Schräg bis exzentrisch

Legenden: Diese Berliner Originale sind zwar schon tot – aber unvergessen

Sie sind Legenden, auch wenn sie nicht mehr durch die Berliner Straßen wandeln und längst aus dem Alltag verschwunden sind. Mit ihrer Einzigartigkeit prägten diese legendären Berliner Originale Jahre oder Jahrzehnte das Stadtbild – etwa Straps-Harry, Bruno S. und der Grimassenschneider vom Europa Center. Eine Erinnerung an fünf Exzentriker, die (fast) jeder mal gesehen hat und doch kaum jemand richtig kannte.

Bruno S.

Ein Berliner Original: Bruno Schleinstein alias Bruno S. (1932 - 2010), Berlin 1974, Straßenmusiker und Schauspieler.
Bruno Schleinstein alias Bruno S. (1932 – 2010), Berlin 1974, Straßenmusiker und Schauspieler. Foto: dpa/ picture alliance

Seine Kindheit wurde ihm gestohlen, wie er das selbst mal ausdrückte: Bis 1956 lebte der 1932 geborene Bruno Schleinstein in Kinderheimen und der Psychiatrie. Weltberühmt wurde er für kurze Zeit durch die beiden Werner-Herzog-Filme „Jeder für sich und Gott gegen alle“ und „Stroszek“ Mitte der 70er-Jahre, versank dann aber wieder in der Versenkung und tauchte Jahre danach als Sänger eigener Lieder mit seinem Harmonium in Berliner Hinterhöfen auf, arbeitete als Gabelstaplerfahrer und malte.

2002 setzte ihm der Filmemacher Miron Zownir mit dem Porträt „Bruno S. – Die Fremde ist der Tod“ ein filmisches Denkmal, das auf der Berlinale zu sehen war. Bruno S. starb 2010. „Menschlichkeit ist eine Verkleidung der Reichen, damit sie in der Menschenmenge besser untertauchen können.“  MS


Charlotte von Mahlsdorf

Geboren 1928 in Berlin-Mahlsdorf packt Lothar Berfelde schon früh die Sammelleidenschaft, vor allem aus der Gründerzeit.
Charlotte von Mahlsdorf sammelt fast zwei Dutzend komplette Zimmereinrichtungen. Foto: Imago/ teutopress

Geboren 1928 in Berlin-Mahlsdorf packt Lothar Berfelde schon früh die Sammelleidenschaft, vor allem aus der Gründerzeit. Berfelde fühlt sich als Frau, übernimmt 1960 das ruinöse Gutshaus Mahlsdorf und baut es zum Gründerzeitmuseum aus. Die stets liebenswürdige Charlotte von Mahlsdorf sammelt fast zwei Dutzend komplette Zimmereinrichtungen, mit besonderem Schwerpunkt auf mechanischen Musikmaschinen – vieles davon ist heute noch im Gründerzeitmuseum zu sehen.

Zugleich avanciert Charlotte zur Ikone der Genderbewegung, Rosa von Praunheim setzt ihr 1992 mit dem Porträt „Ich bin meine eigene Frau“ ein filmisches Denkmal. Auch wegen Angriffen von Neonazis auf das Museum wandert Charlotte Mitte der 90er nach Schweden aus. Bei einem Berlin-Besuch 2002 stirbt Charlotte von Mahlsdorf. „Ich werde mehr als nur einen Koffer in Berlin haben: bei meiner Schwester ein Bett – von 1890.“ (aus „Der Spiegel“). MS


Horst „Knautschke“ Ehbauer

Horst Ehbauer war Weltmeister im Grimassenschneiden 1979 und 1990
Horst Ehbauer war Weltmeister im Grimassenschneiden 1979 und 1990. Foto: Peter Bischoff/ Getty Images

Weit über die Grenzen Berlins hinaus war der Mann bekannt, der seine Unterlippe über die eigene Nase stülpen konnte. Zwei Mal gewann Ehbauer die Weltmeisterschaft der Grimassenschneider, brachte es auf drei Einträge im Guiness-Buch, tauchte mehrmals bei Harald Schmidt auf und spielte in einem amerikanischen B-Picture einen Clown. Dabei war Ehbauers eigene Geschichte eher traurig: Seine Mutter war eines der Opfer des S-Bahn-Mörders Paul Ogorzow. Auch wenn Touristen vor dem Zoo und auf dem Ku’damm über seine Gesichter lachten, Ehbauers Wutausbrüche waren legendär Er starb 2006 mit 73 Jahren – beim Üben vor dem Spiegel.. LuG


Straps-Harry

Der Mann, den alle Straps-Harry nannten, war Unternehmer. Er betrieb Travestielokale und das Autodrom, ein Fahren-ohne-Führerschein-Parcours an der Kochstraße. Falls seine langen roten strapsbefestigten Wollstrümpfe ein Marketing-Gag waren, dann hat er funktioniert. Harry Toste war eine Ikone West-Berlins, angeblich ein Millionär, auf jeden Fall kein Kind von Traurigkeit. Rosa von Praunheim porträtierte ihn im Dokumentarfilm „Stolz und schwul“ (1991). Noch mit 90 tanzte Straps-Harry auf der Love-Parade mit. 2004 ist er 97-jährig gestorben. -icke


Ditmar „Jacki“ Dunke

Ditmar „Jacki“ Dunke, West-Berlin in den 1980er-Jahren.
Foto: Privat

Bei seinem Begräbnis Ende 2019 spielten alte Weggefährten „Für immer Punk“ von den Goldenen Zitronen. Und genau das war Ditmar Dunke, besser bekannt als „Jacki“. Für immer Punk. 1963 in Wilmersdorf geboren und bei den Großeltern aufgewachsen, büchste er mit 17 aus und tauchte in der Kreuzberger Hausbesetzer- und Punkszene ab. Er verkörperte den desolaten, exzessiven und destruktiven Aspekt des Punk-Daseins. Jacki betrieb einen radikalen Raubbau am eigenen Körper, pflegte eine Antihaltung gegen alles was auch nur den Anschein von Establishment machte und die grundlegende „No future“-Attitüde. Viele aus der Szene hat er überlebt, auch wenn es ihm kaum jemand zugetraut hätte, so krank und fertig sah er aus. Seine Kutte, liebevoll mit Dutzenden von Kronkorken verziert, ist an das Kreuzberger Bezirksmuseum gegangen. Die Kaputtheit hat „Jacki“ mit ins Grab genommen. sla


Diese fünf Berliner Originale mischten West-Berlin in den 80er-Jahren auf. Und diese Berliner Originale sind aktuell in Berlin unterwegs.

Schräge Künstlertypen, exzentrische Obdachlose, windige Geschäftsleute.
Es gibt verschiedene Formen der Berliner Originale, doch sie alle gehören zur Stadt. Eine Liebeserklärung.

Gedichte von der Seele: Timo Dege gehört zum Kreuzköllner Inventar. Tagein, tagaus verkauft er seine Kleinstlyrik in der U-Bahn, ingesamt 240 Gedichte. Geschrieben hat er sie an einem einzigen Tag. Jeder kennt ihn. Doch wer ist er? 

Nicht aus der Partyszene wegzudenken ist Komet Bernhard, der mit seinen 70 Jahren Schreiner, Performer und Berliner Party-Institution ist. Hier erklärt er, was für ihn Heimat bedeutet.