Kolumne

Jackie A. entdeckt … Trampolin

Jackie A. floh aus der DDR in einem blauen Trabant, hat als Süßwarenverkäuferin, Nachtclub-Tänzerin und Türsteherin gejobbt – und erteilt nun Wildschweinen auf ihrem Grundstück in Brandenburg Hausverbot. Unserer Expertin für gelebte Tragikkomödie in Berlin-Brandenburg ist im Angesicht der Pandemie nicht mehr zum Lachen zumute; nach über 20 Jahren hat sie wieder begonnen Tagebuch zu führen. 

Einsam in der Pampa. Jackie A. verbringt die Quarantäne auf sonnigen Wiesen. Foto: Jackie A.

Liebes Tagebuch, 

die Ereignisse überschlagen sich, aber die Zeit ist seltsam träge. Passiert das alles wirklich? Ich habe keine Schimmer, was ich in meiner Kolumne schreiben kann. Wenn das Magazin erscheint, wird wieder alles anders sein.

Ich bin nur froh, dass Joggen noch geht. Ich laufe jetzt jeden Tag, nehme den Ausweis mit, versuche auf der Strecke keine Pausen zu machen, höre dabei Inner City’s: „Having Big Fun“ Die Natur wirkt plötzlich surreal, wie ein potentiell feindlicher Ort. Am Feldrand blühen  Blutpflaumen und Forsythien aber Insekten gibt es nur wenige. Selbst die Sonne fühlt sich greller an als sonst und weniger freundlich.

Wer hätte gedacht, das es so schnell trostlos sein würde ohne die Nähe der eigenen Spezies? Du weißt ja, ich hatte dieses Sommerkleid gekauft, leuchtend gelb mit feinen Silberfäden durchwebt. Kaum abwarten konnte ich, es zu tragen! Und jetzt sind alle Feste abgesagt, Plätze, Cafés und Restaurants geschlossen. 

Nicht, dass ich mich nicht auskennen würde mit der Einsamkeit. Ich hab sie sogar gesucht, als wir Berlin verließen und raus an den Wald gezogen sind. Das hier, liebes Tagebuch, ist allerdings eine andere Dimension, etwas, das irgendwie über uns kam und verstört, je mehr ich darüber nachdenke. Ich bin froh, dass K. inzwischen auch hier ist und von Zuhause arbeitet. Wie eine verschworene Gemeinschaft fühlt es sich an, wenn wir uns in der Pause in der Küche treffen: Zwei in JWD vereint gegen die Zombie-Apokalypse! 

42 Quadratmeter Altbau in Pankow

Ich muss an meine letzte Adresse in Berlin denken, 42 Quadratmeter Altbau in Pankow, und frage mich, wie all die Kombi- Haushalte das jetzt machen, auf begrenztem Raum mit Kleinkindern, pubertierenden Teenagern, Hamstern, Katzen, Hunden, Schul- und Homeoffice. Das alte „normal“ ist verschwunden und das neue „normal“, wie der Einkauf im Supermarkt, ganz schön apokalyptisch.

Dabei war ich in Supermärkten doch immer gut drauf, weil ich diesen winzigen Rest „DDR Bürgerin“ in mir bewahren  konnte, mich bis heute über das exorbitante Warenangebot freue: Brokkoli! Südfrüchte! Toffifee! Ein Teil in mir ist immer noch Top Fan dieses Angebots und den Vorzügen der westlichen Welt im Allgemeinen. Der andere Teil hat sich längst an den Komfort gewöhnt, mäkelt auch mal an einer nicht vollständig gereiften Avocado herum, wie sich das für Bewohnerinnen meiner Generation in der First World gehört. 

Dementsprechend der Schock, als ich mich zwischen meterweise leer geräumten Regalen wiederfand, in denen Fischkonserven, Gemüse, Ketchup, Nudeln und Mehl fehlte: Flashback Kaufhalle! Das Deprimierende waren dabei nicht mal die weggehamsterten Lebensmittel, sondern die Stimmung, dieses Unwohlsein im Markt, das deutlich zu spüren war. Die wenigen Leute hier hielten ihre Blicke zum Boden gesenkt, wollten nur schleunigst wieder raus. Die Frau an der Kasse hatte ganz rote Augen und ich traute mich nicht, so wie sonst, noch ein paar freundliche Belanglosigkeiten mit ihr zu wechseln. Ich hoffe, sie bekommt den größten Bonus ihres Lebens ausbezahlt.

Danach schossen mir die Tränen in die Augen

Meine sozial super aktive Mutter hatte ich gestern am Telefon noch angefleht, dass sie ihre Kaffeekränzchen absagt. Danach schossen mir die Tränen in die Augen, weil ich weiß, das sie wie alle Mütter funktioniert und auf das Kind schon aus Prinzip nicht hört. Ich habe solche Angst um sie! 

So wird es vielen gerade gehen: Angst um die Menschen, längst auch um Jobs und  Existenzgrundlagen. Wird das Tip-Magazin durchkommen oder das Künstlerhaus Bethanien, in dem meine Freundin arbeitet, das Lieblingscafe mit der aufgedrehten Kellnerin, der Späti und der Copy-Shop? Was wird aus Berlin? Was wird aus mir? Liebes Tagebuch, ich habe mir ein Trampolin bestellt. Darauf werde ich Richtung Tannenwipfel springen und mit jedem Sprung die Angst ein Stück weiter hinter mir lassen. 

Alle Kolumnen von Jackie A.


Corona-Spaziergänge

Jacek Slaski hat den ersten Corona-Spaziergang quer durch Friedrichshain gemacht. Der zweite geht quer durch das Herz von Kreuzberg. Der dritte führte durch das verwaiste Zentrum der Stadt: Mitte. Im vierten geht Bert Rebhandl von Kreuzberg zum Treptower Park und zurück. Dann ging es vom Potsdamer Platz bis zum Winterfeldtmarkt.

Mehr zur Corona-Krise in Berlin

Das Coronavirus ist eine echte Bedrohung für die Gesundheit, aber auch für die finanzielle Existenz der Berliner*innen. Ihr wollt helfen? tip Berlin hat ein Portal eröffnet, auf dem sich Hilfesuchende und die, die helfen wollen, vernetzen können: https://www.tip-berlin.de/tip-hilft/

Alle News und Entwicklungen zur Pandemie findet ihr in unserem Corona-Blog. Speziell um die Situation der Berliner Gastronomen geht es in unserem Corona-Foodblog. Gut geht es ihnen nämlich nicht: Hier geht es zum Offenen Brief der Berliner Gastronomie an den Regierenden Bürgermeister.

Spazieren gehen ist ja schön und gut, aber die meiste Zeit muss man doch zu Hause bleiben. Wir empfehlen 100 Berlin-Romane, die jeder kennen sollte.  Keine Lust auf lesen? Hier gibts unsere Podcast-Tipps – und was sich auf Streaming-Services lohnt. Trotzdem nicht fündig geworden? Wir listen 15 Dinge, die man zu Hause machen kann. Updates zur Lage in Berlin auf der Seite des Senats.

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