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Pilotprojekt mit Test: So war das erste Philharmoniker-Konzert seit Monaten

Eigentlich sind die Häuser geschlossen, Live-Events vor Publikum gibt es derzeit nicht. Im Rahmen von „Perspektive Kultur: Pilotprojekt Testing“ findet jedoch bis 4. April Kultur in Berlin vor Live-Publikum statt, um zu prüfen, ob die Logistik der Berliner Schnelltest-Strategie funktioniert. Die Berliner Philharmoniker haben am 20. März 2021 ihr erstes Konzert in der Philharmonie seit Monaten geben. tipBerlin-Musikredakteur Stefan Hochgesand war dabei.

Berliner Philharmoniker beim Schlussapplaus zum Pilotprojekt-Konzert. Foto: Stefan Hochgesand
Berliner Philharmoniker beim Schlussapplaus zum Pilotprojekt-Konzert. Foto: Stefan Hochgesand

Run auf die Tickets: Berliner Philharmoniker spielten zum Einheitspreis

Alles beginnt mit dem Kampf um die Karten: Freitag, 12. März, 9 Uhr früh. Mein Freund und ich haben uns pünktlich auf die Webseite der Philharmonie geklickt, um zwei der heißbegehrten Tickets zur ergattern. Klar, Tickets der Berliner Philharmoniker sind oft schnell weg, aber diesmal ist es selbst für Philharmoniker-Verhältnisse Ausnahmezustand! Ein Run sondergleichen. Seit Monaten gab es kein großes Konzert in der Philharmonie – und wegen der Hygieneregeln darf auch nur etwas weniger als die Hälfte der goldschicken, bequemen Philharmoniesessel besetzt werden: 1.000 Plätze. Alle zum Einheitspreis von unschlagbar günstigen 20 Euro.

„Pilotprojekt Testing“: Berlin macht versuchsweise auf

Das Konzert ist Teil des Pilotprojekts „Perspektive Kultur“. Während überall im Land Kultureinrichtungen geschlossen sind, zelebriert die Philharmonie ein Megakonzert im großen Saal. Ob das gut geht? Seit 19. März finden die Kulturveranstaltungen des „Pilotprojekt Testing“ statt.

Gut, dass wir uns auf zwei Rechnern parallel eingeloggt haben und beide wie bekloppt die Seite ständig aktualisieren: Erst scheint es nämlich so, dass alle Tickets bereits weg sind und auch die in unseren Warenkörben nicht mehr funktionieren. Freie Plätze ploppen kurz auf und verschwinden dann rasch wieder. Letztlich ergattert mein Freund dann aber doch zwei Tickets. Wir erfahren hinterher, dass nach drei Minuten alle Tickets weg waren. Ja, sowas gibt’s sonst nur bei… ja, bei wem eigentlich? Bei den Rolling Stones vielleicht.

Achtung: Der Schnelltest geht extrem tief in die Nase

Samstag, 20. März, 12 Uhr mittags. Zur High Noon beginnt der Konzerttag sozusagen schon, denn ich habe über einen Link der Berliner Philharmoniker samt Gutscheincode einen Termin zum Schnelltest, im Testzentrum unweit vom Kreuzberger Moritzplatz, Prinzessinnenstraße. Den Termin zu bekommen hat prima geklappt. Auch dass mein Freund und ich mit dem selben Gutscheincode zu verschiedenen Uhrzeiten in verschiedene Testzentren wollten (er in Mitte), war gar kein Problem. Die Schlange vorm Testzentrum ist (durch Terminvergabe) kurz, und drinnen läuft entspannt Chill-Out-Musik, es stehen nette Topfpflanzen rum, und die Testkabinen erinnern vom Look an ulkige Gartenhäuser. Mehr zu den Zentren und Schnelltests in Berlin lest ihr hier.

2020 wurden bei mir zwei Mal PCR-Tests auf Sars-Cov-2 gemacht, an der Charité. Im November 2020 hatte ich Corona. Aber einen Schnelltest hatte ich bisher noch nicht gemacht. Dann der kleine Schock für mich, nachdem ich mich freue, pünktlich dranzukommen: Für den Schnelltest muss, wie bei meinen PCR-Tests schon, ein Nasenabstrich gemacht werden. Nase klingt so niedlich, aber was vielen ja nicht klar ist: Diese Art Test wird am Nasenrachen genommen. Und das ist sehr, sehr viel tiefer drin als man erst mal meinen würde. Was man im Alltag so als Nase bezeichnet, ist nur der Nasenvorhof. Dieses Stäbchen aber geht circa bis zur Kopfmitte durch und wird dann mehrfach gedreht – was nicht direkt wehtut, aber sich schon echt fies anfühlt. Okay, ich nehme mich zusammen, und es klappt.

Die Tests sind perfekt organisiert

Eine Viertelstunde später bekomme ich eine Mail: Mein Testergebnis liegt vor. Ich rufe es online ab, und es ist negativ. Also alles gut: kein Corona. Perfekt organisiert bisher, dieses Test-Prozedere, finde ich. Mein Freund hat seinen Termin erst um 17.45 Uhr, und die Schlange in Mitte ist lang. Der Termin wurde von der Philharmonie so angeboten, entpuppt sich aber als arg knapp. Erst um 18.15 kommt er wirklich dran und muss sich arg beeilen, um pünktlich vor Konzertbeginn um 19 Uhr anzukommen. Aber auch das klappt. Puh!

Um 18.45 sind wir in der Philharmonie. Der Einlass, verteilt auf mehrere Eingänge, funktioniert zügig, obwohl ja bei allen nicht nur die digitalen Tickets, sondern obendrein die Test-Ergebnisse gecheckt werden müssen. Respekt! Was direkt auffällt: ja, das Publikum ist schon ein wenig jünger als sonst bei den Berliner Philharmonikern. Man musste aber auch ganz schön auf Internet-Zack sein, um in diesem Hauen und Stechen online Tickets abzusahnen.

Diszipliniertes Publikum bei den Philharmonikern

Wir gehen ins Obergeschoss zum Block C. Dann Last-Minute-Gedanke: vielleicht noch mal schnell auf die Toilette, vor den 90 Minuten Konzert, bei dem es keine Pause geben soll. Das gestaltet sich dann doch schwieriger: Es darf immer nur eine Person gleichzeitig in die Herrentoilette rein. Die Warteschlange ist so lang wie sonst nur bei den Damen.

Gerade rechtzeitig schaffen wir es dann aber doch auf unsere Plätze. Ein Platz muss zwischen uns frei bleiben. Der ist auch per Gurt blockiert, damit man nicht mogelt. Alle tragen artig Maske. Und, anders als im Supermarkt und in der U-Bahn, lässt auch niemand seinen Riechkolben raushängen. Sehr erfreulich! Das Personal der Philharmonie gibt aber auch gut Acht. Kurze Ansprachen: Die Intendantin Andrea Zietschmann sagt, wie sehr sie das berührt, da sie die Ränge der Philharmonie seit Monaten nur leer sieht. Und der Kultursenator Klaus Lederer betont, dass wir das hier heute Abend für den Gesundheitsschutz machen. Nice!

Petrenko dirigiert die Berliner Philharmoniker

Der (inzwischen nicht mehr ganz so) neue Chefdirigent der Berliner Philharmoniker, Kirill Petrenko, schreitet beschwingt ans Pult und nimmt erst dort die schicke schwarze Maske ab. Dann geht’s also los mit Tschaikowskys Fantasie-Ouvertüre „Romeo und Julia“. Oh, ja, das tut schon verdammt gut, mal wieder live Streicher zu hören, statt nur über die Boxen und die Kopfhörer zu Hause. Mein letztes Sinfoniekonzert, das war im September in Prag, kurz bevor die Covid-Zahlen dort in die Höhe schossen. Die Sicherheitsmaßnahmen in Prag waren aber auch … fragwürdig. Hier in der Berliner Philharmonie läuft’s gut. Ein Paar hält Händchen und kuschelt ein wenig, aber das sei ihnen gegönnt.

Kurze Umbaupause. Wer den Saal verlässt, um auf Klo zu gehen, riskiert, nicht mehr reingelassen zu werden, heißt es vom Personal aus. Uff.

Die Berliner Philharmonie zur blauen Stunde kurz vor Konzertbeginn beim Pilotprojekt. Foto: Stefan Hochgesand

Seltsam: Niemand hustet bei den Berliner Philharmonikern

Dann also Sergej Rachmaninows Zweite Symphonie, schön düster. Eine erstaunliche Beobachtung: Wer öfter ins klassische Konzert geht, weiß ja, dass man zwischen den Sätzen einer Sinfonie nicht klatschen „darf“. Wer’s doch tut, outet sich als Klassik-Newbie und wird mit Augenrollen abgestraft. Wenn also normalerweise das Orchester zwischen den Sätzen kurz ruht, passiert statt schönem Klatschen (das, wie gesagt, „verboten“ ist) Folgendes: Leute husten lautstark rum. Quasi das Husten, das sie während des Satzes unterdrückt haben. Im Gegensatz zu Klatschen gilt Husten zwischen den Sätzen also als durchaus respektabel. Schräge Klassikwelt!

Beim Pilotprojekt-Konzert der Berliner Philharmoniker passiert aber witzigerweise Folgendes: Niemand hustet zwischen den Sätzen. Niemand! Das hab ich bei circa hundert Besuchen in der Philharmonie noch nie erlebt! Traut sich vielleicht niemand zu hüsteln, weil sonst Panik rundherum aufkäme, ob man wohl Corona habe? Oder sind alle Hüstler eh zuhause geblieben?

Beim Schlussapplaus muss ich kurz weinen, circa drei Sekunden lang. Okay, vielleicht waren es auch fünf. Irgendwie hat mich das doch total ergriffen. Das war etwas sehr Besonderes, dieses erste große Konzert seit Langem. Am Donnerstag geht’s ins Konzerthaus und Anfang April zwei Mal in die Oper. Auch dafür haben wir uns wie bekloppt digital um Tickets geprügelt. Ich freu mich schon. Nur diese Teststäbchen, die mir dafür noch einige Male tief in die Nase geschoben werden – die werde ich echt nicht vermissen, wenn die Pandemie vorbei ist.


Mehr zu Corona und Kultur

Bis 4. April wird getestet, ob es mit dem Testen klappt. Wir sprachen mit Kultursenator Klaus Lederer über das Pilotprojekt. Wie könnte es weitergehen? Schon im Februar haben Veranstalter*innen und Expert*innen ein Konzept mit Öffnungsperspektiven für die Kultur vorgelegt. Sicher ist, dass es draußen sicherer ist. Wird Berlin 2021 einen großen Open-Air-Sommer erleben? Möglich könnte das auch im Umland sein. Wir haben uns erkundigt, welche Festivals derzeit Hoffnung haben.