Kommentar

Berlin, der Bürgermeister und die Inzidenz-Ignoranz

Eigentlich müssten wir jetzt alles wieder zuschließen. Die Museen, die Galerien, die Geschäfte vor allem: Drei Tage mit einer Inzidenz über 100 in Berlin, das hätte eigentlich gereicht, um die Lockerungen zurückzunehmen. So stand es im Plan der Ministerpräsidentenkonferenz. Natürlich ist nichts sicher in Sachen Corona, vor allem nicht das Wort von Politiker*innen. Wem glauben wir eigentlich noch?

Der Regierende Bürgermeister von Berlin, Michael Müller. Die Notbremse aufgrund der hohen Inzidenz ist nicht so seine Sache. Foto: Imago/Stefan Zeitz
Der Regierende Bürgermeister von Berlin, Michael Müller. Die Notbremse aufgrund der hohen Inzidenz ist nicht so seine Sache. Foto: Imago/Stefan Zeitz

Regierender Bürgermeister Michael Müller: Notbremse? Ach nee

Dem Regierenden Bürgermeister Michael Müller zum Beispiel gerade nur noch schwer. Der stellte sich Donnerstag ins Abgeordnetenhaus und erklärte öffentlich: „Ich glaube, dass es kein gangbarer Weg ist, jetzt wieder alles zurückzudrehen, was wir uns in den letzten Tagen und Wochen an Möglichkeiten und Freiheiten erkämpft haben.“

Ja genau: Das, was vor zwei Wochen stundenlang von Bundeskanzlerin Angela Merkel und den Ländern beschlossen wurde – Notbremse ab 100er-Inzidenz – ist nun schon wieder überholt. Die Vermutung für Außenstehende könnte ja sein, dass solche Beschlüsse mal gefasst wurden, weil sie sinnhaft sind. Wenn nicht (und gerade werden sie ja bundesweit vielerorts wieder mit Füßen getreten) – warum wurden sie dann überhaupt beschlossen?

Müller spricht nun auch wenig konkret von möglichen Szenarien, zum Beispiel dem Shopping mit negativem Corona-Test. Gerade wird ja hart daran gearbeitet, dass ein Schnelltest in Berlin für jeden zugänglich und einfach zu bekommen ist. Frage: Wer macht sich denn die Mühe, sich erst testen zu lassen, weil er ein bisschen bummeln will? Viele Geschäftsleute sehen solche Lösungen eher als Bedrohung: Weil die Menschen verunsichert sind.

Schnelltest schön und gut, aber sicherer wird’s grad nicht

Und wer zuletzt in Einkaufsstraßen und Einkaufscentern unterwegs war, sah außerhalb der großen Ketten von H&M bis Primark in den Geschäften vor allem gelangweiltes Personal. Selbst ohne Testpflicht, also mit einfacherem Zugang, hatten nur wenige Lust, sich überhaupt auf den Weg in die Geschäfte zu machen. Nun noch den Umweg Test in Kauf zu nehmen – das klingt nicht motivierend.

Schnelltest? Geht inzwischen auch zuhause. Am Ende schützen sie aber auch nicht, wenn andere Infizierte unbemerkt unterwegs sind. Foto: Imago/MiS
Schnelltest? Geht inzwischen auch zuhause. Am Ende schützen sie aber auch nicht, wenn andere Infizierte unbemerkt unterwegs sind. Foto: Imago/MiS

Zumal ja der Test an sich nicht sonderlich viel aussagt: Ja, man selbst ist vielleicht negativ unterwegs. Sind es die anderen auch? Die zum Supermarkt drängen (der wohl testfrei offen bleibt), in der Bahn stehen, an der Ampel auf dem Fahrrad maskenfrei zu nah kommen? Tests verschaffen nur einem selbst Sicherheit. Schützen tun sie nicht.

Auch deswegen ist es so erstaunlich, dass die Inzidenz plötzlich so gar nichts mehr wert ist. Denn geändert hat sich in den zwei Wochen seit den Lockerungen großflächig nichts. Das Impfen geht langsam voran, zwischendurch wurde AstraZeneca auch noch ausgesetzt. Schnelltests sind verfügbar, aber die wenigsten machen diese einfach mal so, zur Sicherheit. Auch, wenn es sinnvoll wäre.

Der Irrsinn ist eine Werbekampagne für Querdenker

Heißt: Wir machen haargenau so weiter, wie wir es schon die ganze Zeit tun. Da ist es kaum verwunderlich, dass „Bild“-Kampagnen über Sinn und. (vor allem) Unsinn der Inzidenz vielerorts Gehör finden. Und dass mehr und mehr Menschen ihre kritische Haltung zur Regierung in eine ablehnende bis bedenkliche umwandeln. Irgendwo zwischen Merkel-Fehlern, Inzidenz-Ignoranz und laschen Lockdowns wirkt gerade alles ein wenig so, als sei die Corona-Politik vor allem eine Werbekampagne für die Querdenker.

Übrigens wird Berlins Regierender Bürgermeister auch in den eigenen Reihen und von Koalitionspartnern inzwischen heftig kritisiert. Der linke Kultursenator Klaus Lederer, der Test-Pilotprojekte fährt, um der Kultur Hoffnung zu machen, wettert auf Facebook in einem langen Kommentar: „Eine Notbremse zu vereinbaren, um sie dann nicht zu ziehen, wenn es nötig ist, schafft kein Vertrauen, sondern Irritation.“

Tatsächlich ist die Vertrauensfrage derzeit fast so drängend wie die Frage nach einer Strategie gegen die Pandemie. Derzeit wird nur fortwährend bewiesen, dass es an beidem mangelt.


Mehr zum Thema

Beim Thema Impfungen geht es in Berlin voran – wenn auch langsam. Volle Konfrontation: Gute Epidemie-Filme für den Lockdown. Einsamkeit & Corona: 12 Tipps gegen das Gefühl des Alleinseins.