Interview

Beatsteaks-Sänger zur EP „In The Presence Of“: „Vor dem Song hatte ich Schiss“

Kaum eine andere Rockband hat in Berlin so eine starke Fanbase wie die Beatsteaks. Niemand sonst in der Stadt macht so soliden Classic Rock. Die Beatsteaks sind seit 1995 quasi die Berliner Ramones. Ihre neue EP „In The Presence Of“ besteht aus Cover­versionen – teils sehr überraschenden.

Die Originale stammen allesamt von Frauen. Es sind Songs von The Velvet Underground, Lesley Gore, L7, Ideal, Hildegard Knef und Portishead. Wir haben mit dem Sänger Arnim Teutoburg-Weiß track-by-track über die Inspiration zu den Coverversionen auf der neuen Beatsteaks-EP „In The Presence Of“ gesprochen – und über Panik vor einem ganz bestimmten Song.

Beatsteaks-Sänger Arnim Teutoburg-Weiß (l.) steht tipBerlin Rede und Antwort über die neue EP "In The Presence Of". Foto: Chris Guse
Beatsteaks-Sänger Arnim Teutoburg-Weiß (l.) steht tipBerlin Rede und Antwort über die neue EP „In The Presence Of“. Foto: Chris Guse

The Velvet Underground: „After Hours“ (1969)

tipBerlin Arnim, die neue Beatsteaks-EP „In The Presence Of“ beginnt mit dem Song einer Klassiker-Band – aber es ist ein eher ungewöhnlicher Velvet-Underground-Song, den ihr ausgewählt habt. Wie kam es dazu?

Arnim Teutoburg-Weiß Ich fand es immer schon ganz bezaubernd, wie schief Moe Tucker diesen Song singt und wie schräg das klingt. Dabei ist das eigentlich ein schön geschriebenes Lied mit einer eingängigen Melodie. Als ich das Moses (Produzent Moses Schneider, d. Red.) vorgespielt habe, meinte der: „Das ist doch genau euer Beat, der Bierbüchsen-Beat wie in ‚Hand in Hand‘“. Wir haben den Song dann auch so aufgezogen, als wäre es ein Stück unseres Albums „Smack Smash“ von 2004. Mit „After Hours“ stand auch schon die Dramaturgie der EP: Es war klar, das musste der Opener sein – und danach wird’s immer doller.

tipBerlin Wie kam es überhaupt zur Beatsteaks-EP „In The Presence Of“? War das eine Corona-Geburt?

Arnim Teutoburg-Weiß Wir wollten etwas Besonderes machen, und dann stand die Idee der Cover-EP im Raum. Und wenn wir schon covern, wollte ich gern ausschließlich Songs von Frauen nehmen, damit das Ganze einen interessanten Twist bekommt. Erst gab es eine ellenlange Liste mit Songs, die ich vorgeschlagen habe. Am Ende blieben sechs übrig.

tipBerlin Nur du hast die Stücke ausgewählt?

Arnim Teutoburg-Weiß Ja, weil wir sie vor allem nach dem Gesang ausgesucht haben.

tipBerlin Haben dich die klassischeren, dunkleren Velvet Underground auch geprägt?

Arnim Teutoburg-Weiß Auf jeden Fall. Für mich ist das eine „Reset-Band“. Wenn ich den Faden verliere beim Musikmachen, wenn ich mich frage, worum es in der Popmusik noch mal geht, dann komme ich auf Velvet Underground zurück. Das ist so wie ab und zu mal Joy Division hören oder die frühen Sachen der Beastie Boys.

Lesley Gore: „You Don’t Own Me“ (1963)

tipBerlin Der Song „You don’t own me“ ist schon sehr oft gecovert worden. War es überhaupt das Original von Lesley Gore, das du als Erstes entdeckt hast?

Arnim Teutoburg-Weiß Ja. Es gibt eine Live-Version von Lesley Gore, die war das Maß der Dinge, die findet man auch bei YouTube. Diese Performance, die ist unglaublich, sie steht allein auf der ­Bühne, hinter ihr ist ein Orchester, das man gar nicht sieht. Ich habe „You Don’t Own Me“ eine Zeit lang zum Warmsingen vor Konzerten genommen, das eignet sich gut dazu, weil der Song in der Tonlage immer höher wird. Jetzt fiel mir der Song wieder ein. Das Lied ist so auf den Punkt und zeitlos, da war auch klar, ich verändere nicht eine einzige Silbe, da stelle ich mich voll hinter die Songschreiber (John Madara und David White heißen sie, d. Red.). Diese Version ist einfach unser Versuch, mal in so eine Richtung zu gehen.

Die Beatsteaks sind unseren besten Berliner Buben fürs Stadion. Wir gehen die EP „In The Presence Of“ Track für Track mit ihnen durch. Foto: Erik Weiss

L7: „Shitlist“ (1992)

tipBerlin And now for something completely ­different.

Arnim Teutoburg-Weiß Ja, genau! Ich kenne den Song als Soundtrack zum Film „Natural Born Killers“, eigentlich ist er von ihrem Album „Bricks are Heavy“. Wir wollten das nicht einfach so nachspielen, das wäre zu dröge gewesen. Deshalb haben wir es anders gemacht, ohne Gitarren. Alles, was man da hört, sind ein Drumbeat, der Gesang, zwei Bässe und die Orgel. Das ist vielleicht das Stück, das sich am meisten vom Original entfernt, das am meisten „Version“ ist.

tipBerlin L7, Babes In Toyland oder Hole waren in den Neunzigern die großen weiblichen Rock-Bands. Und L7 waren weit vorne…

Arnim Teutoburg-Weiß …für mich auch. Ich habe die 1992 als Vorband von Faith No More gesehen, im Huxley’s, glaube ich. Ich war totaler Faith-No-More-Fan. Dann kamen L7 auf die Bühne, ich stand da als kleiner Piepel in der ersten Reihe, und ich kannte die gar nicht. Die haben mich umgeblasen. Ich hab mir auch das „Smell The Magic“-Bandshirt gekauft – das beste Bandshirt aller Zeiten.

tipBerlin Die Drums zu Beginn des Songs haben mich an etwas anderes erinnert: an „Walking on the Sun“ (1997) von Smash Mouth.

Arnim Teutoburg-Weiß Naja… es ist auch einfach dermaßen Nineties – wir sind eh so Nineties! Das ist das Jahrzehnt, das uns in jeglicher Form geprägt hat, ein Jahrzehnt der geilen Popmusik. Ich bin so glücklich, dass ich das erlebt habe, ganz ohne Handy.

Ideal: „Monotonie“ (1981)

tipBerlin Jetzt müssen wir trotzdem zurück in die Achtziger.

Arnim Teutoburg-Weiß Das Stück hat Moses Schneider mir in seinem Tonstudio Transporterraum vorgespielt, als wir zum ersten Mal mit ihm zusammengearbeitet haben, 2002 oder so. Er wollte uns Tanzmusik näherbringen, neben US-Bands und englischen Bands hat er uns auch Berliner Gruppen aus den Achtzigern gezeigt. Wir wollten weg von Rock’n’Roll-Achteln und Hardrock-Riffs, hin zum Tanzbaren. „Monotonie“ lief dann irgendwann standardmäßig im Bandbus auf der Reise nach Hause. Zwei Bier, und alle singen mit.

tipBerlin Schon immer großer Ideal-Fan?

Arnim Teutoburg-Weiß Meine älteren Punker-Kumpels haben immer gesagt, man müsse sich entscheiden: Entweder Fehlfarben oder Ideal – Ideal galt als NDW und war damit nicht akzeptabel. Ich wollte mich da gar nicht entscheiden. Na klar war Ideal eine Pop-Band, aber da war ein unglaublicher Punkspirit drin. Annette Humpe verehre ich schwer, auch als Produzentin. Selbst die Sachen, die gar nicht meine Baustelle sind, die frühen Ich+Ich zum Beispiel, fand ich irgendwie cool.

Hildegard Knef: „Von nun an ging’s bergab“ (1967)

tipBerlin Wir bleiben bei Berliner Heldinnen.

Arnim Teutoburg-Weiß Oh ja. Es geht nicht cooler als diese Frau. Ich vergöttere sie.

tipBerlin Als Sängerin, als Schauspielerin, als Gesamtkunstwerk?

Arnim Teutoburg-Weiß Es gibt so Sängerinnen oder Sänger, die singen so… (Pause) …die fordern deine volle Aufmerksamkeit, denen musst du zuhören. Hildegard Knef könnte ich gar nicht im Hintergrund laufen lassen. Da stehe ich staunend vor dem Werk und freue mich, dass wir auch mal so etwas spielen. Sie ist für mich eine ähnliche Kategorie wie Frank Sinatra: diese Sorte Alte-Schule-Sänger*innen, die es heute gar nicht mehr gibt.

tipBerlin Wie nähert man sich auf einer Cover-EP einem Stück wie „Von nun an ging’s bergab“?

Arnim Teutoburg-Weiß Das Lied singt Peter (Baumann, Gitarrist und Keyboarder der Beatsteaks, d. Red.). Das hätte ich gar nicht gekonnt. Es war klar: Wenn Peter sich das zutraut, dann müssen wir das machen, dann muss das auf die EP. Er hat das dann hammermäßig gesungen, und wir haben eine Punkversion des Songs gemacht.

Portishead: „Glory Box“ (1994)

tipBerlin Ist „Glory Box“ der Song, der am nächsten am Original ist? Da verwandelst du dich ja quasi in Beth Gibbons.

Arnim Teutoburg-Weiß Vor dem Song hatte ich Schiss. „Glory Box“ ist ein Nineties-Pop-Olymp-Moment. Das Lied basiert ja auch schon auf einem Zitat, da wird Isaac Hayes gesampelt, das ist alles aufgebaut auf einem Standard. Das Originelle sind der Gesang und dieser Text. Ich habe mich langsam rangetastet. Wir wollten nicht sampeln, wir wollten das mit zwei
Gitarren, Bass, Gesang und Drums hinkriegen. Ich war so glücklich, als das im Kasten war! Ich fand es auch spannend, dass ich singe: „I Just Wanna be a Woman“.

tipBerlin Damit würde sich der Kreis schließen zur Prämisse, nur Songs von Frauen zu covern. Warum habt ihr euch entschieden, keine Gastsängerinnen einzuladen?

Arnim Teutoburg-Weiß Wir haben total gerne Gäste. Aber das hier, das wollten wir zu fünft als Band einfangen. Also „back to the basics“ in der Performance, aber in der Auswahl der Kompositionen und der Künstler möglichst weit weg von dem, was uns nah ist. Sonst hätten wir ja gleich die Ramones covern können.

Beatsteaks: „In The Presence Of“ (BMG Rights), VÖ 11.12.


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Die Beatsteaks covern nicht nur auf der EP „In The Presence Of“, sondern auch zum Fest. Ihre Slade-Hommage ist eins unserer liebsten Weihnachtslieder aus Berlin. Anja Caspary hat die Beatsteaks 2014 für uns interviewt, da waren sie sogar in der Bravo. Den womöglich gefragtesten Mann der Indie-Szene porträtieren wir hier: Für Max Rieger steht die Tür zum Pop immer weit offen. Und mit ihrer Altstimme macht sie Musik wie für Film-Noir-Soundtracks: Stella Sommer, unsere Expertin für Melancholie und großes Drama. Über Geschmack lässt sich streiten, aber diese Berliner Bands halten wir für die wichtigsten.