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Pandemie-Bekämpfung

Warum ihr die Corona-Warn-App laden solltet, auch wenn sie von Jens Spahn kommt

Jetzt ist es soweit. Seit der Nacht zum Dienstag steht die Corona-Warn-App in den App-Stores von Apple und Google zum Download bereit. Mit schönen Grüßen von Gesundheitsminister Jens Spahn. Warum ihr die Tracing-App trotzdem auf eurem Handy installieren solltet.

Nach monatelanger Vorbereitung stellt die Bundesregierung am Dienstag, 16.06.2020, in Berlin die Corona-Warn-App online. Foto: imago images /epd

Gut App will Weile haben. Jetzt hat das Warten auf die Corona-Warn-App vom Robert-Koch-Institut ein Ende. Am Dienstag um 10.30 Uhr soll sie offziell vorgestellt werden.

Mit der App sollen Infektionsketten präziser und schneller zurückverfolgbar sein. Eine Aufgabe, die bisher von den Gesundheitsämtern übernommen wird, die Kontaktpersonen von Infizierten buchstäblich hinterhertelefonieren. Und dabei schnell vor personellen Engpässen stehen können, sollten die Ansteckungszahlen wieder stärker steigen. Was keiner hofft, keiner will. Aber niemand ausschließen kann. Schon gar nicht, wenn der Sommer vorbei ist.

Corona-Warn-App sollte schon Ende April fertig sein – eigentlich

Eigentlich hatte das alles viel schneller gehen sollen. Bereits Ende April hatte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) eine Corona-Warn-App präsentieren wollen, die ihre Nutzer darüber informieren sollte, wenn sie Kontakt zu einer mit dem immer noch neuartigen Corona-Virus infizierten Person hatten. Gegen die zentrale Datenspeicherung zum Beispiel, die der Minister zunächst dafür favorisierte, gab es jedoch massive Kritik. Spahn wollte Kontaktpersonen via Handyortung ermitteln. Datenschützer*innen waren entsetzt, protestierten.

Und die App-Entwicklung verzögerte sich immer mehr. Hier könnte jetzt ein BER-Witz stehen.

Jetzt ist sie getestet und bereit. Am Dienstag, 10.30 Uhr stellen Innenminister Horst Seehofer (CSU), Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU), Justizministerin Christine Lambrecht (SPD), die Beauftragte der Bundesregierung für Digitalisierung, Dorothee Bär (CSU), und Kanzleramtschef Helge Braun (CDU) gemeinsam mit den an der Entwicklung beteiligten Unternehmen die App vor. Auch mit dabei sind der Präsident des Robert-Koch-Instituts, Lothar Wieler, sowie Telekom-Vorstandschef Timotheus Höttges und SAP-Vorstandsmitglied Jürgen Müller.

Ziemlich großer Bahnhof also.

Die neue App: Ein „Traum für Datenschützer*innen“?

Die Digitalexpertin Laura S. Dornheim, Sprecherin der Berliner Landesarbeitsgruppe Netz der Grünen, sagt: „Diese App ist beinahe schon ein Traum für Datenschützer*innen.“

Noch im April hatte eine globale Allianz von mehr als 300 Wissenschaftler*innen, darunter 50 aus Deutschland, vor einer „bespiellosen Überwachung“ durch Apps zur Nachverfolgung von Corona-Kontakten, einer so genannten Tracing-App, gewarnt – wenn diese Speicherung auf zentralen Servern etwa der Regierung erfolgen würde.

In China oder Südkorea beispielsweise scherte man sich bei der dortigen App herzlich wenig um derartige Bedenken. Immer her mit den Bewegungsdaten.

Eine zentrale Speicherung ist mit der neuen Corona-Warn-App des Bundes nun vom Tisch. Das Prinzip: Die App erzeugt einen geheimen Schlüssel – eine zufällige Zahlenkombination-, die nur für das jeweilige Smartphone gilt. Daraus generiert sie Identifkationsnummern, genannt „Zufalls-IDs“, die das Handy über die Technik Bluetooth Low Energy konstant in die Umgebung aussendet. Den Musikkonsum mit dem Bluetooth-Kopfhörer beeinträchtigt das übrigens nicht. Auch der Akku soll, so heißt es, geschont werden.

Das App-Prinzip heißt: Freiwilligkeit

Kommen sich nun zwei Menschen, die die App auf ihrem Smartphone installiert haben, für rund 15 Minuten ungefähr zwei Meter nahe – etwa wenn sie in der Bahn nebeneinander sitzen –, speichen beide Handys die Identifkationsnummer des jeweils anderen Handys für 14 Tage ab. Wird dann eine dieser Personen auf Covid-19 getestet, kann sie diesen Test in der App registrieren. Dazu muss sie ihren geheimen Schlüssel in der App eingeben, versehen mit einem QR-Zugangscode des Gesundheitsamtes, des Arztes oder des Labors. Die App informiert dann über das Resultat des Testergebnisses des Labors.

Sollte man tatsächlich positiv auf Covid-19 getestet werden, erzeugt das Serversystem der vom RKI betriebenen Testergebnis-Datenbank eine TAN (eine Transaktionsnummer, wie man sie vom Online-Banking kennt). Mit dieser kann eine infizierte Person via App anonym Kontaktpersonen der letzten 14 Tage warnen.

Ohne die TAN geht dabei gar nichts. Damit nicht irgendwelche minder motivierten Schüler*innen auf die Balla-Balla-Idee kommen, den mühsam anholpernden Schulunterricht mit einem digitalen Klingelstreich mal kurz lahmzulegen. Oder die Sommerschule, die der Senat in den Ferien für hilfsbedürftige Schüler*innen eingerichtet hat, gleich wieder abzuschaffen.

Mit der Infektionsmeldung werden die Kontaktpersonen darüber informiert, dass sie sich in der Nähe einer infizierten Person befanden – und womöglich dabei infiziert wurden. Und nun ist es wieder die eigene Entscheidung. 14 Tage Selbstisolation? Zum Arzt? Einen Corona-Test machen? Wer genau dieser infizierte Person ist, bleibt dabei geheim. Wichtig.

Wohlgemerkt: Ein*e Betroffene*r kann das alles tun. Muss aber nicht. Besser wäre es natürlich. Aber das System setzt eben nicht auf Zwang, sondern auf Freiwilligkeit. Es gibt kein Gesetz, das zum App-Download zwingen würde.

Laura S. Dornheim (Grüne): „Diese App zwingt dich zu überhaupt nichts“

Die grüne Digitalexpertin Dornheim sagt: “ Ich als netzpolitischer Mensch sage: Diese App erfasst absolut nichts von meinen persönlichen Daten. Sie weiß mein Geschlecht nicht, kennt mein Handy nicht.“ Und sie betont: „Sie zwingt dich zu überhaupt nichts. Es ist alles deine eigene Entscheidung. Und niemand kann nachverfolgen, was du tust.“

Alles an dieser App ist also freiwillig: von der Installation bis zur Meldung einer Infektion. Das Prinzip setzt damit auch auf die Vernunft der Menschen. Auch wenn das mit der Vernunft in Berlin ja zuletzt manchmal so semi geklappt geklappt, Strichwort Boot-Rave. Aber Einsicht beginnt mit gutem Willen dazu.

Und die Corona-Warn-App taugt auch nicht als Unbedenklichkeitsnachweis etwa an Restaurants- oder perspektivisch an Clubtüren. Eine Idee, auf die manch einer kommen könne. Aber sie kann keinen Status anzeigen. Sie verrät also nicht, ob ihr Besitzer Corona-positiv ist oder eben nicht.

Was bringt die Corona-Warn-App wirklich?

Anfangs schien es, als sei eine Tracing-App eine Art Bazooka gegen den Lockdown, der Charité-Virologe Christian Drosten nannte sie Anfang April das „bevorzugte Werkzeug“ in der Pandemie-Bekämpfung. Dann galt sie als datenschutzrechtliche Vollkatastrophe für die Wummsrepublik. Die Wahrheit liegt irgendwo in der Mitte. Laura S. Dornheim: „Am Anfang hieß es, die App ist das, was uns aus dem Lockdown führt. Das ist natürlich Bullshit. Man darf sie nicht überschätzen. Die App ist halt keine Impfung. Ich glaube, dass sie die Kompaktnachverfolgung sehr viel einfacher machen kann. Ich freue mich total und will auch dazu beitragen, dass sie verbreitet wird.“

Denn die App funktioniert um so effektiver, je mehr Leute sie zumindest installieren. Auch wenn der Wunsch-Bevölkerungsanteil von 60 Prozent schwer zu erreichen sein dürfte: Besonders in einer Großstadt wie Berlin, wo viele Menschen zusammenkommen, sich nahe kommen, zunehmend eben auch zu nahe, ergibt sie natürlich mehr Sinn als auf dem flachen Land, wo der Mindestabstand zum nächsten Bauernhof in Kilometern gemessen wird.

Die Abstandsregeln ersetzen kann die Mail nämlich nicht. Es ist wie mit dem Mund-Nase-Schutz, von dem Kritiker argwöhnten, er würde zur Sorglosigkeit verführen: Alles ergibt Sinn, aber nichts reicht für sich allein, um die Corona-Gefahr zu bannen. Es ist eine Kombination aus vielen Bausteinen.

Wie sagte Gesundheitsminister Spahn doch kürzlich im ZDF-„Bericht aus Berlin“ über die App: „Das Virus können wir nur im Teamspiel besiegen.“ Man muss dem Mann nicht alles glauben, ganz im Gegenteil, in seinen anfänglichen Überwachungs-Aktionismus lag er mehr daneben als richtig. Und die Datenschützer*innen ließen ihn das auch vernehmlich wissen.

Aber was diese App betrifft, sieht es so aus, als habe Spahn dieses Mal tatsächlich recht. Mal sehen, wie es klickt.


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