Shopping und Stil in Berlin

Hochklassige Vintage-Mode in Berlin

So einfach wie heute war es noch nie, den neuesten Look zu kaufen. Was die internationalen Designer auf den Schauen in Paris oder New York zeigen, hängt nur ein paar Wochen später in leicht abgewandelter Form in den Filialen der großen Modeketten. Das heißt aber auch, so schwierig wie heute war es noch nie, einen individuellen Look zu haben. Deshalb greifen immer mehr zu Designer Secondhand: Vintage ist der Stil der Stunde, wenn man sich fernab des Massengeschmacks kleiden möchte. Auch in Berlin gibt es immer mehr hochklassige Vintage-Läden

Tanya Bednar im Das neue Schwarz„Bitte klingeln!“ titelt der Aufsteller auf der Straße. Ein dicker Pfeil weist in Richtung Hofauffahrt eines typischen Berliner Altbaus. Der Summer öffnet die Tür, im lauschigen Hinterhof versteckt sich ein kleines Atelier. Drinnen wird gebügelt. Auf den Stangen hängen fein säuberlich Designer-Kleidungsstücke aus allen Jahrzehnten: eine weiße Helmut Lang Jeans aus den späten Achtzigern, eine Bluse in türkis von Yves Saint Laurent aus den Siebzigern, ein Anzug von Dior. Ein paar Stiefel stehen in Reih und Glied, Lederhandtaschen hängen im Türrahmen. Es riecht nach, ja irgendwie nach nichts. Der typisch muffige Geruch aus Secondhand-Läden, in der Vintage-Boutique Das neue Schwarz ist er nicht vorhanden.

Inhaberin ist die Österreicherin Tanya Bednar. Sie betrieb ihren Vintage-Shop vorher ein Jahr lang im Internet, bevor sie ihr Geschäft im August eröffnete. „Um mehr mit Leuten in Kontakt zu kommen“, erklärt sie. In Wien arbeitete sie lange als erfolgreicher DJ, ist dabei viel rumgekommen, verdiente gut und häufte dabei als modebewusste Frau viel Kleidung an. Auch die Mutter, früher Mannequin, hob Tanya viele Sachen aus den Sechzigern auf. Als die Wienerin schließlich nach Berlin in eine Einzimmer-Wohnung zog, reichte der Platz nicht mehr aus und sie gründete Das neue Schwarz. Inzwischen gibt es nicht nur Fundstücke aus ihrem Kleiderschrank, es kommt regelmäßig neue Vintage-Ware aus Paris oder New York. Für die Herrenlinie arbeitet sie mit dem Superstore zusammen, einer Second-Hand-Boutique gleich um die Ecke.

„Ein Vintage-Geschäft ist wie eine Schatztruhe. Überall könnte man etwas ganz Spezielles finden“, beschreibt sie den Reiz. In seiner ursprünglichen Bedeutung bezeichnete das Wort den Weinjahrgang. In der Kunst und der Mode wurde aus Vintage ein Synonym für alt und selten, für Designerware aus früheren Jahrzehnten und Fundstücken aus vergangenen Epochen. Den Achtzigertrend gibt es hier nicht als Revival, sondern im Original. Für die Träger macht das die Mode glaubwürdiger, den Stil ausgefallener und individueller. Denn neue Kollektionen gibt es überall. „Manchmal warte ich ein, zwei Jahre, bevor ich mich traue, etwas von H&M regelmäßig zu tragen“, erklärt eine Kundin im Das Neue Schwarz, „sonst sieht man an jeder Ecke jemanden mit deiner Klamotte.“ Bei Vintage ist das anders. Es sind bereits Einzelstücke. Der Individualisierungtrend begünstigte, dass in den letzten Jahren Vintage-Geschäfte in Berlin wie Pilze aus dem Boden schossen.

Sandra Keil und Astrid LafosGerade haben Sandra Keil und Astrid Lafos, zwei ehemalige Kostümbildnerinnen beim Film, ihren zweiten Garments-Laden in der Linienstraße eröffnet. Viel bestückt mit hochwertiger Designerware. Andere, wie der Superstore, konzentrieren sich auf ein bestimmtes Jahrzehnt, wie die Achtziger: Bunte Windblousons, schrille Leopardenmuster, Stonewashed Jeans – kaum eine Modesünde der Achtziger wird ausgelassen. Das Jagen nach dem ganz besonderen Teil macht einen Großteil des Reizes aus. Nicht ohne Grund finden sich Vintage-Geschäfte versteckt in Hinterhöfen wie Das Neue Schwarz, im Souterrain wie der Superstore oder in einem grauen Plattenbau wie das Cash, ebenfalls in Mitte. Auch hier kommt nur rein, wer vorher klingelt. „Die Kunden sollen es ernst meinen, wenn sie ins Geschäft kommen“, so Christoph Rücker, Inhaber des Geschäfts. Man spricht Leute aus der Modeszene an. Die Hälfte kommt aus dem Ausland gezielt in das schlauchförmige Geschäft zum Stöbern nach Vintage-Designerware. Marc Jacobs, Acne, Vivienne Westwood, Dior – alles Stilikonen. Ware von Boss oder Diesel ist dagegen verpönt, zu wenig avantgardistisch.

Es gehört Mut und ein Gespür für Mode dazu, etwas aus einem vergangenen Jahrzehnt wieder auf die Straßen zu bringen. Die Richtung weisen zum Beispiel Modeblogs sowie Streetstyle-Blogs, die Fotos von modebewussten Großstädtern zeigen. Auch im Geschäft Glad I Never liegt ein Fotobuch über den Straßenstil der internationalen Metropolen zwischen Vintage Schuhen und altem Schmuck. Das Geschäft mit dem ungewöhnlichen Namen gehört Baldvin Dungal. Dem jungen Isländer kommt es jedoch nicht auf große Namen und Marken an. Zwar gibt es ein paar neue Kleidungsstücke von jungen, avantgardistischen, isländischen Designern, die Vintage-Kleidung jedoch ist keine Designerware. „Klassische schöne Jacken, Hemden, Halstücher, Sachen, die ich selber gerne trage“, sagt er.

Für Baldvin Dungal ist der Preis entscheidend. Er trage selber gerne Vintage und habe sich in Berliner Second-Hand-Geschäften oft über die Preise geärgert. „Es muss nicht sein, für eine getragene Jacke 90 Euro auszugeben, das ist viel zu teuer“, sagt er. Jacken kosten bei ihm etwa 50 Euro, Tücher zehn Euro, die beliebten Vintage Cowboystiefel, die er direkt aus Texas importiert, zwischen 50 und 60 Euro. Das Wichtige an Vintage, ob Design oder nicht, ist auch der Preis: „Vintage bekommt man einen Yves Saint Laurent Anzug komplett für 250 Euro, im Laden kostet der mindestens 1000 Euro“, sagt Tanya Bednar. Second Hand hat vor allem auch pragmatische Gründe. Manchmal platzt der Schrank aus allen Nähten, wie bei Tanya Bednar. Andere können den Inhalt ihres Kleiderschrankes einfach nicht mehr sehen und tauschen auf so genannten „Swap Markets“ untereinander die Kleidung, der sie überdrüssig sind. Was dem einen nicht gefällt entpuppt sich als Glücksgriff für den anderen.

Nina Schröter im Soeur„Jeder hat doch wenigstens einen Fehlkauf bei sich zu Hause im Schrank, und der landet dann eben bei uns“, sagt Nina Schröter vom Soeur, einer kleinen, sehr charmanten Vintage-Boutique in Prenzlauer Berg. Fein säuberlich sortiert hängt hier Designerware von Burberry, Acne, Miu Miu und Wolfen neben Zara. Dazwischen Möbelstücke, Keramikkrüge, alte Magazine und Bücher. „Eigentlich nehmen wir alles in unser Sortiment auf, das uns gefällt“, so Schröter. Jeder kann seine Schätze vorstellen, ob Designerware oder nicht. Es geht um zweierlei – das individuelle Einzelstück zu finden und weniger Geld auszugeben. Die beiden Inhaberinnen, Nina Schröter wird von ihrer Freundin, der Schauspielerin Inga Birkenfeld unterstützt, freuen sich immer wieder, wenn ein Stück den Besitzer wechselt: „Es macht Spaß zu sehen, wie Kunden in den Laden kommen und beim Stöbern auf genau das Teil stoßen, das sie schon seit Ewigkeiten gesucht und nirgends gefunden haben“.

Text: Antje Binder (Mitarbeit Sandra Müller)
Fotos: Benjamin Pritzkuleit

Cash Memhardstraße 8 / Ecke Rosa-Luxemburg-Straße 11, Mitte, Mo–Fr 14–20 Uhr, Sa 12–19 Uhr, www.apartmentberlin.de

Das neue Schwarz Mulackstraße 37, Mitte, Tel. 27 87 44 67, Mo, Do–Sa 12–20 Uhr, www.dasneueschwarz.de

Garments Vintage Stargarder Straße 12a, Prenzlauer Berg, Tel. 74 77 99 19, Mo–Sa 12–19 Uhr; Linienstraße 204/205, Mitte,
Tel. 28 47 77 81, Mo–Sa 12–19 Uhr, www.garments-vintage.de

Glad I Never Zehdenicker Straße 25, Mitte, Mo–Sa 12–20 Uhr, www.gladinever.com

Grace  Boxhagener Straße 113, Friedrichshain, Tel. 79 70 80 42, Mo–Sa 12–20 Uhr, www.grace-vintage.com (Accessoires)

LaLip Unlike Gallery Chausseestraße 116, Mitte, Do–Fr 12–20 Uhr, Sa 12–16 Uhr, www.lalip.net

Lunettes Selection Torstraße 172, Mitte, Tel. 20 21 52 16, Mo–Fr 12–20 Uhr, Sa 12–18 Uhr, www.lunettes-brillenagentur.de (Brillen)

Made in Berlin Friedrichstraße 114a, Mitte, Tel. 24 04 89 00, Mo–Fr 10–19 Uhr, Sa 12–20 Uhr, www.kleidermarkt.de

Paul’s Boutique Oderberger Straße 45-47, Prenzlauer Berg, Tel. 44 03 37 37, Mo–Sa 12–20 Uhr, www.paulsboutiqueberlin.com

Soeur Marienburger Straße 24, Prenzlauer Berg, Mo–Fr 11–18 Uhr, Sa 11–17 Uhr, www.soeur-berlin.de

Superstore Almstadtstraße 13, Mitte, Tel. 70 24 66 97, Mo–Sa 12–19 Uhr, www.superstoreberlin.com

Wunderkind Vintage Tucholskystraße 36, Mitte, Tel. 280 418 17, Di–Sa 11–19 Uhr, www.wunderkind.de

Kommentiere diesen Beitrag

Kommentiere diesen Beitrag

Kommentare