Berlin verstehen

Die Spreepark-Geschichte: Wie eine Fahrt auf der Achterbahn

Der Spreepark im Plänterwald ist längst eine Berliner Legende. Der verlassene, mit Grünzeug überwucherte Park in Treptow hat den Charme eines Freizeit-Friedhofs und zieht seit Jahren Touris, Künstler*innen und Neugierige an.

Wir führen euch durch seine Geschichte: von den Anfängen in der DDR über die von Aufstieg und Fall geprägte Zeit unter der Betreiberfamilie Witte bis zur geplanten Wiedereröffnung.


Der beliebte Kulturpark in der DDR

Zuerst hieß der Spreepark „VEB Kulturpark“. Foto: Imago Images/Gerhard Leber

Der Rummelplatz im Plänterwald wurde am 4. Oktober 1969 als „VEB Kulturpark“ eröffnet. Er war der einzige Vergnügungspark in der DDR und später in Gesamtberlin. Anders als die westlichen Themenparks, war der Kulturpark Plänterwald schlichter gestaltet. Auf einer Asphaltfläche standen Fahrgeschäfte und Buden, wie man sie vom Rummel kennt.

Die alles überragende Attraktion war natürlich das Riesenrad mit seinen 40 Gondeln. Daneben zogen Konzerte, Tanzveranstaltungen und ein Kinderprogramm zahlreiche Besucher an – bis zu 1,7 Millionen jährlich.


Wiedervereinigung und neue Impulse

Ab geht's auf der Bob-Bahn. Im Hintergrund das kultuge Futuro-13-Haus. Foto: Bundesarchiv, Bild 183-N0331-0028 / Joachim Spremberg
Ab geht’s auf der Bob-Bahn. Im Hintergrund das kultuge Futuro-13-Haus. Foto: Bundesarchiv, Bild 183-N0331-0028/Joachim Spremberg

Nach der Wiedervereinigung beschloss der Berliner Kultursenat den festen Rummelplatz in neuer Gestalt zu erhalten. Auf der Suche nach einer privaten Betreibergesellschaft erhielt die Schaustellerfamilie Witte den Zuschlag. Norbert Witte sollte das Areal in einen Vergnügungspark nach westdeutschen Standards verwandeln.


Der Spreepark startet durch

Einige Artist*innen und Attraktionen wurden aus dern DDR-Zeiten übernommen. Copyright: Imago Images/Lem
Einige Artist*innen und Attraktionen wurden aus dern DDR-Zeiten übernommen. Foto: Imago Images/Lem

Am 4. April 1992 öffneten sich die Tore zum „Spreepark“ im Ortsteil Treptow. Die Wittes versuchten in der Anfangszeit einen Spagat zwischen den alten Angeboten des Kulturparks und westlichen Attraktionen.

Aus dem großen Betonplatz rund ums Riesenrad entstand eine große Wasserlandschaft mit Kanalfahrt, der die „märchenhafte“ Atmosphäre des Spreewalds nachbilden sollte. Hinzu kamen weitere Attraktionen wie Achterbahnen, zwei Wildwasserbahnen sowie ein Westerndorf und ein englisches Dorf. Außerdem wurde ein pauschaler Eintrittspreis eingeführt.


Ein problematischer Standort

Stadtbild vom Plänterwald bis zur Berliner City, Landschaft; 1999. Foto: Imago Images/Lem

1997 wurde erst ein Erbpachtvertrag für das 28 Hektar große Gelände zwischen der Spreepark GmbH und der Stadt bis 2061 geschlossen. Dabei legte die Senatsverwaltung für Finanzen fest, dass die Betreiber*innen eine naturverträgliche Einbindung in das Waldgebiet sicherzustellen hatten.

Das bedeutete konkret: Baumfällungen und Versiegelungen sollten möglichst unterlassen werden. Zudem wurde der Plänterwald zum Landschaftsschutzgebiet erklärt, worunter auch ein Teil des Spreeparks fiel.

Naturschutz und Freizeitpark wollten nicht so richtig zusammen gehen: Für den Bau dringend benötigter Parkplätze direkt am Eingang bekam Witte nach jahrelangem Hin- und Her keine Erlaubis.


Die Besucher bleiben aus

Das Riesenrad war stets ein Wahrzeichen des Spreeparks. Copyright: Imago Images/Lem
Das Riesenrad war stets ein Wahrzeichen des Spreeparks. Foto: Imago Images/Lem

Entgegen der Hoffnungen von Familie Witte erreichten die Besucherzahlen des Spreeparks nicht mehr als eine Million, sondern bewegten sich mit durchschnittlich 500.000 Gäste pro Jahr deutlich darunter.

Das lag zum einen an der unglücklichen Parkplatzsituation. Besucher*innen mussten einen 15-minütigen Fußweg oder eventuelle Strafzettel für Falschparken in Kauf nehmen. Zudem anderen waren die 90er Jahre auch gegen Ende noch eine wirtschaftlich angespannte Zeit für viele Berliner*innen. Da saß das Geld nicht so locker für einen Besuch im Freizeitpark, dessen Eintrittspreise wiederum jährlich stiegen. Denn die Spreepark GmbH musste ausfallenden Einnahmen wieder reinholen, Kredite bezahlen. Ein Teufelskreis.


Das Ende des Spreeparks

Wo einst Besucher*innen im Spreepark herumwirbelten wurden, herrscht gespenstische Leere. Foto: Imago Images /IPON
Wo einst Besucher*innen im Spreepark herumwirbelten wurden, herrscht gespenstische Leere. Foto: Imago Images//IPON

2001 gab die Familie auf und kündigte den Erbpachtvertrag. Laut Norbert Witte war es aufgrund der (Naturschutz-)Auflagen seitens des Senats unmöglich, den Park wirtschaftlich zu betreiben. Von der Gegenseite wiederum hieß es, Witte hätte sein ursprüngliches Konzept nicht umgesetzt, hätte sich an Vereinbarungen nicht gehalten.

Familie Witte räumte das Gelände und wanderte mitsamt einigen Fahrgeschäften nach Südamerika aus. Der Geschäftsführer der Spreepark GmbH meldete Insolvenz an und das Gelände ging in den Berliner Liegenschaftsfond über.


Familie Witte zwischen Neuanfang und Tragödie

Für die sehenswerte Doku „Achterbahn“ von Peter Dörfler kehrte Witte zurück in den Spreepark. Foto: Imago Images /IPON
Für die sehenswerte Doku „Achterbahn“ von Peter Dörfler kehrte Witte zurück in den Spreepark. Foto: Imago Images/IPON

Die Wittes planten einen Neuanfang – und zwar in Peru. Unter den von ihnen mitgenommenen Attraktionen befand sich sogar der Schmetterlingsflug aus DDR Zeiten. Bis 2009 drehte dieser in Lima seine Runden.

Doch auch in Peru hatten sie kein Glück. Der Park lief nicht, die Ehehelute ließen sich scheiden. Pia Witte kehrte mit der Tochter Sabrina zurück nach Deutschland. Norbert Witte und Sohn Marcel blieben in Peru – und kamen auf Abwege. 2004 wurde das Vater-Sohn-Gespann angeklagt, 167 Kilo Kokain mit dem Karussell „Fliegender Teppich“ nach Deutschland geschmuggelt zu haben. Während sein Vater lange wieder frei ist, sitzt Marcel Witte nach einer Überführung in die JVA Moabit eine deutlich längere Haftstrafe noch ab.


Wiederbelebung: Mission Impossible

Einige Fahrgeschäfte wurden von der Insolvenzverwaltung verkauft, andere dem Verfall preisgegeben. Foto: Imago Images /IPON
Einige Fahrgeschäfte wurden von der Insolvenzverwaltung verkauft, andere dem Verfall preisgegeben. Foto: Imago Images /IPON

Während der Spreepark verlassen vor sich hindöste, bewarben sich verschiedene nationale und internationale Bewerber*innen für den erneuten Aufbau eines Freizeitparks. Der Senat konnte sich letztlich mit keinem von ihnen einigen.

Ein gewichtiger Grund dabei waren die nach wie vor geltenden Auflagen für Naturschutz. Hinzu kam die komplizierten Situation mit Schulden in Millionenhöhe und dem Erbpachtvertrag.


Der bekannteste Lost Place der Stadt

Geplatzte Träume und verlassene Lebensräume machten den Spreepark zu einem Berliner Mythos. Copyright: Imago Images/Sabine Gudath
Geplatzte Träume und verlassene Lebensräume machten den Spreepark zu einem Berliner Mythos. Foto: Imago Images/Sabine Gudath

Während sich Bewerber*innen mit Land, Bezirk, Bank und Liegenschaftsfonds auseinandersetzten, belebten Sprayer, Abenteuerlustige und Künstler*innen das Areal aufs Neue. Der morbide Charme dieses Lost Place mit seinen verlassenen, überwucherten Überbleibseln bietet eindrucksvolles Fotomaterial. Auch wenn es anders als an anderen verlassene Orte in Berlin nicht erlaubt war, ihn auf eigene Faust zu erkunden.

Nachdem das Gelände 2008 Familie Witte wieder zurückgegeben wurde, gab es offizielle Führungen, Musiker*innen und Filmmenschen kamen zu Drehs und Sabrina Witte betrieb den Imbiss „Mythos“.


Kulturevents im Spreepark

Das Hebbel am Ufer (HAU) machte den Spreepark 2001 zu einem Theaterprojekt und ließ einen Burning Man aufstellen. Foto: imago images / DRAMA-Berlin.de
Das Hebbel am Ufer (HAU) machte den Spreepark 2001 zu einem Theaterprojekt und ließ einen Burning Man aufstellen. Foto: Imago Images/DRAMA-Berlin.de

Der Spreepark gab nicht nur eine besondere Kulisse für Foto- und Videoaufnahmen ab. Auch zahlreiche Events fanden zwischen 2008 und 2014 hier statt und lockten zahlreiche Besucher*innen an.

So wurde im Rahmen der Berlin Biennale die historische Schlacht um Berlin im Zweiten Weltkrieg nachgespielt, die Band The XX veranstaltete ein eintägiges Konzertspektakel und soagr einige Techno- sowie Rockfestivals durften stattfinden.


Das Rad soll sich wieder drehen

Die Demontage hat begonnen – die ersten Gondeln wurden bereits entfernt. Foto: Imago Images/Bernd Friedel

Nachdem der Berliner Liegenschaftsfonds 2014 eine Zwangsversteigerung letztlich doch platzen ließ und das Erbbaurecht selbst für zwei Millionen zurückkaufte, mussten die Wittes das Gelände endgültig räumen.

Seit 2016 kümmert sich die gemeinnützige Grün Berlin GmbH, ein Tochterunternehmen des Landes Berlin, um den Spreepark. Sie erarbeitet gemeinsam mit einer Arbeitsgemeinschaft ein umweltverträgliches Nutzungskonzept. Die Federführung liegt bei dem international renommierten Landschaftsarchitekturbüro Latz + Partner.

Der Spreepark wird schrittweise saniert und geöffnet. 2026 soll der geplante „Natur- und Kulturpark“ komplett fertig sein. Dafür wird das Riesenrad abgebaut, welches nach einer Intstandestzung Besucher*innen wieder in schwindelerregende Höhen heben soll. Denn wie auch immer der Park letztendlich aussehen wird – ohne Riesenrad geht nicht!


Spreepark in Film und Fernsehen

Das Finale von "Wer ist Hanna" wurde an einem gespenstischen Ort gefilmt: dem Spreepark. Foto:Screenshot/Youtube SGS Journalism
Das Finale von „Wer ist Hanna“ wurde an einem gespenstischen Ort gefilmt: dem Spreepark. Foto: Screenshot/Youtube SGS Journalism

Der Spreepark war eine beliebte Kulisse und lieferte selbst Stoff für Geschichten. Die erfolgreiche DDR-Fernsehserie „Spuk unterm Riesenrad“ spielte im Kulturparks und wurde als Kinofilm sowie als Theaterproduktion verwurstet. Die preisgekrönte Doku „Achterbahn“ erzählt die filmreife Geschichte von Betreiberfamilie Witte.

Auch der ein oder andere Tatort-Ermittler verirrte sich auf das Gelände. Und für den Hollywoodfilm „Wer ist Hanna?“ bekam 2011 das englische Dorf einen frischen Anstrich.


Mehr Berlin Geschichte

Während die Dinos und Schwäne im Spreepark aus Plastik waren, gibt es im Tierpark Berlin-Friedrichsfelde echte Tiere wie Wisente oder Elefanten zu sehen. Wir haben alle Infos zu Besuch und Geschichte für euch. Der Spreepark war ein Ost-Kulturgut. Wir haben 12 Tipps für euch, wo man dem Osten mitten in der Stadt nachspüren kann.