Filmkritik

„Cortex“ von Moritz Bleibtreu: Die Hölle der Schlaflosigkeit

Thriller Die ersten Bilder sehen am ehesten nach einem Erotikthriller aus: ein Mann und eine Frau in einem Auto, nachts, auf dem Rücksitz ein paar Stöckelschuhe. Was ist geschehen? Das klärt sich in „Cortex“ von und mit Moritz Bleibtreu nur ganz allmählich, und die Schuhe sind am Ende keineswegs das entscheidende Detail.

"Cortex" von Moritz Bleibtreu
„Cortex“ von Moritz Bleibtreu. Foto: Warner Bros.

Der Mann heißt Hagen, die Frau heißt Karoline (Nadja Uhl). Sie sind ein Paar, sie haben eine Tochter, sie teilen ein Haus und ein Bett, und im Bett beginnen auch die Probleme. Allerdings nicht so, wie man vielleicht meinen könnte. Hagen schläft schlecht. Er träumt zu intensiv, in seiner Hirnrinde (Cortex) herrscht Hochbetrieb. Das bringt seinen Alltag komplett durcheinander, denn Hagen kann bald nicht mehr richtig wach sein, und die Grenze zwischen Traum und Wirklichkeit wird immer undeutlicher.

Irgendwie muss er etwas mit einem jungen Mann zu tun haben, hinter dem ein paar knallharte Gangster her sind, während er nachts einer blonden Frau in einer geheimnisvollen Bar begegnet. Niko (Jannis Niewöhner) ist in „Cortex“ deutlich als die jüngere Spiegelfigur zu Hagen angelegt, er könnte also gut auch einfach eine triviale Projektion sein, ein Nebenbuhler, der für eine Midlifekrise steht. Tatsächlich stellt sich bald heraus, dass auch Karoline dieser Niko nicht unbekannt ist. Für einen richtigen Erotikthriller reicht das aber nicht.

Das Genre hatte einmal für eine Weile ganz gut Konjunktur, in den Jahren, als Bruce Willis noch jung war und Kim Basinger als Inbegriff der Wasserstoffblondine galt. In die Welt von Hagen und Karoline passt aber eigentlich gar nichts, was nach verbotener Lust aussieht. Sie sind der perfekte Durchschnitt: er Kaufhausdetektiv, sie Kosmetikerin. Ein Paar, das es nun mit Abenteuern zu tun bekommt, in denen sich die ganze Fantasiemacht des Kinos zeigen könnte: eine romantische, aber auch brutale Schauergeschichte, eine Tour de Force mit wechselnden Identitäten und verwunschenen Schauplätzen.

Alles aus einer Hand: „Cortex“ von und mit Moritz Bleibtreu

Moritz Bleibtreu hat selbst das Drehbuch zu „Cortex“ geschrieben, er spielt den Hagen und hat auch Regie geführt. Es ist sein bisher ehrgeizigstes Projekt. Er ruft dafür auch deutliche Assoziationen auf: vor allem David Lynch stand hier wohl imaginär Pate. Allerdings fehlt es in „Cortex“ an konkreten Bezügen, vor denen sich das Alptraumhafte erst in einem spannenden Gegensatz zu einem Alltag zeigen kann.

In „Cortex“ aber hapert es von Beginn an, weil Hagen und Karoline nie wirklich lebendig wirken; das betont dunkle Produktionsdesign des ganzen Films erinnert nicht an die amerikanischen Klassiker der „Schwarzen Serie“, sondern an ein künstliches Ambiente, in dem alles an der matt reflektierenden teuren Bettwäsche abgestimmt ist. Zugespitzt gesagt: in dem Haus, in dem Hagen und Karoline leben, kann von vornherein niemand glücklich träumen.

„Cortex“ steht so sehr im Bann seines hochtrabenden Konzepts, dass bald jeder Spannungspunkt wie Verschiebemasse in einer Übung in falschem Pathos wirkt. Und als dann auch ein Oneironaut auftritt, ein Traumsteuermann, der alles noch einmal wortwörtlich erklärt, was doch aus der Geschichte selbst klar werden sollte, hat Moritz Bleibtreu dem Kino endgültig die größte Macht der Träume ausgetrieben: das Geheimnis.

D 2020; 96 Min.; R: Moritz Bleibtreu; D: Moritz Bleibtreu, Nadja Uhl, Jannis Niewöhner; Kinostart: 22. 10. 2020

Außerdem diese Woche neu im Kino: die Filmstarts vom 22. Oktober; weiterhin im Kino: die Filmstarts vom 15. Oktober und die Filmstarts vom 8. Oktober

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