Hier könnt ihr die Serie sehen: „Drinnen – Im Internet sind alle gleich“, 15 Folgen, je ca. 10 Minuten, www.zdf.de/serien/drinnen-im-internet-sind-alle-gleich


Kultur in Zeiten der Corona-Krise

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