Kommentar

Berliner Polizei auf Facebook: Wozu Fakten, wenn es Likes gibt?

Peinliche Polizeipostings und Meldungen über rassistisch geprägte Einzelfälle innerhalb der Behörde haben eins gemein: Sie werden im Angesicht ihrer Omnipräsenz mehr und mehr zur Fußnote. Also eigentlich kaum der Rede wert, wenn die Berliner Polizei nun auf Facebook ironisch gespickt über die Aushebung eines versteckten Clubs erzählt. Nur ist das Posting dem inneren Münchhausen entsprungen. Und die behördliche Falschdarstellung ist leider kein Einzelfall.

Anscheinend ein beliebtes Razzienziel: Spätis/Kioske. Auf Facebook hat die Berliner Polizei damit einen Klickhit gebracht. Foto: Imago Images/Reichwein
Anscheinend ein beliebtes Razzienziel: Spätis/Kioske. Auf Facebook hat die Berliner Polizei damit einen Klickhit gebracht. Foto: Imago Images/Reichwein

Like-Offensive auf Facebook gegen das schlechte Image der Berliner Polizei

Wie viele andere Behörden auch hat die Berliner Polizei derzeit einen harten Alltag: Es sind beileibe nicht nur Verkehr, Verbrechen, Verantwortung auf dem Zettel – Kontaktbeschränkungen, Abstandsgebote und Maskenpflicht müssen kontrolliert werden, hin und wieder Investoren der Weg freigeräumt, Wahnsinnige mit Wasserwerfern beregnet und illegale Partys gesprengt werden.

Die Stimmung ist angespannt, der Ruf nicht unbedingt der beste, selbst das Engagement einer hippen Werbeschmiede konnte das angekratzte Image nicht recht aufpolieren.

Mittlerweile um eine Nonpology erweitert, aber immer noch falsch: Das Posting der Berliner Polizei auf Facebook. Foto: Screenshot Polizei Berlin/Facebook
Mittlerweile um eine Nonpology erweitert, aber immer noch falsch: Das Posting der Berliner Polizei auf Facebook. Foto: Screenshot Polizei Berlin/Facebook

Die Digitalisierung lehrt uns, dass Likes Liebesentzug lindern. Wie passend, dass die „Brennpunkt- und Präsenzeinheit“ der Berliner Polizei beständig Material für ein bisschen Internet-Ulkerei liefert. Das Rezept für ein paar tausend Likes auf Facebook ist recht simpel: ein Späti, der Geruch von Rauchmitteln, eine versteckte Tür hinterm Kühlschrank, ein Club, darin Menschen und Drogen und Waffen. So kurios, so dreist, so bestimmt illegal.

Lebendig geschriebene Falschdarstellungen

Der Facebook-Beitrag der Berliner Polizei, perfekt auf den Brennpunkt Social Media zugeschnitten, der laut entzückten Facebook-Kommentaren so „lebendig geschrieben“ ist und „genial“ „ernste Hintergründe famos verpackt“, ist nur leider eine ziemliche Ente. 

Diffamierende Darstellungen für Klicks. Foto: Screenshot Polizei Berlin/Facebook
Diffamierende Darstellungen für Klicks. Foto: Screenshot Polizei Berlin/Facebook

Nicht mal die Ortsbeschreibung bekommen die Ordnungshüter hin – statt am Alexanderplatz befindet sich der Club Melancholie 2 am U-Bahnhof Heinrich-Heine-Straße. Die allzu offensichtlich im Verkaufsraum ausgelegten Drogen seien nach Aussage des Betreibers frei verkäufliches CBD, kurz für Cannabidiol. Pfefferspray und Schlagstock sind zwar als Waffen klassifiziert, für den Privatgebrauch aber legal erwerbbar und in Anbetracht häufiger Überfälle auf Spätis durchaus nachvollziehbar.

Der Club mit seinem versteckten Eingang ist entgegen der „Privatclub“-Suggestion legal und stadtbekannt. Ein kurzer Blick auf Google hätte gar auf die versteckte Tür hingewiesen. Und die Menschen im Club nicht etwa Teilnehmer einer Veranstaltung, sondern Azubis bei der Vorbereitung eines Streams.

Dass selbst die Korrekturfassung der Polizei die Legitimität des (geschlossenen) Clubs immer noch mit Anführungszeichen in Zweifel zieht und mit „Man kann sie einfach nicht alle kennen… anyway“ endet, ist nicht nur flapsig, sondern diffamierend.

Die Glorifizierung von Fehlverhalten untergräbt das Vertrauen, das sie herstellen soll

Die Glorifizierung polizeilichen Fehlverhaltens ist doppelt fatal. Einerseits ruft sie schmerzlich in Erinnerung, wie eine angemeldete und legale Veranstaltung der „Pornceptual“-Reihe erst kürzlich aufgelöst und in Herrenwitzmanier als Fetischveranstaltung diskreditiert wurde, samt öffentlicher Bloßstellung einiger Teilnehmenden. (Die Frage, ob Großveranstaltungen in Zeiten steigender Infektionszahlen stattfinden sollten, ändert nichts an ihrer Genehmigung).

Es ist eine Diffamierung und Stigmatisierung der derzeit ohnehin gebeutelten Clubbranche – immerhin seit kurzem vom Berliner Senat als Hochkultur anerkannt.

Andererseits untergräbt es das Vertrauen in ebenjene Behörde, die derart locker mit Faktenverzerrung darum buhlt. Es zeigt einmal mehr, dass Polizeimeldungen nicht freimütig zu übernehmen sind.

Ob nun eine vermeintlich illegale Party, die angemeldet ist, Leugnung von Einsätzen, die tatsächlich stattfinden, Drogenfunde, die mutmaßlich keine sind – oder, abseits Berlins ganz aktuell: Leugnung von live gestreamten Interviews mit Rechtsextremisten in Leipzig und durch die Polizei herbeigeführten Unfällen im Dannenröder Forst – immer wieder übt die Polizei bewusst wirkende Täuschung der Öffentlichkeit aus.

Zwischen Kalauern und Desinformation: Das Social-Media-Verhalten der Polizei wirft Fragen auf. Foto: Imago Images/Ralph Peters

Dass es von Uniformierten zu Uninformierten nur einen Buchstaben braucht, verwundert bei nicht abreißenden Meldungen über polizeiliches Fehlverhalten nicht weiter. Die Gefahr dieses schalen Gags liegt aber in der Unterschätzung, denn letztlich ist die Polizei nicht bloß lustige Socialmediatruppe, nicht bloß Verbrechen bekämpfendes und Gesetz durchsetzendes Exekutivorgan. Sie ist auch politischer Akteur, ausgestattet mit staatlichem Gewaltmonopol. Ausgerechnet.


Mehr Stadtgeschehen

Nicht nur auf Social Media, auch bei den Querdenken-Demos war das Verhalten der Berliner Polizei immer wieder fragwürdig. Immerhin zieht sie auffällige Karren aus dem Verkehr, wie bei der verpatzten PR-Aktion der CDU Berlin in Neukölln. Menschenfeindliche Einstellungen sind keine Einzelfälle. Der Kompromiss um die Rassismus-Studie bei der Polizei ist eine Bankrotterklärung. Immer wieder Debatten also, denn Cop-Culture scheint problematisch zu sein. Wir haben bei jungen Menschen nachgefragt, die trotz allem bei der Polizei Karriere machen.