Architektur

Bauhaus und Neues Bauen in Berlin: So visionär wurde in der Stadt gebaut

Bauhaus und Neues Bauen – bei diesen Stichworten denken viele zunächst an Weimar und Dessau. Dabei war auch Berlin ein Zentrum der Bauhaus-Schule. In der ganzen Stadt und im Umland entdeckt man einzelne Gebäude und Ensembles, die die Architekt*innen und Bauhaus-Meister*innen konzipiert haben. Die großen Bauhaus-Ideen überzeugen durch Einfachheit: Handwerk und Kunst sollen optimal zusammenspielen. Form folgt Funktion. Und was funktioniert, ist auch schön, ganz ohne Stuck, Schnörkel und Ornamente.

Die großen Visionen gehören ohnehin zum Selbstbild dieser Stadt – und zum Stadtbild genauso. Von den sechs UNESCO-Welterbe-Stätten „Siedlungen der Berliner Moderne“ über Gropius’ Spätwerk bis zu einem Palast für Pkw stellen wir 12 Bauwerke in Berlin und Brandenburg vor, die von Bauhaus-Architektur und dem Neuen Bauen beeinflusst sind.


Bauhaus in Nord-Berlin: Reinickendorfs Weiße Stadt

Die Weiße Stadt in Reinickendorf ist ein prägendes Werk der Bauhaus-Architektur in Berlin. Imago Images/Westend61
Die Weiße Stadt in Reinickendorf ist ein prägendes Werk der Bauhaus-Architektur in Berlin. Foto: Imago Images/Westend61

Schon vor dem Ersten Weltkrieg plante Reinickendorf diese Großsiedlung, doch die Verwirklichung zog sich bis in die 1920er-Jahre. Die Architekten Bruno Ahrends, Wilhelm Büning und Otto Rudolf Salvisberg griffen für die Gestaltung des Quartiers Bauhaus-Formen auf: klare Kanten und schlichte Fassaden.

Keine große Überraschung ist der Name der Siedlung an der Schillerpromenade: Die Häuser auf dem 14 Hektar großen Gelände strahlen weiß. Von 1928 bis 1931 wurde das Projekt realisiert, seit 2008 ist die Weiße Stadt Teil des UNESCO-Weltkulturerbes in Berlin.

Jede Wohnung verfügte über Bad, Küche und eine Loggia. Das war damals nicht gerade Standard, in Reinickendorf aber sogar zu bezahlbaren Preisen zu haben.


Das Who’s Who des Neuen Bauens: Großsiedlung Siemensstadt

Die Großsiedlung Siemensstadt wurde von Meistern des Bauhaus und  neuen Bauhaus für Berliner Arbeiter*innen gebaut. Foto: Imago Images/Imagebroker
Die Großsiedlung Siemensstadt wurde von Meistern des Bauhaus und neuen Bauhaus für Berliner Arbeiter*innen gebaut. Foto: Imago Images/Imagebroker

Die Großsiedlung Siemensstadt zählt ebenfalls zum UNESCO-Welterbe „Siedlungen der Berliner Moderne“. Ab 1929 entstand sie als Wohnstadt für die Arbeiter*innen der Siemens-Fabriken. Die Siedlung ist ein Musterbeispiel für progressiven Wohnungsbau: Große Freiflächen und viel Grün bestimmen neben der schlichten Formen das Bild.

Daneben ist das Areal so etwas wie eine steinerne Architektur-Enzyklopädie: Mitgewirkt haben Walter Gropius, Otto Bartning, Hugo Häring, Fred Forbát und Paul Rudolf Henning. Das städtebauliche Konzept erarbeitete Hans Scharoun, der mit Formen Neuen Bauens experimentierte. Eines seiner Gebäude trägt aufgrund seiner nautischen Klobigkeit den Spitznamen „Panzerkreuzer“.


Ein proletarischer Palast: Bruno Tauts Hufeisensiedlung

Hufeisensiedlung. Foto: imago images/Günter Schneider

Die große Idee, die hinter der Hufeisensiedlung von Bruno Taut steht, ist Menschenwürde: Sie ist eines der gewaltigsten sozialen Wohnungsbauprojekte der Stadt. Die Architekten Bruno Taut und Martin Wagner lehnten die Enge der düsteren Mietskasernen ebenso ab wie die fast schon elitäre Idee der Gartenstadt. Mit großen Loggien, einer imposanten Freitreppe und hellen Wohnungen ist das große Hufeisen von Anfang an als Gegenentwurf zum großstädtischen Elend konzipiert worden – ein proletarischer Palast.

Normierte Grundrisse, in Masse industriell gefertigte Bauteile und eine schlichte Fassade machten die Konstruktion nicht nur kostengünstig, sondern auch extrem beliebt. Zu den bekanntesten Bewohnern zählten der Anarchist Erich Mühsam und der Jugendstil-Künstler Erich Vogeler.

Seit 2010 gehört die Hufeisensiedlung zum Berliner UNESCO-Welterbe. Auf der anderen Straßenseite befindet sich mit der Krugpfuhlsiedlung ein weitaus konservativerer Gegenentwurf.


Die Wohnstadt Carl Legien verbindet sozialen Wohnungsbau mit Bauhaus-Ästhetik

Die Wohnstadt Carl Legien in Prenzlauer Berg ist von Bauhaus-Architektur beeinflusst. Foto: Imago Images/Schöning
Die Wohnstadt Carl Legien in Prenzlauer Berg ist von Bauhaus-Architektur beeinflusst. Foto: Imago Images/Schöning

Die krisengebeutelte Weimarer Republik verließ sich für wirtschaftlichen Aufschwung auf ein bewährtes Mittel: den staatlichen Eingriff. Ein großflächiges Wohnungsbauprogramm kurbelte die Wirtschaft an. Zeugnis dessen ist die Wohnstadt Carl Legien im Norden des Prenzlauer Bergs. Die Siedlung wurde ab 1928 nach Plänen von Bruno Taut und Franz Hillinger errichtet und nach dem Gewerkschaftsführer Carl Legien benannt.

Das Konzept überzeugt durch Schlichtheit: Die Grundrisse der Wohnungen sind streng schematisch, das gesamte Ensemble bezieht Inspiration aus skandinavischem und niederländischem Städtebau.

Und obwohl dieser Teil des Prenzlauer Bergs viel dichter besiedelt ist als die Gründerzeit-Quartiere, wirkt die Wohnstadt Carl Legien regelrecht grün. Kleine Loggien brechen das Bild von großen Wohnblöcken auf, und jeder Innenhof hat eine kleine Parkanlage. Seit 2007 gehört die Wohnstadt zum UNESCO-Welterbe. Bilder aus einer anderen Zeit seht ihr hier: Prenzlauer Berg in den 1980er-Jahren.


Das Mies van der Rohe-Haus ist ein kleines Bauhaus-Museum

Bauhaus-Architektur aus Backstein: das Mies van der Rohe-Haus in Berlin-Hohenschönhausen. Foto: Imago Images/Jürgen Ritter
Bauhaus-Architektur aus Backstein: das Mies van der Rohe-Haus in Alt-Hohenschönhausen. Foto: Imago Images/Jürgen Ritter

Ein Hauch von Weltausstellung: Das Mies van der Rohe-Haus wirkt wie eine Backstein-Version des eleganten Pavillons, mit dem Mies van der Rohe Deutschland 1929 auf der Weltausstellung in Barcelona repräsentierte.

Die heute als Mies-van-der-Rohe-Haus bekannte Villa erbaute der Architekt 1933 für den Kunst- und Druckunternehmer Karl Lemke. Es war das letzte Wohnhaus, das er in Deutschland vollendete, bevor er 1938 in die USA emigrierte. In dem restaurierten L-förmigen Klinkerbau, der dem Bezirk gehört, ist zeitgenössische Kunst zu sehen, zu hören sind Diskussionen über Architektur. Die aktuelle Ausstellung „Raum-Zeit-Odyssee“ von Veronika Kellndorfer (bis 20. 12. 2020) zeigt großformatige Ansichten der Neuen Nationalgalerie als Siebdruck auf Glas.


Spätwerk des Bauhaus-Architekten Ludwig Mies van der Rohe: Die Neue Nationalgalerie

Neue Nationalgalerie vor dem Umbau. Foto: Imago Images/shotshop

Ein passenderes Gebäude für die Kunst des 20. Jahrhunderts hätte wohl kaum gebaut werden können. Ludwig Mies van der Rohe schuf einen Pavillon aus Stahl mit großzügigen Glasfassaden. Der West-Berliner Senat erteilte den Auftrag 1962 an den Bauhaus-Architekten.

Die Neue Nationalgalerie war sein erstes Nachkriegs-Bauwerk in Deutschland. Eigentlich sind von außen Wechselausstellungen zu sehen, im Souterrain die Dauerausstellung. Seit 2015 finden umfangreiche Sanierungsarbeiten am Gebäude statt. Bis Ende 2020 ist die Bauübergabe geplant. Und bereits nächstes Jahr sollen wieder Ausstellungen zu sehen sein.


Bauhaus-Architektur am Berliner Stadtrand: Waldsiedlung Zehlendorf

Die Waldsiedlung Zehlendorf ist auch als Onkel-Tom-Siedlung bekannt. Foto: Imago Images/Joko
Die Waldsiedlung Zehlendorf ist auch als Onkel-Tom-Siedlung bekannt. Foto: Imago Images/Joko

So wie die Wohnstadt Carl Legien war auch die Waldsiedlung Zehlendorf ein Großprojekt der Gemeinnützigen Heimstätten-, Spar- und Bau-Aktiengesellschaft (GEHAG). Sie trägt auch den Namen Onkel Toms Hütte, benannt nach einem Ausflugslokal in Zehlendorf. Dessen Besitzer wiederum ließ sich dazu von Harriet Beecher Stowes gleichnamigem Roman inspirieren.

Auch hier sind die Architekten keine Unbekannten: (Wieder einmal) Bruno Taut, Hugo Häring und Otto Rudolf Salvisberg planten über 1100 Geschosswohnungen in der von Villen dominierten Gegend. Zwar besteht die Siedlung aus standardisierten Typenhäusern, aber Monotonie sucht man im abwechslungsreichen und farbenfrohen Ensemble vergeblich.

Die Nazis machten in ihrem Hass auf alle modernen Entwicklungen in der Kunst auch hier nicht Halt. Bruno Tauts Werk galt ihnen als „entartete Kunst“. Für die Waldsiedlung versuchten sie, den Begriff „Papageiensiedlung“ zu prägen.


Neues Bauen im Umland: die Hutfabrik in Luckenwalde

Markant: Die Färberei mit restaurierter Dachkonstruktion der Hutfabrik in Luckenwalde Foto: Wikimedia/CC BY-SA 3.0 DE
Markant: Die Färberei mit restaurierter Dachkonstruktion der Hutfabrik in Luckenwalde Foto: Wikimedia/CC BY-SA 3.0 DE

Erich Mendelsohn war zeitlebens so etwas wie ein konstruktiver Konkurrent des Bauhauses. Expressiver, dynamischer und verspielter als die Bauhaus-Architektur waren seine Entwürfe. Und Details wie das ausdrucksstarke Dach der Hutfabrik Friedrich Steinberg, Herrmann & Co. in Luckenwalde hätte sich in Jena oder Weimar sicher niemand erlaubt.

Dennoch: Dieser Industriebau in Brandenburg ist weit entfernt von klassizistischem Prunk. Ab 1921 errichtete Mendelsohn das Fabrikgebäude, das unter Beweis stellte, wie schön auch industrielle Zweckbauten sein können. Die streng symmetrischen Hallen sind komplett auf den Produktionsprozess der Fabrik ausgerichtet. Mit Stahlbeton als Baumaterial war die Fabrik damals auf dem neuesten Stand der Technik.

Hüte werden dort allerdings nicht mehr produziert. Die Hallen stehen leer, doch sie wurden bis 2011 aufwendig restauriert.


Haus Lewin von Peter Behrens

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Peter Behrens ist ein Architektur-Meister, dessen Andenken nur von seinen Nachfolgern in den Schatten gestellt wird. Zu seinen Schülern (und Angestellten) zählten Walter Gropius, Adolf Meyer und Mies van der Rohe. In Berlin schuf er schon früh beeindruckende Industriebauten. Die Formsprache des Neuen Bauens eignete er sich spät an und perfektionierte sie. Das Haus Lewin hat klare Ecken und Kanten und wirkt im besten Sinne wie nach Baukastenprinzip konstruiert. 1929 schuf Behrens das Gebäude für den Psychologen Kurt Lewin.

Die Inneneinrichtung übernahm der für seine Stahlrohrmöbel gefeierte Designer Marcel Breuer.

Übrigens: Auch Walter Gropius schuf in Berlin ein Haus Lewin. 1928 errichtete er es für den Verlagsdirektor Josef Lewin.


Die Bundesschule in Bernau bei Berlin ist ein Bauhaus-Denkmal

Foto: Imago Images/Jürgen Ritter

Das gesamte Bauhaus war an der Entwicklung dieser Schule des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes beteiligt. 1928 entschied Hannes Meyer, damals Bauhaus-Direktor, den Wettbewerb für sich. Die Gestaltung der Schule konnten also alle Werkstätten gemeinsam übernehmen. In einem speziellen Büro in der Berliner Wilhelmstraße planten die Studierenden jedes Detail: vom am Lauf der Sonne ausgerichteten Grundriss über die Glas- und Backstein-Fassaden bis zur Inneneinrichtung.

Gelehrt wird im 1930 fertiggestellten Komplex noch immer, er dient als Seminar- und Lehrgangshotel. Seit 2017 zählt die Bundesschule zum UNESCO-Weltkulturerbe.


Bauhaus Archiv. Foto: Florencia Viadina/Unsplash

Das Bauhaus Archiv in Berlin

Als dieses Museum 1979 am Landwehrkanal errichtet wurde, müssen die Passant*innen gedacht haben, es handele sich um eine futuristische Raumschiffanlage. Heute ist jedem klar, dass der Bauhaus-Guru Walter Gropius hier ein architektonisches Denkmal gesetzt hat.

Wie im Museum sind auch die Produkte im Laden im Bauhaus-Stil gestaltet: Einrichtungsgegenstände, Spielsachen, Uhren, Lampen und Accessoires mit den typisch klaren Formen. Alles ist von berühmten Designern entworfen beziehungsweise deren Entwürfen nachempfunden. Wegen Bauarbeiten ist das Museum derzeit geschlossen, aber das geht mit großen Versprechungen einher: Der Bestand wird renoviert, und zusätzlich entsteht ein ganz neuer Anbau.


Bauhaus-Architektur für Autos an der Kantstraße

Schlicht und gewaltig: Die Kantgarage ist nach Bauhaus-Leitlinien gebaut. Foto: Imago Images/PEMAX

Berlin ist wahrlich keine Stadt für Parkhäuser, dabei würden die den notorisch überfüllten Straßenraum ein wenig entlasten können. Eine Ausnahme ist gleichzeitig auch ein Superlativ: Die Kantgarage, die nicht umsonst „Garagenpalast“ genannt wird. 1929/30 wurde nach Bauhaus-Prinzipien dieses Hochhaus errichtet, das nicht nur wegen seiner Höhe die Umgebung in den Schatten stellt.

Parken kann man in diesem Gebäude allerdings nicht mehr. Die Stimmung schwankt immer wieder zwischen Abrissbirne und ambitionierten Plänen für die Zukunft. In den vergangenen Jahren hat sich das Bauhaus-Parkhaus immer wieder ganz im Sinne des Berlin-Selbstbilds profilieren können: als temporärer Ort für Kunst.

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