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Filmstarts der Woche: Mit „Der schlimmste Mensch der Welt“ und „The Outfit“

Seit der Premiere auf dem Filmfestival in Cannes im Frühling 2021 war „Der schlimmste Mensch der Welt“ von Joachim Trier auf einem kleinen Triumphzug um die Welt unterwegs – nun kommt der norwegische Arthouse-Hit in Deutschland ins Kino. Außerdem diese Woche: ein japanischer Kriegsfilm, ein amerikanischer Kammerspiel-Thriller mit Mark Rylance, ein philosophierender französischer Film über das Glück, ein neuer Thriller nach Jussi Adler-Olsen, und ein französischer Kinderfilm. Die Filmstarts der Woche im tipBerlin-Überblick.


Der schlimmste Mensch der Welt

„Der schlimmste Mensch der Welt“ von Joachim Trier. Foto: Koch Films

DRAMA Julie ist eine junge Frau in Oslo, die auf der Suche ist nach ihrem Platz im Leben. Ihre Beziehung zu dem Comic-Zeichner Aksel bringt sie in Kontakt mir wohlhabenden, gut situierten Menschen, daneben lernt sie aber mit Eivind auch einen Mann kennen, der – außer Umweltbewusstsein – keine sonderlichen Ambitionen zu haben scheint. In zwölf Kapiteln (alle mit pointierten Überschriften) und einem Prolog sowie einem Epilog gibt Joachim Trier ein Bild einer modernen Existenz – fragmentiert, durchaus auch pathetisch, zwischendurch verspielt und am Ende reflexiv. Ein fast schon mustergültiger Arthouse-Film. Bert Rebhandl

Norwegen 2021; 127 Min.; R: Joachim Trier; D: Renate Reinsve, Anders Danielsen Lie, Herbert Nordrum; Kinostart: 2.6.


Onoda – 10.000 Nächte im Dschungel

„Onoda – 10.000 Nächte im Dschungel“ von Arthur Harari. Foto: Rapid Eye Movies

KRIEGSFILM Gehört hat von diesen Geschichten wohl schon fast jeder einmal: In den 1970er Jahren entdeckte man in abgelegenen Dschungelgebieten Südostasiens immer wieder japanische Soldaten, die dort seit dreißig Jahren lebten und entweder nicht mitbekommen hatten, dass der Zweite Weltkrieg seit 1945 beendet war – oder diese Tatsache einfach nicht wahrhaben wollten. Wirklich verloren gegangen waren die letzten kaiserlichen Krieger zumeist nicht: Man wusste von ihrer Existenz, denn sie führten ihren Guerillakrieg weiter, waren immer wieder in blutige, oft tödliche Zwischenfälle mit der lokalen Bevölkerung verwickelt. Man hatte Flugblätter über den betreffenden Gebieten abgeworfen und Delegationen mit Angehörigen geschickt, die per Megafon die Dschungelkämpfer zur Aufgabe überreden sollten, meist jedoch ohne Erfolg.

Endloser Krieg: „Onoda“ von Arthur Harari

Der bekannteste Soldat dieser Versprengten war der Leutnant Hirō Onoda, ein Nachrichtenoffizier, der als letzter Überlebender seiner Einheit bis 1974 auf der philippinischen Insel Lubang ausharrte, ehe er sich zur Aufgabe bekehren ließ. Allerdings musste dazu sein ehemaliger direkter Vorgesetzter und Ausbilder, inzwischen längst ein ziviler Buchhändler, in den Urwald reisen, Onoda von der Kapitulation Japans in Kenntnis setzen und ihn „demissionieren“. Mit seiner Lebensgeschichte, die Onoda 1975 auch als Buch veröffentlichte, avancierte er als Held patriotischer Pflichterfüllung zum Idol konservativer und reaktionärer Kräfte in Japan. Onoda selbst hat zumindest seinen Guerillakrieg und die Opfer, die dieser forderte, nie bereut. Er verstarb 2014 im Alter von 91 Jahren.

Der französische Regisseur Arthur Harari hat sich dieser Geschichte jetzt in seinem Film „Onoda – 10.000 Nächte im Dschungel“ angenommen und erzählt die Zeit von Onodas Ausbildung gegen Ende des Zweiten Weltkriegs bis zu dessen Rückkehr nach Japan. Einige Aspekte, die sich einem angesichts einer solchen Lebensgeschichte eigentlich sofort aufdrängen, spielen für Hariri und seine Ko-Autoren Bernard Cendron und Vincent Poymiro dabei interessanterweise kaum eine Rolle: die endlos erscheinende Zeit des Dschungelaufenthalts, die Einsamkeit und ihre Auswirkung auf die Psyche, der tägliche Kampf ums Überleben – all das wird nicht direkt ausgelassen, kommt aber nur schlaglichtartig am Rande vor.

Was die Filmemacher in diesem vergleichsweise konventionell inszenierten Dschungel-Kammerspiel wirklich interessiert, ist die psychische Verfassung der Soldaten, als diese für das kaiserliche Japan in den Krieg ziehen: die Vorstellungen von Ehre, Ruhm, Pflichterfüllung und Vaterland, sowie von (rassistisch geprägter) Überlegenheit, die ihnen eingetrichtert werden vom Militär, von der Gesellschaft und der Familie. Werte, an denen sie sich dann Jahrzehnte später immer noch festhalten, als das alles längst vollkommen absurd geworden ist (wenn es das nicht schon immer war) und mit denen sie auf eine völlig veränderte Gegenwart blicken.

Die besten Szenen des Films entstehen nach dem „Besuch“ einer von einem ehemaligen Mitkämpfer angeführten Delegation, an der auch Onodas Bruder und Vater teilnehmen. Onoda und sein letzter verbliebener Kamerad können einfach nicht glauben, was sie da – aus der Ferne – beobachten und basteln sich eine Version aus ihrer Sicht zusammen: Das könne doch eigentlich nur irgendein Trick sein, mit dem sie zur Kapitulation bewegt werden sollen – extrem aufwändig von den Alliierten mit Schauspielern in Szene gesetzt!

Dass der Soldat, der nie aufgeben will, schließlich von einem japanischen Touristen gefunden wird, ist dann die letzte realsatirische Wendung dieser Geschichte um eine Weltsicht, in der Fakten keine Rolle spielen. So gesehen, durchaus aktuell in den heutigen Zeiten. Lars Penning

F/J/D 2021; 167 Min.; R: Arthur Harari; D: Yûya Endô, Kanji Tsuda, Yûya Matsuurat; Kinostart: 2.6.


The Outfit – Verbrechen nach Maß

„The Outfit -Verbrechen nach Maß“ von Graham Moore. Foto: Focus Features

THRILLER Schon Al Capone hatte Wert auf gediegene Kleidung gelegt. Hier nun, in Chicago anno 1956, ist ein anderer, ebenfalls korpulenter Mafiaboss Stammkunde eines Maßschneidermeisters aus London, der seine Heimat auf Grund offenbar tragischer Umstände verlassen hat. Leonard Burlings Werkstatt dient der Gangsterbande zudem als Treffpunkt und Aufbewahrungsort geheimer Briefe und Päckchen, denn der diskrete Engländer ist ein verschwiegener Mann ihres Vertrauens – bis sich der Verdacht erhärtet, dass es einen Verräter und Informanten des FBI in ihren Reihen gibt.

Ständige Wendungen im Geschehen und gelegentliche Gewaltaktionen sorgen für Spannung. Vor allem aber fesselt die Charakterdarstellung von Mark Rylance in der Hauptrolle. Burling tritt beherrscht, zurückhaltend und mit Poker Face auf, er ist ein Pedant, liebt seine Arbeit und ist bei aller zur Schau getragenen Bescheidenheit stolz auf sein handwerkliches Können. Rylances Mimik und kleine Gesten deuten etwas latent Bedrohliches in Burlings Wesen an. Auch dessen junge Assistentin (Zoey Deutch) ist gerissener, als es zunächst scheint. Sie benutzt den verzogenen Sohn des Gangsterbosses, um ihre Reisepläne zu verwirklichen.

Nicht nur wegen der Beschränkung auf einen Schauplatz und der geschliffenen, manchmal theatralischen Dialoge wirkt „The Outfit“ ein wenig wie ein Bühnenstück (einmal kommt die Sprache auf Oscar Wilde), gewinnt aber durch Großaufnahmen der Gesichter, gute Bildmontagen, exquisite Ausstattung und einen jazzigen Soundtrack filmische Qualitäten: ein Regiedebüt nach Maß des Chicagoer Autors Graham Moore (Oscar für „The Imitation Game“). Ralph Umard

USA 2022; 102 Min.; R: Graham Moore; D: Mark Rylance, Zoey Deutch, Dylan O’Brien; Kinostart 2.6.


Glück auf einer Skala von 1 bis 10

„Glück auf einer Skala von 1 bis 10“ von Alexandre Jollien und Bernard Campan. Foto: X Verleih

Alexandre Jollien ist einer der bekanntesten Philosophen Frankreichs und hat von Geburt an zerebrale Kinderlähmung. Bernard Campan ist als Schauspieler, Autor und Regisseur tätig. Die beiden sind seit vielen Jahren eng befreundet – und genau davon erzählen sie in ihrem bezaubernden Film als Autoren, Regisseure und Hauptdarsteller.

Igor (Alexandre Jollien) hat bei der Geburt zu wenig Sauerstoff abbekommen und ist körperbehindert. Jeden Tag fährt er mit seinem Dreirad in einer Schweizer Stadt Biogemüse aus. Er hat sich längst daran gewöhnt, dass ihn die Menschen wegen seiner ungelenken Bewegungen und dem leichten Nuscheln seltsam ansehen und ihn viele auch für verblödet halten. Eines Tages wird er vom Leichenwagen des Unternehmers Louis (Bernard Campan) gestreift. Nicht viel passiert, die eigentliche Folge: Igor findet Gefallen an Louis und schleicht sich in sein Leben ein. Das geht sogar so weit, dass er sich in jenem Leichenwagen versteckt, mit dem Louis eine Überführung nach Frankreich unternimmt. Und so sehr sich Louis anfangs ärgert, muss er sich doch bald eingestehen, dass dieser sensible und überaus kluge Mann – Igors Hobby ist die Philosophie, er hat immer ein passendes Zitat parat – eine echte Bereicherung für sein im Grunde ziemlich ödes Leben ist.

In der pointierten Komödie wird das Genre des Buddymovies hübsch variiert, es schwingen aber auch Themen wie Toleranz, Einsamkeit und selbst der Tod mit. Aber vor allem eines: Freundschaft. Der Film heißt im Original übrigens schlicht „Presque“, also „Beinahe“. Martin Schwarz

F/CH 2021; 92 Min.; R: Alexandre Jollien, Bernard Campan; D: Alexandre Jollien, Bernard Campan, Tiphaine Daviot; Kinostart: 2.6.


Erwartung – Der Marco-Effekt

„Erwartung – Der Marco-Effekt“ von Martin Zandvliet. Foto: Koch Films

THRILLER Die Romane des Dänen Jussi Adler-Olsen rund um das Sonderdezernat Q sind Bestseller. 2013 begann eine Reihe mit vier Verfilmungen der Fälle von Kommissar Carl Mørck und seines Assistenten Assad. Nach Sichtung der fünften Verfilmung „Erwartung – Der Marco-Effekt“ wird einem klarer, was für einen guten Job die Regisseure Mikkel Nørgaard („Erbarmen“ und „Schändung“), Hans-Peter Molland („Erlösung“) und Christoffer Boe („Verachtung“) in den Vorgängerfilmen geleistet haben – herausragende Thriller, die tief in menschliche Abgründe blickten. Und man erkennt, wie gut Nikolaj Lie Kaas als Mørck und Fares Fares als Assad waren. Die beiden Schauspieler werden beim fünften Fall nun von Ulrich Thomsen und Zaki Youssef beerbt.

Mørck und Assad beginnen Ermittlungen, nachdem bei dem 14-jährigen Roma-Jungen Marco nach seiner Festnahme der Pass des seit Jahren verschwundenen William Stark gefunden wird. Er war ein Mitarbeiter einer Entwicklungshilfe-Organisation, dem vor seinem Verschwinden Pädophilie vorgeworfen wurde. Doch wie ist der Junge an diesen Pass gekommen? Bei ihren Untersuchungen stoßen die beiden Cops auf undurchsichtige Geldflüsse in die Dritte Welt.

Das alles zieht sich trotz einer eigentlich interessanten Geschichte zunehmend in die Länge, was sowohl an der eher faden Inszenierung liegt als auch an den beiden Hauptfiguren: Während Zaki Youssefs Assad zum Stichwortgeber degradiert wird, bleibt Ulrich Thomsens kaugummikauender Mørck seltsam eindimensional. Martin Schwarz

DK/CZ 2021; 125 Min.; R: Martin Zandvliet; D: Ulrich Thomsen, Zaki Youssef, Sofie Torp; Kinostart: 2.6.


Der kleine Nick auf Schatzsuche

„Der kleine Nick auf Schatzsuche“ von Julien Rappeneau. Foto: Falcom Media

KINDERFILM Nach „Der kleine Nick“ (2009) und „Der kleine Nick macht Ferien“ (2014) ist „Der kleine Nick auf Schatzsuche“ nunmehr der dritte Realspielfilm mit Abenteuern des in Frankreich enorm populären „Petit Nicolas“, den Jean-Jacques Sempé (Illustrationen) und „Asterix“-Erfinder René Goscinny (Text) 1959 als Comicfigur erstmals in der französischen Wochenzeitschrift Le Moustique vorstellten. 

Und wie es mit Filmreihen so geht: Man müsste schon sehr vermessen sein, zu glauben, dass die Produzenten sich von einer einmal gefundenen erfolgreichen Formel besonders weit entfernen könnten. So ist bei „Der kleine Nick auf Schatzsuche“ dann auch (fast) alles beim Alten: Angesiedelt in einer Fantasie-Version der frühen 1960er Jahre blicken die Grundschulkinder rund um Nick und seine Freunde arglos auf die ihnen unverständlich erscheinende Welt der Erwachsenen und ergreifen absurde Gegenmaßnahmen, wenn sie mit einem Problem konfrontiert werden. In Nicks Fall ist dies die Beförderung seines Vaters, die einen Umzug nach Südfrankreich und die Trennung von seinen Freunden bedeuten würde.

Doch auch wenn Nicks Mutter dem gedankenlosen Paschatum des Vaters hier erste energische Emanzipationsversuche entgegensetzt, ist ist die Welt des „Petit Nicolas“ grundsätzlich auf eine Weise heil, die es so nie gegeben hat. Und so stellt sich letztlich die interessante Frage, ob der „Kleine Nick“ eigentlich wirklich ein Kinderfilm ist, der gleichaltrige Kids zur Identifikation einlädt, oder ob die Popularität dieser Geschichten nicht vielmehr darauf beruht, dass sie eine Fantasie von Erwachsenen darstellen, die sich in diese vermeintlich heile Zeit ihres Lebens zurücksehnen. Lars Penning

F 2021, 103 Min., R: Julien Rappeneau, D: Ilan Debrabant, Audrey Lamy, Jean-Paul Rouve, Pierre Arditi, Start: 2.6.


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